Donnerstag, 14. Februar 2013

Live aus Rotterdam

„Da ist ein Tennisturnier? Da machen wir doch mal Reklame für unseren neuen Sattelschlepper!“ Das scheint man sich wohl gedacht zu haben in der Marketing-Abteilung von Daimler-Benz Niederlande. Dass auf Tennisturnieren dem geneigten Publikum große edle Autos präsentiert werden, daran ist man ja gewohnt. Aber so groß wie in Rotterdam habe ich sie noch nie gesehen.

Aber nun zum Thema: Am Dienstag und Mittwoch besuchte ich das ATP-500er-Turnier von Rotterdam. Ich kannte es bisher nicht. Das Fazit: Die Reise hat sich gelohnt, Rotterdam ist sehr okay, aber meine Lieblingsturniere von Stockholm, Hamburg und München wird Rotterdam nicht vom Thron stoßen. Rotterdam ist das größte und auch am besten besetzte europäische Hallenturnier im Frühjahr. Mit Roger Federer, Juan Martin del Potro, Jo-Wilfried Tsonga und Richard Gasquet waren in diesem Jahr immerhin drei Top-10-Spieler am Start. Das Turnier findet im „Ahoy“ statt, der laut Wikipedia „größten überdachten Event-Location in Europa“.

Das Ding ist tatsächlich riesig. Gael Monfils sagte nach seiner Niederlage gegen del Potro, er habe drei Spiele gebraucht, um sich an die Atmosphäre auf dem riesigen Center Court zu gewöhnen. Das ist dann vielleicht doch etwas übertrieben, den größer als die großen Freiluft-Tennisarenen ist das Ahoy nun auch wieder nicht. Im Gegensatz zu vielen nach meinem Geschmack weniger gelungenen Mehrzweckhallen hat das Ahoy eine Galerie in der Mitte der Zuschauerränge, auf der man an Essen-, Getränke- und Werbeständen entlang schlendern und nebenbei einen Blick auf das Spielgeschehen unten auf dem Platz werfen kann. Das ist Gold wert, weil man dadurch auch dann die Tennisatmosphäre erlebt, wenn man nicht auf seinem Sitzplatz verharrt. Zum riesigen Gebäude gehören auch Messehallen, durch die man ebenfalls schlendern kann. Hier sind die Trainings- und Nebenplätze aufgebaut. Dass man die Stars, die spielfrei haben, so gut beim Training beobachten kann, kenne ich sonst nur von Freiluft-Turnieren.

Und nun zu einigen der Matches, die ich gesehen habe:

Julien Benneteau (Frankreich/Nr. 39) - Tobias Kamke (Lübeck/Nr. 90) 6:3, 6:2
Ich hatte nicht damit gerechnet, am Dienstag einen Deutschen in Aktion zu sehen. Es stand keiner auf dem Spielplan. Aber weil Michael Llodra (Frankreich), der Turniersieger von 2008, wegen eines Infektes kurzfristig zurückzog, rutschte Tobias Kamke als Lucky Loser auf den Platz. Kamke kassierte im ersten Satz ein unnötiges frühes Break, spielte ansonsten aber solide. Im zweiten Satz schien er dann die Nerven zu verlieren, so dass es schnell vorbei war.

Julien Benneteau/Richard Gasquet (Frankreich) – Aisam Ul-Haq Qureshi (Pakistan)/Jean-Julien Rojer (Niederlande/Curaçao) 7:5, 6:2
Das bemerkenswerteste an diesem Match geschah schon vor dem ersten Aufschlag. Die Spieler waren gegen 16.30 Uhr gerade fertig mit der Aufwärmphase, als plötzlich die Hälfte des Publikums auf dem Nebenplatz 1 fluchtartig den Raum verließ. Bei einem Blick ins Programmheft wurde mir klar, dass sie die ganze Zeit auf das Auftauchen Roger Federers gewartet hatten. Dessen Training war nämlich für genau diesen Platz für 16 Uhr angekündigt worden. Als nun das Doppel losgehen sollte, hörte man plötzlich Gejohle hinter einem dicken schwarzen Vorhang vom Platz nebenan. Dort war Roger Federer tatsächlich! Und dorthin floh das Publikum, bevor das Doppelmatch begann. Auf dem Rückweg habe dann auch ich zwischen den Menschenmassen in der Messehalle einen Blick auf Federer erhascht. Er schlug gerade auf.

