Sonntag, 28. August 2011

Schummel-Verdacht bei der US-Open-Auslosung

Hurrikan Irene ist vorbei, New York ist stehen geblieben, die US Open können morgen ohne Verzug beginnen. Werfen wir also einen Blick auf die Auslosung. Novak Djokovic trifft in der ersten Runde auf den irischen Qualifikanten Conor Niland (Nr. 199). Das war zu erwarten. Die topgesetzten Spieler bei den US Open haben seit Jahren immer extrem leichte Auftakthürden.

Der mit Abstand stärkste Erstrundengegner, mit dem es ein Weltranglistenerster bei den US Open in den vergangenen Jahren zu tun hatte, war 2010 der Russe Teimuras Gabaschwili (damals die Nummer 98). Die an Nr.1 und Nr. 2 gesetzten Spieler bekommen so gut wie immer Qualifikanten oder Wild-Card-Inhaber zugelost – Leute wie Devin Britton (2009, damals Nr. 1370) oder Scoville Jenkins (2007, damals Nr. 319). Das kann kein Zufall sein, meinen manche Leute. Und diese Meinung ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

Zunächst einmal ist freilich festzustellen: So ganz unwahrscheinlich ist es nicht, dass man als gesetzter Spieler in Runde 1 auf einen Qualifikanten oder einen Wild-Card-Inhaber trifft. Im Einzelwettbewerb eines Grand-Slam-Turniers treten 128 Spieler an. 32 von ihnen sind gesetzt, 96 sind ungesetzt. Jedem gesetzen Spieler wird einer der 96 ungesetzten zugelost. Unter diesen 96 ungesetzten sind 16 Qualifikanten und 8 Wild-Card-Spieler. Zusammen machen sie also immerhin ein Viertel der ungesetzten Spieler aus. Zu erwarten wäre also, dass jemand wie Novak Djokovic, Rafael Nadal oder Roger Federer durchschnittlich einmal im Jahr bei einem der vier Grand-Slam-Turniere in Runde 1 gegen einen Qualifikanten oder Wild-Card-Spieler spielt.

Der oben zitierte amerikanische Sportsender ESPN hat die Auslosungen der Grand-Slam-Turniere unter die Lupe genommen und festgestellt: Bei den Australian Open, den French Open und Wimbledon gingen die Auslosungen über die vergangenen Jahre hinweg ziemlich genau so aus, wie es statistisch zu erwarten war. Bei den French Open sollen die Spitzenspieler in Runde 1 sogar überdurchschnittlich starke Gegner bekommen haben. Nur bei den US Open scheint irgendwas faul zu sein. Die Auftaktgegner für die Stars waren extrem schwach – unabhängig davon, ob sie nun Qualifikanten waren, Wild-Card-Spieler oder Spieler, die mit Hängen und Würgen regulär über die Weltrangliste ins Hauptfeld gerutscht sind. Eine Auslosungs-Simulation soll ergeben haben, dass bei den Männern nur in drei von 1000 Fällen die Auslosung für die Weltranglisten-Ersten und -Zweiten so leicht war, wie sie in den vergangenen Jahren tatsächlich ausfiel. Bei den Frauen sollen in keinem einzigen der 1000 simulierten Auslosungen so leichte Gegnerinnen herausgekommen sein wie in der Realität.

Nun ist ja bekanntlich der Haken bei der Wahrscheinlichkeitsrechnung, dass extrem unwahrscheinliche Ereignisse eben nur extrem unwahrscheinlich sind, aber nicht ausgeschlossen. (Wir erinnern uns an die Isner-Mahut-Wahrscheinlichkeit aus Wimbledon.)

Nichtsdestotrotz ist der amerikanische Tennisverband USTA in Erklärungsnöten. Denn das Motiv, die Auslosung zu manipulieren, liegt auf der Hand: Wenn ein Superstar schon in Runde 1 rausfliegt, gehen Medien- und Zuschauerinteresse im weiteren Turnierverlauf zurück. Da kann es nicht schaden, wenn Novak Djokovic und Rafael Nadal in Runde 1 gegen Leute spielen, gegen die sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gewinnen.

Vielleicht sollte man, um Zweifel auszuräumen, dazu zurückkehren, weiße Kügelchen aus einer Glasschüssel zu ziehen, so wie wir es aus dem DFB-Pokal noch immer kennen. Wenn alle weißen Kügelchen, in denen sich die Namen der Spieler verstecken, gleich aussehen und irgendein Ex-Spieler in einer öffentlichen Zeremonie die Kügelchen in der Schüssel durchmischt, bevor er sie rausholt und öffnet, dann dürften die Chancen, irgendwas zu manipulieren, ziemlich gering sein.

Bei den US Open – und auch bei den meisten anderen Tennisturnieren – macht aber ein Computer-Zufallsprogramm die Auslosung. Das ist äußerst intransparent, denn kein normaler Mensch kann die Programmierung überprüfen.

Was ich mich jetzt frage, ist dies: Ist es ein Zeichen von Zufall oder von Manipulation, dass bei der US-Open-Auslosung an diesem Freitag – also nach dem kritischen ESPN-Bericht – die topgesetzen Spieler wieder so leichte Gegner bekommen haben? Ein cleverer Auslosungsmanipulator hätte ja nun mal für schwere Auftaktgegner für die Stars sorgen können, um zu beweisen, dass nicht manipuliert wird. Doch Novak Djokovic spielt – wie erwähnt – gegen Color Niland. Rafael Nadal spielt gegen Andrei Golubjew, einen der größten Dauerverlierer von 2011. Bei den Frauen spielt die topgesetzte Caroline Wozniacki gegen Nuria Llagostera Vives (Nr. 127), die an 2 gesetzte Vera Zvonareva gegen Stephanie Foretz Gacon (Nr. 115).

Hier die Auslosung der US Open

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