Sonntag, 13. Mai 2012

Eine vorsichtige Verteidigung des blauen Sandes von Madrid

(Serena Williams auf der Pressekonferenz nach ihrem heutigen Turniersieg in Madrid, auf die Frage, warum sich einige ihrer männlichen Kollegen über den blauen Sand beklagten, auf dem die Spiele ausgetragen wurden, zitiert nach Eurosport.)  

Das Masters von Madrid ist vorbei. Roger Federer und Serena Williams sind die Könige des blauen Sandes – und werden in dieser Disziplin vielleicht nicht so schnell entthront. Denn es sieht fast so aus, als sollte Turnier-Zampano Ion Tiriac im kommenden Jahr wieder zurückkehren zum herkömmlichen Rotbraun. Das fände ich ein bisschen schade. Dabei war ich Anfang der Woche, wie fast jeder traditionsbewusste Tennisfreund, noch strikt gegen blau.

Aber der Reihe nach. Den Scoop mit dem blauen Sand hatte Tiriac von langer Hand geplant. 2009 nahm sein Masters-Turnier von Madrid im ATP-Turnierkalender den Platz im Mai ein, den bis dahin Hamburg belegt hatte, das zurückgestuft und in den Juli verlegt wurde. Bis 2008 hatte Madrid ein Hallen-Masters im Oktober, das auf einem Hartplatz ausgetragen wurde. Im Mai wurde zunächst selbstverständlich auf rotem Sand gespielt, auf dem genau dem Bodenbelag, den auch die French Open wenige Wochen später verwenden. Die europäische Turnierserie im Frühjahr ist eine Vorbereitung auf die French Open. 

Aus spanischer Sicht schien das eine glückliche Entwicklung zu sein. Nun gab es endlich ein Masters auf dem Bodenbelag, auf dem Rafael Nadal und fast alle seine Landsleute ihre besten Ergebnisse erzielen. Aber Tiriac wollte mehr. Er wollte für das Turnier in Madrid einen Stellenwert, der dem eines fünften Grand-Slam-Turniers entspricht. Er baute ein neues Stadion, die „Caja Mágica“, das er als das modernste der Welt bezeichnen ließ. 

Nebenbei ergab es sich, dass sich Nadal dort nie richtig wohl fühlte. Vier mal hat er jetzt in dem magischen Kasten gespielt, nur einmal (2010) gewann er das Turnier. Keine gute Quote für einen wie ihn. Immerhin ist er in diesem Jahr überhaupt angetreten. Sein Onkel und Trainer Toni will ihm davon abgeraten haben, auch weil es die falsche Vorbereitung für Paris sei. Als Rafael dann draufstand auf dem blauen Sand, war das Geschrei groß. Genau wie Novak Djokovic fand er den Boden viel zu rutschig, um auf ihm vernünftig Tennis zu spielen. Ob das die Ursache dafür war, warum Nadal im Achtelfinale ausschied (gegen Fernando Verdasco) und Djokovic im Viertelfinale (gegen Janko Tipsarevic), wird sich nicht ermitteln lassen. Jedenfalls kündigten die beiden derzeit nominell besten Tennisspieler der Welt unisono an, nächstes Jahr nicht wiederzukommen, wenn der blaue Sand bleibt.

Eine solche Ankündigung bringt selbst einen Ion Tiriac zum Nachdenken, der bisher sinngemäß erklärt hatte, die Spieler sollten sich nicht so anstellen, schließlich sei er es, der die Sponsorengelder und die Zuschauer heranschaffe, und das gehe nun einmal besser mit blauem Sand. Dass Tennisprofis Dienstleister in einer Unterhaltungsbranche sind und dabei die Bedürfnisse des zahlenden Publikums nicht ignorieren können, ist richtig. Aber warum braucht es dazu blauen Sand? Tiriacs am häufigsten genannte Erklärung ist: Als Fernsehzuschauer sehe man den gelben Ball auf dunkelrotem Grund so schlecht. Ich muss gestehen: Das ist ein Problem, das mir in über 25 Jahren Tennisgucken noch nie aufgefallen ist. Sollte das Problem dennoch bestehen, könnte man ja auch die Farbe des Balles ändern. Das wäre ein kleinerer Eingriff ins Spiel gewesen. Tiriac denkt wohl auch darüber nach... 

Es werden noch andere Gründe für Tiriacs Farbwahl kolportiert. Zum Beispiel der, dass Blau die Unternehmensfarbe des Turnier-Hauptsponsors ist, eines großen Versicherungsvereins. Und der, dass das Masters von Madrid eben etwas Einmaliges sein soll, das sich von den anderen Masters – und auch von den Grand Slams – unterscheidet. Da brauchte man eben einen anderen Sand als den in Monte Carlo, Rom und Roland Garros. Zu Wochenbeginn bekräftigten Tiriac und seine Turnierdirektoren Manuel Santana und Carlos Moyá noch, der blaue Sand sei doch eigentlich gar nicht anders der rote. 

