Donnerstag, 20. Dezember 2012

Ach, was ist schon Wimbledon... - Roger Federer in Südamerika

Den Anstoß zu unserem heutigen Thema verdanken wir dem italienischen Tennisreporter Enrico Maria Riva. Er twitterte vor ein paar Tagen den Satz: „I have the feeling that Federer South American tour is something will be told 50 years from now as pop culture.“

Ich fand das einen interessanten Gedanken und habe einen näheren Blick auf Roger Federers Reise geworfen, die ich bis dahin als ganz normale Saisonpausen-Schaukampf-Tournee ohne sportlichen Wert abgetan hatte. Saisonpausen-Schaukämpfe gibt es ja in diesem Winter besonders reichlich, weil die Saisonpause zwei Wochen länger ist als bisher. Dafür hatten sich insbesondere die Spitzenspieler eingesetzt – offiziell, um mehr Zeit zum Regenerieren zu haben.

Wird man von Roger Federers Schaukämpfen in Brasilien, Argentinien und Kolumbien tatsächlich noch in Jahrzehnten schwärmen? Als ich mir diese Frage stellte, fiel mir der Vergleich ein zum „Rumble in the Jungle“, dem Weltmeisterschafts-Boxkampf zwischen Muhammed Ali und George Foreman am 30. Oktober 1974 in Kinshasa.

Damit kann Federer wohl nicht mithalten. Aber es war in diesen Dezembertagen unübersehbar, dass Lateinamerika nach sportlichen Großereignissen lechzt. Brasilien wird mit der Fußball-WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016 solche bald bekommen. Bisher aber ist dieser Erdteil vom weltweiten Sportbusiness stiefmütterlich behandelt worden. Seine letzte Fußball-WM liegt 34 Jahre zurück (1978 in Argentinien). Olympische Spiele gab es dort noch nie.

Auch Tennis-Großereignisse gibt es dort nicht, und das, obwohl insbesondere Chile, Argentinien und Brasilien in den vergangenen Jahren reihenweise Grand-Slam-Turniersieger (Juan Martin del Potro, Gustavo Kuerten, Gastón Gaudio), Weltranglisten-Erste (Gustavo Kuerten, Marcelo Rios) und Olympiasieger (Nicolás Massú, Fernando Gonzalez) hervorgebracht haben.

Aber nun kam Roger Federer. Zum ersten Mal, seit er 1997 an einem Juniorenturnier in Cáracas teilnahm. Seine Matches in Sao Paolo gegen Tommy Haas, Tomaz Bellucci und Jo-Wilfried Tsonga waren schon ein gewaltiges Spektakel. Dann kam er nach Buenos Aires. Dort hatte man eigens für sein Match gegen Juan Martin del Potro ein Stadion mit 20.000 Plätzen aufgebaut. Größer als der Center Court von Wimbledon, der von Roland Garros oder der von Melbourne. Nur die US Open können da mithalten. Es war kein Problem, 40.000 Karten zu verkaufen. Für ein sportlich völlig irrelevantes Match. Also spielten Federer und del Potro einfach zweimal gegeneinander. Das hatte den versöhnlichen Nebeneffekt, dass beide einmal gewinnen konnten.

Zum Abschluss jettete Federer dann noch nach Bogotá und spielte noch einmal gegen Jo-Wilfried Tsonga. Natürlich wieder vor einem riesigen begeisterten Publikum. Bogotá übrigens wird schon im kommenden Jahr ein ganz reguläres 250er-Turnier der ATP-Tour bekommen. Das sieche Turnier von Los Angeles im Juli zieht um nach Kolumbien. Dass Roger Federer dort antritt, ist jedoch ausgesprochen unwahrscheinlich. Dafür wird das Turnier eine Nummer zu klein.

Hier alle Ergebnisse von Federers Südamerika-Tour im Dezember 2012:

Sao Paolo
Federer – Tommy Haas 6:4, 6:4
Federer – Jo-Wilfried Tsonga 7:6, 6:3
Federer – Tomaz Bellucci 5:7, 6:3, 4:6

Tigre (Buenos Aires)
Federer – Juan Martin Del Potro 6:4, 7:6
Federer – Juan Martin Del Potro 6:3, 3:6, 4:6

Bogotá
Federer – Jo-Wilfried Tsonga 7:6, 2:6, 6:3

Hier das erste der beiden Del-Potro-Matches in voller Länge auf Youtube

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