Donnerstag, 27. Dezember 2012

Was Spiegel online nicht schafft: Tennis live

So richtig geht die Tennis-Saison 2013 erst in der nächsten Woche los. Aber Spiegel Online wollte heute schon mal anfangen. Als ich gestern las, dass der Spiegel das Einladungsturnier von Abu Dhabi im Livestream übertragen wird, dachte ich mir: Da solle ich mal reinschauen. Tennis-Livebilder auf einem großen deutschen Nachrichtenportal, das ist doch mal ein Thema für meinen Blog. Aber dann das: Wenige Stunden vor dem Start bläst der Spiegel die Übertragung ab. "Technische Probleme."

Zunächst galt die Absage nur für den ersten Tag. Aber es sieht nicht danach aus, dass es morgen, wenn Novak Djokovic ins Geschehen eingreift, losgeht mit der Übertragung. Dass die Redaktion es nicht einmal für angebracht hält, die nackten Ergebnisse von heute zu vermelden, macht deutlich, dass die Veranstaltung, obwohl sie sich „World Championships“ nennt, sportlich von eher geringem Wert ist, der auch dadurch nicht gestiegen ist, dass Rafael Nadal sein für morgen geplantes Comeback mit der offiziellen Begründung einer Magenverstimmung abgesagt hat.

Wenn schon der Spiegel die Ergebnisse von heute nicht meldet, hier sind sie: Janko Tipsarevic schlug Andy Murray mit 6:3 und 6:4. David Ferrer schlug Tomas Berdych mit 6:2 und 6:4. Morgen (ab 12 Uhr MEZ) trifft Novak Djokovic auf David Ferrer, danach spielt Janko Tipsarevic gegen Nicolas Almagro, der für Nadal einspringt.

Aber mit diesem Turnier wollen wir uns gar nicht zu sehr befassen. Das Interessante war ja, dass man Tennis jetzt auf großen Nachrichten-Portalen online verfolgen kann. Denn nach dem Spiegel versucht sich auch Sat1 an einer Internet-Übertragung. Vielleicht klappt es ja bei denen. Auf ran.de soll ab Sonnabend der Hopman Cup in Perth zu sehen sein, die inoffizielle Mixed-Weltmeisterschaft, bei der Andrea Petkovic und Tommy Haas für Deutschland antreten. Manche werden sich daran erinnern, dass auch bild.de in diesem Jahr Tennis live übertragen hat – die Fed-Cup-Begegnung zwischen Deutschland und Australien im April und bereits im Februar die Davis-Cup-Erstrundenbegegnung zwischen Deutschland und Argentinien. Ob die Neuauflage dieses Duells in diesem Jahr wieder bei Bild läuft, scheint noch nicht festzustehen. Ich habe jedenfalls bisher keine Informationen gefunden.

So schön ich echtes Fernsehen finde ich diese Internet-Übertragungen nach wie vor nicht. Aber immerhin ist es dadurch überhaupt möglich, Tennis live zu gucken. Damit war es in den vergangenen Jahren im Herrentennis ja nicht immer so weit her, und die Live-Übertragungen von der WTA-Tour der Frauen setzt Eurosport im kommenden Jahr auch nicht fort. Dass normale ATP- und WTA-Turniere auf qualitätvollen und frei zugänglichen Internet-Portalen gezeigt werden, wird man fürs kommende Jahr indes nicht erwarten können. Das Monopol wird die Bezahlplattform tennistv.com behalten. Dafür zahlt man inzwischen fast 90 Euro im Jahr. Aber ich muss zugeben: Man bekommt wirklich etwas geboten. Es gibt eine riesige Auswahl an alten Spielen, Zusammenfassungen, Interviews. Und man sieht nicht nur – wie meist im Fernsehen – die großen Stars auf dem Center Court, sondern man kann bei vielen Turnieren auch mal auf den Nebenplatz zappen. Das gefällt mir so gut, dass ich mich inzwischen ärgere, wenn ein Turnier im deutschen Fernsehen übertragen wird und deshalb in Deutschland auf tennistv.com nicht abrufbar ist.

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Ach, was ist schon Wimbledon... - Roger Federer in Südamerika

Den Anstoß zu unserem heutigen Thema verdanken wir dem italienischen Tennisreporter Enrico Maria Riva. Er twitterte vor ein paar Tagen den Satz: „I have the feeling that Federer South American tour is something will be told 50 years from now as pop culture.“

Ich fand das einen interessanten Gedanken und habe einen näheren Blick auf Roger Federers Reise geworfen, die ich bis dahin als ganz normale Saisonpausen-Schaukampf-Tournee ohne sportlichen Wert abgetan hatte. Saisonpausen-Schaukämpfe gibt es ja in diesem Winter besonders reichlich, weil die Saisonpause zwei Wochen länger ist als bisher. Dafür hatten sich insbesondere die Spitzenspieler eingesetzt – offiziell, um mehr Zeit zum Regenerieren zu haben.

Wird man von Roger Federers Schaukämpfen in Brasilien, Argentinien und Kolumbien tatsächlich noch in Jahrzehnten schwärmen? Als ich mir diese Frage stellte, fiel mir der Vergleich ein zum „Rumble in the Jungle“, dem Weltmeisterschafts-Boxkampf zwischen Muhammed Ali und George Foreman am 30. Oktober 1974 in Kinshasa.

Damit kann Federer wohl nicht mithalten. Aber es war in diesen Dezembertagen unübersehbar, dass Lateinamerika nach sportlichen Großereignissen lechzt. Brasilien wird mit der Fußball-WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016 solche bald bekommen. Bisher aber ist dieser Erdteil vom weltweiten Sportbusiness stiefmütterlich behandelt worden. Seine letzte Fußball-WM liegt 34 Jahre zurück (1978 in Argentinien). Olympische Spiele gab es dort noch nie.

Auch Tennis-Großereignisse gibt es dort nicht, und das, obwohl insbesondere Chile, Argentinien und Brasilien in den vergangenen Jahren reihenweise Grand-Slam-Turniersieger (Juan Martin del Potro, Gustavo Kuerten, Gastón Gaudio), Weltranglisten-Erste (Gustavo Kuerten, Marcelo Rios) und Olympiasieger (Nicolás Massú, Fernando Gonzalez) hervorgebracht haben.

Aber nun kam Roger Federer. Zum ersten Mal, seit er 1997 an einem Juniorenturnier in Cáracas teilnahm. Seine Matches in Sao Paolo gegen Tommy Haas, Tomaz Bellucci und Jo-Wilfried Tsonga waren schon ein gewaltiges Spektakel. Dann kam er nach Buenos Aires. Dort hatte man eigens für sein Match gegen Juan Martin del Potro ein Stadion mit 20.000 Plätzen aufgebaut. Größer als der Center Court von Wimbledon, der von Roland Garros oder der von Melbourne. Nur die US Open können da mithalten. Es war kein Problem, 40.000 Karten zu verkaufen. Für ein sportlich völlig irrelevantes Match. Also spielten Federer und del Potro einfach zweimal gegeneinander. Das hatte den versöhnlichen Nebeneffekt, dass beide einmal gewinnen konnten.

Zum Abschluss jettete Federer dann noch nach Bogotá und spielte noch einmal gegen Jo-Wilfried Tsonga. Natürlich wieder vor einem riesigen begeisterten Publikum. Bogotá übrigens wird schon im kommenden Jahr ein ganz reguläres 250er-Turnier der ATP-Tour bekommen. Das sieche Turnier von Los Angeles im Juli zieht um nach Kolumbien. Dass Roger Federer dort antritt, ist jedoch ausgesprochen unwahrscheinlich. Dafür wird das Turnier eine Nummer zu klein.

Hier alle Ergebnisse von Federers Südamerika-Tour im Dezember 2012:

Sao Paolo
Federer – Tommy Haas 6:4, 6:4
Federer – Jo-Wilfried Tsonga 7:6, 6:3
Federer – Tomaz Bellucci 5:7, 6:3, 4:6

Tigre (Buenos Aires)
Federer – Juan Martin Del Potro 6:4, 7:6
Federer – Juan Martin Del Potro 6:3, 3:6, 4:6

Bogotá
Federer – Jo-Wilfried Tsonga 7:6, 2:6, 6:3

Hier das erste der beiden Del-Potro-Matches in voller Länge auf Youtube

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Wer spielt wo? Beinahe wie Transfergeflüster

Das ist das Trostlose an der Saisonpause im Tennis: Es gibt keine spektakulären Transfers zu vermelden. Selbst der kasachische Verbandspräsident hat aufgehört, Russen für seine Davis-Cup-Mannschaft einzubürgern.

Es gibt für Tennisnachrichtenjunkies aber eine – wenn auch schwache – Ersatzdroge. Die Early Commitments. Die frühzeitigen Zusagen verschiedener Profis für verschiedene Turniere irgendwann im April, im Mai oder im Juli. In dieser Woche liefen fast täglich irgendwelche Meldungen über den Ticker.

Bleiben wir zunächst einmal im Lande: Zu den besonders interessanten Erkenntnissen zählt, dass das Tischtuch zwischen dem ausgeschiedenen Davis-Cup-Kapitän Patrik Kühnen und seinem Spitzenspieler Philipp Kohlschreiber nicht so weit zerschnitten ist, dass Kohlschreiber nicht bereit wäre, seinen Titel in München, wo Kühnen Turnierdirektor ist, zu verteidigen.

Aber der Reihe nacht. Wobei – wenn wir die deutschen Turnier chronologisch ordnen, beginnt die Reihe sowieso in München (27. April bis 5. Mai). Auf der offiziellen Turnier-Homepage folgen Informationen erst „in Kürze“. Aber es gab Anfang Dezember bereits eine Verlautbarung, derzufolge neben Kohlschreiber (Nr. 20) auch Florian Mayer (Nr. 28) in München aufschlagen wird. Da ist für Patrik Kühnen noch einiges zu tun, bis er ein attraktives Teilnehmerfeld zusammen hat.

Rainer Schüttler ist schon einen Schritt weiter. Zusammen mit seinem neuen Ziehvater Ion Tiriac setzt er in Düsseldorf (20. bis 26. Mai) ein reguläres 250er-Turnier an die Stelle des eingegangenen World Team Cups. Hier hat nicht nur Philipp Kohlschreiber bereits zugesagt, sondern auch ein aktueller Top-10-Spieler: Janko Tipsarevic aus Serbien. Außerdem Tobias Kamke (Nr. 98) und Benjamin Becker (Nr. 65). Diese beiden Namen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. Wenn Kamke in der Rangliste bis zum Stichtag Anfang April auch nur fünf oder sechs Plätze abrutscht, muss er bei den French Open in die Qualifikation. Und die findet in derselben Woche statt wie das Düsseldorfer Turnier. Auch Benni Becker kann bis dahin durchaus aus den Top 100 fallen, schließlich verliert er im Februar 180 Punkte aus seinem Halbfinale beim 500er-Turnier in Memphis.

Das beste Feld in Deutschland hat auch 2013 wieder einmal der Rasen von Halle/Westfalen (10. bis 16. Juni) zu bieten.  Roger Federer (Nr. 2) gehört dort ja schon zum Inventar. Auch Rafael Nadal (Nr. 4), der in diesem Jahr nach längerer Pause erstmals wieder nach Halle kam, will 2013 wiederkommen. Dass auch Janko Tisparevic zugesagt hat, fällt bei diesen Namen kaum noch ins Gewicht. Freuen dürfen wir uns auch auf zwei Spieler, die schon in Kürze zu den absoluten Topstars gehören könnten: Kei Nishikori (22 Jahre, Nr. 19) aus Japan und Milos Raonic (21 Jahre, Nr. 13) aus Kanada. Philipp Kohlschreiber ist wie in München und Düsseldorf auch in Halle dabei. Titelverteidiger Tommy Haas (Nr. 21) aber hat offiziell noch nicht zugesagt.

Dafür ist Haas in Stuttgart (8. bis 14. Juli) dabei.  Damit ist er aber auch der einzige Spieler den die Schwaben bisher präsentieren konnten.

Das nominell größte Tennisturnier auf deutschem Boden ist da unwesentlich weiter. Am Hamburger Rothenbaum (15. bis 21. Juli) wirbt Turnierdirektor Michael Stich mit Mats Wilander – und mit sich selbst. Die beiden sollen das Legendenmatch bestreiten, das auf deutschen Turnieren inzwischen zum guten Ton gehört. Von den aktiven Spielern hat – wie in Stuttgart – bislang nur Tommy Haas zugesagt.

So weit die deutschen Turniere. Was das Ausland angeht, beschränken wir uns auf einen Blick auf die großen Vier: Wo außer auf den Grand Slams und den Masters-Turnieren wollen Novak Djokovic, Roger Federer, Rafael Nadal und Andy Murray spielen?

Novak Djokovic beginnt nach einem Schauturnier in Abu Dhabi mit dem Hopman Cup, der inoffiziellen Mixed-WM in Perth (29. Dezember bis 5. Januar), wo er zusammen mit Ana Ivanovic Serbien vertritt. (Für Deutschland spielen Tommy Haas und Andrea Petkovic.) Darüber hinaus hat Nole bisher nur zwei Auftritte bestätigt: Den Davis-Cup in Belgien (1. bis 3. Februar) und das 500er-Turnier in Dubai (25. Februar bis 3. März).

