Sonntag, 23. Oktober 2011

Respekt für Thomas Muster

Also, ein bisschen albern war es ja schon, was sich Thomas Muster vor bald anderthalb Jahren ausgedacht hat: Mit fast 43 Jahren einfach noch mal zurückzukehren auf den Tenniszirkus. Seither hat er 20 Matches auf der Challengertour verloren und drei auf der ATP-World-Tour (eins davon in der Qualifikation) – aber immerhin zwei Challenger-Matches hat er gewonnen.

In der kommenden Woche tritt der ehemalige Weltranglistenerste aus der Steiermark beim 250er-Turnier in der Wiener Stadthalle an. Und diesmal soll es tatsächlich sein letzter Auftritt auf der großen Tennisbühne sein. Zeit also, ein Fazit seiner zweiten Karriere zu ziehen. Das Fazit lautet: Respekt! Das war eine reife Leistung. Auch wenn er die meisten Matches verloren hat, und viele davon klar, hat er gezeigt, dass er als Mittvierziger besser mit den jungen Hüpfern mithalten kann, als man im Voraus hätte erwarten können. Auch wenn es schade sein mag, dass er rund zwei Dutzend Wild Cards verbraucht hat, die aufstrebende Talente besser hätten gebrauchen können, war es eine starke Show, die das Herrentennis 2010 und 2011 um ein kurioses Detail bereichert hat.

Er ist in manchen Spielen baden gegangen, aber ein 0:6, 1:6 gab es nie. Er hat immer mindestens drei Spiele gewonnen. Der Mann hat wirklich noch richtig Power – und er hat Puste! Vor wenigen Wochen in Todi (Italien) schlug er Leonardo Mayer (Argentinien, seinerzeit Nr. 119) in einem Dreisatz-Match, das über zwei Stunden dauerte.

Wie viel Respekt sich Muster erspielt hat, sieht man an den Wettquoten für sein Erstrundenmatch in Wien. Ich habe vorhin bei Bwin, nachgesehen. Sein Gegner Dominic Thiem wird als Favorit gehandelt, aber nur ganz leicht. Reich wird man nicht, wenn man auf Muster tippt und damit richtig liegt. Nun liegt Thiem (Nr. 1897) in der aktuellen Weltrangliste sogar noch hinter Muster (Nr. 1073), aber das liegt nur daran, dass der 18-jährige Nachwuchs-Ösi auf der Erwachsenentour noch nicht viele Matches bestritten hat. Neulich in Bangkok verlor Thiem gegen Jarkko Nieminen – immerhin heute Endspielteilnehmer beim 250er-Turnier in Stockholm – erst mit 5:7 im dritten Satz. Doch in der ausverkauften Wiener Stadthalle gegen die größte Tennislegende der Nation dürfte es nicht einfach werden für Thiem. Wäre nicht uncool, wenn Thomas Muster zum Abschied tatsächlich noch mal ein Match auf der ATP-World-Tour gewönne. In der zweiten Runde wartet dann eventuell Nikolai Dawidenko (Russland/Nr. 38) – und wenn der spielt, weiß man ja vorher nie, wie es ausgeht.

Seltsam freilich, dass Muster in Runde 1 ausgerechnet gegen den nominell schwächsten Gegner des Tableaus gelost wird. Man mag sich da in die jüngsten Spekulationen um gezinkte Auslosungen erinnern. Aber hier scheint tatsächlich alles mit rechten Dingen zugegangen zu sein. Die Auslosung war öffentlich und mit Jürgen Melzer als Glücksfee. Manipulation wäre da ausgesprochen aufwendig gewesen.

Thomas Muster verabschiedet sich in Wien offiziell nur von der ganz großen Tennis-Bühne. Danach wird er mindestens noch ein Challenger-Turnier bestreiten, nämlich in Salzburg (14. bis 20. November). Ob danach wirklich Schluss ist? Skepsis ist angebracht. Neulich sagte er, er habe seiner Frau versprochen, mit 45 Jahren nicht mehr ständig zu Tennisturnieren zu reisen. Bis zum 2. Oktober 2012 ist Thomas Muster noch 44.

Hier die Auslosung vom ATP-Turnier in der Wiener Stadthalle

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