Donnerstag, 3. Januar 2013

Das große Challengersterben

Jürgen Zopp (Estland, Nr. 89)
Jewgeni Donskoi (Russland, Nr. 81)
Igor Sijsling (Niederlande, Nr. 68)
Lu Yen-Hsun (Taiwan, Nr. 59)
Simone Bolelli (Italien, Nr. 84)
Aljaz Bedene (Slowenien, Nr. 86)
Paul Capdeville (Chile, Nr. 166)
Thiago Alves (Brasilien, Nr. 130)
Go Soeda (Japan, Nr. 60)
Dustin Brown (Deutschland, Nr. 167)
Martin Klizan (Slowakei, Nr. 30)

Diese elf Spieler haben alle eines gemeinsam: Sie können im Februar und März ihre Titel nicht verteidigen. Die Turniere, die sie vor einem Jahr gewannen, gibt es nicht mehr. Während auf der ATP-Tour und bei den Grand Slams die Preisgelder immer weiter steigen, hat in der zweiten Liga, bei den Challegern, das große Schrumpfen eingesetzt.

Die ATP hat den Challenger-Turnierkalender 2013 bisher nur für das erste Quartal veröffentlicht. Er sieht dramatisch leer aus. Für den Januar ist noch alles wie gehabt. Zu Jahresbeginn gab es nie viele Challengers. Diese Woche in Sao Paolo und auf Neukaledonien und Ende des Monats, parallel zur zweiten Woche der Australian Open, in Heilbronn, auf Hawaii und in Kolumbien.

Aber danach bleibt nicht mehr viel übrig. In den neun Wochen nach den Australian Open, bis zum Beginn europischen der Sandplatz-Saison, gab es 2011 noch 25 Challenger-Turnier. In diesem Jahr sind es nur noch 16. Elf Turniere sind verschwunden: Kazan (Russland), Meknes (Marokko), Wolfsburg (Deutschland), Singapur, Florianopolis (Brasilien), Casablanca (Marokko), Santiago (Chile), Guadalajara (Mexiko), Pingguo (China), Bath (Großbritannien) und Marrakesch (Marokko). Nur ein Turnier ist neu im Kalender, nämlich das im österreichischen Dornbirn. Auf die Zahl von 16 Turnieren kommen wir, weil das Turnier von San Luis Potosi (Mexiko) um eine Woche vorverlegt wurde und damit diesmal schon innerhalb des ersten Quartals stattfindet.

Die besten der oben aufgezählten Titelverteidiger werden es verschmerzen können, dass ihr Turnier gestrichen ist. Sie spielen jetzt in einer höheren Liga, dort wo es keinen Schwund gibt. Aber für die andere wird es in diesem Jahr deutlich schwerer, sich den Lebensunterhalt als Tennisprofi zu verdienen. Es geht hier um Veranstaltungen mit Gesamt-Preisgeldern von 30.000 bis 100.000 Euro. Wer bei einem kleinen Challenger in der ersten Runde ausscheidet, fährt mit 300 Euro nach Hause. Wenn er nicht zu weit weg wohnt, hat er also immerhin seine Fahrtkosten wieder raus – vorausgesetzt, er hat ein Challenger erwischt, das seinen Spielern, solange sie nicht ausgeschieden sind, eine kostenlose Unterkunft bietet. Wer ein großes Challenger gewinnt, bekommt immerhin 15.000 Euro.

Es wird für den Nachwuchs auch härter, sich die nötigen Weltranglistenpunkte zu verdienen, um nach oben zu kommen. Das Problem setzt sich in der dritten Liga, bei den Future-Turnieren, fort. Im ersten Quartal 2012 gab es 105 Future-Turniere mit 10.000 bzw. 15.000 Dollar Preisgeld. Im ersten Quartal 2013 sind es nur noch 79.

Woran liegt das alles? An der weltweiten Wirtschaftskrise? Das ist die erste Antwort, die mir einfällt. Aber die Krise haben wir seit ungefähr 2008. Die Preisgelder auf der großen Tour steigen trotzdem immer weiter. Aber auf den Challengern ist das große Sponsorenrad nicht zu drehen. Kein Fernsehen (außer vielleicht das Regionalmagazin), keine Breitenwirkung. Manche Challenger werden von reichen Gönnern über Wasser gehalten, die sich ihr privates Tennisturnier halten. Andere von ehrenamtlichen Vereinsvorständen, die Jahr für Jahr aufs Neue Klinken putzen, um den nötigen Etat zusammenzubekommen.