Roger Federer hat bisher drei Zusagen gegeben: Rotterdam (11. bis 17. Februar), Dubai und Halle. In der Schweiz ist aufmerksam registriert worden, dass auf dieser Liste seine Heimatstadt Basel (21. bis 27. Oktober) fehlt, wo er sonst nie schwänzt. Dort scheint man noch über die Höhe der Antrittsprämie zu verhandeln.

Andy Murray beginnt nach Abu Dhabi die offizielle Saison zu Neujahr auf dem 250er-Turnier von Brisbane. Außerdem steht das Halbmasters von Monte Carlo (14. bis 21. April) auf seinem Turnierplan.

Besonders spannend ist die Frage, was Rafael Nadal vorhat, der ja zum Jahreswechsel nach einem halben Jahr Verletzungspause zurückkehrt. Wird er, wo immer es geht, einen Bogen um die gelenkunfreundlichen Hartplätze machen? Wohl eher nein. Jedenfalls beginnt er ebenso wie Djokovic und Murray mit dem Hartplatz-Schauturnier in Abu Dhabi und fährt dann gleich weiter nach Katar, wo er auf dem Hartplatz von Doha (31. Dezember bis 6. Januar) spielen will. Man munkelt, nach den Australian Open könne Nadal den Davis-Cup auslassen und stattdessen in der Woche drauf den chilenischen Sandplatz von Vina del Mar (4. bis 10. Februar) ausprobieren – für eine Antrittsprämie, die das offizielle Preisgeld des gesamten Turniers weiter übersteigt. Statt Dubai wird er das parallel laufende 500er-Sandplatzturnier von Acapulco spielen.

Es wird sich noch einiges tun in den kommenden Wochen und Monaten. Die offizielle Meldefrist endet jeweils sechs Wochen vor Turnierbeginn. Aber dann gibt es ja noch die Wild Cards, die nicht nur dazu dienen, hoffnungsvollen Nachwuchskräften einen Platz im Hauptfeld zu verschaffen, sondern auch dazu, einem Star, mit dem man sich erst nach Ablauf der Meldefrist handelseinig wird, ins Boot zu holen.

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Bernard Tomic - ein Mann für große Schlagzeilen

Bernard Tomic (Symbolbild)

Es ist schon spät am Abend, außerdem befinden wir uns in der tennisnachrichtenarmen Adventszeit, also fassen wir uns heute mal kurz und freuen uns darauf, dass uns Bernard Tomic in den kommenden 10 bis 15 Jahren mit viel Nachrichten zu jeder Jahreszeit versorgen wird. Mit dem jungen Australier haben wir an dieser Stelle zuletzt im September befasst, als er als Mitglied des australischen Davis-Cup-Teams am Hamburger Rothenbaum antrat und verlor.

Seit dieser Woche ist er vorläufig kein Mitglied des australischen Davis-Cup-Teams mehr. Kapitän Patrick Rafter hat ihn rausgeschmissen. Jedenfalls für die erste Begegnung im kommenden Jahr gegen Taiwan in der Asien-Ozeanien-Liga, in die die Australier dank ihrer Niederlage gegen Deutschland abgestiegen sind. Ein gewagter Schritt. Taiwan ist zwar keine Tennis-Übermacht, aber mit Lu Yen-Hsun (Nr. 59) und Jimmy Wang (Nr. 156) für die Australier auch kein Gegner, der sich von selbst schlägt. Und vor allem ist Bernard Tomic – als Sohn kroatischer Kriegsflüchtlinge in Stuttgart geboren und als Dreijähriger nach Downunder ausgewandert - nicht irgendwer, sondern die alles überragende Hoffnung des australischen Tennis und ein bisschen auch für den Rest der Welt. Bevor er vor sechs Wochen 20 Jahre alt wurde, war er der einzige Teenager unter den Top 50. 2011 schaffte er es als 18-Jähriger ins Wimbledon-Viertelfinale. Aus ihm könnte also mal ein ganz Großer werden. Und wenn man liest, warum Pat Rafter ihn aus dem Davis-Cup-Team geworfen hat, dann ahnt man, dass der Junge das Zeug hat für große Schlagzeilen außerhalb des Tennisplatzes, also für das, was im Zeitalter des Gentleman Roger Federer, des Sunnyboy Rafael Nadal und des unauffälligen Novak Djokovic etwas fehlt.

Es war nämlich nicht nur das mangelnde Engagement Tomics, das bereits in Hamburg zu besichtigen war und schon vorher bei seiner US-Open-Niederlage gegen Andy Roddick, als er den letzten Satz ebenso mit 0:6 abschenkte wie im Oktober im Schanghai gegen Florian Mayer. Was den Ausschlag für seine Davis-Cup-Suspendierung gab: Die beginnende Saisonpause nutzte Tomic dafür, polizeibekannt zu werden. Erst mussten die australischen Ordnungshüter bei der Feier seines 20. Geburtstag eine Schlägerei beenden, in die er verwickelt war. Dann wurde er zu einer Geldstrafe von 1000 australischen Dollar verurteilt, weil er es zum wiederholten Male mit den Straßenverkehrsregeln nicht so genau nahm. Zuletzt soll er in seinem Sportwagen einfach weitergefahren sein, als Polizisten versuchten, ihn anzuhalten.

Beachtlich auch die Reaktion Tomics auf seine Suspendierung: Er sagte, für ihn sei es sowieso nie ein Thema gewesen, die erste oder auch das zweite Davis-Cup-Begegnung im kommenden Jahr zu bestreiten.

Zum Schluss ein echtes Foto von Bernard Tomic und nicht eines seines bremischen Seelenverwandten.


(Beide Bilder aus Wikipedia)

Donnerstag, 29. November 2012

Tennis-Gedichte 5: „Boris Becker besiegt Andre Agassi am 7.7.1995 in Wimbledon – Ein Augenzeugenbericht“

Als die Mutter deines Sohnes,
Boris, es nicht ansehn konnte,
hab ich nicht den Blick gewendet,
nicht beim Satzverlust und nicht, als
Agassi schon wie der sichere
winner aussah.

Als du, Boris, in der Pause

unterm Tuch ins Leere starrtest
und der Sprecher davon raunte,
dich bedränge die Erinnerung
an den Sieg von 85,
sah ich zu.

Als die Schatten länger wurden,

als dem zehnten Doppelfehler,
Boris, dein Ass Zwanzig folgte,
sah ich Agassi geblendet
einer Chance nach der andern
hinterherschaun.

Als im vierten Satz der Tiebreak

selbst Brooke Shields die Sonnenbrille
von den Augen riss, als sich ihr
lover Schlag für Schlag als loser
offenbarte und sie wegsah,
sah ich hin.

Als du, Boris, nur noch Augen

hattest für des Gegners letzten
Schlag ins Leere, als du deine
Siegerfaust gen Himmel recktest,
da sah ich, sahn es Millionen:
Wie eine endlich aufblickte.

Es ist Winterpause auf der ATP-Tour, und wir haben endlich Zeit, die im vergangenen Winter begonnene Serie über Tennis-Gedichte fortzusetzen. Die heutigen Verse stammen aus der Feder Robert Gernhardts (1937-2006), dessen Steffi-Graf-Gospel wir bereits im März behandelt haben. Beide finden sich im Band „Lichte Gedichte“ (in meiner Taschenbuch-Ausgabe von 1999 auf den Seiten 178 und 179).

Die Gedichte dürften im Abstand weniger Wochen entstanden sein. Die die Matches, von denen sie erzählen, liegen genau einen Monat auseinander. Im Boris-Gedicht geht es um das Wimbledon-Halbfinale 1995. Becker gewann 2:6, 7:6, 6:4, 7:6.

Bevor wir einen näheren Blick auf das Gedicht werfen, befassen wir uns mit besagtem Match. Für Boris lief es in jenem Jahr nicht so richtig rund. Kurz zuvor bei den French-Open war er schon in der dritten Runde gegen einen rumänischen Qualifikanten namens Adrian Voinea ausgeschieden. Sein letzter Wimbledonsieg lag sechs Jahre zurück.

Andre Agassi war seit dem Frühjahr die Nummer 1 der Weltrangliste, und er war sich sicher, dass er Boris schlagen würde, so wie immer in den vorherigen sechs Jahren. Agassi hat in seiner Autobiographie „Open“ von 2009 dem Match, aus dem Robert Gernhardt dieses Gedicht formte, einen langen Absatz gewidmet (beginnend auf Seite 319 meiner Hardcover-Ausgabe). Erst lief aus Agassis Sicht alles nach Plan, aber dann „fängt Becker plötzlich an, rauer und härter zu spielen“ - und zwar von der Grundlinie, was er sonst selten tat. „Er nimmt mir den Aufschlag ab, und obwohl ich noch 4:2 in Führung liege, spüre ich, wie etwas in mir reißt. […] Plötzlich kann ich meine Gedanken nicht mehr kontrollieren.“ Er endet mit den Worten: „Es ist eine der vernichtendsten Niederlagen meines Lebens. […] Ich bin innerlich zerbrochen – völlig am Ende.“

Noch nicht am Ende indes war seine Auseinandersetzung mit Becker, der dann das Endspiel gegen Pete Sampras verlor. Agassi fuhr nach Wimbledon mit seiner damaligen Freundin, der Schauspielerin Brooke Shields, in den Urlaub auf eine einsame Insel und konnte dann an fast nichts anderes als diese Niederlage denken. Boris Becker hingegen gab eine Pressekonferenz, in der sagte, Agassi werde überschätzt, sei elitär und bei seinen Mitspielern schlecht gelitten. (So jedenfalls gibt Agassi den Inhalt dieser Pressekonferenz wieder.) Danach gewann Agassi vier Turniere hintereinander und war erst im US-Open-Endspiel von Pete Sampras zu stoppen. Agassi: „Getrieben von Hass walze ich die Gegner platt.“ Von Hass auf Boris Becker (den Agassis Coach Brad Gilbert stets „B.B. Sokrates“ nannte, „weil er meint, Becker versucht, den Intellektuellen zu spielen, obwohl er bloß ein zu groß geratener Bauernlümmel ist“.

Das also sind die Begleitumstände des von Gernhardt besungenen Matches aus der Sicht Andre Agassis. Aus deutscher Sicht ist Boris Becker 1995 längst Legende. Das wird in der vorletzten Zeile der zweiten Strophe deutlich, die an ein historisches Ereignis erinnert: „an den Sieg von 85“, der den deutschen Tennis-Boom auslöste und ohne den es ein Wimbledon-Halbfinale wohl deutlich schwerer gehabt hätte, Eingang in die deutschsprachige Literatur zu finden.

Der Dichter beschreibt das Match akkurat. Den zehnten Doppelfehler und das 20. Ass, die gab es tatsächlich. (Die Statistik auf der ATP-Webseite verzeichnet bei Becker zehn Doppelfehler und 22 Asse.) Aber das Hauptthema, das ist schwer zu übersehen, ist ein anderes, und zwar eines, das jeder Sportfan kennt: Alles ist hochdramatisch, und man mag gar nicht mehr hinsehen. Fünf Personen sehen hin oder weg: Barbara Becker („die Mutter deines Sohnes, Boris), das lyrische Ich, Boris Becker selbst, Andre Agassi und Brooke Shields.

Gleich in den ersten beiden Zeilen guckt Barbara Becker weg. Von da an ist die für fünf Strophen unsichtbar. (Wie ein kleines Kind, das unsichtbar ist, weil es sich die Augen zuhält.) Das lyrische Ich aber hat „nicht den Blick gewendet“, also kann es sehen, wie sogar Boris Becker nicht mehr hingucken mag und „unterm Tuch ins Leere“ starrt. Agassi will vielleicht noch hingucken, aber kann nicht, denn er ist „geblendet“ - ganz profan, weil die Sonne niedrig steht („die Schatten länger wurden“), aber auch, wie wir oben lasen, und was dem aufmerksamen Hingucker nicht entgangen sein dürfte, etwas in ihm gerissen war. Dann reißt sich Brooke Shields die Sonnenbrille von den Augen und guckt weg. Das Lyrische Ich sieht weiterhin hin. Und Boris? Der hat „nur noch Augen für des Gegners letzten Schlag ins Leere“.

Erst in der letzten Zeile, die vom sonst weitgehend einheitlichen Versmaß auffallend abweicht, taucht Barbara Becker wieder auf. Millionen sehen das, „wie eine endlich aufblickte“. Nur Boris, der schaut anscheinend gar nicht hin.

