Sonntag, 29. Juli 2012

Plötzlich Einzel: Philipp Petzschner bei Olympia

Philipp Petzschner hat gewonnen. Ein Mann, der offiziell ohne jede Endkampfchance ist. Nach einem lockeren 7:6, 6:1 steht er in der zweiten Runde des olympischen Herrentennis-Turniers. Wer den Wirbel verfolgt hat, den der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit seinen Nominierungskriterien ausgelöst hat,  mag sich wundern, wie es Petzschner überhaupt ins Tableau geschafft hat. Bei den Männern erfüllte kein einziger Deutscher diese nationalen Anforderungen. Florian Mayer, aktuell die Nummer 24 der Weltrangliste, nach internationalen Kriterien locker qualifiziert, verzichtete freiwillig. Philipp Kohlschreiber (Nr. 23) wurde per Gnadenakt am Ende doch noch nominiert, kurz bevor er (ebenso wie Mayer) mit seinem Wimbledon-Viertelfinale die DOSB-Kriterien nachträglich doch noch erfüllte. Tommy Haas (Nr. 35) wurde diese Gnade nicht zuteil, was ihn gewaltig aufregte, während Kohlschreiber es für angebracht hielt, unmittelbar vor Olympia  ein kleines österreichisches Sandplatzturnier zu bestreiten, wo er ins Finale kam ,um dann verletzungsbedingt auf Olympia doch noch zu verzichten. Zwar war die Weltranglistenposition von Tommy Haas zum Olympia-Stichtag Anfang Juni nicht gut genug für einen Platz in London, aber wegen seiner atemberaubenden Erfolge seitdem (Turniersieg in Halle, Endspiel in Hamburg) hätte er gute Aussichten auf eine Wild Card gehabt – wenn denn der DOSB ihn nominiert hätte.

Aber Philipp Petzschner, die Nummer 92 auf der Weltrangliste, der war von den deutschen Olympia-Funktionären nicht in ihren wildesten Albträumen für einen Platz in der Einzelkonkurrenz vorgesehen. Nur im Doppel mit Christopher Kas sollte er antreten. In dieser Disziplin ist er amtierender US-Open-Sieger und Wimbledon-Halbfinalist (an der Seite von Jürgen Melzer aus Österreich).

Wie aber kommt Petzschner nun plötzlich ins olympische Einzel-Hauptfeld? Das ist ganz einfach. Anders als bei Grand-Slam- und ATP-Turnieren gibt es bei Olympia keine Qualifikation. Weil es keine Qualifikation gibt, gibt es auch keine Lucky Loser. (Lucky Loser sind ja Spieler, die in der letzten Qualifikationsrunde ausgeschieden sind und dann doch noch ins Hauptfeld nachrücken, weil irgendjemand kurzfristig abgesagt hat.) Wenn bei Olympia jemand kurzfristig absagt, rückt statt eines Lucky Losers einer der Spieler nach, die zuvor nur fürs Doppel nominiert waren. Nachrücker speziell fürs Einzel gibt es nicht. Ausschlaggebend dafür, wer nachrückt, ist die Einzel-Weltranglistenposition des Doppelspielers. Dabei ist Petzschner von allen reinen Doppel-Olympioniken gar nicht der bestplatzierte Einzelspieler. Marcel Granollers (Spanien, Nr. 19) und Michael Llodra (Frankreich, Nr. 74) stehen besser. Die durften aber nicht nachrücken, weil Spanien und Frankreich bereits mit vier Spielern in der Einzelkonkurrenz vertreten sind. Mehr Teilnehmer pro Land sind nicht zugelassen.

Nachdem der kroatische Aufschlagriese Ivo Karlovic verletzungsbedingt absagte, hätte der DOSB, selbst wenn er gewollt hätte, nicht mehr verhindern können, dass Philipp Petzschner seinen Platz einnimmt. Petzschner war schließlich für die Olympischen Spiele nominiert. Dass der nationale Verband ihn nur fürs Einzel vorgesehen hat, interessiert den internationalen Verband nicht. International wird der DOSB ohnehin für seine Extra-Nominierungskriterien kritisiert. Runde 2 hat Philipp Petzschner schon erreicht. Träumen wir mal ein bisschen weiter. Sein nächster Gegner ist ein ausgesprochen harter Brocken – Janko Tipsarevic (Serbien, Nr. 8). Aber völlig chancenlos ist Petzsche da nicht. Dass er Rasentennis gut kann, hat er schon mehrmals bewiesen – mit seinen Finals in Halle im letzten Jahr und in 's Hertogenbosch in diesem Jahr. In Runde 3 könnte dann John Isner (USA, Nr. 11) an die Reihe kommen. Ein Aufschlagriese wie Karlovic. Solche Leute liegen Petzscher, der ein klasse Returnspiel hat. Also warum nicht noch eine Runde mehr? Das wäre dann das Viertelfinale. Da dürfte der Traum von einer Medaille dann aus sein. Voraussichtlicher Gegner: Roger Federer.

Hier das Olympia-Tableau fürs Herren-Einzel mit Philipp Petzschner als einzigem Deutschen

Kommentare:

noko hat gesagt…

Käme er ins Viertelfinale, so hätte er den Endkampf erreicht. Das würde beweisen, wie seriös die Kriterien des DOSB sind.

loreley hat gesagt…

Dass Haas eine Wildcard bekommen hätte, kann man nicht als gegeben voraussetzen.

Wildcards oder Einladungen, wie es richtiger heisst, sind für Spieler aus Ländern gedacht, die nicht viele Athleten bei den Spielen haben, was man von Deutschland nicht behaupten kann.

Man hat sich auch weitgehend daran gehalten, wenn man mal von den Wildcards für Kanada, Australien und Indien absieht, die zum Commonwealth gehören.

Zack hat gesagt…

Haas scheint sich ja irgendwie sicher gewesen zu sein mit der Wild Card, so wie er sich über seine Nichtbominierung aufgeregt hat.

loreley hat gesagt…

Das war halt seine Strategie. Sicher konnte er sich auf keinen Fall sein.

Anonym hat gesagt…

Das Thema mit den Wildcards ist so nicht richtig. Im Tennis gilt nicht, dass diese für Spieler aus Ländern gedacht sind, die wenige Athleten bei Olympia haben. Sie sind für Spieler gedacht, die aufgrund langer Verletzungen nur wenige Turniere spielen und daher im ATP Ranking nicht so weit vorne stehen konnten. Beträfe z.B. L. Hewitt, Tommy Haas, Brian Baker, ... Haas hatte eine Zusage zur Wildcard, daher auch die Unterstützung des DTB. Einzig die Herren des DOSB konnten nicht über ihren Schatten springen...leider.

loreley hat gesagt…

@Anonym

Das ist lächerlich. Wo sind die Quellen für diese vermeintliche Zusage?

Schauen Sie sich doch die Einladungen für Olympia an. Sie gingen an Spieler aus kleinen Ländern und an Spieler, die dem Commonwealth angehören. Einzige Ausnahme: Bellucci aus Brasilien. Rio (Brasilien) ist Gastgeber der nächsten Olympischen Spiele.

Wie passt da Haas rein? Lustig wie jetzt dem DOSB und sogar Kohlschreiber der schwarze Peter zugeschoben wird.

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