Sonntag, 15. Juli 2012

Live von der Qualifikation am Hamburger Rothenbaum

Einmal im Jahr gucke ich mir Jan-Lennard Struff an. Er ist Stammgast bei der Qualifikation für das ATP-Turnier am Hamburger Rothenbaum. Den Rest des Jahres spielt er Challenger und Futures in Süddeutschland, Holland, Italien, Rumänien oder der Türkei. Im Moment ist er 22 Jahre als und die Nummer 325 in der Welt. Als ich ihn zum ersten Mal sah, war er 19 Jahre alt und die Nummer 1253. Er hatte in seinem ersten Qualifikationsmatch in Hamburg einen Matchball gegen Diego Junqueira aus Argentinien, damals die Nummer 130 und heute die Nummer 182. Den Matchball vergab er und verlor das Match. Im vergangenen Jahr widerfuhr ihm die Sache mit dem Matchball gegen Viktor Crivoi aus Rumänien, damals die Nummer 194, heute die Nummer 286.

Gestern habe ich Jan-Lennard Struff wieder gesehen. Er spielte einen fantastischen zweiten Satz gegen Horacio Zeballos aus Argentinen, aktuell die Nummer 101. Struff verlor 4:6, 6:3, 2:6. Struffs Niederlagen nach phasenweise großartigem Spiel und einem darauf folgenden Einbruch gehören inzwischen so fest zum Rothenbaum wie der Brezel-Stand vorm Aufgang zum Center Court oder die Show-Matches von Michael Stich gegen irgendwelche anderen Altstars (diesmal war es John McEnroe). Das Traurige an Jan-Lennard Struff ist, dass sich in seinem Spiel in den letzten drei Jahren fast keine Steigerung erkennen lässt. 2009, als er knapp gegen Junqueira verlor, war ich Feuer und Flamme für den Jungen mit seinen platzierten Powerschlägen, der ein paar Wochen vorher sein Abi gemacht hatte und eines seiner ersten Profimatches überhaupt spielte. Ich dachte damals, der muss seine Nerven in den Griff kriegen, und dann sehen wir ihn ganz schnell zumindest unter den ersten 150, und spätestens 2012 muss er in Hamburg nicht mehr durch die Quali, sondern steht direkt im Hauptfeld. Aber nichts da. Er verliert Jahr für Jahr. Potenzial für mehr hat er noch immer, aber irgendwas hindert ihn daran, dieses Potenzial abzurufen. Inzwischen glaube ich, er ist einer von denen, die erst zum Routinier werden müssen, bis sie ihren Zenit erreichen. Vielleicht schafft er mit 28 Jahren plötzlich ein Achtelfinale in Roland Garros. Hoffentlich hält er solange durch auf den Challengern und Futures in Holland, Italien und Rumänien.

Acht Spiele gab es gestern in der ersten Qualifikationsrunde am Rothenbaum. Manche habe ich fast vollständig gesehen, von anderen nur ein paar Spiele. Hier meine Eindrucke von den anderen Spielen in Kurzform.

 Rogerio Dutra Silva (Brasilien/100) – Peter Gojowczyk (Deutschland/193) 6:4, 6:2

Der Gojowczyk, inzwischen 23 Jahre alt, aber immer noch aus der Kategorie „Talent“, scheint seinen Weg etwas flotter zu gehen als Struff, obwohl Struff eindeutlich mehr drauf hat. Aber Gojowczyk ist immerhin in den Top 200. Seine Spielweise indes ist einschläfernd. Er ist ein Grundlinienwühler, der stets versucht, den Ball einmal mehr über das Netz zu spielen als sein Gegner. Dutra Silva versuchte dasselbe, und meistens war der Brasilianer derjenige, dem es gelang. Das Match war so öde, dass ich nicht umhinkam, zuzuhören, wie drei ältere Damen hinter mir sich darüber unterhielten, dass Gojowczyk aussehe wie dieser Südamerikaner, der in Queen's gegen den Schiedsrichterstuhl getreten hat und darüber, wie dieser Südamerikaner noch mal hieß. In diesem Zusammenhang fiel der Name Ibisevic. Hier ein Foto des vermeindlichen Nalbandian-Doppelgängers:


Daniel Munoz-de la Nava (Spanien/136) – Simine Vagnozzi (Italien/222) 6:4, 6:3

Von diesem Spiel habe ich fast nichts gesehen, also nur schnell ein Foto von Vagnozzi:



Dominik Meffert (Deutschland/239) – Teimuraz Gabashvili (Russland/147) 7:6, 6:4 


Auch von diesem Spiel habe ich nicht viel gesehen. Es war auf dem Nebenplatz M1, und hinter mir saß niemand. Deshalb konnte ich auch niemanden darüber reden hören, dass Meffert (Foto) wie Ivan Ljubicic aussehe. Auch Meffert habe ich schon in der Vergangenheit bei der Quali am Rothenbaum beobachtet. Das hier war das beste Spiel, das ich von ihm gesehen habe, und das ist ihm im Alter von 31 Jahren gelungen. Heute in der zweiten und letzten Quali-Runde (bei der ich nicht dabei war) hat er ganz eng gegen Horacio Zeballos verloren (2:6, 7:6, 6:7). Er ist die Nummer 2 auf der Lucky-Loser-Liste. Eher unwahrscheinlich, dass er damit ins Hauptfeld rutscht, aber er hätte es verdient, und es wäre für ihn eine schöne Sache.