Hier die bisherigen Folgen der Tennisgedichte-Serie:
1.) „Wimbledon 1997“ von Dirk von Petersdorff
2.) „So eine kleine Fin-de-Siècle-Krabbe“ von Arno Holz
3.) „Steffi-Graf-Gospel“ von Robert Gernhardt
4.) „Vergleich“ von Martha Lasker

Donnerstag, 22. November 2012

Carsten Arriens – Martin Jaite 6:3, 2:6, 7:6

Seit heute ist es offiziell: Deutschlands neuer Davis-Cup-Kapitän heißt Carsten Arriens. Das DTB-Präsidium preist ihn insbesondere als erfolgreichen Verbands- und Bundesliga-Trainer. Ein Unterschied zu allen seinen Vorgängern der vergangenen Jahre: Die meisten Gelegenheitsfans haben von dem Mann noch nie was gehört. Nach dem Ende der Ära Niki Pilic haben in Deutschland ausschließlich Leute das Davis-Cup-Team gecoacht, die auch selber als Spieler den Davis-Cup gewonnen haben: Michael Stich, Boris Becker, Charly Steeb und Patrik Kühnen. Mit Kühnen ging das noch am längsten gut. Es lässt sich also mit etwas Chuzpe die Regel aufstellen: Je schlechter jemand als Spieler war, desto eher eignet er sich als Davis-Cup-Kapitän.

Da stellt sich die Frage: War Carsten Arriens als Spieler überhaupt schlecht genug, um Deutschland zum Erfolg zu führen? Er brachte es immerhin auf Platz 109 der Weltrangliste. Einmal gewann er sogar ein Grand-Prix-Turnier: 1992 im brasilianischen Guaruja. Dort bezwang er im Finale niemand Geringeren als Alex Corretja, den späteren Weltranglistenzweiten und amtierenden Davis-Cup-Kapitän der Tennis-Weltmacht Spanien.

Vergleichen wir einmal die höchsten Weltranglistenplatzierungen, die die Kapitäne der 16 Nationen, die im kommenden Jahr in der Davis-Cup-Weltgruppe gespielt haben, während ihrer aktiven Laufbahn erreichten, stellen wir fest: Carsten Arriens befindet sich im soliden hinteren Mittelfeld:

Jim Courier, USA, Nr. 1
Alex Corretja, Spanien, Nr. 2
Guy Forget, Frankreich, Nr. 4
Corrado Barazzutti, Italien, Nr. 7
Martin Jaite, Argentinien, Nr. 10
Jaroslav Navratil, Tschechien, Nr. 64
Johan van Herck, Belgien, Nr. 65
Zeljko Krajan, Kroatien, Nr. 88
Martin Laurendeau, Kanada, Nr. 90
Carsten Arriens, Deutschland, Nr. 109
Eyal Ran, Israel, Nr. 138
Clemens Trimmel, Österreich, Nr. 147
Joao Zwetsch, Brasilien, Nr. 231
Severin Lüthi, Schweiz, Nr. 622
Dias Doskarayev, Kasachstan, Nr. 945
Bogdan Obradovic, Serbien, nicht platziert

Ich hoffe, die Liste ist korrekt. Es ist weder auf der Davis-Cup-Seite noch mit Hilfe von Wikipedia hundertprozentig zuverlässig zu ermitteln, ob irgendein anderes Land außer Deutschland im nächsten Jahr mit einem neuen Kapitän antritt. Die Namen zusammenzustellen, war eine wahre Freude. Es wurde die eine oder andere Erinnerung an die guten alten Zeiten wach. Welche Rolle Joao Zwetsch (Brasilien) dabei spielt, erwähnte ich bereits vor zwei Jahren. Auch Martin Laurendeau (Kanada) bewege ich seit meiner Kindheit tief in meinem Herzen: Im ersten „tennis magazin“, das ich jemals in Händen hielt, waren die Ergebnisse der Sommer-Hartplatz-Turniere in Nordamerika abgebildet. Dazu die Fotos von zwei bis dato völlig unbekannten Nachwuchsspielern, die erstmals auf sich aufmerksam machten. Ich merkte mir ihre Namen, weil ich dachte: Den beiden gehört die Zukunft. Die Namen lauteten Martin Laurendeau und Andre Agassi.

Aber zurück zu Carsten Arriens. Dank der unerschöpflichen statistischen Daten auf der ATP-Webseite lässt sich ja schnell herausfinden, wie er sich im Laufe seiner Karriere gegen die richtig Guten geschlagen hat. Da kommt eine bemerkenswerte Reihe von Namen zusammen. Mir scheint, kaum ein anderer Spieler ist bei kleinsten Turnieren so oft auf spätere Stars getroffen. Und wenn Arriens mal die Qualifikation für ein großes Turnier schaffte, kam oft gleich in Runde 1 ein Slam-Gewinner. Er verlor gegen Boris Becker, Ivan Lendl, Stefan Edberg, Michael Stich und Thomas Muster. Sein allerletzes Profimatch bestritt er bei einem Future in Kassel 1999 gegen den späteren French-Open-Finalisten Martin Verkerk. In seinem vorletzen Turnier schied er gegen den späteren Olympiasieger Nicolas Massú aus. Bei seinem letzten Auftritt auf der ATP-World-Tour 1998 in Moskau zwang er den späteren Wimbledonsieger Goran Ivanisevic in zwei Tie-Breaks.

Dass er bei seinem einzigen Grand-Prix-Finale gegen Alex Corretja gewann, hatten wir oben schon. Im Juni 1996 verlor er bei zwei aufeinander folgenden Challengern gegen den damals 18-jährigen Tommy Haas. Jetzt warten wir gespannt, ob es Carsten Arriens wohl gelingt, Tommy Haas zu überzeugen, 2013 im Davis-Cup mitzuspielen.

In der ersten Runde geht es gegen Argentinien. Vergleichen wir also mal Arriens mit dem argentinischen Kapitän Martin Jaite. Der Mann war mal in den Top 10. Aber hat es ihm geholfen? Beim Challenger-Turnier von Neu-Ulm 1993 trafen Jaite und Arriens in der ersten Runde aufeinander. Arriens gewann im Tie-Break des dritten Satzes.
 
Hier das ATP-Profil von Carsten Arriens

Donnerstag, 15. November 2012

Saisonfazit durch die nationale Brille

Der letzte Matchball ist verwandelt. Novak Djokovic hat das Saisonfinale 2012 gewonnen und steht wieder an der Spitze der Weltrangliste. Nur das Davis-Cup-Finale fehlt noch. Die ATP-Tour macht Winterpause und geht erst Silvester weiter. Zeit für das alljährliche Saisonfazit durch die nationale Brille. Gehen wir also die deutschen Spitzenspieler der Reihe nach durch und sortieren wir sie diesmal in Gewinner, Verlierer und Langweiler des Jahres. Der Schwerpunkt liegt wie immer auf den Spielern aus den Top 100. Da gibt es viele Gewinner. In Einzelfällen darf auch nach noch weiter unten geguckt werden. Da finden sich dann auch ein paar Verlierer. Immerhin sechs Top-100-Spieler haben wir im Moment: Philipp Kohlschreiber (20), Tommy Haas (21), Florian Mayer (28), Benjamin Becker (72), Björn Phau (76) und Tobias Kamke (94). Das sind zwei mehr als vor einem Jahr, aber noch immer ein paar weniger als noch vor zwei oder drei Jahren. Immerhin gibt es drei Deutsche unter den besten 30. Sowas gab es zuletzt 1995 mit Boris Becker, Michael Stich und Bernd Karbacher.

Die Gewinner des Jahres

Philipp Kohlschreiber (29 Jahre, Nr. 20)
Seit 2009, seit dieser Blog Fazite am Jahresende zieht, war die immer gleiche Leier zu lesen: Kohli stagniert. Kohli hat seine realistischen Ziele, nämlich ein Grand-Slam-Viertelfinale zu erreichen und in die Top 20 zu kommen, immer noch nicht erreicht. Als er es zwischenzeitlich mal mit Andy Murrays Ex-Coach Miles MacLagan versuchte, endete es so enttäuschend wie mit Englands Ex-Coach Steve McLaren beim VfL Wolfsburg. Alles vergessen. Kohli hat sie erreicht, seine realistischen Ziele. Neben dem Wimbledon-Viertelfinale schaffte er auch noch die Achtelfinals bei den Australian Open und den US Open. Im Moment deutet wenig darauf hin, dass er im kommenden Jahr weniger zuverlässig sein wird.

Tommy Haas (34 Jahre, Nr. 21)
Da habe ich wohl Abbitte zu leisten. Ich habe in den vergangenen Jahren mehrmals vom Tommy Haas' langsamen Karriereende geschrieben. Er war ständig verletzt und ja auch schon vor Jahren kein ganz junger Hüpfer mehr. In diesem Jahr aber, da war nach langer, langer Zeit wieder zu erkennen, wie er es vor einem Jahrzehnt mal für kurze Zeit auf Platz 2 der Weltrangliste schaffen konnte. Nicht nur bei seinem Finalsieg in Halle/Westfalen gegen Roger Federer. Ob das im kommenden Jahr so weitergeht? In Sachen Haas wage ich lieber keine Prognosen mehr.

Florian Mayer (29 Jahre, Nr. 28)
Vor einem Jahr war er noch die Nummer 23. Jetzt steht er fünf Plätze schlechter. Trotzdem gehört er zu den Gewinnern. Schon allein deshalb, weil er eine viel zu starke Saison hatte, als dass man ihn zu den Verlierern hätte zählen können. Und ein Langweiler ist er mit seiner exotischen Spielweise schon mal gar nicht. Flos Saison 2011 war herausragend, und man konnte nicht davon ausgehen, dass er auf dem Niveau, das er in dem Jahr hatte, einfach weitermacht. Hat er auch nicht. Es gab gewaltige Durststrecken. Aber am Ende war er stark genug, um das zweite Jahr in Folge unter den Top 30 abzuschließen. Im Davis-Cup-Abstiegsspiel gegen Australien im September hat er nervenstark die Rolle des Führungsspielers ausgefüllt. In diesem Punkt hat er sich tatsächlich noch einmal gesteigert.

Benjamin Becker (31 Jahre, Nummer 72)
Wenn jemand über 30 ist und dann für über ein halbes Jahr verletzt, dann ist es nicht so selbstverständlich, nahtlos an alte Leistungen anzuknüpfen. Benni Becker hat das geschafft. Anfang des Jahres war er wegen seiner langen Pause nicht einmal mehr unter den Top 300. Schon im Februar legte er mit einem Halbfinale beim 500er-Turnier in Memphis die Grundlage für sein Comeback. Danach waren seine Leistungen unspektakulär, aber sehr stabil. Letzte Woche erst gewann er ein Challenger im Südtiroler Skiort St. Ulrich.

Björn Phau (33 Jahre, Nummer 76)
Hier sei einfach auf das Loblied auf Björn Phau vom Februar verwiesen. Phänomenal, was der letzte Überlebende aus dem Boris-Becker-Juniorteam leistet. Man wundert sich manchmal.

Langweiler des Jahres

Tobias Kamke (26 Jahre, Nummer 94)
Halt so um Platz 100 rum, der Lübecker. Wie immer.

Verlierer des Jahres
Philipp Petzschner (28 Jahre, Nummer 117)
Bei Petzsche muss man ja immer auch ein aufmerksames Auge aufs Doppel werfen. Doppel-Wimbledonsieg 2010, US-Open-Sieg 2011. In diesem Jahr war da nichts. Im Einzel hatte er ein einziges gutes Ergebnis: Das Finale beim 250er-Rasenturnier im holländischen 's Hertogenbosch in der Woche vor Wimbledon.

Cedrik-Marcel Stebe (22 Jahre, Nummer 139)
Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, das in dieser Aufzählung bisher die Jungspunde fehlen. Aus dem einfachen Grund, weil es fast keine gibt. Ceddy Stebe ist ja eigentlich unsere einzige Hoffnung. Letztes Jahr brach er in die Top 100 und gewann am Jahresende das Finale der acht besten Challenger-Spieler in Sao Paolo. (Die 110 Ranglistenpunkte, die ihm das brachte, wird er am kommenden Montag verlieren, und dann schließt er das Jahr irgendwo um Platz 180 ab. Aber es wird mit ihm auch wieder bergauf gehen. Anders kann es gar nicht sein. Ich habe ihn in diesem Jahr zweimal live gesehen, beide Male am Hamburger Rothenbaum, und beide Mal spielte er über weite Strecken exzellent. Beim 500er-Turnier im Juli schlug er in Runde 1 gegen den späteren Turniersieger Juan Monaco zum Matchgewinn auf und verlor dann schlicht die Nerven. Beim Davis-Cup im September gegen Lleyton Hewitt klappte es besser mit den Nerven, und er sicherte Deutschland den Klassenerhalt. Darauf lässt sich aufbauen. Das nötige Talent hat er.

Zum Schluss eine lobende Erwähnung für Jan-Lennard Struff (22 Jahre, Nummer 180). Seit ich den Jungen vor drei Jahren in der Qualifikation am Hamburger Rothenbaum sah, warte ich auf seinen Durchbruch. Bisher war mein Eindruck: Er ist noch nervenschwächer als Stebe. In diesem Jahr meine ich aber Anzeichen einer Stabilisierung ausgemacht zu haben. Nächste Woche, wenn Stebe seine 110 Punkte aus Sao Paolo verliert, dürfte er bereits der bestplatzierte U23-Spieler aus Deutschland sein.

