Sonntag, 2. Oktober 2011

Betrachtungen zu Mayer, Petzschner, Williams, Kerber und del Potro

Vier Wochen Pause, und es ist so viel passiert, worüber ich hätte schreiben können. Jetzt muss ich mich langsam erst wieder herantasten an die Materie. Beginnen wir also heute mit einem bunten Strauß von Themen, einem Potpourri, einer Tour d'Horizon, einem Festival der oberflächlichen Kurzbetrachtung und starten wir mit einer Doppelexkursion ins Frauentennis.

Da gab es nämlich in den vergangenen vier Wochen zwei Nachrichten, die mich beschäftigt haben. Zum ersten natürlich das US-Open-Halbfinale von Angelique Kerber aus Kiel. Dass eine Weltranglisten-91. bei einem Grand-Slam-Turnier einen solchen Erfolg feiert, ist fast unfassbar – aber auch nicht völlig einmalig. In mir kam eine Jugenderinnerung an Claudia Porwik hoch. Als 21-Jährige bei den Australian Open 1990 kam sie als ungefähr Siebzigste oder Achtzigste der Weltrangliste ins Halbfinale. Danach ist ihr nichts annähernd Vergleichbares mehr gelungen, und ein Jahr drauf stand sie wieder genau da, wo sie vor ihrem Sensationshalbfinale war. Im Moment scheint es mir, Angelique Kerber wird stabilere Leistungen bringen als Claudia Porwik. Aber eine weitergehende Prognose wage ich nicht abzugeben.

Das zweite Thema aus dem Frauentennis betrifft Venus Williams, die zu ihrem Zweitrundenspiel bei den US Open gegen Sabine Lisicki nicht angetreten ist und wenig später den Grund nannte, der wohl auch der Grund für zahlreiche andere Spielabsagen in diesem Jahr war: Sie leidet am Sjögren-Syndrom. Als sie das bekanntgab, sagte sie auch, dass sie Kampf gegen die Krankheit aufnehmen wird und so bald wie möglich auf den Tennisplatz zurückkehren will. Diese Reaktion entspricht ihrem Wesen. Sie ist eine Kämpfernatur, wie man sie sein muss, wenn man im Profisport oben mitspielen will. Aber wer sich etwas mit dem Sjögren-Syndrom beschäftigt hat, der weiß: Sie hat keine Chance. Wenn die Diagnose stimmt, ist ihre Karriere vorbei. Es gibt bisher keine Therapie gegen diese Krankheit, die ihr dazu verhelfen könnte, wieder Leistungssport zu betreiben. Und was noch tragischer ist: Die Krankheit wird sie auch im Alltag einschränken.

Aber jetzt zu einem angenehmeren Thema. Philipp Petzschner und Jürgen Melzer. Über das deutsch-österreichische Doppel durften wir schon vor gut einem Jahr jubeln, als es in Wimbledon den Titel holte. Es deutete sich damals schon an, dass der Erfolg keine Eintagsfliege bleiben würde. Jetzt ist der Beweis erbracht: Bei den US Open holten die beiden bereits ihren zweiten Grand-Slam-Titel und sind damit zudem zum zweiten Mal in Folge für das Tourfinale der besten acht Doppel im November in London qualifiziert. Ich habe mich ja längst einigermaßen damit arrangiert, dass Tennis in Deutschland nur sporadisch von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird, aber das vermutlich immer noch die überwiegende Mehrheit meiner Landsleute nicht weiß, wer Philipp Petzschner ist – geschweige denn, dass er ein doppelter Grand-Slam-Gewinner ist – das wurmt mich schon irgendwie. Es ist in den vergangenen Jahren nicht sehr vielen Spielern gelungen, im Einzel auf der ATP-Tour mitzuhalten und gleichzeitig konstant große Siege im Doppel einzufahren. Das sind Melzer/Petzschner eine Ausnahmeerscheinung. Aus Deutschland kann mit Petzschners Erfolgen allerhöchstens noch Michael Stich mithalten, der 1992 mit John McEnroe Wimbledon gewann und mit Boris Becker die Olympischen Spiele.

Viertes und letztes Thema: Burn-out. Das große Tabuthema, über das Fußballdeutschland dank Ralf Rangnick in den letzten Wochen tabulos geredet hat. Natürlich gibt es Burn-outs, auch Depressionen genannt, auch im Tennis. Das bekannteste Beispiel aus Deutschland ist Florian Mayer, unsere aktuelle Nummer 1 und der beeindruckende Beweis dafür, dass man, wenn man sein Burn-out überwunden hat, hinterher stärker – vor allem auch psychisch stärker – sein kann als vorher. Letzte Woche gewann er in Bukarest sein erstes ATP-Turnier, was nach vier Finalteilnahmen höchste Zeit war. Flo Mayer hat sein Burn-out übrigens nicht tabuisiert. Schon 2008, als er es gerade überwunden hatte, aber noch nicht wieder angefangen hatte, Turniere zu spielen, sprach er darüber relativ offen, auch wenn das Wort Burn-out noch nicht fiel. Immer wieder mal, wie zum Beipsiel hier im Januar 2010, kamen Medien darauf zu sprechen. Die "Bild" machte daraus dann vor ein paar Wochen eine Enthüllung.

Ein Burn-out sollte man wohl betrachten wie eine ganz normale Verletzung. Auch wenn ich mich außerstande sehe, kompetente Ursachenforschung zu betreiben, drängen sich die Parallelen auf: So wie Knie oder Ellenbogen unter starker Belastung irgendwann schlapp machen, kann es auch der Psyche gehen. Allerdings konnte Florian Mayer vor drei Jahren nicht einfach zur ATP gehen und sich für ein halbes Jahr wegen Burn-out krank melden. Dazu brauchte er eine andere, körperliche Verletzung. In seinem Fall war es eine Fingeroperation. Im Fall von Juan Martin del Potro, dem argentinischen US-Open-Sieger von 2009, war es ähnlich. Er hatte wohl wirklich ein lädiertes Handgelenk, das dann auch der offizielle Grund dafür war, dass er 2010 fast komplett ausgesetzt hat. Doch deutet einiges darauf hin, dass auch er einen Burn-out hatte.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

In deinen Betrachtungen zu Petzsche hättest du das hier erwähnen sollen: http://www.youtube.com/watch?v=532c2FoGqj8

Kein guter Stil ...

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