Montag, 18. Juni 2012

Live aus Halle/Westfalen


Ein symbolisches Bild. Diese Szene beendete heute das Endspiel im altehrwürdigen Londoner Queen's Club. David Nalbandian, der das Schienbein eines Linienrichters, den er wohl eigentlich gar nicht treffen wollte, blutig trat, wurde disqualifiziert. Immerhin bekamen die Zuschauer damit eine unvergessliche Szene geboten, das tröstet aber nur mäßig darüber hinweg, dass das Turnier, das einst als die einzige echte Vorbereitung für Wimbledon galt, im Begriff ist, diese Rolle an das parallel ausgetragene Turnier in Halle/Westfalen zu verlieren.

Der eben gesehene David Nalbandian stand vor zehn Jahren im Wimbledon-Endspiel. Aktuellere Endspielteilnehmer wie Roger Federer, Rafael Nadal und Tomas Berdych spielten in Halle. Insbesondere bei Nadal liegt das auch am britischen Steuerrecht. Das aber wollen wir nicht weiter vertiefen.

Ich war am Donnerstag in Halle; es gibt heute also wieder einmal einen Vor-Ort-Bericht zu lesen. Die Reise hat sich gelohnt. Ich habe fantastische Spiele gesehen. Aber Halle/Westfalen wird so schnell nicht mein Lieblingsturnier werden. Ich wundere mich im Nachhinein, wie sehr die Fernsehreporter stets die familiäre Atmosphäre bejubeln. Dort, wo die Spieler und die Fernsehreporter sich rumtreiben, mag diese Atmosphäre herrschen: Alles schön dicht beieinander. Ich als unbedarfter Besucher hatte einen anderen Eindruck, nämlich den einen seelenlosen Retortenturniers.

Wer ein familiäres ATP-Turnier erleben möchte, der fährt nach München. Halle mit München zu vergleichen, ist ungerecht. Denn in München spielt kein Federer und kein Nadal. In München muss man keine Millionenumsätze generieren, die mit denen in Halle/Westfalen vergleichbar wären. Aber auch den Hamburger Rothenbaum zu Zeiten, als er noch den Masters-Status genoss, also auch mit Federer und Nadal aufwarten konnte, fand ich zwar nicht familiärer, aber authentischer.

Das Problem ist das Gerry-Weber-Stadion. Es ist eine Mehrzweckhalle mit Schiebedach. Wenn man in Deutschland ein Wimbledon-Vorbereitungs-Turnier ausrichten will, braucht man sowas wahrscheinlich. Bei einem Rasenturnier ist ein Dach überm Stadion wichtiger als bei einem Sandplatzturnier. Sandplatztennis kann man schließlich auch im Nieselregen spielen. Der Rasen aber darf nicht einmal leichtfeucht sein, weil er dann sofort zu rutschig wird. Außerdem darf man mit dem Zeitplan nicht zu sehr in Verzug geraten. Die Finalisten wollen ihr für Sonntag geplantes Endspiel nicht erst am Montag oder Dienstag zu Ende spielen. Sie wollen ganz schnell weiter nach London.

Ich sehe also ein, dass das Turnier von Halle/Westfalen möglicherweise nicht anders sein kann, als es ist. Und es ist eine wunderbare Sache, dass in der westfälischen Provinz ein Textilunternehmer seit 20 Jahren eine solche Veranstaltung aus dem Boden stampft. Es ist inzwischen das einzige Tennisturnier in Deutschland, auf dem man die Topstars erleben kann. Es ist auch toll, dass das Gerry-Weber-Stadion einen eigenen Bahnhof hat, so dass ich ganz bequem am Morgen in der schleswig-holsteinischen Provinz in den Zug steigen konnte und am Mittag im Stadion war.

Aber mit fehlte das Schlendern. Mir fehlte das Gefühl, auf einer großzügigen Tennisanlage herumzustöbern, wie es sonst auf Freiluftturnieren möglich ist. Der Raum um das Gerry-Weber-Stadion herum ist wahnsinnig eng. Selbst am Donnerstag, was nicht der Tag mit dem größen Besucheransturm gewesen sein dürfte, herrschte überall Gedränge. Der Rasen im Stadion wirkte auf mich wie ein Fremdkörper – einfach weil das Stadion dank seiner geschlossenen Treppenhäuser den Besucher den Eindruck vermittelt, er sei in einem Gebäude. Und in einem Gebäude erwartet man Teppich oder einen Linoleumboden, aber keinen Rasen.