Donnerstag, 8. November 2012

Westeuropa verliert den Anschluss

Zugegeben: Vor einer Woche mokierte ich mich darüber, welcher Hans und Franz es alles so ins Viertelfinale des nicht ganz ernst zu nehmenden Masters-Turniers von Paris-Bercy geschafft hat. Dabei nannte ich auch den Namen des 22-jährigen polnischen Qualifikanten Jerzy Janowicz. Asche auf mein Haupt. Das Masters von Paris-Bercy in seiner jetzigen Form unmittelbar vor Beginn des Tourfinales ist zwar immer noch nicht ganz ernst zu nehmen, aber was Jerzy Janowicz geleistet hat, das ist Tennis-Zeitgeschichte: Er kam bis ins Finale, und damit ist er der erste Masters-Finalist, der in den Neunziger Jahren geboren wurde.

Die Zeiten, in denen 17-Jährige Wimbledon gewannen, sind ja schon lage vorbei. Das ist auch schon vielerorts thematisiert worden. Allenthalben heißt es, das heutige Profitennis sei für kleine Jungs zu athletisch. Aber dass ein U23-Spieler in einem Masters-Finale ein bestaunenswertes Einzelstück ist, das ist schon eine neue Dimension. Noch vor zehn Jahren bestanden die Top 10 zur Hälfte aus Spielern unter 23 (Hewitt, Safin, Ferrero, Federer und Roddick). Heute ist der Kanadier Milos Raonic auf Platz 13 der beste U23-Spieler.

Apropos Raonic: Mit dem (Jahrgang 1990) hätte man viel eher als erstem Masters-Finalisten aus den 1990er-Jahrgängen gerechnet. Oder mit dem Australier Bernard Tomic (1992, Nr. 51) oder dem US-Amerikaner Ryan Harrison (1992, Nr. 68). Den Japaner Kei Nishikori (Nr. 19) hätte man noch nennen können, wenn die Wehen seiner Mutter damals drei Tage später eingesetzt hätten. Er kam aber schon am 29. Dezember 1989 zur Welt.

Wir nähern uns dem Kernthema dieses Artikels: dem Mangel an jungen Europäern im Herrentennis. Bis ich mich vor ein paar Tagen genauer mit diesem Thema zu beschäftigen begann, hielt ich in der Tat diese Verallgemeinerung für zulässig. Grigor Dimitrov (1991, Nr. 48) aus Bulgarien hielt ich für eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. Aber es gibt ja nun auch Janowicz und es gibt den Russen Andrei Kusnezow (1991, Nr. 75).

Wo es wirklich dunkel aussieht, das ist Westeuropa. (Als Westeuropa definiere ich alles das, was vor 1989 demokratisch war auf unserem Kontinent. Finnland zum Beispiel gehört dazu, Tschechien nicht, obwohl ein Blick in den Atlas schnell zeigt, dass Finnland östlicher liegt als Tschechien.) In Westeuropa gibt es nur David Goffin (1990, Nr. 45) aus Belgien, sonst niemanden. Er steht zwar in der Rangliste besser als die meisten seiner Jahrgangsgenossen, bisher habe ich von ihm aber nicht den Eindruck, als könnte aus ihm ein ganz Großer werden. Um weitere junge Westeuropäer zu finden, muss man runtergehen in die Regionen um Platz 100 und weiter. Da kommen der Franzose Guillaume Rufin (1990, Nr. 93) und der Portugiese Gastao Elias (1990, Nr. 133) – und dann auch schon unser Cedrik-Marcel Stebe (1990, Nr. 141).

Auch die spanische Armada, die in den vergangenen Jahren die Sandplätze dieser Welt dominierte, wird wohl bald versinken. Nachfolger von Rafael Nadal, Juan Carlos Ferrero, Carlos Moyá, Sergi Bruguera, David Ferrer, Tommy Robredo usw. sind kaum in Sicht. Der derzeit beste junge Spanier ist Javier Martí (1992, Nr. 183).

Schweden gibt es ohnehin schon lange nicht mehr. In Großbritannien wird Andy Murray weiter ein singuläres Phänomen bleiben. Auch in der Schweiz werden die zahlreichen Tennisreporter, die einst von der Ära Hingis nahtlos in die Ära Federer wechselten, an Umschulungsmaßnahmen teilnehmen müssen.

Wie das kommt? Keine Ahnung. Offenbar ist Tennis in Westeuropa nicht mehr so angesagt wie in anderen Ecken der Welt. Oder die anderen Ecken der Welt haben im Zuge der Globalisierung einfach aufgeholt. Vielleicht hilft es, diese gesamt-westeuropäische Entwicklung im Blick zu haben, wenn es darum geht zu diagnostizieren, warum es um den deutschen Tennis-Nachwuchs so schlecht steht. Es ist ja beliebt, nach Förder-Vorbildern im Ausland zu gucken und dabei einfach das Ausland zu nehmen, das am vertrautesten ist. Aber bei unseren West-Nachbarn läuft es offenbar keinen Deut besser als bei uns.

Zum Beweis ein Vergleich der 25 besten Spieler der Jahrgänge 1990 und jünger auf der aktuellen Weltrangliste mit den besten 25 Spielern der Jahrgänge 1980 und jünger im November 2002. Die Westeuropäer sind rot hervorgehoben

5. November 2012:
13. Milos Raonic (1990, Kanada)
26. Jerzy Janowicz (1990, Polen)
45. David Goffin (1990, Belgien)
48. Grigor Dimitrov (1991, Bulgarien)
51. Bernard Tomic (1992, Australien)
68. Ryan Harrison (1992, USA)
75. Andrei Kusnezow (1991, Russland)
92. Rikardas Berankis (1990, Litauen)
93. Guillaume Rufin (1990, Frankreich)
116. Guido Pella (1990, Argentinien)
122. Jewgeni Donskoi (1990, Russland)
125. Vasek Pospisil (1990, Kanada)
132. Federico Delbonis (1990, Argentinien)
133. Gastao Elias (1990, Portugal)
141. Cedrik-Marcel Stebe (1990, Deutschland)
146. Uladsimir Ignatik (1990, Weißrussland)
147. Denis Kudla (1992, USA)
156. Zhang Ze (1990, China)
163. Marius Copil (1990, Rumänien)
164. Jack Sock (1992, USA)
166. Dusan Lajovic (1990, Serbien)
170. Agustin Velotti (1992, Argentinien)
173. Guido Andreozzi (1991, Argentinien)
177. Diego Schwartzman (1992, Argentinien)
182. Wu Di (1991, China)

11. November 2002
1. Lleyton Hewitt (1981, Australien)
3. Marat Safin (1980, Russland)
4. Juan Carlos Ferrero (1980, Spanien)
6. Roger Federer (1981, Schweiz)
9. Andy Roddick (1982, USA)
12. David Nalbandian (1982, Argentinien)
18. Fernando Gonzalez (1980, Chile)
25. Xavier Malisse (1980, Belgien)
30. Tommy Robredo (1982, Spanien)
32. Michail Juschni (1982, Russland)
36. Paul-Henri Mathieu (1982, Frankreich)
40. Jose Acasuso (1982, Argentinien)
41. Jarkko Nieminen (1981, Finnland)
45. Guillermo Coria (1982, Argentinien)
57. Taylor Dent (1981, USA)
59. David Ferrer (1982, Spanien)
62. Feliciano Lopez (1982, Spanien)
64. Olivier Rochus (1981, Belgien)
74. Kristian Pless (1981, Dänemark)
80. Albert Montanes (1980, Spanien)
84. Nikolai Dawidenko (1981, Russland)
86. Mardy Fish (1981, USA)
89. Jürgen Melzer (1981, Österreich)
100. Robby Ginepri (1982, USA)
104. Michael Llodra (1980, Frankreich)

Ein Blick auf die Rangliste von 2002 macht nebenbei noch etwas anderes deutlich: Die Karrieren der damals jungen Spieler sind sehr unterschiedlich verlaufen. David Ferrer, vor zehn Jahren eher unauffällig, hat letzte Woche in Paris-Bercy das Finale gegen Jerzy Janowicz gewonnen. Einige seiner Altersgenossen sind längst im Ruhestand..

Donnerstag, 1. November 2012

Will denn keiner in Paris gewinnen?

Erst abstimmen, und dann einen Artikel zu einem ganz anderen Thema lesen. Das war die innovative Devise für diese Woche. Funktioniert aber nicht. Das Blogspot-Umfragetool spinnt. Die Ergebnisse verschwinden immer wieder. Deshalb hab ich die Abstimmung gelöscht.Wer trotzdem was zum Rücktritt von Davis-Cup-Teamchef Patrik Kühnen und der Suche nach einem Nachfolger wissen will, klickt hier (Spiegel online) oder hier (mein Artikel vom letzten Donnerstag).

Aber jetzt zum Thema von heute: Die ATP-Saison 2012 ist zwei Wochen kürzer als in den vergangenen Jahren. Ein Erfolg der Stars, die seit langem für eine längere Saisonpause kämpften, um mehr Zeit zur Regeneration zu haben (und für lukrative Schaukämpfe). Schon am nächsten Montag beginnt in London das Tourfinale der acht besten Spieler.

Wer der große Verlierer dieser Kalenderreform ist, ist in dieser Woche deutlich zu besichtigen: Das Masters von Paris-Bercy. Traditionell das letzte Turnier vor dem Tourfinale und eine Pflichtveranstaltung für alle Superstars. Jedenfalls auf dem Papier. In der Praxis sieht es so aus, als wollten alle nur schnell weg, um kurz durchzuschnaufen, bevor es ab Montag zur Sache geht:

Roger Federer (Nr. 1) hat am Sonntag nach seiner Finalniederlage in Basel seine Teilnahme in Paris gleich ganz abgesagt – und damit in Kauf genommen, dass er seinen ersten Platz in der Weltrangliste kampflos an Novak Djokovic verliert.

Novak Djokovic (Nr. 2) ist zwar hingefahren nach Paris, hat aber gleich sein Auftaktmatch gegen Sam Querrey (USA, Nr. 23) nach furiosem Start mit 6:0, 6:7, 4:6 verloren. (Wie viel das damit zu tun hatte, dass kurz zuvor in Belgrad sein Vater ins Krankenhaus eingeliefert wurde, sei einmal dahingestellt.)

Andy Murray (Nr. 3) gewann zwar sein Auftaktmatch, packte aber heute nach dem Achtelfinale die Koffer. Er verlor gegen den polnischen Qualifikanten Jerzy Janowicz (Nr. 69).

Rafael Nadal (Nr. 4) ist sowieso verletzt zu Hause geblieben.

Juan Martin del Potro (Nr. 8) konnte heute auch schon abreisen: 4:6 und 3:6 im Achtelfinale gegen den französischen Wild-Card-Spieler Michael Llodra (Nr. 121).

Unter den acht Spielern, die morgen das Viertelfinale bestreiten, ist keiner, der schon mal ein Grand-Slam-Turnier gewonnen hat. David Ferrer (Nr. 5) und Jo-Wilfried Tsonga (Nr. 7) spielen heute Abend noch ihre Achtelfinals, Tomas Berdych (Nr. 6) und Janko Tipsarevic (Nr. 9) stehen schon im Viertelfinale und werden nun abwägen, ob sie die seltene Chance nutzen wollen, in Abwesenheit der Klassenbesten mal ein Masters zu gewinnen, oder ob sie auch lieber abschenken, um sich wenigstens am Wochenende ein bisschen für das Tourfinale schonen zu können.

Aus sportlicher Sicht ist das Masters von Paris-Bercy ein Witz. Turnierdirektor Guy Forget kann darüber nachvollziehbarerweise nicht lachen. Auch ATP-Chef Brad Drewett scheint das Problem erkannt zu haben. Im nächsten Jahr wird der Witz noch einmal erzählt, aber es verdichten sich die Anzeichen, dass das Turnier ab 2014 in den Februar verlegt wird – wenige Wochen nach den Australian Open in Melbourne. Das dürfte Folgen für eine ganze Reihe weiterer europäischer Hallenturniere haben, die bislang im Herbst angesiedelt sind: Metz, St. Petersburg, Stockholm, Wien, Moskau, Basel, Valencia. Sollen die alle mit umziehen ins Frühjahr? Auszuschließen ist das nicht. Dabei drängeln sich da jetzt schon genügend andere Turniere.

Die spanische Sportzeitung berichtete bereits während der US Open Ende August von Überlegungen, das Tourfinale in den Oktober zu verlegen. Es fände dann im Anschluss an die Asientournee statt. Vermutlich eine Woche nach dem Masters von Schanghai. Danach gäbe es drei Wochen Pause, und dann begänne schon Ende November oder Anfang Dezember die neue Saison, und zwar mit den Sandplatzturnieren in Südamerika, die bisher im Februar und März ausgetragen werden. Unter diesen Turnieren ist kein Masters, bei dem die Spitzenspieler zur Teilnahme verpflichtet sind. Die Stars könnten also den gesamten November und Dezember über pausieren, wenn sie wollen. Keine besonders attraktive Aussicht für Tennis-Lateinamerika.

