Sonntag, 10. Juni 2012

Endkampfchance für Florian Mayer?

In Paris sind sie nicht fertig geworden heute Abend mit ihrem historischen Endspiel, in dem entweder Rafael Nadal einen Rekord von sieben French-Open-Titeln aufstellen wird oder Novak Djokovic sich den „unechten Grand Slam“ von vier gewonnenen Grand-Slam-Turnieren in Serie holt, was bei den Männern seit dem „echten“ Grand Slam von Rod Laver 1969 niemand mehr geschafft hat.

Ein paar hundert Kilometer weiter östlich gab es ein anderes Profitennis-Turnier, und das wurde rechtzeitig fertig, obwohl sich das Finale zäh in die Länge zog. Florian Mayer gewann gestern nach mehreren vergebenen Matchbällen das Challenger-Finale von Prostejov in Tschechien gegen Jan Hajek mit 7:6, 3:6, 7:6.

Es wird kolportiert, Mayer habe nach dem letzten Ballwechsel gejubelt, als hätte er gerade Roland Garros gewonnen. Erstaunlich. Für einen Weltranglisten-35. wie ihn ist so ein Titel nichts Spekatuläres, spektakulär ist eher, dass er überhaupt nach seiner Zweitrundenniederlage in Paris gleich nach Prostejov geeilt ist sich dort tatsächlich Mühe gegeben hat zu gewinnen.

Der Grund war diesmal wohl nicht, dass er beschauliche Turniere ohne große öffentliche Aufmerksamkeit schätzt, sondern dass die vergleichsweise wenigen Weltranglistenpunkte, die in Prostejov zu gewinnen waren, die entscheidenden gewesen sein könnten, die er noch brauchte, um sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren.

Das Olympische Tennisturnier wird vom 30. Juli bis zum 5. August auf dem Rasen von Wimbledon ausgetragen. In der Einzelkonkurrenz gehen 64 Spieler an den Start. Vor diesem Hintergrund mag es verwundern, dass Florian Mayer als aktuelle Nummer 35 unbedingt noch die Punkte aus Prostejov brauchte. Es liegt an den Nominierungskriterien des Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Dort gilt nämlich nicht das oft zitierte olympische Motto „Dabeisein ist alles“, sondern es gilt: „Die Endkampfchance ist alles.“

Der DOSB nominiert einen Sportler nur dann für die Olympischen Spiele, wenn der eine Chance hat, in den Endkampf einzuziehen. Was ein Endkampf ist, das bestimmt der DOSB. Bei einem 400-Meter-Lauf gibt es da nicht viel zu bestimmen, da ist die Sache klar. Das ist der Lauf, in dem die acht Schnellsten der Welt gemeinsam um die Medaillen rennen. Im Tennis hat der DOSB bestimmt, dass das Viertelfinale der Endkampf ist. Und vor allem: Der DOSB hat bestimmt, woran man erkennt, ob ein Spieler die Chance hat, ins Viertelfinale zu kommen: Man muss auf Platz 24 der „bereinigten Weltrangliste“ vom 11. Juni (also von morgen) stehen oder innerhalb der letzten zwölf Monate vor den Olympischen Spielen schon mal ein Viertelfinale geschafft haben, und zwar bei einem Grand-Slam-Turnier. Ersatzweise reicht auch ein Halbfinale bei einem Masters-Turnier in diesem Frühjahr, also in Indian Wells, Miami, Monte Carlo, Madrid oder Rom. Diese „sportartspezifischen Nominierungskriterien“ finden sich in diesem PDF-Dokument (Tennis ab Seite 97).

Nun reichen die 125 Punkte, die Florian Mayer in Prostejov gewonnen hat, nicht aus, um ihn von Platz 35 auf Platz 24 zu katapultieren; aber in den Regeln des DOSB ist ja nicht einfach von der Weltrangliste die Rede, sondern von der „bereinigten Weltrangliste“. Bereinigt wird die Weltrangliste um alle Spieler, die gemäß den Regeln des IOC nicht für die Olympischen Spiele nominiert werden können.

Hier gibt es im Wesentlichen zwei Gründe. Erstens dürften pro Land nur vier Einzelspieler teilnehmen. Von den Spielern, die im Ranking vor Florian Mayer stehen, wird diese Regel zwei Spaniern (Feliciano Lopez und Marcel Granollers) und einem Franzosen (Julien Benneteau) zum Verhängnis. Denn es gibt vier Spanier (Rafael Nadal, David Ferrer, Nicolas Almagro, Fernando Verdasco) und vier Franzosen (Jo-Wilfried Tsonga, Gilles Simon, Gael Monfils, Richard Gasquet), die in der Rangliste besser platziert sind als die genannten drei Herren. Zweitens darf nur mitspielen, wer für sein Land auch für den Davis-Cup zur Verfügung steht. Wegen dieser Regel scheidet der Ukrainer Alexander Dolgopolov aus.

