Montag, 7. Mai 2012

Live vom ATP-Turnier in München

Den dicken grauen Kapuzenpullover, den ich mir auf meiner letzten Turnierreise nach München bibbernd kaufte, konnte ich diesmal zu Hause lassen. Stattdessen hatte ich Sonnenbrille und Sonnencreme im Gepäck. Was ich – anders als viele andere Turnierbesucher - nicht dabei hatte, waren kurze Hosen. Der Himmel über München war tiefblau am Montag und am Dienstag.

Das Wetter war nicht die einzige Sache, die bei den BMW Open 2012 anders war als vor zwei Jahren. Auch der Biersponsor hat gewechselt. Als es am späten Nachmittag Zeit für eine Erfrischung war, musste ich feststellen, dass es kein bayerisches Helles gab wie sonst, sondern nur die weißglasigen Flaschen einer mexikanischen Stylo-Marke. Ich war so entrüstet, dass ich spontan auf Alkoholkonsum während des Turniersbesuchs komplett verzichtete. Dabei habe ich in anderen Zusammenhängen eigentlich gar nichts gegen Corona.

Apropos Sponsoren: Die sind in München sehr, sehr präsent. Deutlich präsenter als auf den anderen ATP-Turnieren, die ich bisher besucht habe. Das geht schon auf der Straße los. Um zum Besuchereingang zu gelangen, muss man sich erst einmal an einer Reihe ostentativ abgestellter Luxuslimousinen aus der Herstellung des Hauptsponsors vorbeischlängeln. Hat man es auf das Turniergelände geschafft, wartet die nächste Hürde: Man muss den Center Court finden. Mittlerweile war ich ja schon ein paar Mal auf diesem Turnier und weiß, dass ich erst rechtsrum muss und mich dann halblinks zu halten habe. Bei meinem ersten Besuch war das aber eine echte Herausforderung, und das wird es für Turnier-Neulinge auch diesmal wieder gewesen sein. Zuerst geht man an Dutzenden von weißen Zelten vorbei, in denen irgendwelche Sachen verkauft werden und die einen praktischen Nutzen wirklich nur bei meinem Besuch vor zwei Jahren hatten, als ich in einem dieser Zelte besagten grauen Kapuzenpullover bekam. Hat man den Weg durch die Zeltstadt gefunden, gelangt man zur Fressmeile, deren praktischen Nutzen ich nicht bestreiten möchte, auch wenn ich mir ein anderes Bier gewünscht hätte.

Hinter der Fressmeile sieht man linkerhand ein großes zweistöckiges weißes Gebilde und denkt sich: Das ist so groß, das wird was mit dem Center Court zu tun haben. Geht man hin, stellt man aber fest: Das ist das VIP-Zelt. Man findet das VIP-Zelt leichter als den Center-Court! Da lobe ich mir den Hamburger Rothenbaum, an dem das VIP-Zelt so gut versteckt ist, dass der herkömmliche Besucher gar nicht merkt, dass es überhaupt eins gibt. Vor dem VIP-Zelt findet man den so genannten Platz 4, der eigentlich Platz 2 heißen müsste, weil er der zweitwichtigste Platz nach dem Center Court ist. Auf ihm fanden diesmal einige Spiele statt, die interessanter waren als die auf den Center Court, aber dazu gleich mehr.

Hinter dem VIP-Zelt gibt es weitere Plätze, die aussehen wie reine Trainingsplätze, also gar keine Zuschauerränge haben. An denen kann man einfach vorbeischlendern, stehen bleiben und den Profis ganz aus der Nähe zuschauen. Dort finden nur wenige Matches statt und ab der zweiten Runde gar keine mehr. Eine Vorstellung davon, wie das aussieht, vermittelt diese Bilderserie im Blog von Loreley aus dem Match von Ernests Gulbis (Lettland) gegen Xavier Malisse (Belgien).

