Sonntag, 15. Januar 2012

Deutsche Männer in Melbourne - ein Ausblick

Gleich beginnen die Australian Open. Ab 1 Uhr in der Nacht wie immer live auf Eurosport. Und ich mach mal was ganz Gewagtes: Ich versuche zu prognostizieren, wie die deutschen Männer abschneiden werden – und das, obwohl nur wenige von euch diesen Text lesen werden, bevor die ersten Spieler schon wieder ausgeschieden sind.

Einer ist ja jetzt schon draußen: Florian Mayer – Nummer 22 in der Welt und Nummer 1 in Deutschland – hat wegen seiner Leistenverletzung, die ihn schon seit zwei Wochen außer Gefecht setzt, kurzfristig abgesagt.

Insgesamt sind zehn Deutsche am Start. Keiner von ihnen zählt zum erlauchten Kreis der 32 gesetzten Spieler. Alle werden also spätestens in Runde 2 nominell Außenseiter sein. Beginnen wir sicherheitshalber mit den Akteuren, die erst am Dienstag ins Geschehen eingreifen. Das ist dann wenigstens morgen noch aktuell.

Am Dienstag ruhen die deutschen Hoffnungen vor allem auf Philipp Petzschner (Nr. 63). Er ist ganz passabel ins Jahr gestartet, als er in der ersten Runde von Brisbane seinen österreichischen Doppelpartner Jürgen Melzer schlug, der im Einzel eigentlich der Stärkere ist. In Runde 2 war dann aber Schluss. So wird es in Melbourne wohl auch kommen. In Runde 1 trifft er auf den Tschechen Lukas Rosol (Nr. 69). Der Mann ist Sandplatzspezialist, den sollte Petzsche gern schlagen. Aber in Runde 2 wartet dann wohl der kanadische Geheimfavorit Milos Raonic, der sich anschickt, in diesem Jahr ganz großen Stars zu ärgern An dem wird kaum ein Vorbeikommen sein.

Cedrik-Marcel Stebe (Nr. 83) steht in Melbourne zum ersten Mal ohne Qualifikation direkt im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers. Da wäre es kein Beinbruch, schiede er in der ersten Runde aus. Er wird auf jeden Fall eine große Erfahrung sammeln können. Sein Gegner ist die australische Legende Lleyton Hewitt. Der ist inzwischen nur noch Nr. 181, was aber auch daran liegt, dass er oft verletzt ist und selten spielt. Das Match wird gewiss auf einem der großen Show-Courts ausgetragen. Stebe ist Außenseiter, aber nicht völlig chancenlos. In Runde 2 könnte ein weiterer Altmeister warten: Andy Roddick (Nr. 16), auch der längst nicht mehr unverwundbar. Sollte Stebe das Kunststück gelingen, erst Hewitt und dann Roddick zu bezwingen (woran wir freilich nicht zu sehr glauben sollten), wäre er in aller Munde – bevor auch er dann in Runde 3 von Milos Raonic gestoppt wird.


Matthias Bachinger (Nr. 89) hat sich geduldig mit vielen Challenger-Erfolgen in die Top 100 gespielt und hält sich da seit über einem halben Jahr. In Wimbledon und bei den US Open durfte er deshalb auch schon mitmachen, ohne Erfolg. Diesmal aber hat er einen Erstrundengegner, der auch nicht viel besser als er ist: Ryan Sweeting aus den USA. Der ist zwar Nr. 68, aber das liegt hauptsächlich an einem Turniersieg von vor fast einem Jahr. In Runde 2 wartet die spanische Nadal-Kopie David Ferrer (Nr. 5). Gegen dessen Powerschläge hat einer wie Bachinger keine Chance.

Das waren die Spieler vom Dienstag. Die Auslosung spielt mir übel mit und sorgt dafür, dass sieben der zehn Deutschen schon heute Nacht im Einsatz sind. Als da wären:

