Sonntag, 18. Dezember 2011

Tennisgedichte 1: "Wimbledon 1997"

Neulich las in dem Gedichtband „Nimm den langen Weg nach Haus“ von Dirk von Petersdorff. Eine ausgesprochen tennisferne Tätigkeit, dachte ich, bis auf Seite 24 gelangte. Dort fand ich einen Achtzeiler mit dem Titel „Wimbledon 1997“. Ein Tennisgedicht! Bis dahin hatte ich nie darüber nachgedacht, dass es Tennisgedichte geben könnte – abgesehen von Schüttelreim-Versen, die Tennisvereins-Schriftwarte anlässlich runder Geburtstage verfassen und im Clubheim vortragen.

Ich habe inzwischen sechs weitere deutschsprachige Gedichte ausfindig gemacht, die von mehr oder weniger namhaften Poeten stammen und sich mehr oder weniger intensiv mit Tennis befassen. Genug Stoff, um eine kleine Serie zu starten, die ich in diesem Blog in loser Folge fortsetzen werde, wann immer sich mal kein anderes aktuelles Thema aufdrängt.

Beginnen wir also mit Petersdorffs „Wimbledon 1997“. Wenn ich mich korrekt informiert habe, ist es urheberrechtlich unbedenklich, ein kurzes Gedicht wie dieses vollständig zu zitieren, wenn ich mich mit ihm inhaltlich auseinandersetze:

Wimbledon 1997

Das ist das Ende! Da geht er, geschlagen.
Siege und Ruhm sind lange verhallt.
Jung war das Licht, und geballt
in den pochenden Tagen -

ein endloser Sommer – ihr Atem zerrann,
flatterte, stieg, eine keuchende Weise
vom Glück. Sie lächelte leise,
als Becker gewann.“

(Dirk von Petersdorff, „Nimm den langen Weg nach Haus“, C.H. Beck, München, 2010, 16,95 Euro)

Umarmende Reime. Will irgendjemand was zum Metrum wissen? Ziemlich viele Daktylen. Ganz einheitlich ist es nicht. Aber dem guten Petersdorff ist zuzutrauen, dass er da irgendwas Antikes drin versteckt hat. Der kennt sich schließlich aus, der Mann. Er ist nicht nur Lyriker, sondern auch Lehrstuhlinhaber für neuere deutsche Literatur in Jena.

In dem Gedichtband, in dem sich auch das Wimbledon-Gedicht findet, gibt es auch einen Zyklus mit dem Titel „Die Vierzigjährigen“, in dem es ziemlich viel darum geht, dass das Leben damals viel leichter war, als man noch in Kiel studierte und im Sommer im flatternden Hemd auf dem Fahrrad zum Strand fuhr.

Als er 40 wurde, war Petersdorff längst Familienvater, habilitiert und Mitglieder der Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Kein Grund, Trübsal zu blasen und der vergangenen Jugend nachzutrauern, sollte man meinen. Nun, so richtig trübsinnig sind seine Verse ja auch gar nicht.

Das Wimbledon-Gedicht gehört zu einem anderen Zyklus: „Embleme für flüchtige Zeiten“ heißt dieser. Da geht es nicht immer um so große Zeitspannen wie den Lauf einer Profitenniskarriere. Das Gedicht auf der folgende Seite handelt von einer Tablette, die sich binnen Sekunden im Wasserglas auflöst.

Aber nun zu Boris Becker 1997. Es war nicht das Ende seiner Karriere. Es war auch nicht sein letzter Auftritt in Wimbledon. Das macht die Interpretation dieses Gedichts schwieriger als gedacht. Becker war damals 29 Jahre alt. Für heutige Verhältnisse fast noch ein junger Hüpfer. In seiner Generation, wo man schon als Tennager erste Grand-Slam-Titel holte, zählte er damit längst schon zum alten Eisen und war in der Weltrangliste zurückgefallen auf Platz 18. Becker hatte 1997 angekündigt, zwar nicht mit dem Profitennis aufzuhören, aber künftig keine Grand-Slam-Turniere mehr zu bestreiten. 1997 sah es also tatsächlich so aus, als wäre dies Beckers letzter Auftritt auf dem heiligen Rasen. Gehen wir also einfach mal davon aus, dass diesem Gedicht die Vorstellung zu Grunde liegt, wir sähen Beckers letztes Match in Wimbledon.

Andere Grand-Slam-Turniere bestritt er danach tatsächlich nicht mehr. Zwei Jahre später kehrte er noch einmal nach Wimbledon zurück und bestritt dann tatsächlich sein letztes Profiturnier. (Das war das Jahr mit der Besenkammergeschichte.)

1997 war Boris Becker noch anscheinend glücklich mit Barbara verheiratet. Barbara Becker wird es dann wohl auch sein, die gewann (und leise lächelte), als ihr Mann geschlagen vom Platz ging und nun mehr Zeit für sie und die Familie haben würde. Das war im Viertelfinale. Bis dahin hatte Boris vier Matches gewonnen und dabei keinen einigen Satz abgegeben. Dann verlor er in vier Sätzen gegen Pete Sampras, die Nummer 1 und Wimbledon-Dauersieger. Wenn ich richtig rekonstruiere, wusste in dem Moment außer Barbara wohl fast niemand, dass dies Beckers letztes Wimbledon-Match war. Pete Sampras schreibt in seiner Autobiographie „A champion's mind“, Becker habe es ihm erst beim Handschlag nach dem Matchball gesagt (S. 190). Sampras sagt, er sei völlig sprachlos gewesen. Er habe absolut nicht damit gerechnet.

Dass Boris doch noch mal wieder zurückkehren würde nach Wimbledon, konnte 1997 keiner wissen. Auch nicht, dass weder Frau Becker noch Herr Becker wirklich gewannen mit dem Start ins Ehemaligendasein.

1 Kommentar:

loreley hat gesagt…

Etwas paradox das Gedicht.

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