Es lohnt sich ein Blick darauf, in welchen Weltgegenden das Challenger- und Futuresterben besonders ausgeprägt ist. In Asien, wo die ATP-Strategen den großen Wachstumsmarkt sehen, wo die Tennisbegeisterung aber vielleicht gar nicht so groß ist wie behauptet. In Nordafrika (Marokko, Ägypten). Das mag mit den politischen Wirren zu tun haben, die ja auch die Wirtschaft lähmt. Und in Südamerika. Das finde ich am bemerkenswertesten. Denn dort ist Tennis eigentlich im Aufwind. Das ATP-Turnier von Sao Paolo soll aufgewertet werden von einem 250er- zu einem 500er-Turnier. Bogotá bekommt ein ganz neues Turnier. In der Saisonpause tourte Roger Federer mit Schaukämpfen quer durch den Kontinent. Ich weiß nicht, wer die dort gestrichenen Challenger finanziert hat, aber es scheint mit vorstellbar, dass einiges von dem Geld, das bisher in die Graswurzelarbeit floss und damit auch den Talenten aus dem eigenen Land zu gute kam, nun in Auftritte der Superstars aus Übersee investiert wird.

Noch ist der Challengerschwund nicht so dramatisch, dass die ganze ATP-Tour darunter zusammenbrechen wird. Aber bedenklich ist die Entwicklung doch. Denn von hier kommt der Nachwuchs für die großen Turniere.

Hier ein Überblick über die ATP-Challenger-Tour samt Link zum Turnierkalender

Kommentare:

loreley hat gesagt…

Eine triste Sache für die Nachwuchsspieler und eigentlich alle, die ausserhalb der Top-150 stehen und natürlich auch für Zuschauer wie uns, die abwechslungsreiches, lebendiges Tennis sehen wollen und nicht immer die ewig gleiche Show.

Für Exhibitions dagegen scheint unendlich viel Geld da zu sein. Ehrlich gesagt, kann ich Federers breites Grinsen nicht mehr sehen, seit seiner Südamerika-Tour. Die wurde wohl hauptsächlich von einem seiner grossen Sponsoren finanziert. Federer und Tsonga haben es nicht zu blöd gefunden, sich öffentlich zu rasieren. Hat Roger in Asien aber auch schon mal gemacht. Pecunia non olet, wusste man schon im alten Rom.

Das Geld macht den Sport kaputt, sagte mir vor 10 Jahren mal jemand, der die hohen Antrittsgelder für Stars wie Agassi kritisiert hat. Ich habe das damals noch nicht verstanden.

Stakhvosky hat sich heute darüber aufgeregt, dass die ATP das Turnier in Belgrad einfach vom Kalender gestrichen hat, anstatt es an einen anderen Ort zu verkaufen. Anscheinend gab es Interesse.

Während die jungen sich auf den kleinsten Turnieren unter den übelsten Bedingungen aufreiben, man lese nur mal den Bericht über den Australier John Millman, der heute fast Murray in Brisbane geschlagen hat: http://www.news.com.au/sport/tennis/australias-no5-tennis-player-john-millman-finds-big-time-tennis-a-harsh-taskmaster/story-fndkzym4-1226540724691, bekommen Altstars wie Hewitt nonstop Wildcards zu jedem Turnier. Auf die Art ist die ATP-Tour auch schon fast eine Exhibition. So gross ist der Unterschied nicht mehr.

Martin hat gesagt…

Ich stimme euch zu. Das ist der Ruf des geldes. Ich verlgeiche das mal mit dem Fußball. Da hast du ähnliche Tendenzen. die WM oder EM werden immer größer und länger. In den europäischen Leaugen spielt nur noch die CL eine große rolle, die anderen verleiren an Wert.
Wenn die Entwicklung beim Tennis weiter so geht, dann geht die Heterogenität verloren. Letztendlich werdne nur die schon Geld haben da mitmachen können, denn Du muss ja auch eine startgebühr zahlen.

Schlecht für den Nachwuchs und damit auch für den Sport. LEtztendlich werden die Sportler in den USA besser gefördert als in Deutschland was dann hier ein Problem wird, wenn man sich Internationl verlgeicht.

Boruzze hat gesagt…

Ich verstehe einfach nicht wieso das keiner bemerkt. Es muss doch Leute geben denen der Sport wichtig ist und die etwas dagegen unternehmen können...

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