Donnerstag, 29. November 2012

Tennis-Gedichte 5: „Boris Becker besiegt Andre Agassi am 7.7.1995 in Wimbledon – Ein Augenzeugenbericht“

Als die Mutter deines Sohnes,
Boris, es nicht ansehn konnte,
hab ich nicht den Blick gewendet,
nicht beim Satzverlust und nicht, als
Agassi schon wie der sichere
winner aussah.

Als du, Boris, in der Pause

unterm Tuch ins Leere starrtest
und der Sprecher davon raunte,
dich bedränge die Erinnerung
an den Sieg von 85,
sah ich zu.

Als die Schatten länger wurden,

als dem zehnten Doppelfehler,
Boris, dein Ass Zwanzig folgte,
sah ich Agassi geblendet
einer Chance nach der andern
hinterherschaun.

Als im vierten Satz der Tiebreak

selbst Brooke Shields die Sonnenbrille
von den Augen riss, als sich ihr
lover Schlag für Schlag als loser
offenbarte und sie wegsah,
sah ich hin.

Als du, Boris, nur noch Augen

hattest für des Gegners letzten
Schlag ins Leere, als du deine
Siegerfaust gen Himmel recktest,
da sah ich, sahn es Millionen:
Wie eine endlich aufblickte.

Es ist Winterpause auf der ATP-Tour, und wir haben endlich Zeit, die im vergangenen Winter begonnene Serie über Tennis-Gedichte fortzusetzen. Die heutigen Verse stammen aus der Feder Robert Gernhardts (1937-2006), dessen Steffi-Graf-Gospel wir bereits im März behandelt haben. Beide finden sich im Band „Lichte Gedichte“ (in meiner Taschenbuch-Ausgabe von 1999 auf den Seiten 178 und 179).

Die Gedichte dürften im Abstand weniger Wochen entstanden sein. Die die Matches, von denen sie erzählen, liegen genau einen Monat auseinander. Im Boris-Gedicht geht es um das Wimbledon-Halbfinale 1995. Becker gewann 2:6, 7:6, 6:4, 7:6.

Bevor wir einen näheren Blick auf das Gedicht werfen, befassen wir uns mit besagtem Match. Für Boris lief es in jenem Jahr nicht so richtig rund. Kurz zuvor bei den French-Open war er schon in der dritten Runde gegen einen rumänischen Qualifikanten namens Adrian Voinea ausgeschieden. Sein letzter Wimbledonsieg lag sechs Jahre zurück.

Andre Agassi war seit dem Frühjahr die Nummer 1 der Weltrangliste, und er war sich sicher, dass er Boris schlagen würde, so wie immer in den vorherigen sechs Jahren. Agassi hat in seiner Autobiographie „Open“ von 2009 dem Match, aus dem Robert Gernhardt dieses Gedicht formte, einen langen Absatz gewidmet (beginnend auf Seite 319 meiner Hardcover-Ausgabe). Erst lief aus Agassis Sicht alles nach Plan, aber dann „fängt Becker plötzlich an, rauer und härter zu spielen“ - und zwar von der Grundlinie, was er sonst selten tat. „Er nimmt mir den Aufschlag ab, und obwohl ich noch 4:2 in Führung liege, spüre ich, wie etwas in mir reißt. […] Plötzlich kann ich meine Gedanken nicht mehr kontrollieren.“ Er endet mit den Worten: „Es ist eine der vernichtendsten Niederlagen meines Lebens. […] Ich bin innerlich zerbrochen – völlig am Ende.“

