Wenn das Jahr zu Ende geht, dann herrscht Hochkonjunktur auf der ATP-Doppelpartner-Börse. Die Spezialisten versuchen, fürs neue Jahr einen möglichst starken Spieler an ihrer Seite abzukriegen. So manches bislang sehr erfolgreiches Duo wird kurz vor Weihnachten gesprengt. Partnerschaften für die Ewigkeit – wie zum Beispiel die der US-Zwillinge Bob und Mike Bryan – sind selten.
Auch in dieser Winterpause wird wieder kräftig gewechselt. Dabei gibt es eine Besonderheit: die Olympischen Spiele im Juli 2012 in London. Einige der weltbesten Doppelspieler wollen das neuen Jahr möglichst mit einem Landsmann an ihrer Seite verbringen. Denn anders als auf der ATP-Tour, wo gemischnationale Doppel ganz selbstverständlich sind, tritt bei den olympischen Spielen jeder Athlet für sein Land an.
Besonders dramatisch ist das olympische Doppel-Wechsel-dich-Spiel in Indien verlaufen. Indien ist zwar trotz seines Einwohnerreichtums keine große Sportnation. Doch zu den wenigen Disziplinen, in denen Indien ganz vorn dabei ist, gehört das Tennis-Doppel. Mahesh Bhupati und Leander Paes sind mittlerweile 37 und 38 Jahre alt – und noch immer aktiv. 2011 haben sie nach langjähriger Unterbrechung auch wieder das ganze Jahr über auf der ATP-Tour gespielt – und die Saison auf Platz 4 der Doppel-Team-Rangliste abgeschlossen. Gute Voraussetzungen also für olympisches Edelmetall also. Das sahen Bhupati und Paes wohl ebenfalls so. Allein, über den genauen Weg zur Medaille bekamen sie sich in die Haare. Paes hielt es für sinnvoll, für die ersten Monate von 2012 getrennte Wege zu gehen und sich erst in den Wochen unmittelbar vor Olympia wieder zusammenzutun. Das würde für neue positive Energie sorgen, meinte er. Bhupati hingegen wollte das ganze Jahr über mit Paes zusammen spielen, um wirklich gut eingespielt zu sein. Das Ende der Geschichte: Die beiden gehen nun tatsächlich getrennte Wege – und zwar auch bei den Olympischen Spielen. Bhupati hat sich für 2012 mit dem dritten Weltklasse-Inder zusammengetan: mit Rohan Bopanna. Mit dem will er sich nun das ganze Jahr über für Olympia einspielen.
Bopanna bildete bislang eine Hälfte des „Indopak-Express“, der mit dem Slogan „Stop War, Start Tennis“ für Aufsehen sorgte. Bopanna und der Pakistaner Aisam-ul-Haq Qureshi schlossen 2011 als fünftbestes Doppel ab. Quereshi musste sich nun notgedrungen einen anderen Partner suchen. An Olympia dachte er dabei weniger. im eigenen Land ist da nicht viel zu holen. Qureshi ist der einzige Pakistaner auf der mehr als 1600 Spieler umfassenden Weltrangliste. So schnappte er sich einen anderen Weltklasse-Doppelspieler ohne Partner aus dem eigenen Land: Jean-Julien Rojer aus Curacao in der Karibik. Rojer schloss das Jahr 2011 mit seinem US-amerikanischen Partner Eric Butorac als neuntbestes Doppel ab. Butorac hat inzwischen auch einen neuen Partner gefunden. Kein US-Boy. (Der Weg zu den Olympischen Ringen würde für ihn ohnehin hart sein. Pro Land sind nur zwei Teams zugelassen, und das dürften für die USA wohl die oben erwähnten Bryan-Brüder sein und dazu evtl. John Isner und Sam Querrey.) Butorac nahm sich einen Brasilianer: Bruno Soares. Das bisherige rein brasilianische Duo Marcelo Melo/Bruno Soares (Nummer 10 im abgelaufenen Jahr) wird sich also nicht gemeinsam auf Olympia vorbereiten. Marcelo Melo ist bisher noch ohne festen Partner für 2012.
Vielleicht tut sich Melo ja mit Lukas Kubot zusammen? Der Pole hat nämlich auch seinen Partner verloren, Oliver Marach aus Österreich. Auch Marach möchte mit einem Landsmann an seiner Seite seine Olympia-Chance nutzen: mit Alexander Peya. Der hat 2011 zusammen mit einem Deutschen gespielt: Christopher Kas und Alexander Peya schlossen das Jahr als zwölftbestes Doppel ab. Kas indes ist nicht lang allein geblieben. Er tut sich mit Santiago Gonzalez aus Mexiko zusammen. Ein solider Spieler, aber bisher ohne die ganz großen Meriten und zuletzt ohne festen Partner. Die Generalprobe Anfang November beim Masters in Paris-Bercy indes glückte: Gonzalez/Kas schlugen unter anderem die oben erwähnten Bhupati/Paes und Melo/Soares und kamen ins Halbfinale.
Bei so viel Wechselei erstaunt es, dass dann doch noch eine ganze Reihe altbekannter Doppelpartnerschafte den Jahreswechsel überdauern werden. Sechs der zehn bestplazierten Duos haben jedenfalls bislang keine Wechselabsichten verlautbaren lassen: Die Bryan-Brüder, Max Mirnyi (Weißrussland) und Daniel Nestor (Kanada), Michael Llodra (Frankreich) und Nenad Zimonjic (Serbien), Robert Lindstedt (Schweden) und Horia Tecau (Rumänien), Mariusz Fyrstenberg und Marcin Matkowski (beide Polen), und auch die amtierende US-Open-Sieger Jürgen Melzer (Österreich) und Philipp Petzschner (Deutschland). Man darf also weiter spekulieren, mit dem Petzschner bei den Olympischen Spielen antreten wird. Mit Kas? Mit Philipp Kohlschreiber? Oder am Ende mit dem derzeit besten deutschen Einzelspieler Florian Mayer (der ja in diesem Sommer erstaunlicherweise auch beachtliche Doppel-Ergbenisse ablieferte).
Die Doppel-Goldmedaille indes holen am Ende vielleicht sowieso ganz andere Leute. Wenn es olympische Ehren geht, das zeigt die Vergangenheit, können auf einmal auch die Einzel-Stars richtig gut Doppel spielen. 2008 gewannen die Schweizer Roger Federer und Stanislas Wawrinka. 2004 waren es die Chilenen Fernando Gonzalez und Nicolas Massú (die beide auch Einzelmedaillen gewannen), 1992 gewannen Boris Becker und Michael Stich.
Hier die Qualifikationsrichtlinien für die Olympischen Spiele (PDF)
Sonntag, 4. Dezember 2011
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1 Kommentare:
Das ist ein "süßer" Artikel, und das meine ich ganz im positiven Sinne. Danke dafür, dass du diese vorolympischen Entwicklungen auf der (allgemein weniger beobachteten) Doppeltour aufzeigst. :)
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