Donnerstag, 11. Oktober 2012

Wann kommen die Chinesen denn endlich?

Ehe wir es vergessen: Rainer Schüttler ist zurückgetreten. Ganz offiziell. Sein letztes Turnier spielte er ja schon vor neun Monaten dort, wo er 2003 als Grand-Slam-Finalist den größten Erfolg seiner Karriere feierte: bei den Australian Open. Diesmal schied er in der ersten Qualifikations-Runde aus.

Jetzt geht Schüttler unter die Turnierveranstalter. Wir befassten uns schon vor einer Woche mit dem World Team Cup, an dem Ion Tiriac mit Schüttler als Kompagnon die Rechte erworben hat. Bis vorgestern waren zu diesem Vorgang noch einige Fragen offen. Die meisten davon haben Schüttler und Tiriac auf einer Pressekonferenz jetzt geklärt. Tiriac hat dem klammen Düsseldorfer Rochusclub die Turnierlizenz abgekauft und gleich wieder an den Rochusclub zurückvermietet, der im kommenden Jahr statt des ergrauten World Team Cups ein frisches, aber ganz normales 250er-Turnier mit 28 Einzelspielern ausrichten wird. Was Tiriac nicht sagt, aber was man mitdenken darf: Wird das neue Turnier kein großer Kracher, wird Tiriac nach einer gewissen Karenzzeit umziehen in irgendein Land, in dem er sich mehr Rendite verspricht. Für die ganz nahe Zukunft scheint ein solcher Umzug indes aufgrund eines älteren Vertrages des Rochusclubs mit der ATP nicht mögich zu sein.

Aber jetzt zu den Chinesen. Vor allem zu einem von ihnen. Er heißt Zhang Ze und erreichte letzte Woche das Viertelfinale des 500er-ATP-Turniers von Peking. Er war damit der erste Chinese in einem ATP-Viertelfinale. Das wurde auch mal Zeit. Man wartet seit bald einem Jahrzehnt auf den großen Durchbruch, den die chinesischen Frauen spätestens mit dem French-Open-Sieg von Li Na im vergangenen Jahr längst geschafft haben. Zhang Ze hingegen ist in dieser Woche mit Platz 154 auf der Weltrangliste der bestplatzierte chinesische Mann aller Zeiten. (Bei den Frauen stehen aktuell drei Chinesinnen unter den ersten 40.)

Bei den Männern war ein gewisser Sun Peng bis vor wenigen Monaten der einzige Chinese, der jemals außerhalb seines Heimatlandes ein Match auf der ATP-Tour gewinnen konnte. Das geschah Anfang 2005 auf einem kleinen Turnier in Delray Beach, Florida. Dort bezwang er in Runde 1 den amerikanischen Qualifikanten Mathias Boeker. In Runde 2 wartete ein Lucky Loser aus Paraguay (Ramon Delgado), gegen den Peng Sun keine Chance hatte.

Bei den Turnieren von Schanghai und Peking ist es seither immer wieder mal dem einen oder anderen chinesischen Wild-Card-Spieler gelungen, sein Erstrundenmatch zu gewinnen. Aber spätestens in Runde 2 war immer Schluss. Bis Zhang Ze kam. Er schlug in seinem Erstrundenmatch einen anderen Wild-Card-Chinesen, nämlich Wu Di. Der Hammer folgte in der zweiten Runde: 6:4, 3:6, 6:4 gegen das an fünf gesetzte ewige Talent aus Frankreich, Richard Gasquet, die aktuelle Nummer 13 der Welt. Es wird Zhang Ze geholfen haben, dass Gasquet erschöpft war, weil er am Sonntag zuvor das Endspiel von Bangkok gespielt (und gewonnen) hatte. Sein Sieg war dennoch eine beachtliche Leistung. Im Viertelfinale war dann gegen Florian Mayer Schluss.

Mayer war damit schon der zweite Deutsche in diesem Jahr, der bei einem bemerkenswerten Match von Zhang Ze mit auf dem Platz stand. Im Juni schaffte Zhang die Qualifikation für das Rasenturnier von Halle/Westfalen. In der ersten Hauptrunde traf er auf Tobias Kamke – und gewann. Der erste ATP-Matchgewinn eines Chinesen im Ausland seit besagtem Peng Sun. Von Peng Sun hat man danach übrigens nicht mehr viel gehört. Obwohl er heute mit 28 Jahre noch immer im besten Tennisalter ist, hat er seine Laufbahn längst beendet.

Zhang Ze ist jetzt 22. Er dürfte das Potenzial haben, in den kommenden Jahren zumindest die Top 100 zu knacken. Dann wäre er regelmäßig bei den Grand Slams und bei vielen 250er-Turnieren im Hauptfeld – mit Aussicht auf den einen oder anderen weiteren Matchgewinn im In- und Ausland. In dieser Woche beim Masters von Schanghai flog er indes gleich in der ersten Runde kräftig auf die Schnauze. 0:6 und 2:6 gegen Lu Yen-Hsun. Das ist auch ein Chinese, aber ein Taiwan-Chinese. Aus Taiwan kommen schon seit vielen Jahren die etwas erfolgreicheren Tennisprofis als vom Festland. Lu hat in seiner Karriere schon fast 80 ATP-Matches im Ausland gewonnen – und keines im Inland. Denn auf Taiwan gibt es kein ATP-Turnier. Die ATP versucht seit Jahren, den vielversprechenden Markt in der Volksrepublik aufzurollen. Die Stadien sind meist halbleer, jedenfalls wenn die Männer spielen. Daran wird auch Zhang Ze so schnell nichts ändern. (Li Na mobilisiert die Massen schon eher.) Immerhin berichten Augenzeugen, dass beim Zweitrundenmatch von Lu Yen-Hsun in dieser Woche die Ränge in Schanghai ganz gut gefüllt waren, und zwar auch mit Leuten, die nicht aussahen, als wären sie Turnier-Mitarbeiter. Lu spielte gegen Roger Federer.

 Da verlor Lu. Der erste echte männliche Tennis-Star aus Fernost wird wohl weder aus der Volksrepublik China noch aus Taiwan kommen. Eher schon aus Japan. Spätestens seit der 22-jährige Kei Nishikori am Sonntag das 500er-Turnier von Tokio gewonnen hat, darf man damit rechnen, dass er eines Tages auch mal ein Masters oder - wer weiß - vielleicht sogar ein Grand-Slam-Turnier gewinnt.

Hier die Ergebnisse aus Peking

Und hier das ATP-Profil von Zhang Ze

1 Kommentar:

Mahqz hat gesagt…

Auf den großen Durchbruch von chinesischen Männern wartet man irgendwie in den meisten weltweit ausgetragenen Sportarten und irgendwie hats bisher nur in Ausnahmen und bei den Frauen gereicht.
Am ehesten noch im Schwimmen denke ich.

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