Noch nicht am Ende indes war seine Auseinandersetzung mit Becker, der dann das Endspiel gegen Pete Sampras verlor. Agassi fuhr nach Wimbledon mit seiner damaligen Freundin, der Schauspielerin Brooke Shields, in den Urlaub auf eine einsame Insel und konnte dann an fast nichts anderes als diese Niederlage denken. Boris Becker hingegen gab eine Pressekonferenz, in der sagte, Agassi werde überschätzt, sei elitär und bei seinen Mitspielern schlecht gelitten. (So jedenfalls gibt Agassi den Inhalt dieser Pressekonferenz wieder.) Danach gewann Agassi vier Turniere hintereinander und war erst im US-Open-Endspiel von Pete Sampras zu stoppen. Agassi: „Getrieben von Hass walze ich die Gegner platt.“ Von Hass auf Boris Becker (den Agassis Coach Brad Gilbert stets „B.B. Sokrates“ nannte, „weil er meint, Becker versucht, den Intellektuellen zu spielen, obwohl er bloß ein zu groß geratener Bauernlümmel ist“.

Das also sind die Begleitumstände des von Gernhardt besungenen Matches aus der Sicht Andre Agassis. Aus deutscher Sicht ist Boris Becker 1995 längst Legende. Das wird in der vorletzten Zeile der zweiten Strophe deutlich, die an ein historisches Ereignis erinnert: „an den Sieg von 85“, der den deutschen Tennis-Boom auslöste und ohne den es ein Wimbledon-Halbfinale wohl deutlich schwerer gehabt hätte, Eingang in die deutschsprachige Literatur zu finden.

Der Dichter beschreibt das Match akkurat. Den zehnten Doppelfehler und das 20. Ass, die gab es tatsächlich. (Die Statistik auf der ATP-Webseite verzeichnet bei Becker zehn Doppelfehler und 22 Asse.) Aber das Hauptthema, das ist schwer zu übersehen, ist ein anderes, und zwar eines, das jeder Sportfan kennt: Alles ist hochdramatisch, und man mag gar nicht mehr hinsehen. Fünf Personen sehen hin oder weg: Barbara Becker („die Mutter deines Sohnes, Boris), das lyrische Ich, Boris Becker selbst, Andre Agassi und Brooke Shields.

Gleich in den ersten beiden Zeilen guckt Barbara Becker weg. Von da an ist die für fünf Strophen unsichtbar. (Wie ein kleines Kind, das unsichtbar ist, weil es sich die Augen zuhält.) Das lyrische Ich aber hat „nicht den Blick gewendet“, also kann es sehen, wie sogar Boris Becker nicht mehr hingucken mag und „unterm Tuch ins Leere“ starrt. Agassi will vielleicht noch hingucken, aber kann nicht, denn er ist „geblendet“ - ganz profan, weil die Sonne niedrig steht („die Schatten länger wurden“), aber auch, wie wir oben lasen, und was dem aufmerksamen Hingucker nicht entgangen sein dürfte, etwas in ihm gerissen war. Dann reißt sich Brooke Shields die Sonnenbrille von den Augen und guckt weg. Das Lyrische Ich sieht weiterhin hin. Und Boris? Der hat „nur noch Augen für des Gegners letzten Schlag ins Leere“.

Erst in der letzten Zeile, die vom sonst weitgehend einheitlichen Versmaß auffallend abweicht, taucht Barbara Becker wieder auf. Millionen sehen das, „wie eine endlich aufblickte“. Nur Boris, der schaut anscheinend gar nicht hin.

Hier die bisherigen Folgen der Tennisgedichte-Serie:
1.) „Wimbledon 1997“ von Dirk von Petersdorff
2.) „So eine kleine Fin-de-Siècle-Krabbe“ von Arno Holz
3.) „Steffi-Graf-Gospel“ von Robert Gernhardt
4.) „Vergleich“ von Martha Lasker

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Kurze Anmerkung:

Das Gedicht, das du Else Lasker-Schüler zugeschrieben hast, stammt gemäß deinem Artikel darüber nicht von ihr, sondern von ihrer Schwippschwägerin Martha Lasker.

Zack hat gesagt…

Oh, ja, danke für den Hinweis, ändere ich sofort!

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