Philipp Kohlschreiber (Nr. 41) hat sich inzwischen Gott sei Dank von seinem Coach Miles MacLagan getrennt, der berühmt wurde, weil er mal Andy Murray betreute, bei Kohlschreiber aber eher so wirkte wie Steve McLaran beim VfL Wolfsburg. So wie die Wolfsburger ihren alten Felix Magath zurückholten, besann sich Kohlschreiber auf Stefan Eriksson, den wir aber ansonsten mit Magath nicht vergleichen wollen. Es besteht also Grund zur Hoffnung, dass es wieder bergauf geht mit Kohli. Diese Woche in Auckland sah es schon mal ganz gut aus. Da kam er ins Halbfinale. Ich glaube, in Melbourne kann er richtig weit kommen – zumindest bis ins Achtelfinale. Die Auslosung meint es gut mit ihm. In Runde 1 wartet Juan Monaco (Argentinien, Nr. 27), einer der schwächsten gesetzten Spieler im Feld. Den kann Kohli in seiner aktuellen Form ebenso knacken wir Albert Montanes in Runde 2. In Runde 3 käme eventuell Mardy Fish (USA, Nr. 8) dran, der hat aber in letzter Zeit so wenig gerissen, dass ich meine Zweifel habe, ob er überhaupt bis Runde 3 dabei bleibt. Im Achtelfinale käme Juan Martin del Potro (Argentinien, Nr. 11). Wenn der gut in Form, ist spätestens da Schluss für Kohlschreiber. Aber del Potro ist in seinen Leistungen noch längst nicht wieder so stabil wie vor seinem Burn-Out. Also wer weiß? Über ein Viertelfinale gegen Roger Federer denken wir aber erst einmal nicht weiter nach.

Tobias Kamke (Nr. 98) hat sich als Spieler, der mit Ach und Krach stets unter den ersten 100 bleibt, etabliert. Sein Gegner Victor Hanescu (Nr. 90, Rumänien) schwächelte zuletzt gewaltig. Runde 2 sollte drin sein für Kamke. Dort verliert er dann wohl gegen Alexander Dolgopolov (Ukraine, Nr. 13).

Andreas Beck (25 Jahre) war vor zwei Jahren schon mal die Nummer 33, da war er wohl etwas zu hoch geflogen und stürtze ab. Inzwischen hat er sich einigermaße berappelt und ist wenigstens wieder die Nummer 93 und damit in Melbourne im Hauptfeld. Er wird hier sein Erstrundenmatch gegen Eric Prodon (Frankreich, Nr. 96) gewinnen und sich in Runde 2 gegen Roger Federer wacker schlagen und doch glatt verlieren.

Björn Phau (Nr. 174), der alte Haudegen, hat sich Downunder noch mal durch die Qualifikation gekämpft. Vielleicht hat er ja Glück, und sein belgischer Gegner Olivier Rochus (Nr. 54) ist müde vom Finale in Auckland, das er am Sonnabend gegen David Ferrer verlor. Aber weil Phau (31 Jahre) ja selber die drei Qualifikationsmatches in den Knochen hat, gleicht sich das wohl aus und wir brauchen nicht an die Zweitrundenniederlage gegen Tomas Berdych (Tschechien, Nr. 7) zu denken.

Für Benjamin Becker (Nr. 304), der nach mehr als sechs Monaten Verletzungspause über sein „Protected Ranking“, also die Ranglistenposition von vor der Verletzung Zugang zu den Australian Open hat, beginnt das Turnier mit einer ziemlich hohen Hürde: Marcos Baghdatis (Zypern, Nr. 44), Melbourne-Finalist von 2006. Der Mann ist im Moment wieder ganz gut in Form – zu gut für den noch nicht wieder hundertprozentig in Fahrt gekommenen Becker. Falls aber Becker wider Erwarten stark genug für Baghdatis sein sollte, kann er auch noch ein oder zwei Runden mehr gewinnen.

Peter Gojowczyk (Nr. 248) hat zum ersten Mal in seiner Karriere an der Qualifikation zu einem Grand-Slam-Turnier teilgenommen – und ist auf Anhieb durchgekommen ins Hauptfeld. Er zählt schon seit Jahren zu den wenigen Nachwuchshoffungen in Deutschland. Mit 22 Jahren wird es langsam Zeit für den Durchbruch. Gegen Donald Young (USA, Nr. 42) wird das aber wohl noch nichts. Falls ich mich irre, gilt wie bei Becker: Wenn Gojowczyk stark genug für Young ist, gewinnt er auch noch eine Runde mehr. Dann aber käme Rafael Nadal.

Tommy Haas (Nr. 190) ist wie Benjamin Becker über sein „Protected Ranking“ ins Hauptfeld gekommen – und hat einen deutlich einfacheren Auftaktgegner als Becker, den Qualifikanten Denis Kudla aus den USA (Nr. 276). Den schlägt Haas und verliert dann in Runde 2 ganz glatt gegen Nadal.

Hier die komplette Auslosung für die Australian Open

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