Sonntag, 8. Juli 2012

Frederik Løchte Nielsen - ein Doppelmärchen in Wimbledon

Gestern war eine Sternstunde des britischen Tennis. Dem weithin unbekannten Jonathan Marray (31) gelang, was seinem berühmten Beinahme-Namensvetter Andy Murray heute verwehrt blieb: Er gewann Wimbledon. Als erster Brite seit über 70 Jahren. Es war nicht im Einzel, sondern im Doppel – und mithin nicht das, was die englische Öffentlichkeit sich vorgestellt hatte.

Entsprechend hat man auf der Insel gestern Abend mal kurz gejubelt, heute überwiegt die Enttäuschung darüber, dass Andy sein Einzelfinale gegen Roger Federer verloren hat. Auf der Sportseite der Sunday Times ist Marray hinter die Formel 1 und die Klischkos auf einen unteren Platz abgerutscht.

Also blicken wir nach Dänemark (das ist ja sowieso ein Steckenpferd von mir) und erzählen die wundersame Geschichte, die sich da ereignet hat, aus der Perspektive von Frederik Løchte Nielsen, dem Doppelpartner Jonathan Marrays. In Dänemark war Nielsens Wimbledonsieg gestern Abend „Breaking News“: Die Qualitätszeitung „Politiken“ schrieb von einem „Tennis-Wunder“ und bietet seinen Lesern dann eine „Dokumentation“: „Die Sensation Ball für Ball“.


In Dänemark wartet man seit Jahren darauf, dass Caroline Wozniacki endlich mal ein Grand-Slam-Turnier gewinnt. Da kann man möglicherweise noch lange warten, auch wenn einige, die sie schon komplett abgeschrieben haben, vergessen, dass sie in dieser Woche erst 22 Jahre alt wird.

Frederik Nielsen wird in ein paar Wochen 29 Jahre, und darauf, dass er endlich mal ein Grand-Slam-Turnier gewinnt, hat ernsthaft niemand gewartet. Er war bis heute die Nummer 111 der Doppel-Weltrangliste und die Nummer 305 im Einzel. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, auf welcher Art von Turnieren er bisher zu Hause war, hier ein Link zu einem früheren Artikel von mir, in dem er vorkommt. Es geht um ein Spiel der Zweiten Tennis-Bundesliga in Hartenholm, einem Dorf in Schleswig-Holstein. Der Artikel ist zwar schon vier Jahre alt, aber in den letzten vier Jahren hat Frederik Nielsen durchgehend auf einem ähnlichen Niveau gespielt wie damals. Dies ist das Foto, das ich von ihm machte, ohne im Entferntesten daran zu denken, dass ich einen künftigen Wimbledonsieger vor mir haben könnte:


Jonathan Marray und Frederik Nielsen wären regulär gar nicht fürs Wimbledon-Hauptfeld qualifiziert gewesen. Sie kamen mit einer Wild Card ins Turnier. Hätte nicht Goran Ivanisevic 2001 mit einer Wild Card die Einzelkonkurrenz gewonnen, wären sie die ersten Wimbledon-Sieger mit Wild Cards. Aber der Vergleich mit Ivanisevic hinkt. Er war damals zwar im Ranking weit abgerutscht, aber er hatte zuvor schon drei Mal im Wimbledon-Endspiel gestanden.

Marray und Nielsen standen bloß im Endspiel des Challengers von Nottingham zwei Wochen vor Wimbledon. Beide sind nach eigenem Bekunden schon seit langem befreundet, haben haben vorher nur sehr selten gemeinsam Doppel gespielt. Das lag auch daran, dass sie selten auf denselben Turnieren spielen. Marray ist ein reiner Doppelspezialist. Seine Weltranglistenposition (aktuell 76) erlaubte es ihm, auf einer Reihe von ATP-250er-Turnieren und auf den größten Challengern anzutreten. Nielsen hingegen spielte Einzel und Doppel auf kleinen Challengern und häufig sogar auf Futures, den Turnieren der dritten Profi-Kategorie.

Und nun also Wimbledon. Marray und Nielsen wollten nach Nottingham auch dort zusammen spielen und hatten sich, wenn ich Nielsen richtig verstehe, darauf eingestellt, durch die Qualifikation zu müssen. Aber einen Tag vorher schrieb Nielsen dann in seinem Blog auf der dänischen Internetseite tennissporten.dk, nachdem er seine Enttäuschung darüber mitgeteilt hatte, dass er keinen Platz in der Einzel-Qualifikation bekommen hat:  „Im Doppel habe ich einen überraschenden Vorteil: eine Wild Card für das Hauptturnier. Die habe ich bekommen, weil ich mit Jonny Marray spiele. Aber es ist doch etwas außergewöhnlich, sie als Nicht-Brite zu bekommen. Es gab hier und da etwas Stirnrunzeln, aber ich habe nicht Nein gesagt, als ich das Angebot bekam.“

