Sonntag, 13. November 2011

Saisonfazit durch die nationale Brille

Das war es also mit dem Tennisjahr 2011, jedenfalls aus deutscher Sicht auf der ATP-Tour. Vor dem Davis-Cup-Finale Anfang Dezember zwischen Spanoen und Argentinien steht noch das Tourfinale in London an. Der einzige für dieses Ereignis qualifizierte Landsmann, Philipp Petzschner, muss zu Hause bleiben, weil sein österreichischer Doppelparnter Jürgen Melzer nicht noch auf wundersame Weise von seiner Rückenverletzung genesen sollte.

Zeit also, ein Saisonfazit durch die nationale Brille zu ziehen. Wäre dies ein Frauentennis-Blog, gäbe es da einiges zu jubeln über Andrea Petkovic, Sabine Lisicki, Julia Görges und Angelique Kerber. Aber hier geht es um Männertennis, und da müssen wir derzeit etwas bescheidener sein.

Anfang des Jahren standen neun Deutsche unter den besten 100 der Weltrangliste. Vier sind es heute: Florian Mayer (22), Philipp Kohlschreiber (50), Philipp Petzschner (61) und Matthias Bachinger (93). Eine Großkrise lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Letztes Jahren tummelten sich ganz viele Deutsche zwischen Platz 80 und 100, jetzt stehen die meisten von ihnen zwischen Platz 100 und 120. Das ist kein besonders dramatischer Unterschied.

Nun aber ins Detail. Suchen wir nach dem Spieler des Jahres, dem Aufsteiger des Jahres, dem Absteiger des Jahres, dem Rückkehrer des Jahres, dem Turnier des Jahres und dem Match des Jahres.

Spieler des Jahres: Florian Mayer (28 Jahre, Platz 22)
Sein Aufstieg deutete sich schon gegen Ende des vergangenen Jahres an, als er in Stockholm in einem wahnsinnigen Match gegen Lokalmatador Robin Söderling gewann und erst im Finale von Roger Federer gestoppt wurde. 2011 legte Florian Mayer nach, und zwar mit einer beeindruckenden Beständigkeit in Bukarest gewann er sein erstes ATP-Turnier, nachdem er die deutsche Mannschaft schon zum Titel bei der Mannschafts-WM im Düsseldorfer Rochusclub geführt hatte. Er erreichte zwei Masters-Viertelfinals in Rom und in Schanghai, wo er sogar Rafael Nadal bezwang. Auch wenn der sportinteressierte Durchschnittsdeutsche bei seinem Namen eher an den Bundesligaschiedsricher aus Burgdorf denkt (den mit ey in der Mitte), hat sich Florian Mayer international einen guten Namen gemacht und mit seinem unkonventionellen Spiel mit Technik statt Holzhammer eine beachtliche Fangemeinde gewonnen.
Eine Erwähnung in der Kategorie Spieler des Jahres hat sich zudem Philipp Petzschner verdient. Schon allein wegen seines Doppeltitels bei den US Open. Dass trotzdem Flo Mayer die Nase vorn hat, liegt daran, dass Einzel nun einmal wichtiger als Doppel ist und dass Petzschner sich in diesem Jahr nicht noch einmal gesteigert hat (letztes Jahr gewannen Melzer/Petzschner ja schon in Wimbledon).

Aufsteiger des Jahres: Cedrik-Marcel Stebe (21 Jahre, Platz 102)
Er begann das Jahr als Nummer 375 und knackte in der voletzten Woche die Top 100, wohin er nächste Woche wieder zurückkehren dürfte, wenn er beim Challenger-Finale in Sao Paolo nicht alle seine Matches verliert. Das Jahr 2011 begann er mit einer beeindruckenden Siegesserie auf Future- und Challenger-Turnieren. Im Sommer zeigte er dann, dass er auch mit den Großen mithalten kann: Er qualifizierte sich auf Rasen für die Hauptfelder von Halle/Westfalen und Wimbledon, er kam auf Sand in Stuttgart ins Viertelfinale und in Hamburg in die dritte Runde, wobei bei zwei Mal nacheinander den russischen Altmeister Nikolai Dawidenko in die Knie zwang. Jetzt sind die Erwartungen hoch: Es wäre eine Enttäuschung, würde er sich im neuen Jahr nicht zumindest unter den Top 70 etablieren.
Eine Erwähnung in der Kategorie Aufsteiger des Jahres hat Matthias Bachinger (24) verdient, der sich im April auf leisen Pfoten in die Top 100 spielte, sich seitdem dort gehalten hat und auf ebenso leisen Pfoten mittlerweile der viertbeste Deutsche ist. Sein Sprung nach vorn war bloß nicht so gewaltig weit wie der von Stebe.

