Montag, 8. August 2011

Ein kleiner Dancevic-Chvojka-Tomic-Eklat in Montreal

Heute blicken wir mal nach Kanada. Keine wirklich große Tennisnation, aber eine mit einem sehr traditionsreichen Turnier, einem, das zudem eine Skurrilität innerhalb des Tenniszirkus darstellt: Das kanadische ATP-Masters hat kein festes Zuhause. Sein Pendant auf der WTA-Frauentour auch nicht. Die Turniere werden immer abwechselnd in Toronto und Montreal ausgetragen. Immer dort, wo die Frauen sind, sind die Männer nicht. In ungeraden Jahren spielen die Männer in Montreal und die Frauen in Toronto. In geraden Jahren ist es umgekehrt. Das geht schon seit über 30 Jahren so, und es geht anscheinend ganz gut. Jedenfalls habe ich bisher nichts davon gehört, dass die englischsprachigen und die französischsprachigen Kanadier in Tennisangelegenheiten miteinander in Streit geraten wären. Man hat sich arrangiert.

Was nicht heißt, dass alles in Butter ist in Tennis-Kanada. An diesem Montag beginnt das ATP-Masters von Montreal. Man freute sich auf den Auftritt von Milos Raonic. Der 20-Jährige, der im Frühjahr einen beeindruckenden Höhenflug hingelegt hatte, ist seit Jahrzehnten der erste Kanadier, der in Montreal/Toronto ohne Wild Card direkt fürs Hauptfeld qualifiziert war. Aktuell ist er die Nummer 29 der Welt. In Wimbledon, und damit kurz vor Beginn der amerikanischen Hartplatz-Saison, hat er sich verletzt. Irgendwas an der Hüfte. Was genau, weiß man nicht. Er wurde operiert und ist jetzt wohl auf dem Wege der Besserung. Aber in Montreal ist er nur als TV-Kommentator im Einsatz, nicht als Spieler.

Also ruhen wieder alle kanadischen Hoffnungen auf den Wild-Card-Spielern von Platz Hundertnochwas. Einer von denen, nämlich Frank Dancevic, hat vor vier Jahren in Montreal sogar mal das Viertelfinale erreicht. In Toronto erreichte er zwei Mal die zweite Runde. Er ist 26 Jahre alt und als Nummer 179 aktuell der bestplatzierte Kanadier nach Milos Raonic. In diesem Jahr indes gab es einen kleinen Eklat um Frank Dancevic. Nach acht Wild Cards in acht Jahren fand man beim kanadischen Tennisverband, dass man auf die neunte Wild Card verzichten sollte.

Vier Wild Cards hat der kanadische Tennisverband jedes Jahr zu verteilen. Eine ging diesmal an den drittbesten Kanadier, den 21-jährigen Vasek Pospisil (Nr. 186). Zwei weitere sollten an den viert- und den fünftbesten Kanadier, Philip Bester (22 Jahre/Nr. 258) und Peter Polansky (23 Jahre/Nr. 291) gehen. Aber beide sagten ab. Polansky hat was an der Leiste, Bester am Handgelenk.

Jetzt wenigstens hätte Dancevic ja nachrücken können, aber beim Tennisverband blieb man dabei, dass der Mann nach so langer Zeit nun endlich mal keine Wild Card bekommen soll. Dancevic, der in diesem Sommer immerhin die Qualifikation für die French Open und für Wimbledon schaffte, empfand das als Affront und beschloss, dann auch nicht zur Qualifikation in Montreal anzutreten. Lieber wollte er die Qualifikation für das 50.000-Dollar-Challenger-Turnier in Binghamton (New York) bestreiten. Dort wäre er auch ohne Quali locker im Hauptfeld gewesen, hätte er sich rechtzeitig vier Wochen im Voraus angemeldet. Aber vor vier Wochen vertraute er wohl noch auf die Montreal-Wild-Card.