Und den kleineren europäischen Hallenturnieren bleibt eigentlich auch nur die Wahl zwischen zwei Übeln (wenn sie denn überhaupt wählen dürfen). Entweder sie gehen in den November ohne Aussicht auf wirklich attraktive Teilnehmerfelder oder sie wechseln in den Februar oder März und müssen mit drei anderen parallelen Turnieren um Spieler konkurrieren.

Hier die Ergebnisse aus Paris-Bercy (PDF)

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Nehmt doch einfach Silvia Neid, äh... Barbara Rittner

Also, Poldi und Schweini waren ja mal ein Herz und eine Seele, aber das hat sich geändert. Schweini will nicht mehr so gerne gemeinsam mit Poldi in einer Elf spielen. Jogi war zwar etwas überrascht, als der davon hörte, aber klar, dass er das akzeptiert... Poldi hat seinen Stammplatz in der Nationalmannschaft ja sowieso nicht mehr sicher. Da kann man auf ihn auch ganz verzichten. Etwas komplizierter ist es mit Mesut Özil. Der wird erst dann wieder für Deutschland spielen, wenn Jogi nicht mehr Trainer ist. Das ist jedenfalls der Stand heute. („Eine Versöhnung mit Löw ist fast unmöglich.“) Jogi ist nämlich viel zu dicke mit Philipp Lahm, und Philipp Lahm hat hat sich öffentlich beschwert, als Mesut Özil dem Spiele gegen Argentinien fernblieb. Aus persönlichen Gründen kam dann zwar auch Philipp Lahm nicht zu Länderspiel, aber egal. Warum dann Heiko Westermann auf der Flügelstürmer-Position spielen musste, bleibt auf ewig Jogis Geheimnis. Wahrscheinlich, weil Jogi den Westermann noch von früher kennt und auf dem linken Flügel gerade jemand gebraucht wurde (Poldi ist ja ausgebootet). Torsten Frings, der mit Michael Ballack gemeinsam eine Fußballschule gegründet hat, kann übrigens sehr gut mit Marco Reus und kann sich vorstellen, selber Bundestrainer zu werden, wenn Jogi nicht mehr will. Mesut Özil hat aber sehr wenig Verständnis für das, was Frings in Interviews so von sich gibt.

Ziemliche Mimosen, unsere Nationalhelden, oder? Nur der unscheinbare Miro Klose, der kommt mit allen aus und schießt seine Tore, wenn er nicht gerade mal wieder in einem Formtief steckt. Zum Glück ist es im Fußball alles halb so wild. Vermutlich haben sich auch die Fußball-Nationalspieler nicht immer nur alle ganz lieb. Sie können trotzdem gemeinsam kicken.

Im Tennis ist das anders. Im Tennis ist die Lage exakt so, wie oben mit vertauschten Namen beschrieben. Schweini ist Philipp Petzschner, Poldi ist Christopher Kas. Özil ist Philipp Kohlschreiber. Lahm ist Tommy Haas. Klose ist Florian Mayer. Heiko Westermann ist Benjamin Becker. Frings ist Alexander Waske. Ballack ist Rainer Schüttler. Reus ist Cedrik-Marcel Stebe. Und Jogi, das ist Davis-Cup-Kapitän Patrik Kühnen.

Sie haben es alle nicht leicht, und von außen scheint es unmöglich zu beurteilen, wer daran die größte Schuld trägt. In der Süddeutschen Zeitung vom vergangenen Sonnabend befand sich ein beinahe ganzseitiges Interview mit Philipp Kohlschreiber. Er plauderte freimütig über die Querelen im Davis-Cup-Team, dem er – der in der Weltrangliste beste deutsche Spieler – nicht mehr angehört. Jedenfalls „Stand heute“. Online gibt es von dem Print-Interview eine Zusammenfassung.

Zum Thema „Wer kann mit wem und wer nicht“ noch einmal ein kurzer Überblick. Philipp Kohlschreiber kann nicht mit mit Patrik Kühnen. Kohlschreiber kann auch nicht mit Tommy Haas. Dafür können Kühnen und Haas sehr gut miteinander. Philipp Petzschner kann nicht mit Christopher Kas. Dabei waren die beiden einst ein unzertrennliches Doppel. (Soweit ich es überblicke, war dieser Bruch bis zum Kohlschreiber-Interview nicht öffentlich bestätigt. Man konnte es nur mutmaßen, seit die beiden zwar in London bei den olympischen Spielen gemeinsam antraten und auch beim World Team Cup, es aber sonst tunlichst vermieden, gemeinsam auf dem Platz zu stehen.)

Weil also Kas in der Davis-Cup-Begegnung im September gegen Australien fürs Doppel wegen der Sache mit Petzschner nicht in Frage kam, spielte plötzlich Benjamin Becker im Doppel. Der war nachnominiert worden, weil Kühnen Kohlschreiber rausgeschmissen hatte und Lahm, äh, Haas, nicht wollte. Becker hat in diesem Jahr nach langer Verletzungspause wieder einige beachtliche Ergebnisse erzielt. Jedenfalls im Einzel auf Hartplatz. Aber Doppel auf Sand? Kohlschreiber im Interview mit der Süddeutschen: „Benjamin Becker war, glaube ich, auch sehr überrascht, dass er nominiert wurde.“

Der aufmerksame Leser wird gemerkt haben: Es gibt ein Problem im deutschen Davis-Cup-Team. Das schwelt schon länger. Bereits im April befassten wir uns an dieser Stelle mit der Frage, ob Deutschland einen neue Davis-Cup-Kapitän braucht. Jemanden, dem es gelingt, die Diven, die die Tennisspieler traditionell sind, was damit zusammenhängen dürfte, dass sie fast das ganze Jahr als Einzelkämpfer durch die Weltgeschichte reisen, unter einen Hut zu bekommen und vielleicht sogar – man mag es gar nicht verlangen – so etwas wie Teamgeist zu formen.

Was den Teamgeist angeht, da wäre ein Motivator wie Alexander Waske kein Schlechter. (Waske ist der Ex-Nationalspieler, der in der Geschichte oben von Torsten Frings verkörpert wurde.) Waske ist interessiert an dem Job, aber er hat kein diplomatisches Geschick. Er sagt stets sehr offen, was er weiß, meint und denkt. Zum Beispiel sagte er, es sei schlimm, wenn einer hofft, dass ein anderes Mannschaftsmitglied verliert. Kohlschreiber fühlte sich angesprochen. Und Waske hat Cedrik-Marcel Stebe (und ein paar andere junge Spieler) als Schützlinge in seiner Tennis-Akademie, die er mit Rainer Schüttler zusammen gegründet hat. Eine der Ursachen für den Zwist zwischen Kohlschreiber und Kühnen ist, dass Kühnen nebenbei als Privattrainer für Tommy Haas gearbeitet hat. Eine Konstellation, in der der Davis-Cup-Kapitän mit einem seiner Spieler stärker verbandelt ist als mit anderen, scheint also problematisch zu sein.

Völlig unberührt von dem ganzen Theater dreht Florian Mayer seine Runden. Er kommt, so scheint es, mit allen aus. Vielleicht keine schlechte Voraussetzung, um eines Tages Davis-Cup-Kapitän zu werden. Aber bis dahin soll er ja noch ein paar Jahre spielen.

Wer also dann? Ich fand ja immer schon Bernd Karbacher gut... Ich glaube, der kam auch mit allen aus.
Aber erst einmal stellt sich die Frage, ob Patrik Kühnen überhaupt abtritt. DTB-Präsident Karl Georg Altenburg will jetzt erst einmal zwischen Kühnen und Kohlschreber vermitteln. Darüber hinaus liest man Treuebekundungen, wie sie jeder Fußballpräsident gegenüber seinem in den Seilen hängenden Trainer abgibt.

Auffällig ist, dass der DTB neulich den Vertrag mit Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner verlängert hat, den ebenfalls auslaufenden mit Kühnen aber noch nicht. Wer verfolgt, wie munter Rittner auf Twitter mit ihren Spielerinnen von Julia Görges bis Andrea Petkovic plaudert und scherzt und dabei auch den Nachwuchs von Ranglistenplatz hundertnochwas einbezieht, muss sich auch für die Männerwelt jemanden wie Barbara Rittner wünschen. Davis-Cup-Kapitän ist bei zwei bis vier Begegnungen im Jahr kein Vollzeit-Job. Fed-Cup-Kapitänin auch nicht. Warum lassen wir Barbara Rittner nicht einfach beides machen? Aber das wäre wohl zu revolutionär für den alten DTB.

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Live aus Stockholm

Mögliche Tippfehler bitte ich zu entschuldigen. Ich schreibe diesen Artikel gerade per Hand und werde ihn anschließend ins Handy eintippen. Also: Ich melde mich live aus Stockholm, wo ich mit gestern und heute die Matches des 250er-ATP-Turniers in der königlichen Tennishalle angesehen habe. Warum mir gerade dieses Turnier so gut gefällt, erklärte ich schon vor zwei Jahren.  Am Rahmen hat sich seither wenig geändert, außer dass die Schweden nun noch weniger zu jubeln haben, seit Robin Söderling außer Gefecht ist. Ein einziger Schwede stand diesmal im Einzel-Hauptfeld: Patrik Rosenholm, 24 Jahre, ca. Nr. 437, Wildcard. Anfang der Woche, als ich noch nicht hier war, schlug er in Runde 1 einen offenbar schwer lädierten Gael Monfils. Gestern Abend in Runde 2 ging Rosenholm gegen Michail Juschni mit 0:6 und 2:6 baden. Das Spiel war nicht der Rede wert.

Sehr wohl der Rede wert waren folgende Spiele:

Brian Baker (USA)/Andreas Siljeström (Schweden) - Johan Brunström (Schweden)/Raven Klaasen (Südafrika) 6:3, 6:2
Ein Doppel auf dem Center Court - das ist der positive Nebeneffekt, wenn es einem Turnier an heimatlichen Einzelspielern mangelt. Baker und Siljeström haben mir sehr gut gefallen. Baker, weil er so gut Tennis spielt; Siljeström, weil er eigentlich gar kein Tennis spielen kann, aber das Beste draus macht. Brian Baker (27 Jahre, Nr. 56) ist eines der bemerkenswertesten Phänomene des Tennisjahres 2012. In einem früheren Leben war er mal eines der größten Talente der USA. Dann war er ganz viel an der Hüfte verletzt und auch am Ellenbogen. Er konnte fünf Jahre nicht spielen und studierte in der Zwischenzeit. Ende des vergangenen Jahres versuchte er ein Comeback, und in diesem Sommer startete er plötzlich richtig durch. Finale beim Sandülatzturniet in Nizza - als Qualifikant. Achtelfinale in Wimbledon. Sein Einzel-Erstrundenmatch in Stockholm verlor er glatt. Davon, dass er auch gut Doppel kann, hatte ich bis dato noch nichts gehört. Aber er kann es! (Auch wenn er das Viertelfinale heute dann glatt verloren hat.) Mir scheint, er hat während seines Studiums, als er als Co-Trainer der Uni-Tennismannschaft arbeitete, viel taktische Übersicht fürs Doppel gelernt. Er spielte seine Rückhand von der Grundlinie stets zielsicher dorthin, wo Brunström und Klaasen sie am wenigsten gern haben wollten. Siljeström - hager und grobschlächtig, so dass er mit einer Forke statt eines Rackets in der Hand einen prima Knecht Alfred in einem Michel-aus-Lönneberga-Film abgeben würde - schlug Asse schlug Asse und - falls doch mal ein Ball zurückkam - auch ein paar Volleys.

Jo-Wilfried Tsonga (Frankreich/Nr. 7) - Go Soeda (Japan/Nr. 57) 6:2, 7:6
Der Soeda ist etwas schwach auf der Brust, aber er hat Spielwitz. Es hat Spaß gemacht, ihm zuzuschauen. Er schaffte es kaum einmal, einen Schmetterball mit so viel Wumm zu versehen, dass Tsonga nicht mehr in der Lage gewesen wäre, ihn zurückzuspielen. Aber Tsonga hat garantiert mehr Kalorien verbraucht als der zweite Topfavorit des Turnuers, Tomas Berdych, in seinem etwas öden Match gegen den Esten Jürgen Zopp.

Ricardas Berankis (Litauen/Nr. 95) - Florian Mayer (Deutschland/Nr. 28) 4:6, 6:4, 6:2
Wer oben den Link zum Stockholm-Bericht 2010 angeklickt hat, mag gelesen haben, wie ich vom "besten Flo aller Zeiten" schwärmte. Den gab es diesmal nicht. Letzte Woche in Schanghai musste er sein Zweitrundenmatch gegen Andy Murray wegen einer Muskelverletzung absagen. Dass er gegen Berankis verloren hat, scheint aber nicht an dieser Verletzung gelegen zu haben. Flo war im dritten Satz völlig von der Rolle. Und Berankis war gut. Bei Berankis' Erstrundenmatch gegen Albert Ramos wurde Flo als aufmerksamer Beobachter im Publikum gesichtet. Dort hat er offenbar kein probates Mittel entdeckt, mit dem er den Litauer hätte ärgern können. Mayers gefürchtete Slice-Bälle, die wenige Zentimeter über den Boden wischen, schienen dem kleinen Berankis (1,75 Meter) richtig Spaß zu machen. Im ersten Satz schaffte Flo noch ganz abgebrüht aus heiterem Himmel das Break zum 6:4, so dass ich lange Zeit dachte, er wird ganz abgebrüht auch noch den zweiten Satz drehen. Tat er aber nicht. Er wurde immer ratloser. Ungefähr bei 1:4 und 15:30 (den genauen Spielstand habe ich nicht notiert) im dritten Satz fiel ihm sogar beim Aufschlag der Schläger aus der Hand. Berankis' harmlosen Return konnte Flo nur noch mit dem Fuß annehmen. Danach war die Partie endgültig gelaufen. Nach dem Matchball schlich Flo aus der Halle, ohne auch nur die Hand zum Gruß zu heben, als der Hallensprecher zum Abschied seinen Namen nannte.

