Donnerstag, 20. September 2012

Live vom Davis-Cup gegen Australien

Das sah nicht gut aus für Deutschland, als das Spiel vorbei war am Sonnabend. Ich habe mir das Davis-Cup-Doppel am Hamburger Rothenbaum gegen Australien angesehen. Inzwischen wissen wir ja, dass die Sache ein gutes Ende genommen hat, Deutschland nicht absteigt in die zweite Liga, sondern im Februar in der ersten Runde der Weltgruppe 2013 in Argentinien antreten darf.

Aber zurück vom Sonnabend. Es war das erste Mal, dass ich das Stadion am Rothenbaum außerhalb des jährlichen ATP-Turniers betreten habe. Es war das erste Mal seit 1998, dass der Deutsche Tennis-Bund ein Davis-Cup-Heimspiel in seinem eigenen Stadion austrug, anstatt sich irgendwo anders in der Republik einzumieten. Ein paar Kleinigkeiten sahen tatsächlich anders aus als während des Turniers im Juli. Zum Beispiel habe ich zum ersten Mal den Kindergarten gesehen, von dem ich bisher nur gehört und gelesen hatte, dass er im Bauch des Stadions untergebracht sei und immer ausquartiert werde, wenn die Tennisprofis kommen. Er befindet sich auf der Rückseite des Stadions (für Kenner: In der Nähe des Aufgangs zum Affenfelsen vom Nebenplatz M1). Ich sah noch den Aushang im Fenster, der die Eltern darüber informierte, dass der Kindergarten nach Rücksprache mit dem DTB wegen der Davis-Cup-Begegnung am Freitag leider geschlossen bleiben müsse. Auf dem Fußweg vor dem Eingang waren Kreidezeichnungen zu erkennen, die noch vor Freitag von den Kindergartenkindern angefertigt worden sein müssen.

Die Fressmeile fiel etwas kleiner aus als beim ATP-Turnier, aber ich musste weder hungern noch dursten. Für Crepebudenbetreiber ist ein Davis-Cup-Wochenende logischerweise weniger attraktiv als ein Turnier, bei dem mehrere Matches auf dem Center Court und den Nebenplätzen laufen und oft nach zwei Sätzen vorbei sind, so dass das Publikum von Platz zu Platz schlendert und zwischendurch Essen und Trinken einkauft oder manchmal sogar einen Sportpulli, wenn es friert. Beim Davis-Cup ist das anders. Am Freitag und am Sonntag, wenn zwei lange Einzel gespielt werden, gibt es immerhin die Pause zwischen den beiden Matches. Am Sonnabend steht nur ein einziges Match, das Doppel, auf dem Programm – und es gibt nicht einmal eine Halbzeitpause.

Zum Glück für die Budenbetreiber war das Match nicht schon nach drei Sätzen vorbei, so dass viele der rund 2500 Zuschauer sich zwischendurch doch noch mal stärken gingen. Am Ende hatten die Australier Chris Guccione und Lleyton Hewitt gegen die Deutschen Benjamin Becker und Philipp Petzschner mit 6:3, 6:2, 2:6, 7:6 gewonnen. Richtig schlimm aus deutscher Sicht war es nur im zweiten Satz. Da waren Becker/Petzschner eine ganze Klasse schlechter als ihre Gegner. Im ersten Satz kassierten sie schnell ein Break, dem sie dann erfolglos hinterherliefen, waren ansonsten aber halbwegs ebenbürtig. Nach dem dritten Satz durfte man Hoffnung haben. Der vierte Satz war zwar zahlenmäßig ausgeglichen, aber es war nicht wirklich überraschend, dass die Australier den Tie-Break und damit auf das Match gewannen. Sie waren einfach latent besser. Die große Überraschung war Lleyton Hewitt, der am Freitag und am Sonntag in seinen Einzeln gegen Florian Mayer und Cedrik-Marcel Stebe regelrecht unterging. Im Doppel am Sonnabend sah man ihm von Anfang bis Ende an, dass er richtig Spaß daran hatte, auf dem Platz zu stehen. Damit riss er Chris Guccione, den etatmäßig schwächsten Spieler auf dem Feld, mit.

