Sonntag, 12. Februar 2012

Tennisgedichte 2: "So eine kleine Fin-de-Siècle-Krabbe"

So eine kleine Fin-de-Siècle-Krabbe, die Lawn tennis schlägt!

Rote, gewellte Madonnenscheitel,
eine lichtblaue Blouse aus Merveilleux
und im flohfarbnen Gürtel ein Veilchensträuschen,
das nach amerikanischen Cigaretten duftet.

Um ihren linken Seidenknöchel,
wenn sie die weissen Bälle pariert,
klirrt ein Goldkettchen.

Abends ist Feuerwerk.

Man drängelt sich mit ihr in eine möglichst dustre Ecke,
lässt sie sich schmachtend an seinen Busen lehnen
und sieht zu, wie die Sterne zerplatzen.

Ah!

Ein Fünfminutenkuss und gar kein Fischbein.

Arno Holz, weiß Metzlers Autorenlexikon, ist der „Vater der Moderne“. Nun die hat die Moderne gewiss viele Väter, aber dass einer von ihnen eine tennisspielende Fin-de-Siécle-Krabbe besingt, deuten wir heute Abend einfach mal dahingehend, dass mit dem Siegeszug des Tennisspiels die Moderne ihren Anfang nahm.

Wir kommen heute also zur zweiten Folge der losen Serie über Tennisgedichte und befassen uns diesmal mit Versen aus Arno Holz' (1863-1929) Hauptwerk „Phantasus“ von 1898. Metzlers Autorenlexikon weiß auch, dass Arno Holz zum Größenwahn neigte (meinte jedenfalls Thomas Mann). Kein Wunder also, dass es für ihn ganz klar ist, dass die süße Krabbe nichts anderes im Sinn haben wird, als sich schmachtend an seinen Busen zu lehnen, aber das soll jetzt nicht unser Thema sein.

Was sagt uns das Gedicht sonst? Lawn Tennis zu schlagen, muss ausgesprochen hip gewesen sein im Berlin des Jahres 1898. In Berlin nämlich spielen eigentlich alle Gedichte von Holz. So hip wie heute vielleicht Kitesurfen. Und so hip, wie Holz seine eigenen naturalistischen Verse fand. Ungereimt und ohne festes Versmaß. Mir scheinen sowohl die Tennisspielerin als auch dieses Gedicht eher in die goldenen Zwanziger Jahre zu passen als ins ausgehende 19. Jahrhundert. Es muss also wirklich ziemlich hip gewesen sein im Jahre 1898. Und dann „gar kein Fischbein“. Ein fehlendes Fischbeinkorsett als Zeichen der Modernität zu betrachten, das könnte – da fehlt mir aber die Detailkenntnis – auch vor 114 Jahren schon eine etwas abgegriffene These gewesen sein.

Hier die erste Folge der Tennisgedichte-Serie („Wimbledon 1997“ von Dirk von Petersdorff)

1 Kommentar:

loreley hat gesagt…

Reizendes Gedicht.

"Ein Fünfminutenkuss und gar kein Fischbein."

Das war schon was zu der Zeit. Die Frauen trugen damals durchaus noch Korsett, selbst beim Tennis.

Das Korsett hat aber nicht Coco Chanel abgeschafft, wie oft behauptet, sondern gegen 1906 Paul Poiret.

Es gab aber schon davor sogenannte Reformkleider.

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