Jetzt aber wenden wir uns dem Platz 4 zu, dem großen Nebenplatz mit richtigen Tribünen. Dieser Platz war völlig überlaufen, als ich am Montag eintraf. Dort spielte nämlich Publikumsliebling Dustin Brown. (Mehr über den Mann steht hier) Dass der Deutsch-Jamaikaner ein Publikumsliebling ist, schien den Turnierveranstaltern um Direktor Patrik Kühnen nicht ganz klar zu sein, sonst hätten sie seine Spiele vielleicht auf dem Center Court angesetzt, der zeitgleich halbleer war. Außerdem hätten sie ihm vielleicht eine Wild Card gegeben. So musste er sich als Nummer 159 der Welt durch die Qualifikation spielen, was er locker schaffte. Weil Platz 4 so überlaufen war, hatte ich Schwierigkeiten, wirklich viel von Brown zu Gesicht zu bekommen. Was ich sah, war okay, manchmal auch ein bisschen spektakulär – zum Beispiel, als er mit wehendem Haarschopf zum Schmetterball in die Luft stieg, sich unterwegs entschloss, den Ball lieber nicht zu schlagen, sondern ins Aus fliegen zu lassen, und dann sekundenlang in der Luft zu stehen schien, als er dem Ball hinterhersah, um sich zu vergewissern, dass er tatsächlich ins Aus fliegt. Trotzdem glaube ich: Hätte er aschblondes Haar, wäre sein Spiel kaum jemandem aufgefallen. Brown hat ein gutes Turnier gespielt. Er kam – wie schon im vergangenen Jahr – im Einzel in die zweite Runde. Im Doppel erreichte er an der Seite von Alexander Waske das Halbfinale.

Apropos Waske. Der war nicht nur als Spieler im Einsatz, sondern auch als Coach. Als sein Schützling Cedrik-Marcel Stebe in Runde 1 gegen Sergiy Stakhovsky (auf Platz 4) spielte, saß Waske in der ersten Reihe der Zuschauerränge mit demselben hochkonzentriertem Blick, den er hat, wenn er selber auf dem Platz steht. Stebe, 21 Jahre, Nummer 91 der Welt und eine der wenigen Nachwuchshoffnungen, die das deutsche Tennis derzeit hat, verlor mit 6:7 und 3:6. Für ihn wäre mehr drin gewesen, wenn er einen Weg gefunden hätte, Stakhovskys Aufschläge zu returnieren. Weil er die Bälle aber meist nur mühsam im hohen Bogen zurückschlug, konnte Stakhovsky lässig ein sehr elegant aussehendes Serve-und-Volley-Tennis spielen, was man heutzutage ja nicht mehr oft zu sehen bekommt und was mir durchaus gefiel.

Ein anderes Spiel auf Platz 4, das mir gefiel, war das Erstrunden-Doppel von Michael Kohlmann und Jamie Murray gegen Marcos Baghdatis und Michail Juschni. Kohlmann/Murray gewannen im Match-Tiebreak mit 6:7, 6:2, 11:9. Ich bin während dieses Matches zum Jamie-Murray-Fan geworden. Bisher dachte ich immer: Das ist halt der große Bruder von Andy Murray, und der spielt halt Doppel auf der Tour, weil er es im Einzel nicht kann. Dass er schaffte, was sein Bruder bisher vergeblich versucht, nämlich Wimbledon zu gewinnen, habe ich nie ernst genommen. Es war ja nur im Mixed (2007 mit Jelena Jankovic). Im Moment ist Jamie Murray die Nummer 39 der Doppel-Weltrangliste. Würde er nicht ab und zu erfolgreich mit seinem Bruder spielen (die beiden haben zum Beispiel das 500er-Turnier von Tokio gewonnen), stünde er deutlich weiter hinten. Jamie Murray ist kein begnadeter Vorhand- und Rückhandspieler, aber er hat, wenn er zum Volley am Netz steht, einen fantastischen Blick dafür, wohin der Ball muss und ob der Ball, der vom Gegner kommt, ins Aus geht oder nicht. Mit seinen 26 Jahren ist er für Doppel-Verhältnisse ein junger Hüpfer. Mit ihm wird in den kommenden Jahren noch zu rechnen sein.

