Donnerstag, 15. November 2012

Saisonfazit durch die nationale Brille

Der letzte Matchball ist verwandelt. Novak Djokovic hat das Saisonfinale 2012 gewonnen und steht wieder an der Spitze der Weltrangliste. Nur das Davis-Cup-Finale fehlt noch. Die ATP-Tour macht Winterpause und geht erst Silvester weiter. Zeit für das alljährliche Saisonfazit durch die nationale Brille. Gehen wir also die deutschen Spitzenspieler der Reihe nach durch und sortieren wir sie diesmal in Gewinner, Verlierer und Langweiler des Jahres. Der Schwerpunkt liegt wie immer auf den Spielern aus den Top 100. Da gibt es viele Gewinner. In Einzelfällen darf auch nach noch weiter unten geguckt werden. Da finden sich dann auch ein paar Verlierer. Immerhin sechs Top-100-Spieler haben wir im Moment: Philipp Kohlschreiber (20), Tommy Haas (21), Florian Mayer (28), Benjamin Becker (72), Björn Phau (76) und Tobias Kamke (94). Das sind zwei mehr als vor einem Jahr, aber noch immer ein paar weniger als noch vor zwei oder drei Jahren. Immerhin gibt es drei Deutsche unter den besten 30. Sowas gab es zuletzt 1995 mit Boris Becker, Michael Stich und Bernd Karbacher.

Die Gewinner des Jahres

Philipp Kohlschreiber (29 Jahre, Nr. 20)
Seit 2009, seit dieser Blog Fazite am Jahresende zieht, war die immer gleiche Leier zu lesen: Kohli stagniert. Kohli hat seine realistischen Ziele, nämlich ein Grand-Slam-Viertelfinale zu erreichen und in die Top 20 zu kommen, immer noch nicht erreicht. Als er es zwischenzeitlich mal mit Andy Murrays Ex-Coach Miles MacLagan versuchte, endete es so enttäuschend wie mit Englands Ex-Coach Steve McLaren beim VfL Wolfsburg. Alles vergessen. Kohli hat sie erreicht, seine realistischen Ziele. Neben dem Wimbledon-Viertelfinale schaffte er auch noch die Achtelfinals bei den Australian Open und den US Open. Im Moment deutet wenig darauf hin, dass er im kommenden Jahr weniger zuverlässig sein wird.

Tommy Haas (34 Jahre, Nr. 21)
Da habe ich wohl Abbitte zu leisten. Ich habe in den vergangenen Jahren mehrmals vom Tommy Haas' langsamen Karriereende geschrieben. Er war ständig verletzt und ja auch schon vor Jahren kein ganz junger Hüpfer mehr. In diesem Jahr aber, da war nach langer, langer Zeit wieder zu erkennen, wie er es vor einem Jahrzehnt mal für kurze Zeit auf Platz 2 der Weltrangliste schaffen konnte. Nicht nur bei seinem Finalsieg in Halle/Westfalen gegen Roger Federer. Ob das im kommenden Jahr so weitergeht? In Sachen Haas wage ich lieber keine Prognosen mehr.

Florian Mayer (29 Jahre, Nr. 28)
Vor einem Jahr war er noch die Nummer 23. Jetzt steht er fünf Plätze schlechter. Trotzdem gehört er zu den Gewinnern. Schon allein deshalb, weil er eine viel zu starke Saison hatte, als dass man ihn zu den Verlierern hätte zählen können. Und ein Langweiler ist er mit seiner exotischen Spielweise schon mal gar nicht. Flos Saison 2011 war herausragend, und man konnte nicht davon ausgehen, dass er auf dem Niveau, das er in dem Jahr hatte, einfach weitermacht. Hat er auch nicht. Es gab gewaltige Durststrecken. Aber am Ende war er stark genug, um das zweite Jahr in Folge unter den Top 30 abzuschließen. Im Davis-Cup-Abstiegsspiel gegen Australien im September hat er nervenstark die Rolle des Führungsspielers ausgefüllt. In diesem Punkt hat er sich tatsächlich noch einmal gesteigert.

Benjamin Becker (31 Jahre, Nummer 72)
Wenn jemand über 30 ist und dann für über ein halbes Jahr verletzt, dann ist es nicht so selbstverständlich, nahtlos an alte Leistungen anzuknüpfen. Benni Becker hat das geschafft. Anfang des Jahres war er wegen seiner langen Pause nicht einmal mehr unter den Top 300. Schon im Februar legte er mit einem Halbfinale beim 500er-Turnier in Memphis die Grundlage für sein Comeback. Danach waren seine Leistungen unspektakulär, aber sehr stabil. Letzte Woche erst gewann er ein Challenger im Südtiroler Skiort St. Ulrich.