In diese Kerbe haut auch ein Spiegel-Artikel zum Thema. Die Argumentation erscheint mir aber nicht ganz überzeugend. Roter Sand ist eigentlich gar kein Sand, sondern gemahlener Ziegelstein. Jeder, der schon mal eine Ziegelsteinmauer gesehen hat, weiß, dass Ziegelsteine typischerweise dunkelrot sind. Es gibt auch hellgelbe Steine, und entsprechend gibt es tatsächlich vereinzelt Tennisplätze mit hellgelbem Sand, ohne dass die Spieler sich drüber aufregen. Der in Amerika verbreitete grüne Sand wird aus Basaltsteinen gemacht und nicht aus Ziegeln. Von Natur aus blaue Ziegelsteine kenne ich nicht. Das Dunkelrot, das habe ich in dieser Woche gelernt, kommt vom Eisenoxid (also Rost) im Stein. Um blauen Sand zu gewinnen, wird der Rost dem roten Ziegelmehl chemisch entzogen. Dadurch allein wird der Sand vermutlich tatsächlich nicht rutschiger als roter. In einem zweiten Schritt wird ihm aber ein blauer Farbstoff hinzugefügt. Ich habe leider nicht herausfinden können, was für ein Farbstoff das genau ist. Aber dass der blaue Sand offenbar mit einem blauen Material beschichtet ist, das spricht durchaus für die These, dass seine Oberflächeneigenschaften andere sind als die von normalem Tennisplatzsand.

Dass der Platz von Madrid für einen Sandplatz ausgesprochen schnell war, das war meines Erachtens zu sehen. Und dafür sprechen auch die Ergebnisse. Roger Federer als Sieger, Tomas Berdych als Endspielgegner und Janko Tipsarevic und Juan Martin del Potro als Halbfinalisten, das erinnert mehr an ein Hartplatz-Masters als an eines auf Sandplatz. Aber ist das schlimm? Ist das ein Grund, das Turnier fürderhin zu boykottieren, wie es die beiden früh ausgeschiedenen Großmeister Nadal und Djokovic androhen? Das wäre es, wenn die Verletzungsgefahr auf dem rutschigen Boden erhöht wäre. Von den 55 Matches im Herren-Hauptfeld endete ein einziges mit einer verletzungsbedingten Aufgabe. Da haben wir auf gelenkfeindlichen stumpfen Hartplätzen schon ganz andere Quoten gesehen. Zudem sagte Igor Andreev, das war der Mann, der auf dem blauen Sand verletzt aufgab, er sei schon mit einer leichten Verletzung ins Match hineingegangen. Das Blau erwähnte er mit keinem Wort. 

Also: Ich glaube, man kann durchaus auf blauem Sand spielen. Es sieht zwar ganz schrecklich künstlich aus, aber ich finde es gut, dass es mal einen anderen Bodenbelag gibt als sonst. Es ist der erste Schritt weg von der fortschreitenden Vereinheitlichung der Tennisbeläge im Profitennis. Es gibt auf der ATP-Tour keine Hallenturniere auf Teppich mehr, die Rasensaison ist extrem kurz. Das letzte amerikanische Sandplatzturnier in Houston hat längst vom etwas schnelleren grünen Sand auf den europäischen roten umgesattelt, und fast alle Hartplatzturniere halten sich an die Norm, die US Open und Australian Open vorgeben, damit bloß kein Spieler sich zu sehr umgewöhnen muss. Da ist ein bisschen blauer Sand doch ein Lichtblick! 


1 Kommentar:

loreley hat gesagt…

Ich teile die Begeisterung nicht.

Dieser blaue Sand war ziemlich unangenehm für die Augen. Ich habe deswegen auch nur sehr wenig sehen wollen. Selbst das spannende Finale habe ich nur halbherzig angeschaut.

Das kann daran liegen, dass es ein künstliches, sehr dunkles Blau ist. Alles wirkte düster. Farben sind nicht ohne Wirkung auf den Menschen. Aber das will ich nicht weiter ausführen.

Das Hauptargument dagegen, ist aber der Zeitpunkt. Es ist eine zu grosse Umstellung für die Spieler, mitten in der Sandplatzsaison auf einem völlig anderem und sehr viel schnellerem Untergrund spielen zu müssen.

Würden die Amerikaner zulassen, dass ihre US-Open-Series vor den US Open zwischendurch von einem sehr langsamen Belag, z.B. in Cincinnati durcheinandergebracht werden? Wohl kaum.

Dass auf dem rutschigen Belag nichts passiert ist, ist kein Argument dafür. Oder muss man erst ein paar Verletzte aufweisen, um zu sehen, dass es zu gefährlich für die meisten Spieler ist?

Trotzdem wäre es zu gegrüssen, wenn die Beläge insgesamt wieder mehr Variation aufweisen würden.

Davon abgesehen, mochte ich Madrid als Turnier noch nie. Im Nachhinein bin ich froh, dass sie sich in Paris dafür entschlossen haben, die French Open dort zu lassen wo sie sind.

Was für eine Erholung für die Augen und das Gemüt ist dagegen Rom. Sicher auch für die Zuschauer vor Ort.

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