Donnerstag, 18. Oktober 2012

Live aus Stockholm

Mögliche Tippfehler bitte ich zu entschuldigen. Ich schreibe diesen Artikel gerade per Hand und werde ihn anschließend ins Handy eintippen. Also: Ich melde mich live aus Stockholm, wo ich mit gestern und heute die Matches des 250er-ATP-Turniers in der königlichen Tennishalle angesehen habe. Warum mir gerade dieses Turnier so gut gefällt, erklärte ich schon vor zwei Jahren.  Am Rahmen hat sich seither wenig geändert, außer dass die Schweden nun noch weniger zu jubeln haben, seit Robin Söderling außer Gefecht ist. Ein einziger Schwede stand diesmal im Einzel-Hauptfeld: Patrik Rosenholm, 24 Jahre, ca. Nr. 437, Wildcard. Anfang der Woche, als ich noch nicht hier war, schlug er in Runde 1 einen offenbar schwer lädierten Gael Monfils. Gestern Abend in Runde 2 ging Rosenholm gegen Michail Juschni mit 0:6 und 2:6 baden. Das Spiel war nicht der Rede wert.

Sehr wohl der Rede wert waren folgende Spiele:

Brian Baker (USA)/Andreas Siljeström (Schweden) - Johan Brunström (Schweden)/Raven Klaasen (Südafrika) 6:3, 6:2
Ein Doppel auf dem Center Court - das ist der positive Nebeneffekt, wenn es einem Turnier an heimatlichen Einzelspielern mangelt. Baker und Siljeström haben mir sehr gut gefallen. Baker, weil er so gut Tennis spielt; Siljeström, weil er eigentlich gar kein Tennis spielen kann, aber das Beste draus macht. Brian Baker (27 Jahre, Nr. 56) ist eines der bemerkenswertesten Phänomene des Tennisjahres 2012. In einem früheren Leben war er mal eines der größten Talente der USA. Dann war er ganz viel an der Hüfte verletzt und auch am Ellenbogen. Er konnte fünf Jahre nicht spielen und studierte in der Zwischenzeit. Ende des vergangenen Jahres versuchte er ein Comeback, und in diesem Sommer startete er plötzlich richtig durch. Finale beim Sandülatzturniet in Nizza - als Qualifikant. Achtelfinale in Wimbledon. Sein Einzel-Erstrundenmatch in Stockholm verlor er glatt. Davon, dass er auch gut Doppel kann, hatte ich bis dato noch nichts gehört. Aber er kann es! (Auch wenn er das Viertelfinale heute dann glatt verloren hat.) Mir scheint, er hat während seines Studiums, als er als Co-Trainer der Uni-Tennismannschaft arbeitete, viel taktische Übersicht fürs Doppel gelernt. Er spielte seine Rückhand von der Grundlinie stets zielsicher dorthin, wo Brunström und Klaasen sie am wenigsten gern haben wollten. Siljeström - hager und grobschlächtig, so dass er mit einer Forke statt eines Rackets in der Hand einen prima Knecht Alfred in einem Michel-aus-Lönneberga-Film abgeben würde - schlug Asse schlug Asse und - falls doch mal ein Ball zurückkam - auch ein paar Volleys.

Jo-Wilfried Tsonga (Frankreich/Nr. 7) - Go Soeda (Japan/Nr. 57) 6:2, 7:6
Der Soeda ist etwas schwach auf der Brust, aber er hat Spielwitz. Es hat Spaß gemacht, ihm zuzuschauen. Er schaffte es kaum einmal, einen Schmetterball mit so viel Wumm zu versehen, dass Tsonga nicht mehr in der Lage gewesen wäre, ihn zurückzuspielen. Aber Tsonga hat garantiert mehr Kalorien verbraucht als der zweite Topfavorit des Turnuers, Tomas Berdych, in seinem etwas öden Match gegen den Esten Jürgen Zopp.

Ricardas Berankis (Litauen/Nr. 95) - Florian Mayer (Deutschland/Nr. 28) 4:6, 6:4, 6:2
Wer oben den Link zum Stockholm-Bericht 2010 angeklickt hat, mag gelesen haben, wie ich vom "besten Flo aller Zeiten" schwärmte. Den gab es diesmal nicht. Letzte Woche in Schanghai musste er sein Zweitrundenmatch gegen Andy Murray wegen einer Muskelverletzung absagen. Dass er gegen Berankis verloren hat, scheint aber nicht an dieser Verletzung gelegen zu haben. Flo war im dritten Satz völlig von der Rolle. Und Berankis war gut. Bei Berankis' Erstrundenmatch gegen Albert Ramos wurde Flo als aufmerksamer Beobachter im Publikum gesichtet. Dort hat er offenbar kein probates Mittel entdeckt, mit dem er den Litauer hätte ärgern können. Mayers gefürchtete Slice-Bälle, die wenige Zentimeter über den Boden wischen, schienen dem kleinen Berankis (1,75 Meter) richtig Spaß zu machen. Im ersten Satz schaffte Flo noch ganz abgebrüht aus heiterem Himmel das Break zum 6:4, so dass ich lange Zeit dachte, er wird ganz abgebrüht auch noch den zweiten Satz drehen. Tat er aber nicht. Er wurde immer ratloser. Ungefähr bei 1:4 und 15:30 (den genauen Spielstand habe ich nicht notiert) im dritten Satz fiel ihm sogar beim Aufschlag der Schläger aus der Hand. Berankis' harmlosen Return konnte Flo nur noch mit dem Fuß annehmen. Danach war die Partie endgültig gelaufen. Nach dem Matchball schlich Flo aus der Halle, ohne auch nur die Hand zum Gruß zu heben, als der Hallensprecher zum Abschied seinen Namen nannte.

Damit wollen wir es heute bewenden lassen. Ein paar andere Spiele waren auch sehr interessant, zum Beispiel Lleyton Hewitt gegen Jarkko Nieminen oder Sergy Stakhovsky gegen Feliciano Lopez. Aber - wie gesagt - die Tastatur ist klein und der Abend spät...

Hier die Einzel-Ergebnisse aus Stockholm

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