Dann ging es los. Gleich in Runde 1 setzten sie sich in fünf Sätzen gegen die an 9 gesetzten Spanier Marcel Granollers/Feliciano Lopez durch. Das hat kaum jemand weiter beachtet. Überraschungen dieser Art sind im Doppel ohnehin häufiger als im Einzel, und Granollors/Lopez sind zwar starke Doppelspieler, bei einem Grand-Slam-Turnier mit ihren Gedanken aber vielleicht doch eher beim Einzel. Marray/Nielsen gewannen weiter und weiter und standen plötzlich im Halbfinale gegen die Bryan-Brüder. Auch die sind, wiewohl vielfach Grand-Slam-prämiert, nicht unverwundbar, wie sich wieder einmal zeigte. Dass unsere Wild-Card-Helden dann auch noch das Finale gewannen, kann man im Nachhinein beinahe als selbstverständlich abtun. Ihre Gegner – Robert Lindstedt (Schweden) und Horia Tecau (Rumänien) standen schließlich schon zum dritten Mal in Folge im Wimbledon-Endspiel, und die beiden vorherigen Male hatten sie auch verloren.

Wie kommt es nun, dass Marray/Nielsen auf einmal so stark sind? Sie scheinen sich auf dem Platz einfach blind zu verstehen. Die wenigen Turniere, die sie bisher gemeinsam bestritten haben, liefen auch schon gut. Es waren drei Challengers, und zwemal kamen sie in Finale. Außerdem ist Rasentennis einfach etwas Spezielles, und offensichtlich etwas, das insbesondere Nielsen sehr liegt. Auch einige seiner besten Ergebnisse im Einzel hat er auf Rasen erzielt. Michael Mortensen, dänischer Doppelspezialist aus den 80ern, meint, Freddy Nielsen habe bisher einfach das Selbstvertrauen gefehlt, und jetzt sei der Knoten eben endlich geplatzt.

Und wie geht es nun weiter mit den beiden überraschenden Wimbledonsiegern? Sie springen in der Doppel-Weltrangliste plötzlich vom Niemandsland nah an die Top 20. Sie dürfen jetzt an allen großen Turnieren teilnehmen – auch ohne Wild Card. Jonny Marray wird das gewiss tun. Frederik Nielsen klingt da noch nicht sicher. Er wolle seine Einzel-Karriere nicht aufgeben, sagte er nach dem Triumph. Denn Einzel sei das, was er besonders liebe. Im Einzel bleibt er auf Platz 300 stehen. Das reicht bei vielen der Masters- und 500er-Turniere, auf denen er jetzt Doppel spielen kann, nicht einmal für einen Platz in der Qualifikation. Fürs Einzel müsste er auf kleinen Challengern und auf Futures bleiben. Aber als Wimbledonsieger kann man eigentlich keine Futures spielen.

Für Mitte Juli haben sich Marray/Nielsen für das 250er-Turnier von Atlanta eingeschrieben. Danach fährt Nielsen zurück nach Wimbledon. Für die Olympischen Spiele hat Caroline Wozniacki ihn als Trainingspartner engagiert. Die Wild Cards sind für das olympische Tennisturnier sind schon vor Wimbledon vergeben worden. Beim dänischen Tennisverband spekuliert man jetzt: Wenn irgendein Wild-Card-Spieler kurzfristig absagen muss und Ersatz gesucht wird – dann wäre Freddy Nielsen ja vor Ort und könnte einspringen. Sein Erstrundenmatch im Einzel darf er dann ruhig verlieren. Entscheidend ist: Nur wer im Einzel (oder im Herren- bzw. Damen-Doppel) einen Startplatz hat, darf auch im Mixed antreten. Dem gemischten Doppel Wozniacki/Nielsen – so es denn zustande käme - räumt man in Dänemark Medaillenchancen ein.

Mixed hat Tradition im Norden. Vor Frederik Nielsen hat es erst ein einziger Däne geschafft, einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen. Es war sein Opa Kurt Nielsen 1957 bei den US Open. Im Einzel erreichte Kurt Nielsen zweimal das Wimbledon-Finale 1953 und 1955. Dass sein Enkel das mit dem Finalsieg jetzt nachgeholt hat, erlebte er nicht mehr. Kurt Nielsen starb vor gut einem Jahr mit 80 Jahren.

Hier das ATP-Profil von Frederik Løchte Nielsen

1 Kommentar:

jmg hat gesagt…

Eine Art Einer-von-uns-gewinnt Wimbledon-Mentalität war mir im Laufe der zweiten Woche auf Twitter aufgefallen. Wirklich viele Challenger und Future-Spieler haben den Lauf von M/N gespannt verfolgt und sogar mehrfach Bilder von sich hochgeladen, wie sie per Livestream gucken. Hatte ich bisher noch nie gesehen, dass sich Spieler derart für andere freuen. Vielleicht sahen manche Nielsen's Lauf als Symbol dafür, dass es sich für Spieler wie sie lohnt, auch an das Unmögliche zu glauben.

Aber ich glaube in erster Linie zeigt Twitter, dass Nielsen sehr sympathisch ist. Alle die ihn kennen scheinen ihn zu mögen.

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Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de