Montag, 6. August 2012

Kohlschreiber, Mayer und Haas auf den Spuren von Becker, Stich und Karbacher

Ich fand ja Bernd Karbacher gut. Damals Mitte der 90er Jahre, als man einen Grand-Slam-Titel holen musste, wenn man in Deutschland an der nationalen Tennispitze stehen wollte. In dieser Liga spielte Bernd Karbacher nicht mit, das blieb Boris Becker und Michael Stich überlassen. Karbacher schlurfte über die Tennisplätze der Welt, wirkte auf Außenstehende immer etwas desorientiert und sah vor jedem Match wie der sichere Verlierer aus. Laut Andre Agassi hatte Karbacher „O-Beine, als sei er gerade nach einem sehr langen Ritt von seinem Pferd gestiegen, dazu eine Rückhand, die zu den besten der Welt zähle, die er aber nur benutze, um nicht laufen zu müssen“ (aus seiner Autobiografie „Open“).

Im Juli 1995 gewann Bernd Karbacher im von Agassi beschrieben Stil im Halbfinale des ATP-Turniers von Indianapolis gegen Pete Sampras. Am Abend darauf sah mir im Wohnzimmer meiner Eltern das Finale zwischen Karbacher und Thomas Enqvist (Schweden) an. Ich frage mich gerade, ob wir damals schon Eurosport hatten. Mein Vater schaute zwischendurch auch mal rein und kommentierte: „Doll ist das ja nicht, was die beiden da bieten.“ Da hatte er zwar recht, aber es war nun einmal Bernd Karbacher, der spielte – in einem großen ATP-Finale. Ich hielt durch, bis Thomas Enqvist seinen Matchball zum 6:4-6:3-Sieg verwandelt hatte.

Warum ich mich ausgerechnet heute an dieses Match erinnere: Nach seinem Finale in Indianapolis kletterte Karbacher in der Weltrangliste auf Platz 25. Boris Becker stand auf Platz 4, Michael Stich auf Platz 9. Im Sommer 1995 standen drei Deutsche unter den ersten 25 der Rangliste. Das ist danach 17 Jahre lang nicht mehr vorgekommen – bis heute. Gestern war es Tommy Haas, der ein Endspiel eines großen Sommer-ATP-Turniers in den USA erreichte damit auf Platz 25 kletterte. Vor ihm stehen zwar keine deutschen Top-Ten-Spieler wie damals in den Neunzigern, aber immerhin gibt es auf Platz 18 Philipp Kohlschreiber und auf Platz 23 Florian Mayer.

Haas' Erfolg in der abgelaufenen Woche in Washington D.C. ist im Olympia-Trubel fast völlig untergegangen. Es war ein 500er-Turnier, gehört also in dieselbe Kategorie wie das Turnier am Hamburger Rothenbaum, wo Haas vor zwei Wochen ebenfalls im Endspiel stand. Diese beiden Endspiele brachten ihm 600 Punkte. Das ist mehr, als Roger Federer für seine olympische Silbermedaille bekommen hat (450).

Es ist etwas kurios, dass in Washington ein 500er-Turnier parallel zum olympischen Tenniswettbewerb ausgetragen wurde. Die ATP hat alle vier Jahre aufs Neue große Schwierigkeiten, die olympischen Spiele in ihren engmaschigen Turnierkalender zu integrieren. Da kommt es immer wieder zu solch seltsamen Konstellationen. In der US-Hauptstand spielten ein paar Spieler mit, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht für Olympia nominiert wurden. Bei Haas lag es daran, dass seine Weltranglistenposition am Olympa-Stichtag zu schlecht war. (Der Stichtag war Anfang Juni, also noch vor seinem Finale in Hamburg und vor seinem Turniersieg in Halle/Westfalen). Sein Finalgegner in Washington, Alexander Dolgopolov (Ukraine, Nr. 16), war in London nicht startberechtigt, weil er in letzter Zeit den Davis-Cup geschwänzt hatte. Einigen US-Amerikaner wie dem topgesetzten Mardy Fish (Nr.13), den Haas im Halbfinale schlug, war das Turnier in der Heimat tatsächlich wichtiger als Olympia. Ansonsten lief das Teilnehmerfeld vor allem mit Franzosen und Spaniern aus der zweiten Reihe voll, die nicht nach London durften, weil bei Olympia nur vier Spieler pro Land erlaubt sind.

Das relativ schwache Feld in Washington hat also dazu beigetragen, dass plötzlich – mitten in der Dauerkrise des deutschen Herrentennis – wieder drei Deutsche in den Top 25 stehen – nur einer weniger als bei den im Höhenflug befindlichen Frauen. Von Dauer dürfte das Hoch der deutschen Tennismänner wohl nicht sein. Haas ist 34 Jahre alt. Im Moment spielt er so stark wie seit vielen Jahren nicht. Aber ich kann mir nur schwer vorstellen, dass er das noch lange durchhält. Mayer und Kohlschreiber werden beide in diesem Jahr 29 Jahre alt. Vielleicht bleiben sie beide noch eine Weile auf dem Niveau, auf dem sie jetzt sind. Weiter nach oben werden sie kaum kommen. Nachwuchs ist nur in Sicht, wenn man zum Fernrohr greift. Dann kann man bis zum 21-jährigen Cedrik Stebe auf Platz 102 gucken. Unter den sieben Deutschen unter den Top 100 ist der 26-jährige Tobias Kamke der jüngste.

Hier die Ergebnisse aus Washington D.C. (PDF)

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