Abgesehen davon hat mit der Rasen von Halle aber durchaus gefallen. Ich schließe mich gern denjenigen Beobachtern an, die sagen, dieser Rasen sei wenigstens echter Rasen und kein Bremsbelag wie seit einigen Jahren in Wimbledon. Ich habe seit langer Zeit mal wieder Serve-und-Volley-Tennis gesehen, und zwar reihenweise. Und ich habe Spieler mit einhändigen Rückhandslice-Bällen gewinnen sehen. Dass Rafael Nadal am Freitag gegen Philipp Kohlschreiber keinen Stich bekam, lag teilweise auch daran. Schon am Donnerstag gegen Lukas Lacko hatte Nadal seinen Sieg der Einfallslosigkeit seines Gegners zu verdanken. (Wenn Nadal ernsthaft vorgehabt hätte, das Turnier zu gewinnen, hätte die Spiele wahrscheinlich trotzdem anders ausgesehen.) Außerdem sei nicht verschwiegen, dass es auch in Halle echtes Freiluft-Rasentennis zu sehen gab, nämlich auf dem Nebenplatz am Fuße des Stadions. Das folgende Bild aus dem Doppel-Viertelfinale zeigt vorne Treat Conrad Huey (Philippinen) und Scott Lipsky (USA) und hinten Franticek Cermak (Tschechien) und Julian Knowle (Österreich).


Ein Turnierbericht aus Halle kann nicht auskommen ohne ein Wort zum heutigen Überraschungssieger Tommy Haas. Zwar gilt auch für Haas gegen Federer das, was Kohlschreiber gegen Nadal gilt, nämlich dass dieselbe Begegnung in Wimbledon ein ganz anderer Schnack wäre. Aber Federer hat mit mehr Engagement gespielt als Nadal. Und während die Theorie nicht ganz von der Hand zu weisen ist, Nadal habe ganz gern schon im Viertelfinale verloren, weil er bis dahin ausreichend Spielpraxis auf Rasen gesammelt hatte und nun noch ein paar Tage auf Mallorca regenerieren wollte, kann Roger Federer ein solches Motiv nicht gehabt haben. Nach dem Endspiel ist das Turnier für ihn ja ohnehin vorbei, egal ob er gewinnt oder verliert. Federer hatte heute einfach eine eklatante Vorhandschwäche und einen Gegner, der praktisch fehlerlos spielte und dank seiner Erfahrung stets wusste, was er zu tun hatte.

Nach dem Match fabulierte der ZDF-Reporter, der DOSB müsse nun über seinen Schatten springen und Tommy Haas für die Olympischen Spiele nominieren. Ein kompliziertes Thema. Damit befassten wir uns ja bereits in der vergangenen Woche.  Es sieht so aus, als sei der DOSB noch nicht ganz so willig wie erhofft, Florian Mayer von Platz 25 auf Platz 24 der „bereinigten Weltrangliste“ hochzurechnen. Ein paar Tage Zeit haben die Funktionäre noch, sich zu entscheiden. DTB-Vorstand Klaus Eberhardt klingt nicht ganz pessimistisch: „Wir befinden uns in guten Gesprächen mit dem DOSB“, zitiert ihn die „Welt“.

Aber ob Tommy Haas bei Olympia spielen darf, das entscheidet nicht der DOSB. Im Gegensatz zu Florian Mayer und Philipp Kohlschreiber ist Haas nämlich nach internationalen Regeln nicht qualifiziert. International geht es nach Weltranglistenplatzierung. Der Stichtag war am letzten Montag, also vor dem Turnier von Halle. Für einen Platz in der olympischen Herreneinzel-Konkurrenz zu bekommen, musste man ungefähr auf Platz 70 stehen. Weil der eine oder andere Spieler noch absagt oder von seinem nationalen Verband nicht nominiert wird, reicht vielleicht auch Platz 75 oder 78. Tommy Haas aber stand diese Woche auf Platz 87. Es ist nicht gänzlich ausgeschlossen, dass auch das noch für einen Startplatz reicht, aber es ist eher unwahrscheinlich. Zwar gibt es auch ein paar Extra-Startplätze, die so ähnlich wie Wild Cards vergeben werden. Diese sind gemäß dem Reglement des Tennis-Weltverbandes ITF aber vorgesehen für Länder und Weltregionen, die sonst unterpräsentiert wären. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die ITF eine solche Wild Card an einen Deutschen vergibt, wenn Deutschland einzig deshalb unterrepräsentiert ist, weil der DOSB seine anderen - sportlich qualifizierten - Spieler nicht nominiert.

Hier die Ergebnisse aus Halle im Einzel und im Doppel (PDF)

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