Montag, 1. August 2011

Manche Länder dopen mehr als andere, oder?

Es gab mal wieder einen Dopingfall auf der ATP-Tour in dieser Woche. Diesmal ist es der 31-jährige Kalifornier Robert Kendrick (Nr. 105).

Vielleicht erinnert sich irgendjemand: Vor fünf Jahren, in Wimbledon 2006, war er drauf und dran, Rafael Nadal zu bezwingen. Nach einer 2:0-Satzführung verlor er ganz knapp in fünf Sätzen. In diesem Jahr sagte er seine Wimbledon-Teilnahme ganz kurzfristig ab. Jetzt wissen wir, warum: Er hatte erfahren, dass er kurz zuvor bei den French Open positiv auf eine Substanz namens Methylhexanamine getestet wurde. Im irischen Blog Shank Tennis ist der Vorgang sehr schön aufgedröselt.

Hier die dazugehörige Pressemitteilung des Tennis-Weltverbandes ITF

Und hier die vollständige Urteilsbegründung (PDF)

Kurz zusammengefasst: Kendrick sagt, die Dopingsubstanz stamme aus einem Mittel, das er gegen den Jetlag eingenommen habe, weil er erst ganz kurzfristig aus Amerika nach Paris geflogen sei, weil er so lange wie möglich bei seiner schwangeren Freundin bleiben wollte. Er habe sich mit seinem Trainer beraten, ob das Anti-Jetlag-Mittel wohl unbedenklich sei. Außerdem habe er gegoogelt und sei auf eine Blog-artige Internetseite gestoßen, auf der gestanden habe, dass das Mittel unbedenklich sei.

So klingt dies alles nach einem verzeihlichen Versehen, das im Normalfalle höchstens eine dreimonatige Sperre nach sich zieht. Das ITF-Anti-Doping-Tribunal kommt aber zu einem anderen Schluss: Es fragt, wieso ein so erfahrener Spieler wie Kendrick nur seinen Coach konsultiert und ein bisschen rumgegoogelt hat, anstatt einen Arzt oder Apotheker fragen. Auch habe er nicht bei der Doping-Hotline angerufen, bei der jeder Spieler um Rat fragen kann. Deshalb das relativ harte Urteil: Ein ganzes Jahr Sperre.

Über Doping habe ich in den letzten drei Jahren ein halbes Dutzend Mal geschrieben, zum Beispiel hier und hier.

Aber man findet doch immer wieder neue Aspekte, unter denen sich das Thema betrachten lässt. Zum Beispiel das Thema Vorurteile. Ich habe vorhin mal versucht, eine Rangliste aufzustellen, in der ich die Top 50 danach sortierte, von wem ich am ehesten glaube, dass sie gedopt sein könnten. Diese Liste werde ich hier nicht veröffentlichen, dafür wären die damit verbundenen Verdächtigungen viel zu haltlos. Ein bisschen was sei aber verraten: Diese Liste zeigte eindeutig, wo meine Vorurteile liegen. Offensichtlich glaube ich, dass Südeuropäer mehr dopen als Nordeuropäer, Osteuropäer mehr als Westeuropäer, Amerikaner sowieso mehr als Europäer und Südamerikaner mehr als Nordamerikaner.

Teilweise kann ich mir erklären, wie ich zu diesen Vorurteilen gekommen bin. Natürlich hat es mit Dopingfällen aus der Vergangenheit zu tun. Der letzte halbwegs prominente Doper, der vor Robert Kendrick erwischt wurde, war ebenfalls US-Amerikaner: Wayne Odesnik Anfang 2010. Vor ein paar Jahren gingen den Fahndern ein paar Argentinier ins Netz. Auch Osteuropäer wurden schon erwischt: Karol Beck (Slowakei) zum Beispiel und – ganz lange her, aber als Nummer 2 der Welt der prominenteste von allen: Petr Korda (Tschechien).

Und dann hat es was mit der Spielweise zu tun. Doping hilft bei Kraft und Ausdauer. Fürs Ballgefühl hilft es eher nicht. Also trifft mein Vorurteil Spieler aus Ländern, in denen typischerweise viel mit Kawumm auf den Ball gedroschen wird. Zum Beispiel Spanien. Nun kommt auch noch hinzu, dass die spanischen Tennisspieler einen ganz berüchtigten Landsmann haben, nämlich Dr. Fuentes, der Mann, der einst Jan Ullrich dopte und viele andere Fahrradfahrer ebenfalls. Eufemiano Fuentes raunte einmal, zu seinen Kunden würden auch Tennisspieler zählen. Aber wer sagt eigentlich, dass es spanische Tennisspieler gewesen sein müssen? Es waren ja auch nicht bloß spanische Radfahrer, die er dopte.

Ich habe die Liste der ITF-Doping-Entscheidungen, die online bis zurück ins Jahr 2004 abrufbar ist, durchgeblättert. Es war kein einziger Spanier dabei, der irgendwelche Spuren auf der ATP-Tour hinterlassen hätte. Nur Leute wie Alejandro Vargas-Aboy (Ex-Nr. 329) oder Luis Feo Bernabé (Ex-Nr. 731). Da kommen die Deutschen (Westeuropäer, Nordeuropäer...) nicht besser weg. Deutsche und andere Mitteleuropäer lassen sich allerdings in der Regel nicht mit Testosteron oder so erwischen, sondern beim Koksen und Kiffen. So ging es den weniger berühmten Holger Fischer (aktuell Nr. 445), Franz Stauder (Ex-Nr. 322) und dem später inhaftierten Maximilian Abel (Ex-Nr. 183) , aber auch Richard Gasquet (Frankreich, aktuell Nr. 13) und Martina Hingis (Schweiz/ Ex-Nr.1).

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