Donnerstag, 1. November 2012

Will denn keiner in Paris gewinnen?

Erst abstimmen, und dann einen Artikel zu einem ganz anderen Thema lesen. Das war die innovative Devise für diese Woche. Funktioniert aber nicht. Das Blogspot-Umfragetool spinnt. Die Ergebnisse verschwinden immer wieder. Deshalb hab ich die Abstimmung gelöscht.Wer trotzdem was zum Rücktritt von Davis-Cup-Teamchef Patrik Kühnen und der Suche nach einem Nachfolger wissen will, klickt hier (Spiegel online) oder hier (mein Artikel vom letzten Donnerstag).

Aber jetzt zum Thema von heute: Die ATP-Saison 2012 ist zwei Wochen kürzer als in den vergangenen Jahren. Ein Erfolg der Stars, die seit langem für eine längere Saisonpause kämpften, um mehr Zeit zur Regeneration zu haben (und für lukrative Schaukämpfe). Schon am nächsten Montag beginnt in London das Tourfinale der acht besten Spieler.

Wer der große Verlierer dieser Kalenderreform ist, ist in dieser Woche deutlich zu besichtigen: Das Masters von Paris-Bercy. Traditionell das letzte Turnier vor dem Tourfinale und eine Pflichtveranstaltung für alle Superstars. Jedenfalls auf dem Papier. In der Praxis sieht es so aus, als wollten alle nur schnell weg, um kurz durchzuschnaufen, bevor es ab Montag zur Sache geht:

Roger Federer (Nr. 1) hat am Sonntag nach seiner Finalniederlage in Basel seine Teilnahme in Paris gleich ganz abgesagt – und damit in Kauf genommen, dass er seinen ersten Platz in der Weltrangliste kampflos an Novak Djokovic verliert.

Novak Djokovic (Nr. 2) ist zwar hingefahren nach Paris, hat aber gleich sein Auftaktmatch gegen Sam Querrey (USA, Nr. 23) nach furiosem Start mit 6:0, 6:7, 4:6 verloren. (Wie viel das damit zu tun hatte, dass kurz zuvor in Belgrad sein Vater ins Krankenhaus eingeliefert wurde, sei einmal dahingestellt.)

Andy Murray (Nr. 3) gewann zwar sein Auftaktmatch, packte aber heute nach dem Achtelfinale die Koffer. Er verlor gegen den polnischen Qualifikanten Jerzy Janowicz (Nr. 69).

Rafael Nadal (Nr. 4) ist sowieso verletzt zu Hause geblieben.

Juan Martin del Potro (Nr. 8) konnte heute auch schon abreisen: 4:6 und 3:6 im Achtelfinale gegen den französischen Wild-Card-Spieler Michael Llodra (Nr. 121).

Unter den acht Spielern, die morgen das Viertelfinale bestreiten, ist keiner, der schon mal ein Grand-Slam-Turnier gewonnen hat. David Ferrer (Nr. 5) und Jo-Wilfried Tsonga (Nr. 7) spielen heute Abend noch ihre Achtelfinals, Tomas Berdych (Nr. 6) und Janko Tipsarevic (Nr. 9) stehen schon im Viertelfinale und werden nun abwägen, ob sie die seltene Chance nutzen wollen, in Abwesenheit der Klassenbesten mal ein Masters zu gewinnen, oder ob sie auch lieber abschenken, um sich wenigstens am Wochenende ein bisschen für das Tourfinale schonen zu können.

Aus sportlicher Sicht ist das Masters von Paris-Bercy ein Witz. Turnierdirektor Guy Forget kann darüber nachvollziehbarerweise nicht lachen. Auch ATP-Chef Brad Drewett scheint das Problem erkannt zu haben. Im nächsten Jahr wird der Witz noch einmal erzählt, aber es verdichten sich die Anzeichen, dass das Turnier ab 2014 in den Februar verlegt wird – wenige Wochen nach den Australian Open in Melbourne. Das dürfte Folgen für eine ganze Reihe weiterer europäischer Hallenturniere haben, die bislang im Herbst angesiedelt sind: Metz, St. Petersburg, Stockholm, Wien, Moskau, Basel, Valencia. Sollen die alle mit umziehen ins Frühjahr? Auszuschließen ist das nicht. Dabei drängeln sich da jetzt schon genügend andere Turniere.

Die spanische Sportzeitung berichtete bereits während der US Open Ende August von Überlegungen, das Tourfinale in den Oktober zu verlegen. Es fände dann im Anschluss an die Asientournee statt. Vermutlich eine Woche nach dem Masters von Schanghai. Danach gäbe es drei Wochen Pause, und dann begänne schon Ende November oder Anfang Dezember die neue Saison, und zwar mit den Sandplatzturnieren in Südamerika, die bisher im Februar und März ausgetragen werden. Unter diesen Turnieren ist kein Masters, bei dem die Spitzenspieler zur Teilnahme verpflichtet sind. Die Stars könnten also den gesamten November und Dezember über pausieren, wenn sie wollen. Keine besonders attraktive Aussicht für Tennis-Lateinamerika.

Und den kleineren europäischen Hallenturnieren bleibt eigentlich auch nur die Wahl zwischen zwei Übeln (wenn sie denn überhaupt wählen dürfen). Entweder sie gehen in den November ohne Aussicht auf wirklich attraktive Teilnehmerfelder oder sie wechseln in den Februar oder März und müssen mit drei anderen parallelen Turnieren um Spieler konkurrieren.

Hier die Ergebnisse aus Paris-Bercy (PDF)

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