Donnerstag, 8. November 2012

Westeuropa verliert den Anschluss

Zugegeben: Vor einer Woche mokierte ich mich darüber, welcher Hans und Franz es alles so ins Viertelfinale des nicht ganz ernst zu nehmenden Masters-Turniers von Paris-Bercy geschafft hat. Dabei nannte ich auch den Namen des 22-jährigen polnischen Qualifikanten Jerzy Janowicz. Asche auf mein Haupt. Das Masters von Paris-Bercy in seiner jetzigen Form unmittelbar vor Beginn des Tourfinales ist zwar immer noch nicht ganz ernst zu nehmen, aber was Jerzy Janowicz geleistet hat, das ist Tennis-Zeitgeschichte: Er kam bis ins Finale, und damit ist er der erste Masters-Finalist, der in den Neunziger Jahren geboren wurde.

Die Zeiten, in denen 17-Jährige Wimbledon gewannen, sind ja schon lage vorbei. Das ist auch schon vielerorts thematisiert worden. Allenthalben heißt es, das heutige Profitennis sei für kleine Jungs zu athletisch. Aber dass ein U23-Spieler in einem Masters-Finale ein bestaunenswertes Einzelstück ist, das ist schon eine neue Dimension. Noch vor zehn Jahren bestanden die Top 10 zur Hälfte aus Spielern unter 23 (Hewitt, Safin, Ferrero, Federer und Roddick). Heute ist der Kanadier Milos Raonic auf Platz 13 der beste U23-Spieler.

Apropos Raonic: Mit dem (Jahrgang 1990) hätte man viel eher als erstem Masters-Finalisten aus den 1990er-Jahrgängen gerechnet. Oder mit dem Australier Bernard Tomic (1992, Nr. 51) oder dem US-Amerikaner Ryan Harrison (1992, Nr. 68). Den Japaner Kei Nishikori (Nr. 19) hätte man noch nennen können, wenn die Wehen seiner Mutter damals drei Tage später eingesetzt hätten. Er kam aber schon am 29. Dezember 1989 zur Welt.

Wir nähern uns dem Kernthema dieses Artikels: dem Mangel an jungen Europäern im Herrentennis. Bis ich mich vor ein paar Tagen genauer mit diesem Thema zu beschäftigen begann, hielt ich in der Tat diese Verallgemeinerung für zulässig. Grigor Dimitrov (1991, Nr. 48) aus Bulgarien hielt ich für eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. Aber es gibt ja nun auch Janowicz und es gibt den Russen Andrei Kusnezow (1991, Nr. 75).

Wo es wirklich dunkel aussieht, das ist Westeuropa. (Als Westeuropa definiere ich alles das, was vor 1989 demokratisch war auf unserem Kontinent. Finnland zum Beispiel gehört dazu, Tschechien nicht, obwohl ein Blick in den Atlas schnell zeigt, dass Finnland östlicher liegt als Tschechien.) In Westeuropa gibt es nur David Goffin (1990, Nr. 45) aus Belgien, sonst niemanden. Er steht zwar in der Rangliste besser als die meisten seiner Jahrgangsgenossen, bisher habe ich von ihm aber nicht den Eindruck, als könnte aus ihm ein ganz Großer werden. Um weitere junge Westeuropäer zu finden, muss man runtergehen in die Regionen um Platz 100 und weiter. Da kommen der Franzose Guillaume Rufin (1990, Nr. 93) und der Portugiese Gastao Elias (1990, Nr. 133) – und dann auch schon unser Cedrik-Marcel Stebe (1990, Nr. 141).

Auch die spanische Armada, die in den vergangenen Jahren die Sandplätze dieser Welt dominierte, wird wohl bald versinken. Nachfolger von Rafael Nadal, Juan Carlos Ferrero, Carlos Moyá, Sergi Bruguera, David Ferrer, Tommy Robredo usw. sind kaum in Sicht. Der derzeit beste junge Spanier ist Javier Martí (1992, Nr. 183).

Schweden gibt es ohnehin schon lange nicht mehr. In Großbritannien wird Andy Murray weiter ein singuläres Phänomen bleiben. Auch in der Schweiz werden die zahlreichen Tennisreporter, die einst von der Ära Hingis nahtlos in die Ära Federer wechselten, an Umschulungsmaßnahmen teilnehmen müssen.

