Sonntag, 29. April 2012

Newport - Casablanca - Doha - Winston-Salem: Wohin sollen wir reisen?

Nachdem ich vor drei Wochen darüber schrieb, dass einige Turniere auf der ATP-Tour streng genommen gar nicht an dem Ort ausgetragen werden, nach dem sie benannt sind und dabei auch das „Kaff“ Indian Wells erwähnte, wies mich ein aufmerksamer Leser in einer Mail freundlich darauf hin, dass Indian Wells keineswegs ein Kaff sei, sondern Teil einer nahtlos ineinander übergehenden Kette von Städten im Coachella Valley, die zusammen über 400.000 Einwohner zählen, und schlug mir vor, mich im Rahmen einer Turnierreise davon mal selbst zu überzeugen.

Meine bisherigen Turnierreisen haben mich nicht über Nord- und Mitteleuropa hinausgeführt. In diesem Jahr wird sich daran wohl nichts mehr ändern. Morgen früh breche ich nach München auf, aber das liegt ja auch noch in Mitteleuropa. Aber ich nehme den Leserhinweis zum Anlass, mal darüber zu sinnieren, welche außereuropäischen Turniere eine Reise wert wären. Wir suchen also nach Turnieren, die für sich genommen einen Besuch lohnen und die zugleich in einer interessanten Gegend ausgetragen werden. Die Grand-Slam-Turniere von New York und Melbourne stehen schon mal von vornherein auf dieser Liste. Eines Tages werde ich sie hoffentlich besuchen. Es stehen 30 Turniere zur Auswahl, und ich bringe sie im Folgenden in eine – natürlich zutiefst subjektive und mithin ungerechte – Reihenfolge.

1. Newport
Die Nummer 1 steht an dieser Stelle nicht wegen des Ortes auf Rhode Island, an dem es ausgetragen wird, sondern weil ich dieses kuriose Turnier in mein Herz geschlossen habe. Rasentennis nach Wimbledon, wenn sich die Stars längst auf Hartplatz auf die US Open vorbereiten. Nie verirrt sich ein Star dorthin (eigentlich ein Gegenargument für eine Reise nach Newport, ich weiß), und die Planen, die die Spielfelder bei Regen trocken halten sollen, funktionieren nicht. Dieses Turnier sollte möchte ich gesehen haben, solange es noch existiert.

2. Memphis
Gesehen haben, solange es noch existiert. Das gilt auch Memphis, die Nummer 2. Das Turnier stand in den vergangenen Wochen ganz konkret vor dem Aus. Es sollte nach Rio de Janeiro verkauft werden. Memphis hat überlebt, es wird ab 2013 lediglich abgestuft von einem 500er- zu einem 250er-Turnier. Stattdessen wird die traditionsreiche Veranstaltung von San Jose in Kalifornien aus dem ATP-Kalender gestrichen. Der eigentliche Grund, warum ich nach Memphis möchte, ist aber ein anderer. Es ist die Stadt selbst, die ich fast so sehr wie das Turnier von Newport geschlossen habe, seit ich zum ersten Mal Jim Jarmuschs „Mystery Train“ gesehen habe. Der Film ist von 1989. Hoffentlich ist Memphis heute wenigstens noch ein ganz klein bisschen wie im Film.

3. Tokio
Auch hier gilt: Japan sollte man mal erlebt haben, wenn es irgendwie geht. Es ist die einzige große Industrienation, die abseits jeglicher Touristenrouten liegt. Und „Lost in Translation“ hat eine gewisse Ähnlichkeit mit „Mystery Train“. Das Turnier selbst (ein 500er) halte ich zudem für besser als sein Ruf. Hat es überhaupt einen Ruf? Ich fürchte, es hat nicht einmal einen schlechten, sondern schlicht gar keinen.

4. Chennai
Chennai in Indien (das frühere Madras) steht aus zwei Gründen so weit oben. Es ist Anfang Januar das erste Turnier des Jahres. Nach der Saisonpause freue ich mich einfach, dass es wieder losgeht. Doha und Brisbane finden in derselben Woche statt. Dass ich Chennai weiter nach oben stelle, liegt daran, dass meine allererste Reise nach außerhalb von Europa vor langer Zeit nach Indien führte und ich gern sehen würde, was sich seither dort verändert hat.

5. Sydney
Ein unbedeutendes Vorbereitungsturnier auf die Australian Open, aber meistens mit einem sehr starken Teilnehmerfeld. Hier sieht man oft, wer in der neuen Saison die Newcomer auf der Tour sein werden. Außerdem wollte ich schon immer mal nach Sydney.

6. Toronto
In Toronto war ich sogar schon mal, aber nicht zum Tennis. Eine wunderbare Stadt, und das Turnier gefällt mir auch sehr. Toronto ist ein bisschen wie New York in gelassener und komprimierter Form. Dasselbe gilt für das Masters-Turnier dort im Vergleich zu den US Open.

7. Auckland
Das unbedeutendste von allen Vorbereitungsturnieren auf die Australian Open – in einem abgelegenen, aber nach allem, was man hört, wunderschönen Land. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber in Auckland spielen oft sehr viele von den Spielern, die ich besonders mag.

8. Washington
 Hier ist mir das Turnier ziemich egal. Ich würde nur gern mal Washington sehen.

9. Los Angeles
Hier ist mir das Turnier noch egaler als in Washington. Los Angeles würde ich aber noch lieber mal sehen als Washington.

10. Montreal Siehe Toronto, nur dass ich kein Französisch kann. (Das kanadische Masters findet jährlich abwechselnd in diesen beiden Städten statt.)

