Sonntag, 27. Mai 2012

In zehn Stunden zum Davis-Cup nach Gijón

Die älteren unter den geneigten Lesern werden sich an den Nichtangriffspakt von Gijón erinnern. Das Vorrundenspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 1982 zwischen Deutschland und Österreich.

Für die Jüngeren hier ein kleiner Exkurs, bevor wir uns dem eigentlichen Thema, dem Davis-Cup-Halbfinale 2012, zuwenden. Deutschland gewann das besagte Spiel mit 1:0. Nachdem in der 11. Minute Horst Hrubusch Deutschland in Führung gebracht hatte, geschah auf dem Platz nichts mehr, außer dass die Spieler 80 Minuten lang den Ball im Mittelfeld herumschoben. Hätten die Österreicher ausgeglichen, wäre Deutschland ausgeschieden und Algerien wäre weitergekommen. Hätten die Deutschen zwei weitere Tore geschossen, wäre Österreich ausgeschieden und Algerien weitergekommen. Die Kommentare zu diesem Spiel gehören zu meinen Lieblingsstellen in der CD-Sammlung „5 Jahrzehnte Fußball im Originalton“, die der Hessische Rundfunk 2000 herausgegeben hat.

Darauf hört man den österreichischen Torwart Friedl Koncilia seinen verschnarchten Mitspielern zurufen: „Ihr schlafts ja ei!“

ARD-Radioreporter Armin Hauffe spricht den folgenden grammatikalisch einwandfreien Schachtelsatz ins Mikrofon: „Und ich bin schon der Meinung, dass der Deutsche Fußballbund nach diesem Spiel insbesondere der ausländischen Öffentlichkeit, aber auch uns allen in der Bundesrepublik, eine Erklärung schuldig sein wird, denn der Schaden, der dem deutschen Fußball hier von seinen Akteuren – über die Österreicher wollen wir gar nicht mehr reden, das ist im Augenblick deren eigenes Problem – zugefügt wurde, der ist beträchtlich, ganz ohne Frage.“

Bundestrainer Jupp Derwall gibt nach dem Spiel den Medien die Schuld: „Wenn man eine Mannschaft, die Sport betreibt und Leistungen erzielen soll und muss aufgrund des Drucks, der ausgeübt wird über die Öffentlichkeit, die Presse und so weiter, dann wird man demnächst überhaupt keine guten Spiele mehr sehen.“

Dieses Spiel ist der Grund dafür, dass seit 1986 die letzten Spiele jeder WM-Vorrundengruppe stets parallel ausgetragen werden. Denn nur weil das Spiel zwischen Algerien und Chile schon beendet war, wussten Deutsche und Österreicher genau, welches Ergebnis bei ihren herauskommen musste, damit beide weiterkommen. Die Stadt Gijón ist also eine sporthistorische Stätte von Weltrang.

Inzwischen stellt sich in Zusammenhang mit dem Nichtangriffspakt eine ganz andere Frage: Wie sind die Spieler, Trainer, Funktionäre, Reporter und Schlachtenbummler damals 1982 eigentlich nach Gijón gekommen? Glaubt man dem Tennis-Weltverband ITF, dann muss es eine sehr beschwerliche Reise gewesen sein. (Vielleicht war das der Grund für die mäßige Leistung auf dem Platz?) 1982 war die Infrastruktur in Asturien gewiss nicht besser als 2012. Und selbst heute, meint die ITF, liege Gijón in einem derart abgelegenen Winkel des spanischen Königreichs, dass dort kein Davis-Cup-Halbfinale ausgetragen werden darf. Von dieser Einschätzung wurde der spanische Tennisverband gestern überrascht. Die ITF hat Gijón als Spielstätte für die Begegnung gegen die USA vom 14. bis zum 16. September abgelehnt und dabei auf ihre Statuten verwiesen, nach denen nur eine „major city or heavily populated area of the country with an easily accessible airport“ in Frage komme.