Absteiger des Jahres: Mischa Zverev (24 Jahre, Nummer 280)
Immerhin stand er heute im Endspiel des Challenger-Turniers von Genf. Er scheint also tatsächlich auf dem Wege der Besserung zu sein. Aber um in Genf überhaupt mitmachen zu können, musste er durch die Qualifikation. Vor gut einem Jahr bestritt er noch das Endspiel des ATP-250er-Turniers von Metz, vor anderthalb Jahren stand er beim Masters in Rom im Viertelfinale und knackte die Top 50. Gesundheitliche Probleme haben ihn immer wieder zurückgeworfen und wohl auch eine gewaltige Unsicherheit, mit welchem Spielstil er sich eigentlich zu behaupten versuchen sollte. Vor gar nicht allzu langer Zeit war der Netzangriff sein Markenzeichen. Das wirkte oft recht ungestüm, aber es hat funktioniert. In diesem Jahr sah er meistens kraft- und ideenlos aus.
Eine Erwähnung in der Kategorie Absteiger des Jahres könnte man vielleicht noch Tobias Kamke zumuten, aber nur, weil er im Vorjahr so enorm hochgejazzt wurde. Aus für mich nach wie vor unerklärlichen Gründen machte die ATP ihn zum Newcomer des Jahres 2010 (also, weltweit! Als deutschen Newcomer hätte ich es ja noch verstanden). Er schloss das vergangene Jahr als Nummer 67 ab, was für ihn relativ schmeichelhaft war. Jetzt ist er Nummer 108. Das ist etwas schlechter als seine tatsächliche Spielstärke, ein dramatischer Absturz ist es bei Lichte betrachtet nicht.

Rückkehrer des Jahres: Alexander Waske (36 Jahre, Nummer 130 im Doppel)
Ganz ehrlich: Diesen Herrn hatte ich nicht mehr auf der Rechnung. Seit dem Davis-Cup-Halbfinale in Russland 2007 laborierte er an seinem kaputten Arm. Comeback-Versuche waren nie von langer Dauer, und er wurde ja auch nicht jünger in den vier Jahren seither. Aber seit diesem Sommer ist er im Doppel wieder voll dabei. Im September in Bangkok erreichte er zusammen mit Michael Kohlmann das Endspiel eines 250er-Turniers.
Eine Erwähnung in dieser Kategorie hat natürlich Tommy Haas verdient, der nur ganz knapp hinter Waske auf Platz zwei landet. Seine Pause war halt nicht so lang wie die von Waske, und ein Endspiel hat Tommy Haas in diesem Jahr auch noch nicht erreicht. Anders als noch vor wenigen Monaten, kann ich mir inzwischen aber vorstellen, dass ihm das 2012 bei irgendeinem eher unbedeutenden 250er-Turnier tatsächlich noch einmal gelingt.

Turnier des Jahres: World Team Cup in Düsseldorf
Zugegeben: Diese Veranstaltung ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Aber dass sie überhaupt stattfand, nachdem der langjährige Hauptsponsor abgesprungen war und die Organisatoren sie schon längst beerdigt hatten, ist eine spektakuläre Sache.

Match des Jahres: Philipp Kohlschreiber – Philipp Petzschner 7:6, 2:0, Aufgabe
Gut, das Ergebnis mit einer verletzungsbedingten Aufgabe ist nicht gerade das, was man sich von einem Match des Jahres vorstellt. Aber es war in Halle/Westfalen das erste rein deutsche Finale bei einem deutschen ATP-Turnier seit fast 40 Jahren. Das allein ist eine Würdigung an dieser Stelle wert.

Kommentare:

Mahqz hat gesagt…

Und schwupps mit seinem Sieg in Loughborough ist Tobias Kamke wieder in den Top100. :-)

Anonym hat gesagt…

Da kommt das deutsche Herrentennis aber sehr gut weg. Ich halte 2011 für ein katastrophales Jahr, kein Deutsche erreichte die 2. Woche bei einem Grand Slam-Turnier. Und wie sich der einstige Hoffnungsträger Kohlschreiber präsentiert hat, war unterirdisch. Sehe auch keine Besserung auf lange Sicht, weil der Nachwuchs zu schwach ist. Dass ein Stebe in die Top 100 schießt, ist ja schön für ihn. Aber viel mehr wird da auch nicht mehr kommen.

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