Montag, 27. Februar 2012

Memphis, Melzer, Raonic, Becker

Heute servieren auf die Schnelle einen thematisch unausgegoren Eintopf aus Memphis, Tennessee. In Memphis ging heute ein ATP-500er-Turnier zu Ende. Wir erinnern uns: Die 500er-Turniere, das sind die größten Turniere unterhalb der Masters-Serie. Die ATP garantiert den Veranstaltern die Teilnahme von mindestens zwei Superstars, so genannten Spieler der Kategorie „A Plus“. Kommen diese Spieler nicht, gibt es eine finanzielle Entschädigung. Die ATP verrät öffentlich nicht, wer genau in diese Kategorie gehört, aber es sind auf jeden Fall die ganz großen Namen wie Federer, Nadal, Djokovic.

Die Veranstalter von Memphis werden wohl ein Anrecht auf finanzielle Entschädigung haben. Es war kein einziger Top-10-Spieler am Start, lediglich zwei Top-20-Spieler (John Isner und Andy Roddick) und ein weiterer Top-30-Spieler (Radek Stepanek). Im Vergleich zu Memphis steht selbst das oft geschmähte 500er-Turnier vom Hamburger Rothenbaum blendend da.

Woran mag das liegen, dass niemand nach Memphis will. Erstens wohl daran, dass man keine hohen Antrittsprämien bietet. Zweitens wohl daran, dass ein bestimmtes anderes 500er-Turnier sehr hohe Antrittsprämien bietet: Dubai. In Dubai wird in der Woche direkt nach Memphis gespielt, und kaum jemand will sich die weite Reise um den halben Globus. Da spielt man vor Dubai lieber das 250er-Turnier von Marseille. Das liegt näher am Golf. In Marseille, wo es nur halb so viele Weltranglistenpunkte gibt wie in Memphis, waren vier Top-10-Spieler am Start. Zur Erinnerung: In Memphis war es keiner. Auch die US-amerikanische Nummer 1 Mardy Fish spielte lieber in Frankreich als daheim.

In Memphis also haben Spieler aus der zweiten Reihe die große Chance, fett Ranglistenpunkte zu sammeln, ohne dass sie von den Superstars daran gehindert werden. Schauen wir mal, wer die Chance genutzt hat. Jürgen Melzer (Österreich) hat vorhin das Finale gegen Milos Raonic gewonnen. Damit ist Melzer ein verdienter Sieger, denn Raonic ist weißgott nicht irgendwer, aber davon im nächsten Absatz mehr. Melzer war vor einem guten halben Jahr noch unter den ersten zehn der Weltrangliste. Danach hatte er Rückenverletzung und Formtief. Nach Memphis reiste er als Nummer 38 der Welt. Montag wird er wieder um Platz 20 rangieren. Formtief Linkvorerst vorbei. Dabei sah es letzte Woche gar nicht danach aus: Irgendwie hatte der Mann sich im Hotelzimmer den großen Zeh gebrochen. Das scheint ihn aber beim Spielen nicht groß zu behindern. Es war wohl auch mehr eine Knochenabsplitterung und kein kompletter Durchbruch. Nach seinem Halbfinal-Sieg gegen Radek Stepanek sagte er, er würde sich durchaus häufiger den Zeh brechen wollen, wenn er dann immer so spielt wie jetzt.

Der Kanadier Milos Raonic, der unterlegene Finalist, galt vielen Fachleuten vor einem Jahr, als er ebenfalls im Memphis-Endspiel stand, bereits als ganz große Nummer, die kaum noch zu stoppen sei auf dem Weg nach ganz oben. Aber er war zu stoppen – und zwar durch eine Verletzung im Sommer. Jetzt können wir die Prophezeiungen vom Vorjahr einfach noch einmal auflegen. Anfang 2012 ist er wieder so atemberaubend erfolgreich, wie er es Anfang 2011 schon einmal war. Memphis war bereist sein drittes Endspiel in diesem noch jungen Jahr. In Chennai (Indien) und in San Jose gewann er die Titel. Als ich gestern sein Halbfinale gegen Benjamin Becker sah, fand ich Raonic nicht ganz so spektakulär wie im Vorjahr, aber das mag auch daran gelegen haben, dass meine Erwartungen höher waren. Raonic schien mir das Match zu jedem Zeitpunkt im Griff zu haben. Er brauchte genau zwei Breakchancen für zwei Breaks, eines im erste Satz, eines im zweiten. Das reichte für einen nie gefährdeten 6:4-6:4-Sieg gegen Becker.

Auch Benjamin Becker ist einen genaueren Blick wert. Auch er war im vergangenen Jahr lange verletzt. Und bei ihm konnte man sich nicht so sicher sein wie bei Raonic, dass er an seine alten Erfolge würde anknüpfen können. Mit seinen 30 ist er fast zehn Jahre älter als Raonic. Das Halbfinale in Memphis bringt ihn von Platz 284 immerhin wieder in die Gegend um Platz 150. Wenn er so weitermacht, wird er sehr schnell wieder dort stehen, wo er vor seiner Verletzung war – im Großraum 50 bis 80. Drei Spieler aus diesen Regionen des Rankings hat er in Memphis ohne Satzverlust bezwungen: Dudi Sela, Xavier Malisse und Lukasz Kubot. Gegen Raonic keine Chance zu haben, ist nichts Ehrenrühriges. Becker hat ein Spiel abgeliefert, dass eines Halbfinals bei einem 500er-Turnier nicht unwürdig war. Ich hab es mir mit Freude angesehen.

Hier die Ergebnisse aus Memphis (PDF)

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