Sonntag, 20. Mai 2012

Tennisgedichte 4: "Vergleich"

Die Liebe gleicht dem Tennisspiel,
Denn in gar manchem Falle
Hängt gute Chance und das Glück
Nur ab von einem Balle

Schweini weiß, dass dies nicht nur für den Tennissport gilt... Das dramatische Ende des Champions-League-Finales gestern Abend in München soll uns Anlass sein, mit der im Winter begonnenen Serie von Tennis-Gedichten fortzufahren.

Ich kann nicht sagen, dass mich dieses Gedicht von Martha Lasker besonders tief berührt. Es ist recht schlicht. Der zentrale Gedanke, der Vergleich zwischen Glück und Pech im Sport mit dem in der Liebe, ist nicht schlecht, vielleicht war er zu Beginn des 20. Jahrhunderts sogar ein bisschen originell. Viel draus gemacht hat die Dichterin nicht. Wenn wir das Wort „Chance“ zweisilbig aussprechen („Schong-se“), stimmt immerhin das Versmaß (Jambus).

Dennoch – Martha Lasker brachte es zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts unter dem Pseudonym „L. Marco“ zu einer gewissen Berühmtheit. Wenn dem Leser der Name Lasker in Zusammenhang mit Gedichten bekannt vorkommt, liegt dies vermutlich weniger an Martha (1867-1942) als an ihrer Schwippschwägerin Else Lasker-Schüler (1869-1945), die zu Recht sehr viel berühmter ist. Von Else Lasker-Schüler habe ich bisher kein Tennisgedicht entdeckt. Falls jemand eines kennt, bitte melden! Überhaupt bin ich dankbar für Hinweise auf Gedichte für diese Serie. Den Namen Lasker haben beide Dichterinnen von ihren Ehemännern, den Brüdern und Schachmeistern Emanuel (1868-1941) und Bertold Lasker (1860-1928).

Während Else die bessere Dichterin war, war Marthas Mann Emanuel der bessere Schachspieler: der bislang einzige deutsche Weltmeister, und das über einen Zeitraum von 27 Jahren. Beim Blick auf das oben zitierte Gedicht ist dieser Aspekt interessant. Ihr Mann war Meister eines Sports, in dem gute Chance und das Glück nicht abhängt von einem Balle - oder einem Zuge. Natürlich kann ein unbedachter Zug ein ganzes Spiel vermasseln, aber dann gilt stets: Das hätte man vorher wissen können, hätte man nur weit genug gedacht. Einfach mal draufhauen und hoffen, dass der Ball unerreichbar auf die Linie klatscht und nicht dicht daneben, das ist eine Methode, die ich zwar beim Schachspielen auch schon mal – mit großem Spaß - angewandt habe, aber ich bin ja auch weit entfernt von jeder Meisterschaft.

Was wiederum bedeutet dieser Vergleich zwischen Tennis und Schach für die Liebe? Und was für das Champions-League-Finale, das Chelsea mit Rasenschach und viel Glück gewann? Und was hat das alles mit dem sowjetischen Tennis-Altmeister Andrei Chesnokov zu tun, dem man nachsagte, er spiele Asche-Schach? Vielleicht stecken ja doch noch Abgründe in diesen schlichten vier Zeilen Martha Laskers.

(Das Gedicht ist zitiert aus dem Band „Unartige Musenkinder“, herausgegeben von Richard Zoozmann, Leipzig 1914)


Hier die bisherigen Folgen der Tennisgedichte-Serie:

1.) „Wimbledon 1997“ von Dirk von Petersdorff
2.) „So eine kleine Fin-de-Siècle-Krabbe“ von Arno Holz
3.) „Steffi-Graf-Gospel“ von Robert Gernhardt

Kommentare:

loreley hat gesagt…

Klar stecken da Abgründe drin.

Kennst Du den Film "Matchpoint" von Woody Allen?

Tennis in der Literatur. Tennis im Film. Tolstoi war der erste der ein Tennismatch in einen Roman einbaute. Er hat selbst gern gespielt.

Und wie oft kommt Tennis bei Hitchcock vor!

Zack hat gesagt…

Der Gedanke an sich, das Schicksalhafte eines einzelnen Balls im Tennis, hat natürlich Abgründe. Ich finde nur nicht, dass das Gedicht viel draus macht.

Beliebte Posts

Impressum

Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de