Sonntag, 22. Januar 2012

Einfach mal die Australian Open weglassen

Preisfrage: Wie oft hat John McEnroe während seiner 16 Jahre währenden Profi-Laufbahn an den Australian Open teilgenommen?

Die Antwort: Fünf Mal.

Und Björn Borg? Seine Laufbahn war nicht ganz so lange, schließlich zog er sich schon mit 26 Jahren als fünffacher Wimbledonsieger zurück. In Melbourne spielte er ein einziges Mal. Das war 1973, er war 17 Jahre alt und kam in die dritte Runde.

Daran darf man in dieser Woche erinnern, nachdem sich insbesondere Rafael Nadal erneut dafür ausgesprochen hat, den Turnierkalender zu straffen (und Roger Federer, dem Vorsitzenden des Spielerrates, vorwarf, sich dafür nicht mit Nachdruck einzusetzen).

Wie bereits im November thematisiert, ist die Saison 2012 ohnehin schon zwei Wochen kürzer als 2011. Man kann gern darüber sinnieren, ob auch sechs Wochen noch zu wenig Zeit zum Regenerieren sind, zumal die Spieler diese Zeit nicht komplett für Urlaub nutzen können, sondern sie sich rechtzeitig auf dem Trainingsplatz für die neue Saison fit machen müssen.

Allerdings sollte man noch auf einen anderen Aspekt hinweisen: Wir sind hier nicht beim Fußball. Kein Spieler hat eine Verantwortung gegenüber einem Verein, bei dem er unter Vertrag steht. Wenn ein Spieler einfach von sich aus seine Saisonpause verlängert, lässt er damit niemanden hängen außer sich selbst (und seine Sponsoren und Fans). Der Durchschnittsprofi hat sowieso ausreichend Freiraum, sich seinen Turnierkalender nach eigenen Bedürfnissen zu gestalten. Die kurze Saisonpause betrifft nur die absoluten Superstars, die im November zum World-Tour-Finale antreten, hinterher vielleicht noch Davis-Cup-Finale spielen und dann die Australian Open im Blick haben. Meistens spielen sie auch noch in der ersten Januar-Woche das 250er-Turnier von Doha (Katar). Das gibt kräftig Antrittsprämie, ist aus sportlicher Sicht aber komplett verzichtbar. Die paar Ranglistenpunkte, die dort zu gewinnen sind, werden nur in seltenen Fällen darüber entscheiden, wer Nummer 1, 2 oder 3 ist. Noch verzichtbarer ist das Schauturnier von Abu Dhabi zwischen Weihnachten und Neujahr. Hier gibt es auch hohe Antrittsprämien, aber gar keine Weltranglistenpunkte. Trotzdem haben Nadal, Djokovic und andere Kollegen, die sich über eine zu kurze Regenerationspause beklagen, dort gespielt.

Und dann also die Australian Open. Wie McEnroe und Borg bewiesen haben, kann man auch die weglassen. Da gehen dann zwar neben dem Preisgeld auch richtig viele Weltranglistenpunkte flöten, aber wer sich eine längere Pause wünscht, kann das in Kauf nehmen. Die ATP sieht nicht einmal Strafen für Spieler vor, die einen Grand Slam schwänzen. (was daran liegen dürfte, dass die ATP gar nicht selber Ausrichter der Grand Slams ist). Strafen gibt es nur für Spieler, die ein ATP-Masters oder das World-Tour-Finale schwänzen. Die Folge können Sperren sein oder der Ausschluss vom Bonus-Pool am Ende des Jahres, in dem Millionen an die Besten der Branche ausgeschüttet werden.

Das World-Tour-Finale ging am 27. November zu Ende. Das erste ATP-Masters-Turnier in diesem Jahr beginnt am 8. März in Indian Wells (Kalifornien). Dazwischen liegen mehr als drei Monate, also eigentlich ausreichend Zeit für eine ausladende Saisonpause.

Das ist natürlich eine extrem provokante Antwort auf Nadal, zu sagen, er soll einfach Australien auslassen, wenn ihm die Saisonpause zu kurz ist. Die Australian Open haben heute einen höheren Stellenwert als in den 70ern und 80ern. Damals war das Preisgeld deutlich niedriger als bei den anderen Grand Slams. Manche Spieler aus den hinteren Regionen der Weltrangliste sparten sich die Reise auch deshalb, weil das Flugticket mehr kostete, als sie bei einer frühen Niederlage an Preisgeld eingenommen hätten. Das ist heute anders. Ein Spitzenspieler, der auf die Australian Open verzichtet, verzichtet auf mögliches Prestige und auf viel Geld. Aber Nadal sollte auch klar sein: Eine kürzere Saison bei vollem Lohnausgleich wäre eine unverfrorene Forderung.

Nadal, Djokovic und ein paar weitere Spitzenspieler, denen die Saison zu lang ist, sollten einfach mal probieren, die Australian Open auszulassen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die zuständigen Stellen beim australischen Tennisverband, beim Welttennisverband und der ATP reagieren würden und das Turnier ein paar Wochen nach hinten verschieben. So eine Melbourne-Auslass-Aktion wäre natürlich nur dann glaubwürdig, wenn die Stars dann auch auf ihre Neujahrs-Auftritte am Golf verzichten.

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