Damit wollen wir es heute bewenden lassen. Ein paar andere Spiele waren auch sehr interessant, zum Beispiel Lleyton Hewitt gegen Jarkko Nieminen oder Sergy Stakhovsky gegen Feliciano Lopez. Aber - wie gesagt - die Tastatur ist klein und der Abend spät...

Hier die Einzel-Ergebnisse aus Stockholm

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Wann kommen die Chinesen denn endlich?

Ehe wir es vergessen: Rainer Schüttler ist zurückgetreten. Ganz offiziell. Sein letztes Turnier spielte er ja schon vor neun Monaten dort, wo er 2003 als Grand-Slam-Finalist den größten Erfolg seiner Karriere feierte: bei den Australian Open. Diesmal schied er in der ersten Qualifikations-Runde aus.

Jetzt geht Schüttler unter die Turnierveranstalter. Wir befassten uns schon vor einer Woche mit dem World Team Cup, an dem Ion Tiriac mit Schüttler als Kompagnon die Rechte erworben hat. Bis vorgestern waren zu diesem Vorgang noch einige Fragen offen. Die meisten davon haben Schüttler und Tiriac auf einer Pressekonferenz jetzt geklärt. Tiriac hat dem klammen Düsseldorfer Rochusclub die Turnierlizenz abgekauft und gleich wieder an den Rochusclub zurückvermietet, der im kommenden Jahr statt des ergrauten World Team Cups ein frisches, aber ganz normales 250er-Turnier mit 28 Einzelspielern ausrichten wird. Was Tiriac nicht sagt, aber was man mitdenken darf: Wird das neue Turnier kein großer Kracher, wird Tiriac nach einer gewissen Karenzzeit umziehen in irgendein Land, in dem er sich mehr Rendite verspricht. Für die ganz nahe Zukunft scheint ein solcher Umzug indes aufgrund eines älteren Vertrages des Rochusclubs mit der ATP nicht mögich zu sein.

Aber jetzt zu den Chinesen. Vor allem zu einem von ihnen. Er heißt Zhang Ze und erreichte letzte Woche das Viertelfinale des 500er-ATP-Turniers von Peking. Er war damit der erste Chinese in einem ATP-Viertelfinale. Das wurde auch mal Zeit. Man wartet seit bald einem Jahrzehnt auf den großen Durchbruch, den die chinesischen Frauen spätestens mit dem French-Open-Sieg von Li Na im vergangenen Jahr längst geschafft haben. Zhang Ze hingegen ist in dieser Woche mit Platz 154 auf der Weltrangliste der bestplatzierte chinesische Mann aller Zeiten. (Bei den Frauen stehen aktuell drei Chinesinnen unter den ersten 40.)

Bei den Männern war ein gewisser Sun Peng bis vor wenigen Monaten der einzige Chinese, der jemals außerhalb seines Heimatlandes ein Match auf der ATP-Tour gewinnen konnte. Das geschah Anfang 2005 auf einem kleinen Turnier in Delray Beach, Florida. Dort bezwang er in Runde 1 den amerikanischen Qualifikanten Mathias Boeker. In Runde 2 wartete ein Lucky Loser aus Paraguay (Ramon Delgado), gegen den Peng Sun keine Chance hatte.

Bei den Turnieren von Schanghai und Peking ist es seither immer wieder mal dem einen oder anderen chinesischen Wild-Card-Spieler gelungen, sein Erstrundenmatch zu gewinnen. Aber spätestens in Runde 2 war immer Schluss. Bis Zhang Ze kam. Er schlug in seinem Erstrundenmatch einen anderen Wild-Card-Chinesen, nämlich Wu Di. Der Hammer folgte in der zweiten Runde: 6:4, 3:6, 6:4 gegen das an fünf gesetzte ewige Talent aus Frankreich, Richard Gasquet, die aktuelle Nummer 13 der Welt. Es wird Zhang Ze geholfen haben, dass Gasquet erschöpft war, weil er am Sonntag zuvor das Endspiel von Bangkok gespielt (und gewonnen) hatte. Sein Sieg war dennoch eine beachtliche Leistung. Im Viertelfinale war dann gegen Florian Mayer Schluss.

Mayer war damit schon der zweite Deutsche in diesem Jahr, der bei einem bemerkenswerten Match von Zhang Ze mit auf dem Platz stand. Im Juni schaffte Zhang die Qualifikation für das Rasenturnier von Halle/Westfalen. In der ersten Hauptrunde traf er auf Tobias Kamke – und gewann. Der erste ATP-Matchgewinn eines Chinesen im Ausland seit besagtem Peng Sun. Von Peng Sun hat man danach übrigens nicht mehr viel gehört. Obwohl er heute mit 28 Jahre noch immer im besten Tennisalter ist, hat er seine Laufbahn längst beendet.

Zhang Ze ist jetzt 22. Er dürfte das Potenzial haben, in den kommenden Jahren zumindest die Top 100 zu knacken. Dann wäre er regelmäßig bei den Grand Slams und bei vielen 250er-Turnieren im Hauptfeld – mit Aussicht auf den einen oder anderen weiteren Matchgewinn im In- und Ausland. In dieser Woche beim Masters von Schanghai flog er indes gleich in der ersten Runde kräftig auf die Schnauze. 0:6 und 2:6 gegen Lu Yen-Hsun. Das ist auch ein Chinese, aber ein Taiwan-Chinese. Aus Taiwan kommen schon seit vielen Jahren die etwas erfolgreicheren Tennisprofis als vom Festland. Lu hat in seiner Karriere schon fast 80 ATP-Matches im Ausland gewonnen – und keines im Inland. Denn auf Taiwan gibt es kein ATP-Turnier. Die ATP versucht seit Jahren, den vielversprechenden Markt in der Volksrepublik aufzurollen. Die Stadien sind meist halbleer, jedenfalls wenn die Männer spielen. Daran wird auch Zhang Ze so schnell nichts ändern. (Li Na mobilisiert die Massen schon eher.) Immerhin berichten Augenzeugen, dass beim Zweitrundenmatch von Lu Yen-Hsun in dieser Woche die Ränge in Schanghai ganz gut gefüllt waren, und zwar auch mit Leuten, die nicht aussahen, als wären sie Turnier-Mitarbeiter. Lu spielte gegen Roger Federer.

 Da verlor Lu. Der erste echte männliche Tennis-Star aus Fernost wird wohl weder aus der Volksrepublik China noch aus Taiwan kommen. Eher schon aus Japan. Spätestens seit der 22-jährige Kei Nishikori am Sonntag das 500er-Turnier von Tokio gewonnen hat, darf man damit rechnen, dass er eines Tages auch mal ein Masters oder - wer weiß - vielleicht sogar ein Grand-Slam-Turnier gewinnt.

Hier die Ergebnisse aus Peking

Und hier das ATP-Profil von Zhang Ze

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Aus für den World Team Cup – wieder einmal

Unser heutiges Thema ist nicht ganz taufrisch: Der World Team Cup in Düsseldorf wird abgeschafft.

Eine solche Meldung gab es schon einmal, nämlich Anfang des vergangenen Jahres, als das rheinische Versicherungsunternehmen, das über viele Jahre den Titelsponsor gab, abgesprungen war. Wenige Wochen später sprang ein österreichischer Energy-Drink-Hersteller ein, bei dem es sich nicht um Red Bull handelte, sondern um ein Konkurrenzprodukt.

Die Gnadenfrist dauerte zwei Jahre. Einen World Team Cup 2013 wird es in Düsseldorf nach gegenwärtigem Stand der Dinge nicht geben. Das jedenfalls melden melden gut unterrichtete Kreise in dieser Woche Demnach hat der Rochusclub Düsseldorf, seit 35 Jahren Ausrichter des World Team Cups, die Lizenz an keinen Geringeren als Großzampano Ion Tiriac verkauft. Der Preis: 2,1 Millionen Dollar (1,6 Millioenn Euro). Was Tiriac mit der Lizenz anstellen möchte, wo er das tun wird und ob das Format der Veranstaltung verändert wird, ist offen. Der Team-Wettbewerb ist in den Statuten der ATP bislang als offizielle Mannschafts-Weltmeisterschaft festgeschrieben. Tiriac hat in den vergangenen Jahren mehrfach betont, dass in Deutschland mit Tennis das große Geld nicht mehr zu machen ist. Stattdessen stampfte er in Madrid ein Masters-Turnier aus dem Boden.

Aber jetzt die gute Nachricht aus Düsseldorfer Sicht: Der Rochusclub wird weiterhin ein ATP-Turnier ausrichten, und zwar ein reguläres 250er-Turnier mit 28 oder 32 Einzelspielern wie in München oder Stuttgart. Vertragsklauseln mit der ATP sichern dem Rochusclub angeblich ein solches Recht zu. Das Startkapital dazu soll aus dem Verkauf der World-Team-Cup-Rechte an Tiraic stammen. Das ist jedenfalls eine der verschiendenen kursierenden Versionen dieser Geschichte. Ob es zum bisherigen Termin im Mai in der Woche unmittelbar von den French Open ausgespielt wird, ist offen. Überhaupt ist bisher nicht offiziell bestätigt, dass ein solches Turnier tatsächlich stattfinden wird. Turnierdirektor Dietloff von Arnim ist lediglich „optimistisch“, es „präsentieren zu können“.  Überhaupt ist noch sehr vieles unklar. Manche Meldungen lesen ich auch so, als sei Ion Tiriac nun nicht oder nicht nur Inhaber des World Team Cups, sondern der Inhaber des von Arnim geplanten neuen Düsseldorfer 250er-Turniers, und zwar zusammen mit Rainer Schüttler (aktuell immer noch auf Platz 714 der Weltrangliste), der wiederum am kommenden Dienstag auf einer Pressekonferenz zusammen mit von Arnim Näheres erläutern wird. Eine Stellungnahme der ATP zu der Angelegenheit gibt es noch nicht.

Auf dem offiziellen Terminkalender für 2013 ist der World Team Cup in Düsseldorf weiterhin verzeichnet. Sollte der Cup in seiner bisherigen Form tatsächlich am Ende sein, so richtig schade drum wäre es nicht. Den Titel einer Mannschafts-Weltmeisterschaft verdient er schon seit Jahren nicht mehr.

Donnerstag, 27. September 2012

Julian Knowle - Neueinsteiger mit 38 Jahren

Der höchste Neueinsteiger auf der Einzel-Weltrangliste vom kommenden Montag ist 38 Jahre alt. Er heißt Julian Knowle und kommt aus Lauterach in Österreich. Knowle teilt sich die Ehre mit dem 26-jährigen Engländer Dominic Inglot. Am vergangenen Wochenende haben beide beim 250er-Turnier von Kuala Lumpur die Qualifikation geschafft und damit zwölf Ranglistenpunkte verdient. Das bringt sie in etwa auf Platz 900.

Die Weltrangliste ist für beide kein völlig neues Gefühl. Im Doppel ist Julian Knowle seit vielen Jahren fester Bestandteil der ATP-Tour. Vor fünf Jahren war er, nachdem er die US Open gewonnen hatte, mal die Nummer 6 der Doppel-Weltrangliste. Aktuell steht er dort auf Nummer 44. Inglot hat noch nicht ganz so viele Doppel-Meriten, hat sich aber als Nummer 47 der Doppel-Rangliste in diesem Jahr auch auf der ATP-Tour festgesetzt. Im Einzel war er vor zwei Jahren mal auf Platz fünfhundertirgendwas, bevor er feststellte, dass es im Doppel besser klappt. Er hat in diesem Jahr schon gelegentlich versucht, auf Turnieren, die deutlich kleiner waren als das von Kuala Lumpur, auch wieder Einzel-Ranglistenpunkte zu sammeln. Ohne Erfolg.

Julian Knowle hat so etwas schon lange nicht mehr versucht. Er ist seit sieben Jahren ein reiner Doppelspieler. Seine beste Platzierung im Einzel stammt aus dem Jahr 2002: Nr. 86. Das letzte Mal, dass er versuchte, sich im Einzel für ein Turnier zu qualifizieren, liegt drei Jahre zurück. Es war das Wimbledon-Vorbereitungsturnier von Eastbourne, und er hätte es schon dort fast geschafft. Er verlor in der letzten Quali-Runde den Tie-Break des dritten Satzes.

