Sonntag, 3. Juni 2012

Rettet die Marathon-Matches!

Ob Martina Navratilova an ihr Wimbledon-Halbfinale 1980 gedacht hat? Damals verlor sie, nachdem sie den ersten Satz noch gewonnen hatte, in drei Sätzen gegen Chris Evert mit 6:4, 4:6, 2:6. Navratilova hatte ein Marathon-Halbfinale in den Knochen: 7:6, 1:6, 10:8 gegen Billie Jean King. Chris Evert hingegen war mit einem lockeren 6:1, 6:1 über Andrea Jaeger durchs Viertelfinale gerauscht. Für Navratilova muss das Aus im Halbfinale schmerzhaft gewesen sein. Sie war damals Weltranglistenerste und hatte in den beiden Vorjahren in Wimbledon jeweils den Titel geholt.

Vielleicht ist das eine Überinterpretation, und Navratilova hat diese Schmach längst abgehakt. Sie hat sich aber in dieser Woche mit einer solchen Vehemenz dafür stark gemacht, bei Grand-Slam-Turnieren den Tie-Break im entscheidenden Satz einzuführen, dass ich dachte: Die Frau muss aus Erfahrung sprechen. Die einzige Erfahrung, die ich auf die Schnelle in den alten Ergebnislisten entdecken konnte, war jenes Wimbledon-Halbfinale 1980. Dabei ist den Frauen ja eigentlich alles halb so wild. Die spielen auch bei Grand Slams nur auf zwei Gewinnsätze und nicht wie die Männer auf drei. (Ob diese Unterscheidung sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt.)

Das French-Open-Zweitrundenmatch zwischen Paul-Henri Mathieu (Frankreich) und John Isner (USA) am Donnerstag dauerte 5 Stunden und 41 Minuten. Es war das zweitlängste in der Geschichte des Turniers. Mathieu gewann mit 6:7, 6:4, 6:4, 3:6, 18:16. Im Vergleich zum Elf-Stunden-Match, das derselbe Isner in Wimbledon 2010 gegen Nicolas Mahut mit 70:68 im fünften Satz gewann, war das ein Klacks. Martina Navratilova, als Fernsehkommentatorin in Paris vor Ort, startete noch während des Spiels auf Twitter eine Kampagne für den Tie-Break – unterstützt unter anderem von John McEnroe und mit Argumenten, die es wert sind, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Hier eine kleine Auswahl ihrer Tweets aus den letzten paar Tagen:

- „The players need to have more of a say about the length of matches as it is their health which is at stake here...“
- „No tie breaks was the tradition, that doesn't make it right. Whoever wins this match is cooked for the next one, you can't train for this.“
- „And why is it ok to have the final set TB at the us open but not the other slams?“
- „Maybe a tiebreak at 12-12, so at least there is a finish line and the winner has a chance to go on in the tournament.“
- „Very few matches go to 12 all in final set and with a tiebreak at least the winner has a chance in the next match.“

Sie bemängelt also, dass ein Spieler, der ein Marathon-Match gewonnen hat, in der nächsten Runde praktisch schon als Verlierer feststeht, weil er mit seinen Kräften am Ende ist. Spontan würde ich sagen, mit dieser Problembeschreibung liegt sie richtig. Allerdings habe ich keine statistische Auswertung zur Hand, die dies belegt. John Isner verlor nach dem Elf-Stunden-Match seine nächste Begegnung tatsächlich glatt. Dauerhaft geschadet hat es ihm nicht; er ist – ebenso wie Mahut – heute ein besserer Spieler als noch vor zwei Jahren. Paul-Henri Mathieu hat in dieser Woche sein Match nach dem Marathon zwar verloren, es hätte aber auch anders ausgehen können. Gegen Marcel Granollers (Spanien) verlor er die ersten beiden Sätze, gewann den dritten und vierten – und erst, als es dann wiederum in einen fünften Satz ging, verließ ihn die Kraft und er ging mit 1:6 unter.

Ich war versucht, Martina Navratilova zuzustimmen, habe mich aber eines Besseren besonnen. Natürlich ist es ärgerlich für einen Spieler, wenn er geschlaucht in die nächste Runde geht. Aber im Profisport geht es eben nicht nur darum, was für die Spieler das Beste ist. Sie spielen ja nicht für sich, wie es Amateure tun. Sie spielen für das Publikum. Das ist ihr Beruf. Matches, die ewig dauern, sind unvergesslich. Und unvergessliche Momente sind wichtig für einen Zuschauersport. Das erste Tennismatch, an das ich mich aus meiner Kindheit erinnere, war das Daviscup-Match zwischen Michael Westphal (Deutschland) und Tomas Smid (CSSR) im Herbst 1985, das Westphal mit 17:15 im fünften Satz gewann. Ich erinnere mich zwar auch daran, wie Boris Becker wenige Monate zuvor Wimbledon gewann, und ohne diesen Wimbledonsieg hätte ich mir das Westphal-Match gar nicht angesehen, geschweige denn, dass es in voller Länge im Fernsehen übertragen worden wäre. Aber während Beckers ungefährdetem Wimbledon-Finale hatte ich noch nicht einmal die Spielregeln ganz verstanden. Erst nach Michael Westphals Sechs-Stunden-Match wusste ich alle wesentlichen Dinge über Tennis, die man als Fan wissen sollte. Nur wie ein Tie-Break funktioniert, das wusste ich noch nicht. Aber das lernte ich dann bald auch noch.

Hier die Ergebnisse von den French Open

1 Kommentar:

Mahqz hat gesagt…

Würde gerne irgendwo "Gefällt mir" klicken. ;)

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