Becker und Petzschner dagegen fanden fast nie richtig zusammen. Nach ihrem Sieg im Doppel führten die Australier 2:1 und waren so gut wie aufgestiegen in die Weltgruppe, und Deutschland war so gut wie abgestiegen. Weil ich am Sonnabend nicht ahnen konnte, dass Hewitt einen Tag später nur noch ein Schatten seiner selbst sein würde, war ich mir sicher, dass er sein Einzel gewinnen würde und damit den dritten Punkt, den Siegpunkt für Australien machen würde. Cedrik-Marcel Stebe hatte ja schon am Freitag gegen Bernard Tomic kaum eine Chance. Florian Mayer würde sein Einzel am Sonntag vielleicht noch gewinnen, aber Stebe? Auch Philipp Petzschner und Benjamin Becker sahen am Sonnabend nicht so aus, als sollten sie im Einzel eine Chance haben gegen Hewitt. Ich habe am Sonnabend nicht verstanden, was Benjamin Becker in diesem Davis-Cup-Team sollte, und ich verstehen es immer noch nicht. Er ist ein ordentlicher Hartplatz-Einzelspieler. Aber er ist weder ein starker Doppelspieler noch ein starker Sandplatzspieler. Mit der Nichtnominierung von Philipp Kohlschreiber und Tommy Haas beschäftigten wir uns ja vor zwei Wochen schon. Als Ersatz wäre Björn Phau die sicherere Bank gewesen, fürs Doppel Christopher Kas - oder Dustin Brown, der sogar als Notnagel im Einzel taugt. Aber nach einem Sieg haben der Trainer und seine Mannschaft ja grundsätzlich „alles richtig gemacht“. Hier ein Bild der Richtigmacher: Immerhin Kapitän Patrik Kühnen (vorne) und Florian Mayer (hinten) drehen sich in meine Richtung.


 Einer, der nach meinem Geschmack nicht alles richtig gemacht hat, ist dieser Mann:


Der Stadionsprecher, der das Publikum im Stile eines Box-Ansager einzupeitschen versuchte und dabei wild rumschreiend nur Plattitüden von sich gab, als er die Mannschaften vorstellte. Sein Lieblingssatz: "Ihm gehört die Zukunft." Damit bedachte er Cedrik-Marcel Stebe und den Australier Matthew Ebden jeweils einmal und Bernard Tomic sogar zweimal. Sieht ganz so aus, als werde die Zukunft von einem Genossenschaftsmodell mit breiter Eigentümerstrukur verwaltet... Tatsächliche Informationen über die Spieler, wie sie bei anderen Turnieren üblich sind, gab es kaum. Alles und jeder wurde hochgejubelt. Der unbedarfte Zuschauer erfuhr zwar, dass Lleyton Hewitt mal Wimbledon gewonnen hat und mal die Nummer 1 der Weltrangliste war, seine aktuelle Weltranglistenposition (ca. 100) wurde indes verschwiegen.


Hier die Ergebnisse der Davis-Cup-Begegnung gegen Australien

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo,

schöner Artikel! Ich habe mal eine Frage zum Weltranglistensystem, bisher dachte ich eigentlich ich hätte es komplett verstanden. Wann man sich auf atpworldtour.com mal das Profil unseres Kohlis anschaut und dann mal den link "rankings breakdown" betätigt. Dass ein Spieler ab einer gewissen Ranglistenposition eine bestimmte Anzahl 1000er spielen muss usw. ist mir alles klar. Aber: Wieso wird eines der Masters Turniere von Madrid Rom oder Cincinatti, die bei ihm nur mit 10 Punkten in die Wertung eingehen nicht ersetzt durch das Masters Turnier in Monte Carlo bei dem er 45 Punkte erspielte (dieses wird unten bei den "non countable tournaments" geführt). Vielleicht kann mir ja jemand helfen...

Viele Grüße...

Zack hat gesagt…

Ja, ich glaube ich kann weiterhelfen. Zunächst einmal: Die Spieler müssen alle Masters-Turniere spielen, sofern sie über die Weltrangliste dafür qualifiziert sind. Die Ergebnisse können sie nicht durch Ergebnisse aus anderen Turnieren ersetzen. Sie fließen in jedem Fall in die Wertung ein. (Ein Spieler, der nicht teilnimmt, obwohl er direkt qualifiziert, ist, bekommt 0 Punkte.) Auch für Spieler, die nicht direkt qualifiziert sind, aber trotzdem teilnehmen an einem Masters (als Nachrücker, Qualifikant oder per Wild Card) gilt: Das Ergebnis zählt auf jeden Fall und kann nicht durch andere Ergebnisse ersetzt werden.