Dass im Einzel von Kuala Lumpur plötzlich die Doppelspezialisten aus ihren Löchern kommen, ist kein Zufall. Vor zwei Jahren gelang hier dem Tschechen Frantisek Cermak dasselbe Kunststück wie jetzt Knowle und Inglot. Wer sonst außer den Doppelspezialisten soll da auch teilnehmen an der Qualifikation? Die malaysische Hauptstadt liegt tausende Kilometer von den Tenniszentren der Welt entfernt. Da jettet fast kein Spieler von Weltranglistenplatz 180 mal eben auf gut Glück hin. Wer in der ersten Runde der Qualifikation ausscheidet, kann ganz ohne Preisgeld zusehen, wie er wieder nach Hause kommt. Die zweite Quali-Runde bringt 875 Dollar. Aus das reicht nicht für den Flug. Von den 32 Qualifikations-Plätzen waren nur 19 besetzt, und zwar mit ein paar malaysischen Halbamateuren, mit dem einen oder anderen Inder oder Koreaner, der das Risiko einer Anreise auf sich nahm – und eben mit Spielern wie Knowle und Inglot, die des Doppels wegen um die halbe Welt geflogen waren und nächste Woche weiterreisen zu den Turnieren von Peking oder Tokio.

Auch wenn das Quali-Feld nicht dem eines 250er-Turniers in Mitteleuropa vergleichbar war, bleibt Julian Knowles Leistung beachtlich. Mit seinen 38 Lenzen und nicht mehr gewohnt, so viel zu laufen, wie es im Einzel erforderlich ist, besiegte er erst den Indonesier Christopher Rungkat (Platz 297 im Einzel) und dann den Japaner Toshihide Matsui (Platz 452 im Einzel). „Den Preis werde ich zahlen, wenn ich morgen früh aufwache“, twitterte er nach geschaffter Quali. In der ersten Runde des Hauptfeldes zog er sich gegen Albert Ramos aus Spanien (Nr. 48) mit 1:6 und 4:6 wacker aus der Affäre. Seinen 900. Platz in der Einzelrangliste vom nächsten Montag hat er sich damit redlich verdient. Regelmäßig Einzel spielen will er trotzdem nicht mehr. Die Verletzungsgefahr sei in seinem Alter einfach zu groß. „Es war just for fun.“

Und hier ein Foto von Julian Knowle. Ist zwar schon vier Jahre alt und aus Stockholm, aber es ist das einzige, an dem ich die Rechte besitze.


Hier die Ergebnisse aus der Qualifikation in Kuala Lumpur (PDF)

Donnerstag, 20. September 2012

Live vom Davis-Cup gegen Australien

Das sah nicht gut aus für Deutschland, als das Spiel vorbei war am Sonnabend. Ich habe mir das Davis-Cup-Doppel am Hamburger Rothenbaum gegen Australien angesehen. Inzwischen wissen wir ja, dass die Sache ein gutes Ende genommen hat, Deutschland nicht absteigt in die zweite Liga, sondern im Februar in der ersten Runde der Weltgruppe 2013 in Argentinien antreten darf.

Aber zurück vom Sonnabend. Es war das erste Mal, dass ich das Stadion am Rothenbaum außerhalb des jährlichen ATP-Turniers betreten habe. Es war das erste Mal seit 1998, dass der Deutsche Tennis-Bund ein Davis-Cup-Heimspiel in seinem eigenen Stadion austrug, anstatt sich irgendwo anders in der Republik einzumieten. Ein paar Kleinigkeiten sahen tatsächlich anders aus als während des Turniers im Juli. Zum Beispiel habe ich zum ersten Mal den Kindergarten gesehen, von dem ich bisher nur gehört und gelesen hatte, dass er im Bauch des Stadions untergebracht sei und immer ausquartiert werde, wenn die Tennisprofis kommen. Er befindet sich auf der Rückseite des Stadions (für Kenner: In der Nähe des Aufgangs zum Affenfelsen vom Nebenplatz M1). Ich sah noch den Aushang im Fenster, der die Eltern darüber informierte, dass der Kindergarten nach Rücksprache mit dem DTB wegen der Davis-Cup-Begegnung am Freitag leider geschlossen bleiben müsse. Auf dem Fußweg vor dem Eingang waren Kreidezeichnungen zu erkennen, die noch vor Freitag von den Kindergartenkindern angefertigt worden sein müssen.

Die Fressmeile fiel etwas kleiner aus als beim ATP-Turnier, aber ich musste weder hungern noch dursten. Für Crepebudenbetreiber ist ein Davis-Cup-Wochenende logischerweise weniger attraktiv als ein Turnier, bei dem mehrere Matches auf dem Center Court und den Nebenplätzen laufen und oft nach zwei Sätzen vorbei sind, so dass das Publikum von Platz zu Platz schlendert und zwischendurch Essen und Trinken einkauft oder manchmal sogar einen Sportpulli, wenn es friert. Beim Davis-Cup ist das anders. Am Freitag und am Sonntag, wenn zwei lange Einzel gespielt werden, gibt es immerhin die Pause zwischen den beiden Matches. Am Sonnabend steht nur ein einziges Match, das Doppel, auf dem Programm – und es gibt nicht einmal eine Halbzeitpause.

Zum Glück für die Budenbetreiber war das Match nicht schon nach drei Sätzen vorbei, so dass viele der rund 2500 Zuschauer sich zwischendurch doch noch mal stärken gingen. Am Ende hatten die Australier Chris Guccione und Lleyton Hewitt gegen die Deutschen Benjamin Becker und Philipp Petzschner mit 6:3, 6:2, 2:6, 7:6 gewonnen. Richtig schlimm aus deutscher Sicht war es nur im zweiten Satz. Da waren Becker/Petzschner eine ganze Klasse schlechter als ihre Gegner. Im ersten Satz kassierten sie schnell ein Break, dem sie dann erfolglos hinterherliefen, waren ansonsten aber halbwegs ebenbürtig. Nach dem dritten Satz durfte man Hoffnung haben. Der vierte Satz war zwar zahlenmäßig ausgeglichen, aber es war nicht wirklich überraschend, dass die Australier den Tie-Break und damit auf das Match gewannen. Sie waren einfach latent besser. Die große Überraschung war Lleyton Hewitt, der am Freitag und am Sonntag in seinen Einzeln gegen Florian Mayer und Cedrik-Marcel Stebe regelrecht unterging. Im Doppel am Sonnabend sah man ihm von Anfang bis Ende an, dass er richtig Spaß daran hatte, auf dem Platz zu stehen. Damit riss er Chris Guccione, den etatmäßig schwächsten Spieler auf dem Feld, mit.

Becker und Petzschner dagegen fanden fast nie richtig zusammen. Nach ihrem Sieg im Doppel führten die Australier 2:1 und waren so gut wie aufgestiegen in die Weltgruppe, und Deutschland war so gut wie abgestiegen. Weil ich am Sonnabend nicht ahnen konnte, dass Hewitt einen Tag später nur noch ein Schatten seiner selbst sein würde, war ich mir sicher, dass er sein Einzel gewinnen würde und damit den dritten Punkt, den Siegpunkt für Australien machen würde. Cedrik-Marcel Stebe hatte ja schon am Freitag gegen Bernard Tomic kaum eine Chance. Florian Mayer würde sein Einzel am Sonntag vielleicht noch gewinnen, aber Stebe? Auch Philipp Petzschner und Benjamin Becker sahen am Sonnabend nicht so aus, als sollten sie im Einzel eine Chance haben gegen Hewitt. Ich habe am Sonnabend nicht verstanden, was Benjamin Becker in diesem Davis-Cup-Team sollte, und ich verstehen es immer noch nicht. Er ist ein ordentlicher Hartplatz-Einzelspieler. Aber er ist weder ein starker Doppelspieler noch ein starker Sandplatzspieler. Mit der Nichtnominierung von Philipp Kohlschreiber und Tommy Haas beschäftigten wir uns ja vor zwei Wochen schon. Als Ersatz wäre Björn Phau die sicherere Bank gewesen, fürs Doppel Christopher Kas - oder Dustin Brown, der sogar als Notnagel im Einzel taugt. Aber nach einem Sieg haben der Trainer und seine Mannschaft ja grundsätzlich „alles richtig gemacht“. Hier ein Bild der Richtigmacher: Immerhin Kapitän Patrik Kühnen (vorne) und Florian Mayer (hinten) drehen sich in meine Richtung.


 Einer, der nach meinem Geschmack nicht alles richtig gemacht hat, ist dieser Mann:


Der Stadionsprecher, der das Publikum im Stile eines Box-Ansager einzupeitschen versuchte und dabei wild rumschreiend nur Plattitüden von sich gab, als er die Mannschaften vorstellte. Sein Lieblingssatz: "Ihm gehört die Zukunft." Damit bedachte er Cedrik-Marcel Stebe und den Australier Matthew Ebden jeweils einmal und Bernard Tomic sogar zweimal. Sieht ganz so aus, als werde die Zukunft von einem Genossenschaftsmodell mit breiter Eigentümerstrukur verwaltet... Tatsächliche Informationen über die Spieler, wie sie bei anderen Turnieren üblich sind, gab es kaum. Alles und jeder wurde hochgejubelt. Der unbedarfte Zuschauer erfuhr zwar, dass Lleyton Hewitt mal Wimbledon gewonnen hat und mal die Nummer 1 der Weltrangliste war, seine aktuelle Weltranglistenposition (ca. 100) wurde indes verschwiegen.


Hier die Ergebnisse der Davis-Cup-Begegnung gegen Australien

Donnerstag, 13. September 2012

Roddick und Ferrero gehen - Maximilian A. kommt

Erinnert sich noch jemand, wen Roger Federer an der Spitze ablöste, als er nach den Australian Open Anfang 2004 zum ersten Mal Weltranglisten-Erster wurde? Ich musste nachgucken. Es war nicht Carlos Moyá, nicht Marat Safin, nicht Juan Carlos Ferrero und auch nicht Andre Agassi. Es war Andy Roddick. Damals wechselte die Nummer 1 alle paar Wochen. Federer blieb über vier Jahre unangefochten vorn, bevor er zwischendurch für Rafael Nadal und Novak Djokovic Platz machen musste.

Agassi ist schon seit sechs Jahren nicht mehr aktiv, Safin trat vor drei Jahren zurück und Moyá vor zweien. In der letzten Woche bei den US Open spielte nun auch Andy Roddick sein letztes Profimatch. Juan Carlos Ferrero hat vor wenigen Tagen angekündigt, dass er nach dem 500er-Turnier von Valencia Ende Oktober aufhören wird. Dann bleibt von Federers einstigen Rivalen nur noch Lleyton Hewitt übrig. Der Australier ist zwar oft verletzt, aber im Moment spielt er recht regelmäßig – ab morgen zum Beispiel beim Davis-Cup gegen Deutschland in Hamburg. Es würde wohl kaum jemanden überraschen, wenn auch Hewitt – im Moment die Nummer 100 der Weltrangliste – demnächst sein Karriereende verkündet. Dass Ferrero es getan hat, war auch absehbar. Er spielte in diesem Jahr überwiegend lustlos und verlor meistens.

Bei Andy Roddick war das etwas anders. In den Medien und den einschlägigen Internet-Foren traf man zwar schon seit langem auf Schlaumeier, die sagten, es sei Zeit für den alten Mann, den Schläger an den Nagel zu hängen, und Roddick selbst sagte einst, er werde nicht mehr weitermachen, wenn er nicht mehr zu den Besten der Welt zählt. Zuletzt stand er zwar nicht mehr unter den Top 20, aber er war immer noch in der Lage, Turniere zu gewinnen wie kurz vor Wimbledon in Eastbourne und kurz nach Wimbledon in Atlanta. Bei den US Open kam er jetzt ins Achtelfinale. Das sind keine Ergebnisse von jemandem, der nicht mehr mithalten kann. Seine Ergebnisse allein aus diesem Sommer sind so gut, dass er noch bis in den Juni 2013 unter den Top 50 bleiben wird, sofern er sich nicht freiwillig aus dem Ranking streichen lässt. Nach derzeitigem Stand wäre er dann immer noch der viertbeste US-Amerikaner hinter Mardy Fish, Sam Querrey und John Isner.

Roddick ist vor ein paar Tagen 30 Jahre alt geworden. Das ist kein sonderlich hohes Alter im heutigen Tenniszirkus. Er ist jünger als Roger Federer. Geliebt wird man erst mit über 30, wenn man ein alter Haudegen ist, der sich nicht unterkriegen lässt. Er hätte noch ein paar Jahre als Publikumsliebling auf der Tour verbringen können, wie Tommy Haas es gerade tut. Aber er will nicht, und ich finde, das ist ein Zeichen von Größe, und vielleicht zeugt es von einer stabilen Psyche. Pete Sampras hat in seinem Buch „A Champion's Mind“ beschrieben, wie schwer es ist, diesen Entschluss zu fassen. Wer sich selbst darüber definiere, Sportprofi zu sein, sagt er, der empfinde es fast wie Sterben, plötzlich kein Sportprofi mehr zu sein. Deshalb wohl zögern viele Spieler ihr Karriereende so lange hinaus, bis der Körper völliug ruiniert ist. Andy Roddick ist jetzt jung genug, einen neuen Platz für sich in der Welt zu finden.