Aber jetzt zum Center Court. Ich weiß ja inzwischen, wo man ihn findet, also konnte ich mir auch dort ein paar Spiele ansehen. Zum Beispiel das von Matthias Bachinger gegen Alejandro Falla aus Kolumbien. Bachinger kam – wie man so schön sagt – mit der Empfehlung einer Halbfinalteilnahme in Bukarest nach München. Sein Erstrundenmatch gegen Falla, der als Nummer 55 der Welt formal favorisiert war, gewann er relativ locker mit 7:6, 6:2. Das geschah vor den erwähnten halbleeren Rängen, während nebenan Dustin Brown gegen den Bukarest-Viertelfinalisten Daniel Brands gewann. Bachinger spielte zwar nicht spektakulär, aber sehr ballsicher. Auch wenn er in der zweiten Runde gegen den späteren Finalisten Marin Cilic verloren hat, glaube ich im Moment: Bachinger wird sich in diesem Jahr auf der ATP-Tour etablieren. Nach München ist er immerhin wieder unter den Top 100. Er spielte wie jemand, der sich ungefähr auf Platz 60-70 einreihen könnte. Außerdem auf dem Center Court: Tommy HaasMichael Berrer 6:0, 6:2. Ja, solange Haas unverletzt bleibt, ist er immer noch vorne dabei. Nach Berrer schlug er keinen Geringeren als Jo-Wilfried Tsonga und dann Marcos Baghdatis. Im Halbfinale gegen Cilic zwickte dann sein Rücken. Den Sieg über Tsonga darf man sicher nicht zu hoch hängen. Tsonga wird nach München gekommen sein, um vor den French Open unter Mitnahme eines Antrittsgeldes ein paar Bälle unter Wettkampfbedinungen zu schlagen, mehr nicht. Trotzdem ist es beachtlich, was Tommy Haas hier gezeigt hat.

Außerdem sei Bernard Tomic erwähnt, der 19-jährige Australier, der mit drei Jahren mit seinen kroatischen Eltern von seiner Geburtstadt Stuttgart ans andere Ende der Welt umzog. Spätestens seit seinem Wimbledon-Viertelfinale im vergangenen Jahr gilt er als einer der kommenden Stars, und auch wenn für ihn in München im Viertelfinale gegen Feliciano Lopez Schluss war, gilt er das wohl nicht zu Unrecht. Ich sah ihn im Erstrundenmatch gegen Oliver Rochus (Belgien). Tomic war manchmal etwas ungestüm wie weiland Marat Safin, aber Safin hat ja mit seiner ungestümen Art auch so manchen Gegner plattgemacht. Kommende Grand-Slam-Finals zwischen Tomic und dem sehr rational spielenden Milos Raonic könnten echte Klassiker werden.

Den späteren Turniersieger Philipp Kohlschreiber habe ich nicht zu Gesicht bekommen. Er hatte sein erstes Spiel erst, als ich München schon wieder verlassen hatte. Was ich heute vom Livestream aus dem Finale sah, machte einen sehr ordentlichen Eindruck. In der Weltrangliste von diesem Montag ist er als Nummer 25 nur noch einen Platz hinter dem schwächelnden bestplatzierten Deutschen Florian Mayer auf Rang 24 und wird ihn sicher in den kommenden Wochen überholen. Kohli spielt, nachdem er sich von Andy Murrays Ex-Trainer Miles MacLagan getrennt hat, eine starke Saison und könnte endlich sein Ziel erreichen, die Top 20 zu knacken.

Hier die Ergebnisse aus München im Einzel 
 und im Doppel

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