Jetzt kommen wir zu Monte Carlo. Das Turnier ist eine große Ausnahme. Es heißt zwar Masters, in Wahrheit ist es aber gar keins. Dem Turnier sollte 2008 - ebenso wie dem Hamburger Rothenbaum - der Masters-Status aberkannt werden. Die Monegassen haben sich dagegen mit mehr Erfolg gewehrt als die Hamburger. Es gab einen Kompromiss: Für Monte Carlo gibt es zwar weiterhin so viele Punkte wie für ein Masters, ansonsten wird es aber wie ein 500er-Turnier behandelt. Die Spieler sind nicht zur Teilnahme verpflichtet, und die Ergebnisse zählen auch nicht zwingend fürs Ranking. Kohli könnte mit seinen 45 Punkten aus Monte Carlo also höchstens ein Ergebnis aus irgendeinem anderen kleineren Turnier ersetzen, aber nicht ein echtes Masters-Ergebnis.

Chris hat gesagt…

Da hat aber jemand Detailwissen! Bei Nadal werden seine 1000 Punkte aus dem Turniersieg aber in der Masters Kategorie verbucht...

Zack hat gesagt…

Das ist eine Frage der Darstellung imRanking Breakdown. Sobald die Punkte in der Wertung sind, werden sie in der Masters-Kategorie aufgeführt. Die ATP gibt sich durchaus Mühe, zu verschleiern, dass Monte Carlo kein echtes Masters ist.

Chris hat gesagt…

Kann irgendjemand nachvollziehen, aus welchem Grund Kohlschreiber nächste Woche ein gammeliges Challenger Event in Frankreich spielt, anstatt in Ruhe nach Asien zu fliegen und in der Woche drauf ein 500er in Peking oder Tokyo zu spielen. Ich meine er muss ja eh zum Masters nach Shanghai! Man bekommt übrigens für die erste Runde in Peking genausoviel Preisgeld wie für den Turniersieg in Orleans, und auch nur im Falle eines Turniersieges in FRA würden die Punkte überhaupt in die Wertung eingehen... die Entscheidung ist mir absolut schleierhaft!

Zack hat gesagt…

Orleans ist schon eine ziemlich seltsame Wahl von Kohli.. Mir fällt eine plausible und eine zumindest nicht komplett absurde Erklärung ein.
Die plausible ist: er bekommt eine inoffizielle Antrittsprämie, die deutlich höher ist als das Preisgeld, das er dort gewinnen kann. Sowas ist zwar bei Challengern nicht erlaubt, soll aber trotzdem vorkommen.
Die zumindest nicht komplett absurde Erklärung ist: Er hat sich kurzfristig überlegt, dass er vor Schanghai ein bisschen Spielpraxis braucht, die ihm wegen seiner Davis-Cup-Zwangspause fehlt. Die Meldefristen für die kommenden Woche waren längst abgelaufen, er brauchte also irgendwo eine Wild Card, die er in Tokio und Peking nicht bekam, aber in Orleans.

Zack hat gesagt…

Ach was schreib ich Tokio und Peking. Diese Woche ist ja erstmal Bangkok und Kuala Lumpur...

Chris hat gesagt…

Ja, das mit der Spielpraxis könnte ich mir noch am ehesten vorstellen. Antrittsgeld? Das ein französisches Provinz-Challenger plötzlich einen Haufen Geld ausgibt für den deutschen Weltstar Philipp Kohlschreiber, kann ich mir irgendwie so gar nicht vorstellen....

loreley hat gesagt…

Wurde die Regel mit den Mastersturnieren nicht ab dieses Jahr gelockert? Ich dachte, ich hätte da was gelesen. Auch soll es für Spieler, die schon 30 Jahre alt sind gnädiger gehandhabt werden.

Tut mir leid, dass ich mit Halbwissen daherkomme, aber ich hatte keine Lust mir das genau zu merken.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Franzosen Kohlschreiber ein Antrittsgeld bezahlen. Wer in Frankreich würde ein Ticket kaufen, um ihn zu sehen? Und wie viel Geld hat ein kleines Turnier übrig, um es aus dem Fenster zu schmeissen?

Zack hat gesagt…

Die Lockerung der Teilnahmepflicht an den Masters-Turnieren bezieht sich nur auf die Bonuszahlungen am Jahresende, nicht auf die Weltranglistenpunkte.

Und was die Frage angeht, ob ein französisches Challenger sich die Teilnahme Philipp Kohlschreibers was kosten lässt: Ich kann mir das schon vorstellen, dass da ein Sponsor 10.000 Euro oder so lockermacht. Er ist ein Top-20-Spieler, das ist ein PR-Coup, der regional ziemlich stark beachtet werden wird.

loreley hat gesagt…

Ich sehe es vor mir. Kohlschreiber gibt Autogramme in einem Einkaufszentrum in Orleans.

Er hat auch letztes Jahr ein Challenger gespielt. In Istanbul. Das hat wahrscheinlich keiner mitbekommen.

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