Bastian Knittel (Deutschland/287) – Eduardo Schwank (Argentinien/139) 7:6, 6;1

Knittel (28) hat im letzten Jahr die Quali geschafft, kam anschließend in Runde 2 und gewann dort einen Satz gegen den Top-20-Spieler Marin Cilic. Im zweiten Satz des Spiels gegen Schwank konnte man daran denken, dass es ihm vielleicht gelingt, dieses Kunststück zu wiederholen. Allerdings hat Schwank ihm das mit einer ausgesprochen schwachen Vorstellung auch leicht gemacht.  Heute in der zweiten Quali-Runde hatte Knittel gegen Federico Delbonis keine Chane.

Federico Delbonis (Argentinien/113) – Harri Heliovaara (Finnland/240) 6:4, 6:2


Auf diesen Federico Delbonis (Foto oben) war ich neugierig. Er ist 21 und unterwegs in die Top 100, also vermutlich jemand, der uns in den nächsten Jahren als Dauergast auf der ATP-Tour begegnen wird. Wohl wegen seiner Herkunft und seines Namens hatte ich ihn mir als Doppelgänger Juan Martin Del Potros vorgestellt. Er sieht aber doch etwas anders aus – überraschend vierschrötig – und spielt auch nicht ganz so fesselnd wie Del Potro. Zu Harri Heliovaara (Foto unten) ist zu sagen, dass er mich äußerlich an ein längst vergessenes deutsches Talent erinnerte, das 2008 in Hamburg sensationell Jürgen Melzer bezwang: Jaan-Frederik Brunken. Wo ist der eigentlich abgeblieben? Auf Platz 526...


Marsel Ilhan (Türkei/163) – Frederico Gil (Portugal/114) 6:3, 6:2

Ich bin seit gestern Marsel-Ilhan-Fan. Er war der beste Spieler des Tages, und dazu ist sein Spiel wunderbar anzuschauen. Er kann aus extrem bedrängter Lage Vorhände schlagen, mit denen er das Spielgeschehen sofort wieder an sich reißt. Sein Problem ist die Rückhand. Wenn er die cross spielt, entlockt das seinem Gegner nur ein müdes Lächeln – sofern es der Ball überhaupt übers Netz schafft. Rückhand-Longline-Winner allerdings kann Ilhan sehr gut – wenn er sich rechtzeitig dafür hinstellen kann. Das kam in Satz 2, den ich gesehen habe, drei Mal vor. Fraglich nur, ob die Verallgemeinerung, die in der Präsens-Form der vorherigen Sätze steckt, zulässig ist. Ilhan und Gil spielten Anfang der Woche schon einmal gegeneinander – in der ersten Runde des 250er-Turniers von Gstaad. Da gewann Gil, von dem am Sonnabend nicht viel zu sehen war. Das auf dem Foto ist folglich Ilhan:


Kevin Krawietz (Deutschland/291) – Alessandro Giannessi (Italien/146)

Den hab ich ja mal gefressen gehabt, den Krawietz. Der war mir viel zu gehypt. Nachdem er 2009 die Junioren-Doppelkonkurrenz in Wimbledon gewonnen hatte, bekam er in Deutschland plötzlich Wild Cards für ATP-Turniere – im Einzel! Das war der fünfte Schritt vor dem zweiten. Glücklicherweise hat sich die Lage mittlerweile normalisiert. Krawietz (Foto) ist jetzt 20 Jahre hat die Wild Card diesmal für die Qualifikation bekommen anstatt fürs Hauptfeld. Nachdem er gegen Giannessi zwei Matchbälle vergeben hatte und in den Tie-Break musste, war ich gespannt, ob er das verkraftet oder ob das Match so endet wie stets bei Struff. Krawietz hat sich aber nicht beeindrucken lassen. Er wird schneller als Struff in den Top 150 ankommen. Vielleicht braucht er schon 2014 keine Wild Card mehr für den Rothenbaum, auch nicht fürs Hauptfeld. Mehr wollen wir ja im Moment gar nicht verlangen von unseren deutschen Nachwuchs-Hoffnungen.


Hier die Ergebnisse aus der Qualifikation in Hamburg (PDF)

Und hier die Auslosung fürs Hauptfeld (PDF)

Nächste Woche gibt's an dieser Stelle einen Bericht vom Hauptturnier!

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