Björn Phau (33 Jahre, Nummer 76)
Hier sei einfach auf das Loblied auf Björn Phau vom Februar verwiesen. Phänomenal, was der letzte Überlebende aus dem Boris-Becker-Juniorteam leistet. Man wundert sich manchmal.

Langweiler des Jahres

Tobias Kamke (26 Jahre, Nummer 94)
Halt so um Platz 100 rum, der Lübecker. Wie immer.

Verlierer des Jahres
Philipp Petzschner (28 Jahre, Nummer 117)
Bei Petzsche muss man ja immer auch ein aufmerksames Auge aufs Doppel werfen. Doppel-Wimbledonsieg 2010, US-Open-Sieg 2011. In diesem Jahr war da nichts. Im Einzel hatte er ein einziges gutes Ergebnis: Das Finale beim 250er-Rasenturnier im holländischen 's Hertogenbosch in der Woche vor Wimbledon.

Cedrik-Marcel Stebe (22 Jahre, Nummer 139)
Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, das in dieser Aufzählung bisher die Jungspunde fehlen. Aus dem einfachen Grund, weil es fast keine gibt. Ceddy Stebe ist ja eigentlich unsere einzige Hoffnung. Letztes Jahr brach er in die Top 100 und gewann am Jahresende das Finale der acht besten Challenger-Spieler in Sao Paolo. (Die 110 Ranglistenpunkte, die ihm das brachte, wird er am kommenden Montag verlieren, und dann schließt er das Jahr irgendwo um Platz 180 ab. Aber es wird mit ihm auch wieder bergauf gehen. Anders kann es gar nicht sein. Ich habe ihn in diesem Jahr zweimal live gesehen, beide Male am Hamburger Rothenbaum, und beide Mal spielte er über weite Strecken exzellent. Beim 500er-Turnier im Juli schlug er in Runde 1 gegen den späteren Turniersieger Juan Monaco zum Matchgewinn auf und verlor dann schlicht die Nerven. Beim Davis-Cup im September gegen Lleyton Hewitt klappte es besser mit den Nerven, und er sicherte Deutschland den Klassenerhalt. Darauf lässt sich aufbauen. Das nötige Talent hat er.

Zum Schluss eine lobende Erwähnung für Jan-Lennard Struff (22 Jahre, Nummer 180). Seit ich den Jungen vor drei Jahren in der Qualifikation am Hamburger Rothenbaum sah, warte ich auf seinen Durchbruch. Bisher war mein Eindruck: Er ist noch nervenschwächer als Stebe. In diesem Jahr meine ich aber Anzeichen einer Stabilisierung ausgemacht zu haben. Nächste Woche, wenn Stebe seine 110 Punkte aus Sao Paolo verliert, dürfte er bereits der bestplatzierte U23-Spieler aus Deutschland sein.

Kommentare:

Chris hat gesagt…

toller Artikel, sehe ich genauso! Irgendwie habe ich das Gefühl, dass C-M Stebe dieses Jahr so gut wie keine Matches bestritten hat, letztes Spiel Mitte September, was ist da los? Mal zu einem ganz anderen, habe mir heute etwas verwundert das YTD Challenger Ranking angesehen und festgestellt, dass ja Benni Becker und Struff sich für die Challenger Tour finals qualifiziert haben müssten. Evtl. sogar Björn Phau bei den ganzen Absagen, die es da wohl wieder geben wird. Nur findet man partout keine Infos zu diesem Turnier. Ich muss zugeben, dass es wohl nicht das beliebteste Turnier der Tour ist, aber zumindet auf Punkte und Preisgeld Sicht doch sehr lukrativ? Hat da jemand Infos? Evtl. Zusagen oder ne Meldeliste....

Chris hat gesagt…

Ach verdammt, sehe gerade, dass das Challenger ranking bereit abgerechnet wurde und nur die letzten beiden Wochen aktuell im ranking vermerkt sind, das erklärt so einiges und auch meine Verwunderung. Naja, dann gibts Tennis mit deutscher Beteiligung wohl erst wieder 2013....

Zack hat gesagt…

Stebe hat ein paar Challenger-Teilnahmen kurzfristig abgesagt. Zuletzt Bratislava in der vorletzten Woche. Das spricht dafür, dass er verletzt ist. Er scheint dazu aber nirgends etwas gesagt zu haben.

Zack hat gesagt…

Jetzt hat Stebe endlich wieder ein Zeichen von sich gegeben (Twitter und Facebook). Er sagt, er hat sich einfach nicht in Form gefühlt, um auf hohem Niveau mithalten zu können...

https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=389571707794683&id=135802093171647

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