Wie das kommt? Keine Ahnung. Offenbar ist Tennis in Westeuropa nicht mehr so angesagt wie in anderen Ecken der Welt. Oder die anderen Ecken der Welt haben im Zuge der Globalisierung einfach aufgeholt. Vielleicht hilft es, diese gesamt-westeuropäische Entwicklung im Blick zu haben, wenn es darum geht zu diagnostizieren, warum es um den deutschen Tennis-Nachwuchs so schlecht steht. Es ist ja beliebt, nach Förder-Vorbildern im Ausland zu gucken und dabei einfach das Ausland zu nehmen, das am vertrautesten ist. Aber bei unseren West-Nachbarn läuft es offenbar keinen Deut besser als bei uns.

Zum Beweis ein Vergleich der 25 besten Spieler der Jahrgänge 1990 und jünger auf der aktuellen Weltrangliste mit den besten 25 Spielern der Jahrgänge 1980 und jünger im November 2002. Die Westeuropäer sind rot hervorgehoben

5. November 2012:
13. Milos Raonic (1990, Kanada)
26. Jerzy Janowicz (1990, Polen)
45. David Goffin (1990, Belgien)
48. Grigor Dimitrov (1991, Bulgarien)
51. Bernard Tomic (1992, Australien)
68. Ryan Harrison (1992, USA)
75. Andrei Kusnezow (1991, Russland)
92. Rikardas Berankis (1990, Litauen)
93. Guillaume Rufin (1990, Frankreich)
116. Guido Pella (1990, Argentinien)
122. Jewgeni Donskoi (1990, Russland)
125. Vasek Pospisil (1990, Kanada)
132. Federico Delbonis (1990, Argentinien)
133. Gastao Elias (1990, Portugal)
141. Cedrik-Marcel Stebe (1990, Deutschland)
146. Uladsimir Ignatik (1990, Weißrussland)
147. Denis Kudla (1992, USA)
156. Zhang Ze (1990, China)
163. Marius Copil (1990, Rumänien)
164. Jack Sock (1992, USA)
166. Dusan Lajovic (1990, Serbien)
170. Agustin Velotti (1992, Argentinien)
173. Guido Andreozzi (1991, Argentinien)
177. Diego Schwartzman (1992, Argentinien)
182. Wu Di (1991, China)

11. November 2002
1. Lleyton Hewitt (1981, Australien)
3. Marat Safin (1980, Russland)
4. Juan Carlos Ferrero (1980, Spanien)
6. Roger Federer (1981, Schweiz)
9. Andy Roddick (1982, USA)
12. David Nalbandian (1982, Argentinien)
18. Fernando Gonzalez (1980, Chile)
25. Xavier Malisse (1980, Belgien)
30. Tommy Robredo (1982, Spanien)
32. Michail Juschni (1982, Russland)
36. Paul-Henri Mathieu (1982, Frankreich)
40. Jose Acasuso (1982, Argentinien)
41. Jarkko Nieminen (1981, Finnland)
45. Guillermo Coria (1982, Argentinien)
57. Taylor Dent (1981, USA)
59. David Ferrer (1982, Spanien)
62. Feliciano Lopez (1982, Spanien)
64. Olivier Rochus (1981, Belgien)
74. Kristian Pless (1981, Dänemark)
80. Albert Montanes (1980, Spanien)
84. Nikolai Dawidenko (1981, Russland)
86. Mardy Fish (1981, USA)
89. Jürgen Melzer (1981, Österreich)
100. Robby Ginepri (1982, USA)
104. Michael Llodra (1980, Frankreich)

Ein Blick auf die Rangliste von 2002 macht nebenbei noch etwas anderes deutlich: Die Karrieren der damals jungen Spieler sind sehr unterschiedlich verlaufen. David Ferrer, vor zehn Jahren eher unauffällig, hat letzte Woche in Paris-Bercy das Finale gegen Jerzy Janowicz gewonnen. Einige seiner Altersgenossen sind längst im Ruhestand..

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