Bereinigen wir die Weltrangliste also um diese vier Plätze, rutscht Florian Mayer hoch auf Platz 25. Danach wäre er also knappestmöglich an einer Olympiateilnahme gescheitert. Möglicherweise plant der DOSB aber eine für seine sonst strengen Verhältnisse gnädige Auslegung seiner Regeln anzuwenden und wird die Rangliste auch um den derzeit verletzten US-Amerikaner Mardy Fish bereinigen, weil der für Olympia bereits abgesagt hat. Und schwupps hüpft Flo auf Platz 24 und darf nach London fahren.

Schlechter sieht es für Philipp Kohlschreiber aus. Noch steht er auf Platz 26, also vor Florian Mayer. Aber in der Weltrangliste, die morgen Abend – sofern das Roland-Garros-Finale bis dahin beendet ist – erscheinen wird, rutscht er ab auf Platz 33. Er verliert nämlich die 250 Punkte von seinem Turniersieg in Halle/Westfalen vor einem Jahr. Das überrascht auf den ersten Blick, weil das Turnier in Halle ja erst morgen anfängt und Ranglistenpunkte bekanntlich stets genau ein Jahr in der Wertung bleiben. 2011 war das Turnier aber eine Woche eher. Die Punkte verfallen also schon jetzt.
Es wäre meines Erachtens grotesk, Kohlschreiber deswegen nicht zu nominieren. Schließlich hat er mit seinem Sieg in Halle 2011 ja bewiesen, dass er auf Rasen durchaus eine Endkampfchance hat. Ich bin gespannt, ob der DOSB sich zu einer Ausnahme für Kohli hinreißen lässt.

Update am 16. Juni: Kohlschreiber sagt, der DOSB sagt ihm, kein Deutscher sei für Olympia qualifiziert. Eine offizielle Aussage vom DOSB gibt es noch nicht. So ganz einfach scheint es nicht zu sein, Flo Mayer auf Platz 24 zu rechnen.

Bei den Frauen ist die Lage deutlich entspannter. Angelique Kerber, Sabine Lisicki und Andrea Petkovic sind alle unter den ersten 24, und – soweit ich das überblicke – wird auch Julia Görges es morgen schaffen, punktgenau auf einen „bereinigen“ Platz 24 zu rutschen. Eine fünfte Deutsche wäre ohnehin nicht zugelassen. Sollte aber Andrea Petkovic nach ihrer Verletzung nicht rechtzeitig fit sein, würde der DOSB vermutlich Mona Barthel (Platz 37) nicht nachnominieren.

Und dann gibt es ja auch noch die Doppel-Konkurrenz. Was diese betrifft, hoffe ich, dass ich die DOSB-Regeln falsch verstehe. Ich verstehe sie nämlich so, dass ein Platz unter den besten 24 auf der Doppel-Weltrangliste nicht reicht, sondern dass es ein Platz unter den ersten zehn sein muss, und dass außerdem die zusätzliche Möglichkeit, sich über ein Grand-Slam-Viertelfinale oder Masters-Halbfinale zu qualifizieren, nicht besteht. Damit wären Philipp Petzschner (Nummer 18 im Doppel und amtierender US-Open-Sieger) und Christopher Kas (Nummer 22 im Doppel und amtierender Wimbledon-Halbfinalist) raus. Dabei hätten Kas und Petzschner meines Erachtens – im Gegensatz zu den deutschen Einzelspielern – tatsächlich eine Außenseiterchance auf eine Medaille.

Mit dem Gemischten Doppel beschäftigten wir uns schon im März einmal, das ist hier nachzulesen.

Hier die internationalen Nominierungskriterien für Olympia 

Und hier noch einmal die nationalen (PDF) 

Hier die Ergebnisse vom Challenger in Prostejov (PDF)

Eine Ankündigung zum Schluss: Nächste Woche gibt es an dieser Stelle einen Report aus Halle/Westfalen. Am Donnerstag bin ich da. Ich habe die leise Hoffnung, dann Rafael Nadal in Aktion zu sehen. Wenn sich das Finale in Paris noch lange hinzieht, wird er wohl absagen in Halle. Wenn nicht, spielt er vermutlich am Donnerstag sein Zweitrundenmatch, nachdem er in Runde 1 ein Freilos hat.

Kommentare:

loreley hat gesagt…

Eine bescheuerte Regelung und dazu diese Nazisprache. Endkampf.

Gut recherchiert. Ich habe nicht gewusst, wie verschieden die einzelnen Länder das handhaben.

Zack hat gesagt…

.. und wenn alle Länder so strenge Kriterien anlegen würden wie Deutschland, würde überhaupt keine vernünften Wettbewerbe zustande kommen. Das Tennisturnier hätte statt 64 nur 25 Teilnehmer: Die ersten 24 der "bereinigten Weltrangliste" und Andy Roddick, weil der bei den US Open im Viertelfinale war.

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