Als ich davon las, erinnerte ich mich sofort an die Davis-Cup-Erstrundenbegegnung 2009 zwischen Deutschland und Österreich in Garmisch-Partenkirchen. Dieser Ort ist nicht nur keine „major city“, er ist überhaupt keine Stadt. Von München aus benötigte ich weitere zwei Stunden mit der Regionalbahn bis nach Garmisch. Ich vermutete zunächst, dass für ein Halbfinale strengere Vorschriften gelten als für eine Erstrundenbegegnung. Ein Blick ins Davis-Cup-Regelbuch zeigt aber, dass eine solche Unterscheidung nicht vorgesehen ist. In Spanien verweist man zudem aufs Davis-Cup-Halbfinale 2009 zwischen Kroatien und Tschechien 2009 in Porec, das mit 17.000 Einwohnern 16 Mal kleiner ist als Gijón (277.000).

Auf der Liste von Spaniens größten Städten rangiert Gijón auf Platz 15. Ob das reicht, um eine „major city of the country“ zu sein, ist Interpretationssache. Der spanische Tennisverband hat Widerspruch gegen den Ablehnungsbescheid des ITF eingelegt. Am Dienstag wird darüber entschieden. Vielleicht hilft es ja, wenn man darauf hinweist, dass es gar nicht so schlimm ist, dass Gijón keinen internationalen Flughafen hat. Die Stadt ist vom nächstgelegenen Flughafen auf dem Landweg bequem erreichbar. Vom Flughafen Asturias aus, der offiziell der Provinzhauptstadt Oviedo zugeordnet ist, ist man über die A8 ganz schnell in Gijón.

Für die ITF-Funktionäre, die nach dem Finale der US Open am 9. September von New York nach Spanien fliegen wollen, habe ich mal zwei alternative Verbindungen rausgesucht.

Air Berlin bietet New York – Oviedo für 531 Euro an und ist damit der günstigste Anbieter. Ich gebe allerdings zu, dass die Route etwas umständlich ist. Sie führt über Malle:

Montag, 10. September 17.30 Uhr Abflug in New York (JFK)
Dienstag, 11. September, 7.25 Uhr Ankunft Berlin

8.45 Uhr Abflug Berlin
11.20 Uhr Ankunft Palma de Mallorca

14.45 Uhr Abflug Palma de Mallorca
16.30 Uhr Ankunft Asturias (Oviedo).

Wer etwas mehr Geld auszugeben bereit ist, kann die Strecke aber auch in zehn Stunden schaffen. Mit der Iberia muss man nur einmal umsteigen, nämlich in Madrid:

Montag, 10. September, 17.55 Uhr Abflug in New York (JFK)
Dienstag, 11. September, 7.10 Uhr Ankunft Madrid

8.55 Uhr Abflug Madrid
10 Uhr Ankunft Asturias (Oviedo).

Für die weitere Reise sei den Funktionären der ITF folgende Webseite empfohlen: http://advanced.shuttledirect.com/ Für 37,41 Euro können sie sich ein Taxi buchen, das sie in weniger als einer dreiviertel Stunde nach Gijon bringt. („Fahrer trifft Sie persönlich.“) Ich glaube, das Taxi von Manhattan zum JFK-Flughafen ist länger unterwegs.

Also, hoffentlich gibt die ITF dem spanischen Widerspruch statt. Alles andere wäre ein unschöner Präzedenzfall, zumal der gedankliche Weg von der nordspanischen Küstenstadt Gijón zur norddeutschen Küstenstadt Kiel nicht weit ist, und ich immer noch hoffe, dass es eines Tages mal eine schöne Davis-Cup-Partie bei mir um die Ecke in der Ostseehalle gibt. Der Nichtangriffspakt wird sich schon nicht wiederholen. Auf Ergebnis zu spielen, das geht im Tennis ja nicht.

Update am 11. Juni: Die ITF hat eingelenkt, die Begegnung darf jetzt doch in Gijón stattfinden.

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