11. Bangkok
Meistens ein zimelich gut besetztes Turnier, und das, obwohl Thailand abseits der üblichen Routen des Tenniszirkus liegt.

12. Peking
Peking steht deshalb so weit oben, weil ich es unbedingt deutlich oberhalb von Schanghai einsortieren möchte. Schanghai ist zwar das größere Turnier, aber ich pflege das Vorurteil, dass die Stadt nur aus Verkehrschaos und austauschbaren Wolkenkratzern besteht, während in Peking wenigstens noch ein bisschen von Chinas Jahrtausende alter Geschichte zu spüren ist. (Ich gebe zu, ich kenne mich mit China nicht aus.)

13. Indian Wells
Mal sehen, ob das dort wirklich kein Kaff ist... Das Masters-Turnier jedenfalls dürfte sehr attraktiv sein. Der Platz im Kalender sorgt dafür, dass die Spitzenspieler ausgeruht und entsprechend fit sind.

14. Vina del Mar
Weiter unten werde ich munter ablästern über südamerikanische Sandplatzturniere. Dass Vina del Mar relativ weit oben auf dieser Liste steht, liegt daran, dass ich Südamerika eigentlich sehr gerne mag und Chile weit oben auf meiner To-Do-Liste steht.

15. Cincinnati
Ohne das Turnier würde ich wohl nie auf den Gedanken kommen, dass man nach Cincinnati reisen könnte. Es ist ja nicht wirklich in der Nähe von Des Moines, aber eben auch irgendwie mittendrin in den USA, und vermutlich ist Cincinnati auch hübscher als Des Moines. Trotzdem denke ich bei Cincinnati immer an Max Goldts Beschreibung Des Moines als einer Mischung aus Athen, Tschernobyl, Entenhausen und Neumünster. Immerhin, das Turnier ist ein Masters, und zwar ein gepflegtes und soweit ich weiß gut organisiertes.

16. Casablanca
Falls jemand fragt, warum ich weniger gegen das Sandplatzturnier von Casablanca habe als gegen die in Südamerika: In Casablanca spielen andere Spieler! Es reisen zwar keine Superstars nach Marokko, aber immerhin ein paar Leute, die Sand nicht mögen und auch entsprechend spielen und die sich in Casablanca wenigstens bei warmem Frühlingswetter auf die unvermeidiche Sandplatzsaison vorbereiten.

17. Miami
Wie erkläre ich jetzt, dass das Masters von Miami hinter denen von Indian Wells und Cincinnati steht? Es liegt wahrscheinlich an meiner grundsätzlichen Skepsis gegenüber Florida.

18. Kuala Lumpur
Malaysia. Hm, ist bestimmt mal ganz interessant... Aber es gibt andere Gegenden, die noch interessanter sind, und das Turnier ist eher durchschnittlich.

19. Doha
Ein wahnsinnig gut besetztes Turnier, und das auch noch in der ersten Saisonwoche. Wenn es nur nicht am Golf wäre! Immerhin soll es in Katar etwas freiheitlicher zugehen als in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Also steht Doha in meiner Liste vor Dubai.

20. Schanghai Immerhin ist es ein Masters.

21. Houston
Mit der Stadt habe ich kein Problem. Aber das Turnier... Eigentlich ist es fast so kurios wie Newport. In Amerika auf einem Sandplatz. Vielleicht schließe ich es demnächst doch mal in mein Herz, und dann kommt es weiter nach oben auf dieser Liste.

22. Brisbane Wenn ich mir Melbourne und Sydney ansehe, dann reicht das auch irgendwann mal, dann muss ich nicht auch noch nach Brisbane.

23. Dubai Sagte ich schon, dass ich stets mit Fassungslosigkeit reagiere, wenn ich von jemandem höre, er habe Urlaub in Dubai gemacht? Dagegen muss man was unternehmen, zum Beispiel, indem man dieses – zugegeben sehr gute – Turnier ignoriert.

24. Buenos Aires
Ach, Buenos Aires ist toll. Da war ich letztes Jahr. Aber Tennis gucken muss man da nicht. Alles Spieler, die dort antreten, spielen genau denselben Stil. Überwiegend spanische Möchtegern-Nadals, außerdem Chela und ein paar argentinische Möchtegern-Chelas.

25. Sao Paolo
Siehe Buenos Aires, nur dass ich das mir persönlich unbekannte Sao Paolo für weniger lebenswert halte

26. Acapulco Siehe Sao Paolo, nur dass ich Acapulco für einen US-Ballermann halte.

27. Johannesburg
Südafrika wird wahnsinnig schön sein. Aber wenn ich höre, dass man sich als Tourist dort nicht frei bewegen könne, weil man auf Schritt und Tritt damit rechnen müsse, überfallen zu werden, verliere ich die Lust auf eine Reise..

28. Delray Beach
Siehe Miami, nur dass das hier nicht mal ein Masters ist.

29. Atlanta
Siehe Delray Beach, nur dass das hier noch nicht mal am Strand ist. (Jetzt wird’s unlogisch, weil Atlanta nicht in Florida ist, aber vielleicht fällt's ja nicht auf...)

30. Winston-Salem
Siehe Atlanta, nur dass das hier noch nicht mal eine große Stadt ist. Wenn's nach mir ginge, bräuchten die USA nicht so unfassbar viele Turniere. San Jose wird mir nicht fehlen, und die letzten drei auf dieser Liste darf gern auch irgendwer wegkürzen...

Ab morgen werde ich übrigens meinen vernachlässigten Twitter-Account reaktivieren und paar Meldungen vom Turnier in München posten.

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