Juan Martin del Potro (Argentinien/Nr. 7) – Gael Monfils (Frankreich/Nr. 107) 6:3, 6:4
Dies war das erste der beiden Abend-Matches am Dienstag und das mit Abstand beste, das ich an den beiden Tagen gesehen habe. Gael Monfils, der nach langer Verletzungspause aus den Top 100 gefallen ist und eine Wild Card brauchte, um hier ins Hauptfeld zu kommen, wird bald wieder zumindest in die Top 20 zurückkehren – und sich dann wieder verletzen. Denn das Herumgerutsche auf dem harten Hallenboden und seine wilden Spagatschritte, die nicht einmal besonders effektiv sind, hat er sich nicht abgewöhnt. Das Ergebnis sieht zwar recht klar aus, aber Monfils war fast während des gesamten Matches absolut ebenbürtig. Er kassierte nur ein Break ganz zu Beginn (angeblich wegen der Atmosphäre, siehe oben) und eines ganz am Ende. Del Potro spielte geradlinig (Kritiker werden sagen: fantasielos) wie immer. Monfils zeigte Kunststücke wie dieses:


Jarkko Nieminen (Finnland/Nr. 56) – David Goffin (Belgien/Nr. 49) 6:0, 6:0
Dramaturgisch gesehen, war diese Spielansetzung nicht eben glücklich. Nach dem rauschenden Spektakel, das del Potro und Monfils geboten hatten, fand ich dieses Match eher einschläfernd. Dass ich bin zum Ende durchgehalten habe, lag daran, dass das Ende so sehr schnell kam. Mir schien, Goffin war nicht ganz fit. Im zweiten Satz ballerte er einige Bälle wie besinnungslos übers Netz, die dann weit ins Aus flogen. So als wollte er nur, dass das Spiel schnell vorbei geht. Dass die Zuschauer bald jeden einzelnen Punkt, den er machte, bejubelten, als wäre er ein von vornherein chancenloser Amateurspieler, fand er wahrscheinlich auch nicht angenehm.

Matthias Bachinger (Nr. 125) – Andreas Seppi  (Italien/Nr. 18) 6:3, 6:4
Der Bachinger hat mir bis jetzt jedes Mal, wenn ich ihn habe spielen sehen, sehr gut gefallen, und ich dachte stets: Der gehört mindestens auf Platz 60 oder 70 und müsste eigentlich ein Stammgast auf der ATP-Tour sein und nicht nur dabei sein, wenn er - wie hier – die Qualifikation übersteht. Aber dazu, dachte ich mir, als am Mittwoch dieses Match begann, müsste er auch mal jemanden wie Andreas Seppi schlagen. Und genau das tat er dann auch. Und zwar völlig ungefährdet. Sofern man bei einem Match gegen Seppi von ungefährdet reden kann. Seppi ist ja einer, gegen den man nie sicher sein kann, der seinen Gegner langsam zermürbt, was nicht immer sehr schön anzusehen ist. Aber Matthias Bachinger war gewappnet. Er hat offensiver gespielt, als ich es von seinen Sandplatz-Auftritten in Erinnerung hatte. Davon hat er sich auch nicht abbringen lassen, nachdem seine Netzangriffe zu Beginn nicht so erfolgreich verliefen. Vor allem hat Bachinger bemerkenswert gut aufgeschlagen. Seppi hatte gar keine Chance, irgendwas zu zermürben

Hier die Ergebnisse aus Rotterdam im Überblick

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