Zum Schluss ein Schlenker zu einem ganz anderen Thema. Es geht um einen Spieler, der ein paar Monate älter ist als Andy Roddick und seit fünf Jahren kein Profiturnier mehr gespielt hatte: Maximilian A. Das der noch mal zurückkommt, das hätte ich nicht nur nicht gedacht, der Gedanke schien so absonderlich, dass ich nicht im Entferntesten dachte, dass irgendjemand ihn haben könnte. Maximilan Abel – Junioren-Champion und 2003 immerhin mal die Nummer 183 - saß im Gefängnis. Er war wegen mehrfachen Diebstahls verurteilt. Er hatte in der Umkleide seine Mitspieler bestohlen, um seine Kokainsucht zu finanzieren. Vor vier Wochen gewann er die „Bender Open“, ein nationales Ranglistenturnier mit 1250 Euro für den Gewinner. Dieses Ergebnis war dem Gießener Anzeiger eine Erwähnung wert - ohne freilich A.s Vorgeschichte zu erwähnen. Mit seinen Knast-Storys hatte Maximilian A. es einst noch regelmäßig in die „Bild“ geschafft.

Viel bemerkenswerter als die „Bender Open“ ist aber, was am vergangenen Wochenende in Istanbul geschah. Dort trat Abel zur Qualifikation für ein 75.000-Dollar-Challenger an – und er gewann seine drei Matches. In der ersten Runde des Hauptfeldes verlor er dann zwar, aber vorher schlug er mit Denis Matsukevitch (Russland) und Ruan Roelofse (Südafrika) zwei Spieler, die aktuell immerhin in den 400ern der Rangliste rangieren. Dafür gab es fünf Weltranglistenpunkte. Damit wird Maximilian Abel nach fünf Jahren Unterbrechung am nächsten Montag ungefähr auf Platz 1100 wieder ins Raking einsteigen.

Hier die Ergebnisse von der Qualifikation in Istanbul

Donnerstag, 6. September 2012

Dann steigen wir wohl ab

Das war's dann wohl. Deutschland steigt ab in die zweite Liga. Die beiden besten Spieler machen nicht mit, wenn Deutschland ab Freitag nächster Woche zum Davis-Cup-Relegationsspiel gegen Australien antritt.

Kapitän Patrik Kühnen hat weder Philipp Kohlschreiber (Nr. 20) noch Tommy Haas (Nr. 21)  nominiert. Stattdessen stehen im Team: Florian Mayer (Nr. 23), Benjamin Becker (Nr. 85), Cedrik-Marcel Stebe (Nr. 97) und Philipp Petzschner (Nr. 106). Die Australier kommen mit ihren besten Leuten an den Hamburger Rothenbaum, mit dem 19-jährigen Bernard Tomic (Nr. 43) und mit dem unvergessenen Lleyton Hewitt, der nur weil er sonst so selten spielt, lediglich auf Platz 125 der Weltrangliste spielt. Mit dabei ist auch der grundsolide Mathew Ebden (Nr. 71) und als Ergänzungsspieler der einstige Top-100-Mann Chris Guccione.

Die Australier sind alles keine Sandplatzspieler, insofern kann es gut sein, dass sie sich schwer tun werden in Hamburg. Aber als der Deutsche Tennisbund sich für den langsamen Bodenbelag entschied, da durfte man noch davon ausgehen, dass zumindest Kohlschreiber auf ihm spielen würde und vielleicht auch Haas, der im Juli an gleicher Stelle das Endspiel des Hamburger ATP-Turniers erreichte. Benjamin Becker und Philipp Petzschner aber sind auf Sand mindestens so ungelenk wie die Australier. Die deutschen Hoffnungen ruhen jetzt nahezu vollständig auf Florian Mayer. Natürlich ist der prinzipiell in der Lage, auf Sand jeden beliebigen Australier locker zu schlagen. Aber wir wissen auch, dass die große Bühne, die der Davis-Cup darstellt, ihm nicht besonders liegt und dass er in langen Matches auf drei Gewinnsätze zwischendurch immer seine Durchhänger hat. Und dass er in einer Woche körperlich topfit sein wird, ist auch nicht sicher. Bei den US Open musste er letzte Woche sein Erstrundenmatch gegen den amerikanischen Wild-Card-Spieler Jack Sock erschöpft aufgeben.

Selbst wenn Flo seine beiden Matches gewinnen sollte, bräuchte Deutschland immer noch einen dritten Punkt. Aus den Einzeln kann der überhaupt nur kommen, wenn Cedrik-Marcel Stebe spielt. Stebe hätte im Juli in Hamburg um ein Haar in Runde 1 den späteren Turniersieger Juan Monaco geschlagen. Bei den US Open warf er in Runde 1 den gesetzten Serben Viktor Troicki (Nr. 30) aus dem Turnier. Aber in Runde 2 hatte er gegen Grega Zemlja (Slowenien, Nr. 99) keine Chance. Ob Stebe dem Druck, Deutschland in der Davis-Cup-Weltgruppe halten zu müssen, standhält, darf man bezweifeln – erst recht, wenn man daran denkt, wie ihm in dem Match gegen Monaco der Arm zitterte, als er zum Matchgewinn aufschlagen sollte. Wahrscheinlich wäre der ausgebuffte 32-jährige Björn Phau (Nr. 83), der letzte Überlebende aus dem legendären Boris-Becker-Junior-Team, noch die bessere Alternative gewesen.

Und das Doppel? Das können die Australier traditionell ziemlich gut. Für ihre aktuelle Mannschaft gilt das allerdings nicht unbedingt. Aber Deutschland tritt ohne jede eingespielte Doppel-Option an. Klar ist nur, dass zweimalige Grand-Slam-Champion Philipp Petzschner trotz seiner aktuellen Formschwäche spielen wird. Aber mit wem? Sein Olympia-Partner Christopher Kas ist nicht im Team. Ebensowenig der nächstbessere deutsche Doppelspieler in der Rangliste, Dustin Brown. Tommy Haas wäre eine gute Alternative gewesen, wenn er denn bereit gewesen wäre, Davis-Cup zu spielen. Die beiden haben schon im Februar gegen Argentinien gemeinsam gespielt. Sie verloren zwar in fünf Sätzen, aber Haas war damals nach seiner langen Verletzung noch längst nicht auf dem Niveau, das er in diesem Sommer gezeigt hat. Für Fünfsatzmatches im Einzel hat Haas, wie bei den US Open zu sehen war, wohl nicht ausreichend Stehvermögen. Aber Doppel ist weniger anstrengend, das hätte er geschafft. Stebe hat zwar vor Jahren mal bei den US Open den Titel im Junioren-Doppel gewonnen, aber von seiner Spielweise her ist er überhaupt kein Doppelspieler. Benjamin Beckers Spielweise funktioniert fürs Doppel schon eher, aber er hat in seiner ja schon einige Jahre währenden Karriere im Doppel noch nie etwas Bemerkenswertes gerissen. Immerhin spielt er alle Jubeljahre mal an Petzschners Seite. Beim Pillepalle-Wimbledonvorbereitungsturnier in 's Hertogenbosch (Niederlande) kamen die beiden ins Halbfinale. Auch Florian Mayer hat gelegentlich lichte Momente im Doppel, aber nicht so sehr, dass es sich lohnen würde, ihm diese Zusatzbelastung neben dem Einzel aufzubürden.

Mit den vorhandenen vier Spielern läuft es vernünftigerweise also auf Florian Mayer und Cedrik-Marcel Stebe im Einzel und Philipp Petzschner und Benjamin Becker im Doppel hinaus. Eine triste Veranstaltung, wenn man bedenkt, dass Deutschland im Moment nominell so viele gute Spieler hat wie seit den Zeiten von Becker und Stich nicht mehr.

Tommy Haas ist nicht dabei, weil er nicht möchte. Man kann verstehen, dass er Pausen braucht.. Er ist 34 Jahre alt, und angesichts seiner unendlichen Verletzungsgeschichte ist es fast ein Wunder, dass er überhaupt noch in der Weltklasse mitspielt. Philipp Kohlschreiber hätte gern gespielt. Über seinen Rauswurf auf dem Team ist vielerorts viel geschrieben worden. Das sei an dieser Stelle nicht alles wiederholt. Hier ist ein Link zum Artikel auf Spiegel Online. Damit, dass es eigentlich Aufgabe eines Davis-Cup-Teamchefs ist, die oft schwierigen Charaktere der Tennisprofis unter einen Hut zu bringen, hatten wir uns bereits im April befasst.  Patrik Kühnen kann das anscheinend nicht. Es ist Zeit für einen Neuanfang für den Davis-Cup in Deutschland.

Hier die Informationen zur Relegationsbegegnung zwischen Deutschland und Australien auf der offiziellen Davis-Cup-Seite

Ach ja: Um Andy Roddick geht es, wenn nichts dazwischenkommt, nächste Woche. 

Donnerstag, 30. August 2012

US-Open-Anmeldung vergessen: Gnade für Petzschner und Melzer

Vielleicht erinnert sich jemand: Vor einem Jahr gewannen Philipp Petzschner und sein österreichischer Partner Jürgen Melzer die US Open. Es war nach Wimbledon 2010 bereits ihr zweiter Grand-Slam-Titel im Doppel.

Als vor drei Wochen die Meldeliste für die US Open 2012 auf verschiedenen Internetseiten inoffiziell veröffentlicht wurde (offiziell werden keine Meldelisten veröffentlicht), war die Irritation groß: Melzer und Petzschner standen nicht drauf auf der Liste. Wollten sie ihren Titel etwa nicht verteidigen? Beide treten auch in der Einzel-Konkurrenz an. Es wäre theoretisch vorstellbar, dass sie sich diesmal darauf konzentrieren möchten. Aber wirklich nur theoretisch. Beiden ist die Doppel-Konkurrenz seit Jahren immer sehr wichtig gewesen – und sie sind im Doppel ja auch erfolgreicher als im Einzel, wo keiner von beiden eine realistische Chance auf den Titel bei einem Grand-Slam-Turnier hat. Und wenn einer von beiden nicht im Doppel – warum auch immer – ausgerechnet bei der Verteidigung des wichtigsten Titels nicht antreten möchte, dann würde gewiss wenigstens der andere mitmachen. Beide würden problemlos einen Ersatz-Partner finden.

Eigentlich gab es von Anfang an nur eine plausible Lösung für das Rätsel. Sie müssen vergessen haben, sich rechtzeitig anzumelden. Und tatsächlich: So war es. Das hat Philipp Petzschner jetzt verraten. Aber erst nachdem die US Open schon begonnen hatten und er sein Einzel-Erstrundenmatch gegen Nicolas Mahut nach 0:2-Satzrückstand doch noch im Tie-Break des fünften Satzes gewonnen hatte. Inzwischen war auch die Auslosung fürs Herren-Doppel veröffentlicht - und das Duo Melzer/Petzschner war doch noch dabei – an Nummer 10 gesetzt und mit einer Wild Card ausgestattet. Wild Cards gehen zwar normalerweise an Nachwuchsspieler oder gealterte Stars, deren Weltranglistenplatzierung sie nicht für die Teilnahme am Turnier qualifiziert; Wild Cards haben aber auch den Charme, dass sie erst kurz vor Turnierbeginn nach Ende der offiziellen Meldefrist vergeben werden.

Philipp Petzschner hat jetzt auch verraten, warum er und Jürgen Melzer auf keinerlei Anfragen geantwortet haben, warum sie denn nicht bei den US Open mitmachen wollen: „Ich habe mich gar nicht getraut, zu antworten, denn dazu kann man wirklich nicht mehr sagen, als dass es eine dümmliche Aktion war.“  Beide Spieler hatten sich anscheinend darauf verlassen, dass der jeweils andere sich schon um die Anmeldung kümmern wird.

Dass es so weit kommen konnte, zeigt aber auch, welch geringen Stellenwert die Veranstalter der US Open der Doppelkonkurrenz beimessen. Wäre es anders, hätte eigentlich jemandem auffallen müssen, dass die Titelverteidiger auf der Meldeliste fehlen. Dann hätte man ein paar Stunden vor Meldeschluss kurz angerufen und gefragt: Wo bleibt ihr?

Immerhin war dem US-Tennisverband USTA die Teilnahme der Doppel-Titelverteidiger dann doch eine Wild Card wert. Irgendwelche dahergelaufenen Durchschnitts-Doppelspieler hätten vermutlich Pech gehabt, wenn sie die Meldefrist versäumt hätten. Im Einzel kann es übrigens nicht passieren, dass der Titelverteidiger vergisst sich anzumelden. Die bestplatzierten 100 Spieler der Weltrangliste sind verpflichtet, bei den Grand-Slam-Turnieren anzutreten. Sie stehen automatisch auf der Meldeliste. Im Doppel gibt es eine solche Pflicht nicht.

Hier das Herren-Doppel-Tableau der US Open. Melzer/Petzschner spielen in Runde 1 gegen die Australier Ashley Fisher und Jordan Kerr.

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