Sonntag, 15. April 2012

Was wird aus dem Rothenbaum?

Der NDR meldete es am Donnerstagabend: Das Tennisstadion am Hamburger Rothenbaum soll abgerissen werden. Der Deutsche Tennis-Bund (DTB) könne die Betonschüssel nicht mehr unterhalten. Der Club an der Alster wolle das Stadion durch Hockeyplätze ersetzen. Es klang, als würde das traditionsreiche ATP-Turnier von Hamburg nach dem Verlust des Masters-Status jetzt endgültig eingemottet.

Der DTB hat auf die Meldung mit einer Stellungnahme reagiert, die er als „Dementi“ bezeichnete. Der DTB versicherte, dass das Stadion nicht in diesem Jahr abgerissen wird und wohl auch nicht im nächsten. Man denke lediglich darüber nach, auf dem Gelände am Rothenbaum ein kombiniertes Tennis- und Hockeystadion zu errichten... Wo da das „Dementi“ sein soll, erschließt sich mir nicht. Wertvoll ist natürlich der Hinweis, dass das Ende des Stadions nicht zwangsläufig auch das Ende des ATP-Turniers sein muss.

Auf das Original-Dementi verlinken kann ich an dieser Stelle nicht. Der DTB hat es auf seiner Internetpräsenz nicht online gestellt. Stattdessen verlinke ich auf einen Artikel des Hamburger Abendblattes. Deren Redaktion nämlich hat die ganze Sache sehr kompetent und verständlich aufbereitet und auch die komplizierten Eigentumsverhältnisse erklärt (Das Grundstück gehört der Stadt Hamburg, das Stadion dem DTB, das Erbbaurecht hat der Club an der Alster).

Es sieht in der Tat nicht so richtig gut aus für das Turnier, bei dem sich noch 2008 Rafael Nadal und Roger Federer im Endspiel gegenüberstanden. Seit 2009, seitdem die ganz großen Stars nicht mehr erscheinen, ist das Stadion selbst beim Endspiel nur halb gefüllt.

Ich klinke mal dieses etwas ungerechte Bild ein:



Es ist von 2009, aber nicht vom Endspiel, sondern von der Qualifikation. Auf dem Platz spielen Pere Riba (Spanien) und Nils Langer (Affalterbach). Auf der unteren Hälfte der Tribünen sieht man ein paar Zuschauer sitzen. Auf der oberen Hälfte nicht. Beim Turnier 2011 war die obere Hälfte der Tribünen komplett unter schwarzem Tuch versteckt - und zwar durchgehend und nicht nur während der Qualifikation. So fiel nicht so leicht auf, wie leer das Stadion war.

Es ist nachvollziehbar, dass es für den DTB unter diesen Voraussetzungen schwierig ist, solch ein riesiges Stadion zu unterhalten. Dass so wenige Zuschauer zum ATP-Turnier kommen, ist nur ein Teil des Problems. Was vermutlich viel schwerer wiegt, sind die 51 Wochen des Jahres, in denen das ATP-Turnier nicht stattfindet. Dann nämlich kommt so gut wie gar keiner ins Stadion. Das Stadion liegt nah an der Alster in einem vornehmen Wohngebiet, was einer der Gründe dafür ist, dass dort nur an 20 Tagen im Jahr öffentlichkeitswirksam Tennis gespielt werden darf und an zehn weiteren Tagen andere Publikumsveranstaltungen zugelassen sind. Da gab es mal einen Schwimmwettbewerb mit Franzi van Almsick als Schirmherrin, und der Dalai Lama war auch mal da. Mehr geht anscheinend nicht, denn alles andere könnte die Ruhe der Nachbarn stören.

Allerdings werden in den letzten Jahren nicht einmal mehr die 20 Tage Tennis ausgeschöpft. Einschließlich Qualifikation dauert das jährliche Herren-Turnier neun Tage. Das Frauen-Turnier, das am nachhaltigsten durch den Messerstich Günter Parches in den Rücken von Monica Seles 1993 in Erinnerung ist, fand 2002 zum letzten Mal statt.

Theoretisch könnte der DTB das Stadion auch für Davis-Cup- oder Fed-Cup-Begegnungen nutzen. Die letzte Davis-Cup-Partie in Hamburg war 1998 mit Boris Becker gegen Schweden. Man verlor 2:3. Beim vorletzten Mal 1994 verloren Michael Stich, Karsten Braasch und Bernd Karbacher gegen Russland mit Jewgeni Kafelnikow. Die letzte Fed-Cup-Begegnung am Rothenbaum verloren Anke Huber und Barbara Rittner 2001 gegen Argenintien.

Später scheint man beim DTB die Befürchtung gehabt zu haben, dort die Mannschaftswettbewerbe vor halbleeren Rängen austragen zu müssen. Aber seit der Entdeckung des schwarzen Tuchs als Verhüllung für die oberen Sitzplätze bieten sich da ja vielleicht ganz neue Perspektiven. Ein Problem dabei freilich ist, dass es nur relativ wenige Davis-Cup-Termine im Sommerhalbjahr gibt. Die meisten deutschen Heimspiele werden deshalb in der Halle ausgetragen. Das nächste aber, das Relegationsspiel gegen Australien, ist vom 14. bis zum 16. September. Das fällt noch haarscharf in die norddeutsche Freiluftsaison. Der Rothenbaum wäre also eigentlich mal wieder an der Reihe. Und gegen Leute wie Bernard Tomic und Lleyton Hewitt ist es aus deutscher Sicht ohnehin ratsam, auf Sand zu spielen.

Und das Frauenturnier: Wann soll man das wiederbeleben, wenn nicht jetzt? Mit Julia Görges (Bad Oldesloe, Nr. 16) und Angelique Kerber (Kiel, Nr. 14) sind zwei der vier Top-20-Spieler, die Deutschland neuerdings hat, nicht weit von Hamburg zu Hause, dazu kommt noch Mona Barthel (Neumünster, Nr. 35). Es gibt derzeit nur ein einziges WTA-Turnier in Deutschland, und das am anderen Ende der Republik in Stuttgart. Da sollte eigentlich was zu machen sein.

Der Stadionbau an sich ist nach meinem laienhaften Eindruck übrigens ganz gut in Schuss. Bei meinen jährlichen Turnierbesuchen hatte ich jedenfalls noch nie den Eindruck, dass es an der Zeit ist, den Abrissbagger zu rufen. Und das Zeltdach, das bei Regen über den Center Court gezogen wird, hat auch immer unfallfrei funktioniert. Der DTB hat in den vergangenen Jahres ziemlich viel Geld in die Anlage gesteckt, um die Standards zu erfüllen, die die ATP von einem Masters-Turnier verlangt. Das Stadion mag kein architektonisches Meisterwerk sein, aber es ist eine gut funktionierende Arena, die etwas anderes verdient hat, als wegen Überflüssigkeit plattgemacht zu werden.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

War nicht Davis-Cup gegen Schweden 1998 oder 1999 am Rothenbaum?

Zack hat gesagt…

Tatsächlich, hast recht - und zwar auf Hardcourt! Das wird gleich geändert im Text.

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