Montag, 31. Oktober 2011

Challenger-Tourfinale mit einem Geisterfahrer namens Bellucci

Voriges Jahr im August machte ich mir mal den Spaß, eine Eine Challenger-Weltrangliste aufzustellen. Eine Rangliste also, die Aufschluss darüber gibt, welche Spieler in der zweiten Liga des Profizirkus am erfolgreichsten sind. Die Spanier Pere Riba und Ruben Ramirez-Hidalgo führten damals vor Alexander Dolgopolow aus der Ukraine.

Aus Spaß ist Ernst geworden. Inzwischen führt die ATP eine solche Rangliste ganz offiziell – und das aus einem guten Grunde. In zwei Wochen beginnt in Brasilien das erste „Challenger Tour Finals“. Es funktioniert fast genau wie das große „World Tour Finals“ (dem ehemaligen Masters-Finale) in London, nur dass halt statt Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer Leute antreten, von denen der Gelegenheitsfan bis dato nichts gehört hat und dass deutlich weniger Preisgeld und deutlich weniger Weltranglistenpunkte verteilt werden. Wie beim großen Masters-Finale spielen die acht besten Spieler des abgelaufenen Jahres in zwei Vierergruppen, deren Erst- und Zweitplatzierte dann im Halbfinale die beiden Endspielteilnehmer ermitteln.

Ein feiner Unterschied: Anders als beim großen Masters-Finale sind auch Deutsche qualifiziert, und zwar gleich drei Stück: Matthias Bachinger (Nr. 90), Cedrik-Marcel Stebe (Nr. 99) und Andreas Beck (Nr. 110). Ein Grund mehr, mal einen genaueren Blick auf die Veranstaltung zu werfen, die vom 14. bis zum 20. November auf Hartplatz in einer Halle in Sao Paolo ausgetragen wird.

Es geht um ein Gesamt-Preisgeld von 220.000 Dollar (155.500 Euro). Das ist deutlich mehr, als es sonst bei Challenger-Turnieren zu gewinnen gibt, aber deutlich weniger als bei Turnieren der ATP-World Tour. Weil nicht 32 Spieler am Start sind wie bei normalen Challengern, sondern lediglich acht, bleibt für jeden Starter ein ganz erkleckliches Sümmchen. Der Gesamtsieger bekommt, sofern er alle Vorrundenmatches gewinnt, 91.000 Dollar. Das ist mehr als das Mindest-Preisgeld für einen Sieg bei einem Turnier 250er-Turnier der World Tour. Allein für die Teilnahme gibt es 6.300 Dollar. Auch das ist mehr, als für man als Erstrundenverlierer eines kleinen 250er-Turniers bekommt.

Bei den Weltranglistenpunkten kann das Challenger-Finale mit den 250er-Turnieren indes nicht mithalten. Der Sieger bekommt höchsten 125 Punkte, also die Hälfte dessen, was es bei einem 250er-Turnier gibt. Das ist so viel, wie es auch bei den höchstdotierten normalen Challengern für den Titel gibt. Für jeden Vorrundensieg gibt es 15 Punkte, für einen Sieg im Halbfinale zusätzlich 30 und für einen Finalsieg weitere 50 Punkte.

Ein paar Unterschiede zum echten World-Tour-Finale gibt es in der Art und Weise, wie die Teilnehmer des Challenger-Finals ermittelt werden. Gewertet werden die zehn besten Challenger-Resultate des Jahres bis vier Wochen vor Beginn des Challenger-Finals. Das Challenger-Finale selbst findet nicht wie das große Finale nach Abschluss der gesamten Saison statt, sondern in der vorletzten Woche (eine Woche vor dem großen World-Tour Finale), während parallel noch weitere Challenger-Turniere stattfinden – darunter das traditionell sehr stark besetzte in Bratislava.

Schaut man sich die ATP-Challenger-Rangliste an, stellt man fest, dass nicht alle Spieler, die für das Challenger-Finale qualifiziert sind, die Reise nach Südamerika tatsächlich auf sich nehmen wollen. Einige bleiben lieber in Europa. Lukas Rosol (Tschechien) und Denis Istomin (Usbekistan) zum Beispiel, die Nummern 4 und 6 der Challenger-Rangliste, spielen lieber das besagte Turnier in Bratislava.

Folgende acht Spieler gehen in Sao Paolo an den Start:

1 Rui Machado (Portugal/Nr. 77/Nr. 1 der Challenger-Rangliste)
2 Martin Klizan (Slowakei/92/3)
3 Andreas Beck (Deutschland/110/5)
4 Matthias Bachinger (Deutschland/90/6)
5 Dudi Sela (Israel/91/9)
6 Bobby Reynolds (USA/120/11)
7 Cedrik-Marcel Stebe (Deutschland/99/12)
8 Thomaz Bellucci (Brasilien/38/-)

Aufmerksamen Lesern wird auffallen: Einer dieser Spieler passt nicht zu den anderen. Thomaz Bellucci. Nummer 38 der Welt. Er hat in diesem Jahr kein einziges Challenger-Turnier bestritten. Warum sollte er auch? Er ist ein etablierter Spieler auf der ATP-World-Tour. Anders als beim echten World-Tour-Finale sind beim Challenger-Finale nicht die besten acht Spieler qualifiziert, sondern die besten sieben. Der achte Platz wird über eine Wild Card vergeben. Das wäre sinnvoll, hätten sich die brasilianischen Organisatoren für einen Landsmann wie Rogerio Dutra Silva oder Ricardo Mello – Leute, mit denen das Publikum mitfiebern kann und die in diesem Jahr auf der Challenger-Tour tatsächlich ein bisschen was gerissen haben. Stattdessen nahmen sie Thomaz Bellucci. Den mit Abstand besten und populärsten Tennisspieler Brasiliens. Das wird sicher ein paar Zuschauer mehr in die Halle locken. Aber der Knackpunkt ist doch: Bellucci ist zwar Sandplatzspezialist, aber auf Hartplatz immer noch stark genug, um eine sehr gute Chance auf den Titel beim Challenger-Finale zu haben. Wenn aber ein Spieler das Finalturnier der besten Challenger-Spieler gewinnt, der im ganzen Jahr kein einziges Challenger-Turnier bestritten hat, dann wird diese Veranstaltung – dessen Idee ich im Prinzip großartig finde - gleich bei ihrer ersten Auflage zur Farce.

Hier die Challenger-Rangliste für 2011

Hier die offizielle Webseite des Challenger-Finals

Kommentare:

Baris hat gesagt…

Klasse Text Mal wieder - bloß heißt der Portugiese nicht Rui Machado?

Zack hat gesagt…

Natürlich, Machado. Danke für den Hinweis. Habs verbessert. Ich war so damit beschäftigt, Thomaz Bellucci richtig zu schreiben, dass ich bei den anderen Namen etwas nachlässig wurde ;)

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