Sonntag, 24. Juni 2012

Cedrik-Marcel Stebe hat eine bemerkenswert niedrige Boris-Becker-Zahl

Ab morgen versuchen wieder 128 Männer, Wimbledon zu gewinnen. Ein einziger ist darunter, der die Boris-Becker-Zahl 1 hat: Lleyton Hewitt.

Die Boris-Becker-Zahl (BBZ) ist so etwas ähnliches wie die Kevin-Bacon-Zahl. Die Kevin-Bacon-Zahl, deren Genese sich bis ins Jahr 1994 zurückverfolgen lässt, gibt die Länge der kürzesten Kette von Schauspielern, die gemeinsam in einem Film spielen, zu Kevin Bacon an. Wer also mit Kevin Bacon in einem Film gespielt hat, hat die Kevin-Bacon-Zahl 1. Wer mit jemandem in einem Film gespielt hat, der schon mal mit Kevin Bacon in einem Film gespielt hat, hat die Kevin-Bacon-Zahl 2 usw. So hat zum Beispiel Hape Kerkeling die Kevin-Bacon-Zahl 3, weil er 1993 in seinem eigenen Film „Kein Pardon“ zusammen mit Regine Hentschel spielte, die wiederum 2010 in „The Ghost Writer“ (2010) mit Eli Wallach spielte, der wiederum 2003 in „Mystic River“ mit Kevin Bacon vor der Kamera stand. Das habe ich nicht alleine rekonstruiert. Sowas ermittelt man auf dieser Webseite.

Es wird höchste Zeit, dieses Konzept ins Welttennis einzuführen. Und wer würde sich als Anker dieses Systems, gerade wo Wimbledon vor der Tür steht, besser eignen als Boris? Wer je gegen Boris Becker spielte, hat die BBZ 1. Wer gegen jemanden spielte, der je gegen Boris Becker spielte, hat die BBZ 2 usw.

Ganz nebenbei können wir dabei versinnbildlichen, dass seit Boris Abschied vom aktiven Sport genau eine Tennisgeneration vergangen ist. Noch vor wenigen Jahren liefen haufenweise Profis auf den Center Courts der Welt rum, die noch selbst gegen Boris Becker gespielt hatten: Nicolas Kiefer, Carlos Moyá, Marat Safin, Fabrice Santoro, Jonas Björkman. Inzwischen ist Lleyton Hewitt der einzige – es sei denn, wir zählen den 37-jährigen George Bastl mit, der am letzten Wochenende in 's Hertogenbisch zum ersten Mal in diesem Jahr in einem ATP-Qualifikationswettbewerb auftauchte, wo er glatt gegen den späteren Finalisten Philipp Petzschner verlor. Bastl (der auch die Pete-Sampras-Zahl 1 hat) verlor 1998 in Gstaad gegen Becker.

Hewitt ist 31 Jahre alt, und damit noch längst nicht der Methusalem unter den Tennisprofis. Aber er hat schon mit 16 Jahren angefangen, große Turniere zu spielen. Mit 18 Jahren (1999) verlor er in der dritten Runde von Wimbledon gegen Boris in drei Sätzen.

Die Mehrheit der Spieler, die ab morgen im Wimbledon-Hauptfeld spielen, hat die BBZ 2. Wer schon ein paar Jahre auf der Profitour unterwegs ist, hat irgendwann – wenn nicht gegen Lleyto Hewitt – dann doch gegen einen der anderen oben genannten Haudegen wie Safin oder Moya gespielt. Novak Djokovic zum Beispiel spielte erst in diesem Jahr bei den Australian Open gegen Hewitt, Rafael Nadal 2010 bei den French Open, Roger Federer 2011 im Davis-Cup. Federer gehört zwar demselben Jahrgang wie Hewitt an (1981), aber als Hewitt in Wimbledon gegen Boris antrat, stand Federer noch auf Platz 699 der Weltrangliste, womit er weit davon entfernt war, auch nur an der Wimbledon-Qualifikation teilnehmen zu dürfen.

Der in der Weltrangliste bestplatzierte Spieler mit einer BBZ größer als 2 ist der Ukrainer Alexandr Dolgopolov auf Platz 21. Dolgopolov ist Jahrgang 1988. Er ist in dem Alter, in dem es losgeht, dass die BBZ 2 nichts Selbstverständliches mehr ist. Von den Spielern im Wimbledon-Hauptfeld, die 1990 oder später geboren sind, habe ich nur zwei mit BBZ 2 gefunden. Einer davon ein Deutscher: Cedrik-Marcel Stebe verlor in diesem Januar ein spannendes Viersatzmatch in der Rod-Laver-Arena von Melbourne gegen Lleyton Hewitt. Der zweite 1990er mit BBZ 2 ist Milos Raonic. Auch er verlor in diesem Januar in Melbourne gegen Hewitt.

Außerhalb des Wimbledon-Hauptfeldes gibt es noch ein paar weitere Spieler aus den 90ern mit BBZ 2. Ze Zhang zum Beispiel, der neulich in Halle als erster Chinese seit sieben Jahren außerhalb seines Heimatlandes ein ATP-Match gewann. Er spielte in diesem Jahr im Davis-Cup gegen Australien – und unterlag Hewitt. Ein paar andere Nachwuchskräfte, unter ihnen der Niedersachse Jaan-Frederik Brunken, trafen in Challenger-Qualifikationen auf George Bastl.

Die BBZ lässt sich in natürlich nicht nur auf Spieler in der Gegenwart anwenden. Auch historische Gestalten haben eine BBZ. Die von Gottfried von Cramm ist 4. Das ist jedenfalls die Zahl, zu der ich auf der dürren Basis der mir vorliegenden Ergebnisse aus der Mitte der vergangenen Jahrhunderts gelange. Die Reihe geht so: Cramm – Drobny - Rosewall – Connors – Becker. 1951, im Alter von 41 Jahren, nahm Cramm zum letzten Mal an Wimbledon teil und verlor in Runde 1 gegen den späteren Turniersieger Jaroslav Drobny. Drobny gewann den Titel auch 1954, als er im Endspiel den damals 19-jährigen Ken Rosewall schlug.  Rosewall wiederum verlor 1974 – mit 39 Jahren – das Wimbledon-Finale gegen Jimmy Connors (und spielte in den 70ern auch noch eine Reihe weiterer Matches gegen Connors). Connors wiederum spielte sechs Mal gegen Boris (und verlor immer), zuletzt 1992 in Indianapolis.

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