Donnerstag, 28. März 2013

Wie Tommy Haas einmal die Nummer 2 wurde

Die ganz jungen Hüpfer und die ganz alten Hasen, die haben immer die meisten Fans. Das ist ein bekanntes Phänomen, auch wenn ich an dieser Stelle darauf verzichte, es wissenschaftlich wasserdicht zu verifizieren.

Was die alten Hasen betrifft, heißt das aktuelle Beweisstück Tommy Haas. Ich muss gestehen: Auch ich werde auf die alten Tage noch zum Tommy-Haas-Fan. Viele Jahre habe ich mit dem Kerl nicht so viel anfangen können. Er war mir zu glatt, zu sehr Sonnyboy. Komischerweise konnten daran auch seine vielen Verletzungen, nach denen er sich immer wieder mühsam nach vorne kämpfte, nicht viel ändern. In den Tiefen dieses Blogs finden sich mehrere Artikel aus vergangenen Jahren, in denen ich mich fragte, warum der alte Haas seine Karriere nicht einfach beendet..

Aber er hatte Recht damit weiterzumachen. Spätestens seit der Nacht zu gestern, als er im Achtelfinale von Key Biscayne den Weltranglistenersten Novak Djokovic mit 6:2, 6:4 vom Platz fegte, besteht daran kein Zweifel mehr. Das 6:3, 6:1 im Viertelfinale gegen Gilles Simon (Nr. 13) hatte da schon fast etwas Beiläufiges, Selbstverständliches. Tommy Haas gehört kurz vor seinem 35. Geburtstag wieder zu den besten Spielern der Welt. In Deutschland ist er sowieso längst wieder der beste und hat die fünf Jahre jüngeren Philipp Kohlschreiber und Florian Mayer erst einmal abgehängt.

Aber Tommy war schon mal noch besser. Gelegentlich liest man es noch: Er ist "der ehemalige Weltranglistenzweite". 2002 war das. Dass er einmal so weit oben stand, ist erstaunlich, denn er hat nie etwas Großes gewonnen. Kein Grand-Slam-Turnier, und er war noch nicht einmal im Endspiel eines Grand-Slam-Turniers. Auch das Halbfinale von Key Biscayne hat er in dieser Woche zum ersten Mal überhaupt in seiner Karriere erreicht.

Mir war bisher selbst nicht ganz klar, wie Tommy Haas es einst schaffte, die Nummer 2 zu werden. Das geschah zu der Zeit, als ich mein Interesse am Tenniszirkus gerade etwas verloren hatte, weil Boris Becker, Steffi Graf und Michael Stich nicht mehr dabei waren. Irgendwie hat Haas seinerzeit wohl mal Rom gewonnen, meinte ich mich zu erinnern. Und bei den Olympischen Spielen in Sydney holte er Silber, aber das spielte für seinen zweiten Weltranglistenplatz zwei Jahre später keine Rolle.

Steigen wir also ein in die jüngere Tennis-Zeitgeschichte und sehen nach, was für eine Bombensaison Tommy Haas eigentlich 2001 und 2002 spielte. Dank des unfassbar umfassenden Datenarchivs von atpworldtour.com ist das ja ganz leicht.

Aus Tommys "Ranking History" lernen wir, dass er sechs Wochen lang die Nummer 2 war. Eine Woche im Frühjahr 2002 (13.-19. Mai) und noch einmal fünf Wochen vom 9. September bis zum 13. Oktober desselben Jahres. Nur zwei Wochen später war er nur noch Neunter. Das zeigt, wie eng die Spitze damals beieinander war. So etwas wie die "Großen Vier" von heute gab es damals nicht.

Mein Glaube, Haas hätte damals Rom gewonnen, war übrigens ein Irrglaube. Er verlor das Finale gegen Andre Agassi, aber das war tatsächlich das Turnier, das ihn damals auf Platz 2 brachte. Im Januar hatte er das Halbfinale der Australian Open erreicht und im Herbst davon das Hallen-Masters von Stuttgart, das es damals gab, gewonnen. Dazu zwei kleinere Turniersiege (Wien und Long Island) - und schon war man die Nummer 2. So waren die Zeiten damals.

Am 13. Mai 2002 hatte Tommy  2840 Punkte. Lleyton Hewitt auf Platz 1 hatte 4595. Ein Abstand von 1755 Punkten. Von Platz 1 war Tommy also weiter entfernt als zum Beispiel von Platz 28, den damals Rainer Schüttler mit 1175 Punkten belegte. Im September, als Tommy noch einmal die Nummer 2 wurde, war die Situation ganz ähnlich. Was mir auch gar nicht mehr bewusst war: Genau in diese Zeit fiel der schwere Motorradunfall, den sein Vater hatte, der dann mehrere Wochen im Koma lag. Wimbledon 2002 ließ Tommy Haas aus.

Im Oktober 2002 verlor er im Achtelfinale von Paris-Bercy gegen Roger Federer, der damals die Nummer 8 war. Es war für Tommy Haas das letzte Match für sehr lange Zeit. Er verpasste schulterverletzt die komplette Saison 2003. Lleyon Hewitts Herrlichkeit war dann bald vorbei, und die Ära Federer brach erst 2004 an. Zwischendurch schaffte es Juan Carlos Ferrero - manche erinnern sich vielleicht - auf Platz 1. Und was Ferrero konnte, das wird für einen unverletzten Tommy Haas vielleicht auch nicht unmöglich gewesen.

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