Donnerstag, 6. September 2012

Dann steigen wir wohl ab

Das war's dann wohl. Deutschland steigt ab in die zweite Liga. Die beiden besten Spieler machen nicht mit, wenn Deutschland ab Freitag nächster Woche zum Davis-Cup-Relegationsspiel gegen Australien antritt.

Kapitän Patrik Kühnen hat weder Philipp Kohlschreiber (Nr. 20) noch Tommy Haas (Nr. 21)  nominiert. Stattdessen stehen im Team: Florian Mayer (Nr. 23), Benjamin Becker (Nr. 85), Cedrik-Marcel Stebe (Nr. 97) und Philipp Petzschner (Nr. 106). Die Australier kommen mit ihren besten Leuten an den Hamburger Rothenbaum, mit dem 19-jährigen Bernard Tomic (Nr. 43) und mit dem unvergessenen Lleyton Hewitt, der nur weil er sonst so selten spielt, lediglich auf Platz 125 der Weltrangliste spielt. Mit dabei ist auch der grundsolide Mathew Ebden (Nr. 71) und als Ergänzungsspieler der einstige Top-100-Mann Chris Guccione.

Die Australier sind alles keine Sandplatzspieler, insofern kann es gut sein, dass sie sich schwer tun werden in Hamburg. Aber als der Deutsche Tennisbund sich für den langsamen Bodenbelag entschied, da durfte man noch davon ausgehen, dass zumindest Kohlschreiber auf ihm spielen würde und vielleicht auch Haas, der im Juli an gleicher Stelle das Endspiel des Hamburger ATP-Turniers erreichte. Benjamin Becker und Philipp Petzschner aber sind auf Sand mindestens so ungelenk wie die Australier. Die deutschen Hoffnungen ruhen jetzt nahezu vollständig auf Florian Mayer. Natürlich ist der prinzipiell in der Lage, auf Sand jeden beliebigen Australier locker zu schlagen. Aber wir wissen auch, dass die große Bühne, die der Davis-Cup darstellt, ihm nicht besonders liegt und dass er in langen Matches auf drei Gewinnsätze zwischendurch immer seine Durchhänger hat. Und dass er in einer Woche körperlich topfit sein wird, ist auch nicht sicher. Bei den US Open musste er letzte Woche sein Erstrundenmatch gegen den amerikanischen Wild-Card-Spieler Jack Sock erschöpft aufgeben.

Selbst wenn Flo seine beiden Matches gewinnen sollte, bräuchte Deutschland immer noch einen dritten Punkt. Aus den Einzeln kann der überhaupt nur kommen, wenn Cedrik-Marcel Stebe spielt. Stebe hätte im Juli in Hamburg um ein Haar in Runde 1 den späteren Turniersieger Juan Monaco geschlagen. Bei den US Open warf er in Runde 1 den gesetzten Serben Viktor Troicki (Nr. 30) aus dem Turnier. Aber in Runde 2 hatte er gegen Grega Zemlja (Slowenien, Nr. 99) keine Chance. Ob Stebe dem Druck, Deutschland in der Davis-Cup-Weltgruppe halten zu müssen, standhält, darf man bezweifeln – erst recht, wenn man daran denkt, wie ihm in dem Match gegen Monaco der Arm zitterte, als er zum Matchgewinn aufschlagen sollte. Wahrscheinlich wäre der ausgebuffte 32-jährige Björn Phau (Nr. 83), der letzte Überlebende aus dem legendären Boris-Becker-Junior-Team, noch die bessere Alternative gewesen.

Und das Doppel? Das können die Australier traditionell ziemlich gut. Für ihre aktuelle Mannschaft gilt das allerdings nicht unbedingt. Aber Deutschland tritt ohne jede eingespielte Doppel-Option an. Klar ist nur, dass zweimalige Grand-Slam-Champion Philipp Petzschner trotz seiner aktuellen Formschwäche spielen wird. Aber mit wem? Sein Olympia-Partner Christopher Kas ist nicht im Team. Ebensowenig der nächstbessere deutsche Doppelspieler in der Rangliste, Dustin Brown. Tommy Haas wäre eine gute Alternative gewesen, wenn er denn bereit gewesen wäre, Davis-Cup zu spielen. Die beiden haben schon im Februar gegen Argentinien gemeinsam gespielt. Sie verloren zwar in fünf Sätzen, aber Haas war damals nach seiner langen Verletzung noch längst nicht auf dem Niveau, das er in diesem Sommer gezeigt hat. Für Fünfsatzmatches im Einzel hat Haas, wie bei den US Open zu sehen war, wohl nicht ausreichend Stehvermögen. Aber Doppel ist weniger anstrengend, das hätte er geschafft. Stebe hat zwar vor Jahren mal bei den US Open den Titel im Junioren-Doppel gewonnen, aber von seiner Spielweise her ist er überhaupt kein Doppelspieler. Benjamin Beckers Spielweise funktioniert fürs Doppel schon eher, aber er hat in seiner ja schon einige Jahre währenden Karriere im Doppel noch nie etwas Bemerkenswertes gerissen. Immerhin spielt er alle Jubeljahre mal an Petzschners Seite. Beim Pillepalle-Wimbledonvorbereitungsturnier in 's Hertogenbosch (Niederlande) kamen die beiden ins Halbfinale. Auch Florian Mayer hat gelegentlich lichte Momente im Doppel, aber nicht so sehr, dass es sich lohnen würde, ihm diese Zusatzbelastung neben dem Einzel aufzubürden.

Mit den vorhandenen vier Spielern läuft es vernünftigerweise also auf Florian Mayer und Cedrik-Marcel Stebe im Einzel und Philipp Petzschner und Benjamin Becker im Doppel hinaus. Eine triste Veranstaltung, wenn man bedenkt, dass Deutschland im Moment nominell so viele gute Spieler hat wie seit den Zeiten von Becker und Stich nicht mehr.

Tommy Haas ist nicht dabei, weil er nicht möchte. Man kann verstehen, dass er Pausen braucht.. Er ist 34 Jahre alt, und angesichts seiner unendlichen Verletzungsgeschichte ist es fast ein Wunder, dass er überhaupt noch in der Weltklasse mitspielt. Philipp Kohlschreiber hätte gern gespielt. Über seinen Rauswurf auf dem Team ist vielerorts viel geschrieben worden. Das sei an dieser Stelle nicht alles wiederholt. Hier ist ein Link zum Artikel auf Spiegel Online. Damit, dass es eigentlich Aufgabe eines Davis-Cup-Teamchefs ist, die oft schwierigen Charaktere der Tennisprofis unter einen Hut zu bringen, hatten wir uns bereits im April befasst.  Patrik Kühnen kann das anscheinend nicht. Es ist Zeit für einen Neuanfang für den Davis-Cup in Deutschland.

Hier die Informationen zur Relegationsbegegnung zwischen Deutschland und Australien auf der offiziellen Davis-Cup-Seite

Ach ja: Um Andy Roddick geht es, wenn nichts dazwischenkommt, nächste Woche. 

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