Montag, 2. Juli 2012

Das unermessliche Glück der Brüder Ratiwatana

Bevor wir zu unserem heutigen Thema kommen, lassen wir kurz den 26-jährigen Lukas Rosol aus Tschechien hochleben, den ersten Spieler mit dreistelliger Weltranglistenposition, der jemals bei einem Grand-Slam-Turnier Rafael Nadal geschlagen hat. Über ihn ist in den vergangenen Tagen so viel gesagt und geschrieben worden, dass ich nichts weiter hinzufügen kann – außer vielleicht noch das bemerkenswerte Details, dass er trotz seines Husarenstücks vom Donnerstag auf Ranglistenplatz 100 verharren wird: Die dritte Runde, die er in Wimbledon erreicht hat, bringt ihm 90 Punkte. Gleichzeitig verliert er 125 Punkte vom Challenger in Braunschweig, das er vor genau einem Jahr gewann. Rafael Nadals Chancen stehen also gut, dass er beim nächsten Grand-Slam-Turnier nicht wieder gegen Rosol spielen muss. Denn vielleicht steht er bei den US Open gar nicht im Hauptfeld, sondern muss durch die Qualifikation.

Apropos Qualifikation: In Wimbledon gibt es – und das ist einmalig auf der Profi-Tour – nicht nur eine Qualifikation fürs Einzel, sondern auch fürs Doppel. Unter anderem gelangte das deutsche Duo Matthias Bachinger/Tobias Kamke über die Qualifikation ins Hauptfeld, wo es in Runde 1 gegen die Briten Jamie Delgado und Ken Skupski ausschied. Erfolgreicher waren die 30-jährigen thailändischen Zwillinge Sonchat und Sanchai Ratiwatana. Sie verloren in der letzten Qualifikationsrunde gegen Bachinger und Kamke, gelangten aber als Lucky Loser ins Hauptfeld – wo sie erst in der zweiten Runde am Weltklassedoppel Robert Lindstedt (Schweden) und Horia Tecau (Rumänien) scheiterten.

Das wäre soweit nichts Besonderes. Bei 64 Doppel-Teams, also 128 Spielern, ist die Wahrscheinlichkeit, dass einer verletzt absagen muss – oder nach einer Erstrundenniederlage im Einzel keine Lust mehr hat, bloß fürs Doppel in London zu bleiben und deshalb eine Verletzung vorschützt – recht groß. Die Ratiwatana-Brüder aber sind nicht zum ersten Mal als Lucky Loser ins Wimbledon-Hauptfeld gekommen, auch nicht zum zweiten oder dritten, sondern zum sechsten. Dieses Glück hatten sie schon 2006, 2007, 2009, 2010 und 2011. Dass sie im Jahr 2008 keine Lucky Loser werden konnten, lag daran, dass sie damals in der Doppel-Weltrangliste weit genug oben standen für einen direkten Platz im Hauptfeld. Glück brachte ihnen das nicht: 2008 schieden sie in Runde 1 aus. Als Lucky Loser haben sie eine bessere Quote: Zwei Erstrundenniederlagen, drei Mal die zweite Runde erreicht und einmal (2010) sogar das Achtelfinale. Letzteres brachte ihnen damals jeweils 8000 britische Pfund Preisgeld ein, womit sich das Tennisspielen für die beiden tatsächlich mal finanziell rechnete.

Bemerkenswert an den Ratiwatana-Zwillingen ist nämlich auch etwas anderes: Dass sie sich seit bald einem Jahrzehnt als Doppelspezialisten in der zweiten Liga des Profitennis durchschlagen, auf der Challenger-Tour. Dort werden Preisgelder gezahlt, mit denen sich Einzel-Spieler mit Ach und Krach über Wasser halten können, sofern sie nicht zu oft in der ersten Runde ausscheiden. Sich nur aufs Doppel zu konzentrieren, ist eine Option auf der großen ATP-Tour. Auf den Challengern geht das eigentlich gar nicht. Laut offiziellem ATP-Profil von Sonchat Ratiwatana  hat er in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 9.864 Dollar Preisgeld gewonnen. Das sind 7790 Euro. Das entspricht einem Monatseinkommen von 1300 Euro. Damit kann man klarkommen. Aber nicht, wenn man Woche für Woche Flugtickets zahlen muss, um die ständig wechselnden Arbeitsplätze zu erreichen. Die Ratiwatanas spielten in diesem Jahr – in dieser Reihenfolge – auf Challengern in Noumea (Neukaledinien/Südsee), Heilbronn (Baden-Württemberg), Kazan (Tatarstan/Russland), Singapur, Kyoto (Japan), Pinggui (China), Kaohsiung (Taiwan), Busan (Korea), Fergana (Usbekistan) und Nottingham (England). Drei von diesen Challengern haben sie gewonnen. Bei einem weiteren erreichten sie das Finale. Trotzdem kam nicht viel Preisgeld zusammen. Und so geht das Jahr für Jahr.

Ein einziges Mal habe ich die Ratiwatanas spielen sehen. Das war 2006 im Davis-Cup gegen Deutschland. Ich fand sie unfassbar schwach und fragte mich, wie es ihnen überhaupt gelingt, sich auf der Challenger-Tour zu behaupten. Eine Erklärung könnte sein, dass sie dort oft auf Gegner treffen, die sich eigentlich aufs Einzel konzentrieren und sich im Doppel nicht voll reinhängen. Denn andere Doppelspezialisten gibt es ja nur wenige auf der Challenger-Tour. Eine andere Erklärung könnte natürlich auch sein, dass die Ratiwatanas normalerweise besser spielen als bei jenem 1:6, 2:6, 0:6 im Davis-Cup gegen Michael Kohlmann und Alexander Waske. Dafür spricht, dass sie regelmäßig die eine oder andere Runde in Wimbledon überstehen.

Aber wie finanzieren sie sich nun ihr kostspieliges Hobby? Ende 2007 und Anfang 2008 haben sie immerhin mal zwei kleinere ATP-Turniere gewonnen, zu Hause in Bangkok und dann in Chennai (Indien). Die Preisgelder: einmal 13.000 Dollar und einmal 10.000 Dollar pro Person. Für ein gutes Jahr standen sie in der Weltrangliste gut genug, um regelmäßig an Turnieren der ATP-Welttour teilnehmen zu können, was ausreicht, um über die Runden zu kommen. Aber all die anderen Jahre? In einem Interview erzählten sie einmal, dass ihre Familie große finanzielle Opfer gebracht habe, um ihnen ihre Tennis-Karriere zu ermöglichen. Wahrscheinlich gibt es in der großen weiten Welt eine ganze Reihe Tennisspieler, die im Doppel ebenso gut sind wie die Ratiwatanas, die aber von nirgendwoher das Geld bekommen, jahrelang um die Welt zu reisen.

Die Zwillinge aus Thailand sind sehr glückliche Verlierer. Ich finde es trotzdem großartig, dass es im Tennis-Zirkus solche Exoten wie die Ratiwatanas gibt.

Hier das ATP-Profil von Sonchat Ratiwatana
und das von Sanchai Ratiwatana

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Super-Story Ove, vielen Dank!

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Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de