Sonntag, 16. Oktober 2011

Rafael Nadal auf dem Weg ins deutsche Steuerparadies

Philipp Kohlschreiber gegen Philipp Petzschner – in Halle/Westfalen gab es in diesem Jahr das erste rein deutsche Endspiel eines deutschen ATP-Turniers seit 38 Jahren. Wenn alles glatt geht, sind die Chancen auf eine Wiederholung im kommenden Jahr eher mau. Denn wenn alles glatt geht, dann gehen 2012 in Halle Rafael Nadal und Roger Federer als die haushohen Favoriten ins Turnier.

Man spricht von einer Million Euro, die die Veranstalter der „Gerry Weber Open“ an Nadal zahlen, damit er in NRW auftritt und nicht, wie in den vergangenen Jahren, im Londoner Queen's Club. Eine Million – das ist ungefähr das Gesamtpreisgeld, das am Hamburger Rothenbaum gezahlt wird, was offiziell noch immer das größte deutsche Tennisturnier ist und wo es nach wie vor doppelt so viele Weltranglistenpunkte gibt wie in Halle.

Roger Federer hat längst einen Dauervertrag mit den „Gerry Weber Open“, der auch nicht gerade niedrig dotiert sein dürfte. Allerdings kam es in diesem Jahr nicht zum ersten Mal vor, dass Federer kurzfristig absagte, weil er am Sonntag vor Turnierbeginn ein kraftraubendes French-Open-Finale zu bestreiten hatte. So etwas kann mit Nadal freilich ebenfalls geschehen. Einmal in seiner Karriere war Nadal schon in Halle. Das war 2005 unmittelbar nach seinem ersten French-Open-Sieg. Er kam ausgelaugt an und verlor gleich in Runde 1 gegen Alexander Waske.

Der Nadal-Deal dürfte als Haller Sicht dazu dienen, dafür zu sorgen, dass wenigstens einer der ganz großen Stars nach NRW kommt. Richtig problematisch wird es dann erst, wenn Nadal und Federer wieder im Endspiel von Paris aufeinandertreffen sollten, wie in diesem Jahr geschehen. Aber da mag Novak Djokovic vor sein, der – soviel man bisher weiß, seine Wimbledon-Vorbereitung weiterhin – wenn überhaupt - im Londoner Queen's Club zu beginnen beabsichtigt. Aber auch er hat die Woche nach den French Open in den vergangenen Jahren gelegentlich ausfallen lassen. Der einzige Topstar, auf den man sich im Queen's Club noch verlassen kann, ist mithin der britische neue Weltranglistendritte Andy Murray, dem auch kaum was anderes übrig bleibt, will er als Schotte in England nicht völlig untendurch sein.

Halle könnte damit dem Queen's Club den Rang als wichtigstes Rasenturnier nach Wimbledon ablaufen. Das Brisante daran ist Rafael Nadals Begründung, warum er lieber in Deutschland spielt als in Großbritannien: In Deutschland zahlt er weniger Steuern, und zwar nach seinen Berechnungen (oder vermutlich den Berechnungen seines Management) deutlich weniger. In Großbritannien nämlich müssen Sportler neuerdings nicht nur 50 Prozent ihres Preisgelds/Gehalts abführen, sondern auch 50 Prozent aller Sponsorengelder, die sie einnehmen, während sie sich im Vereinigten Königreich befinden. Dabei wird offenbar einfach pro Tag ein 365stel (oder – 2012 ist ein Schaltjahr – ein 366stel) der jährlichen Sponsoreneinnahmen als Basis genommen. Laut Nadal könnte er deshalb, wenn ihm im Queen's Club ein ähnliches Schicksal ereilt wie 2005 in Halle gegen Alexander Waske, am Ende mehr Steuern zahlen müssen, als er bei diesem Turnier an Preisgeld gewinnt. Diese Regelung ist noch von der im vergangenen Jahr abgewählten Labour-Regierung eingeführt worden. Möglich, dass die Sportler jetzt darauf setzen, dass die konservativ-liberale Koalition sie wieder kassiert. Angesichts des radikalen Sparkurses, den die britische Regierung derzeit fährt, wäre das allerdings eine seltsame Entscheidung.

Als ich von dieser Geschichte hörte, dachte ich an die Fifa und ihr Prinzip, Fußball-Weltmeisterschaften nur dort auszutragen, wo man ihr Steuerfreiheit gewährt, was so gut wie jedes Land bereitwillig tut. Für die WM 2006 war es offenbar – es muss 1998 oder 1999 gewesen sein, der damalige Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine, der den Milliarderos aus Zürich dieses Privileg gewährte.

Gegenüber Rafael Nadal wird man vermutlich nicht ganz so großzügig sein wie gegenüber Sepp Blatter. Aber so ganz absurd ist es nicht, dass ein internationaler Niedrigsteuerwettbewerb um die größten Sportstars eintritt. Die britische Sportlerbesteuerung jedenfalls hat auch schon Widerstand aus der Fußball-Premier-League hervorgerufen, wo man über bedrohliche Wettbewerbsnachrichten sinniert.

Eines aber scheint mit gewiss, und das ist die gute Nachricht: Der All England Lawn Tennis Club wird für keine Steuerersparnis der Welt von Wimbledon aufs Festland umziehen. Und Rafael Nadal wird nicht wegen der Steuer auf Wimbledon verzichten.

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