Die Turnierveranstalter suchten nun noch weiter hinten in der Weltrangliste und fanden auf Platz 315 einen weiteren Kanadier, den 24-jährigen Erik Chvojka, und gaben ihm die zweite Wild Card. Wild Card Nummer 3 ging an Ernests Gulbis aus Lettland (22 Jahre/Nr. 55), eine nachvollziehbare Wahl, hat er doch erst vor zwei Wochen das ATP-Turnier von Los Angeles gewonnen, gilt trotz einiger Rückschläge als mögicher kommender Star und hat auch dank seiner attraktiven Spielweise eine ansehnliche Fangemeinde.

Wild Card Nummer 4 geht an Bernard Tomic (Nr. 71), den im Stuttgart geborenen 18-jährigen Australier mit kroatischen Eltern. Auch er eine nachvollziehbare Wahl, nachdem er jüngst mit seinem Wimbledon-Viertelfinale für Furore sorgte.

Dennoch spricht einiges dafür, dass die Wild Card für Tomic ein heftiges Geschmäckle hat. In dem oben bereits verlinkten Bericht heißt es, als Gegenleistung für Tomics Wild Card habe dessen Management-Firma IMG, die zugleich das Frühjahrs-Turnier in Miami ausrichtet, zugesichert, dort im kommenden Jahr einer kanadischen Spielerin eine Wild Card zu geben. Wenn das zutrifft, ist das ein Verstoß gegen das ATP-Regelbuch. Dort heißt es auf Seite 68: „Tournaments may not receive compensation and players may not offer compensation in exchange for the awarding of a wild card.“ Nun mag man argumentieren, mit „compensation“ sei nur Geld gemeint, das hielte ich aber für eine etwas zu enge Auslegung.

Bei Grand-Slam-Turnieren sind Wild-Card-Austauschprogramme zwischen den veranstaltenden Nationen gang und gäbe. Aber die Grand Slams werden nicht von der ATP veranstaltet, sondern vom Tennis-Weltverband ITF, und der hat seine eigenen Regeln. Aber vermutlich wird auch die ATP die Sache mit der Tomic-Wild-Card nicht weiter verfolgen. Wenn es denn dem Geschäft nützt, nimmt man es dort mit den eigenen Regeln nicht so genau. Das haben wir ja auch beim Hamburger Rothenbaum-Turnier gesehen, das trotz aller Anti-Sportwetten-Bekundungen seitens der ATP einen Sportwettenanbieter als Namenssponsor tragen durfte. Wenn man Michael Stich im fernen Hamburg schon nicht mit dem Regelbuch kommt, dann wird Montreal, geschweige denn der Management-Gigant IMG aus Florida, erst recht nichts zu befürchten haben.

Und Frank Dancevic, der ist nie angekommen in Binghamton, New York, wo er aus Protest die Qualifikation spielen wollte. Er kam nur bis zu den Niagarafällen. Dort streckte ihn eine Bronchitis nieder.

Hier die Auslosung für das ATP-Masters in Montreal.
Übrigens mit erstaunlich vielen Deutschen. Neben den direkt qualifizierten Florian Mayer und Philipp Kohlschreiber ist auch Tommy Haas dank seinem Nach-Verletzungspausen-„Protected Ranking“ am Start, und Philipp Petzschner und Tobias Kamke haben beide die Qualifikation geschafft. Edit: Und Tommy Haas hat schon wieder verletzt abgesagt.

Und hier die Auslosung fürs Doppel
Inklusive dem 38-jährigen Daniel Nestor, der Nummer 4 der Doppel-Weltrangliste, der einer der ganz wenigen derzeit unverletzten kanadischen Tennisprofis ist.

1 Kommentar:

loreley hat gesagt…

Es hat sich noch ein Kanadier beschwert, dass er keine Wildcard bekommen hat. Er hätte gern die von Bester übernommen, nachdem dieser absagen musste.

Pierre-Ludovic Duclos, 25 Jahre alt und auf Platz 324 der Welt. In der Qualifikation in Runde eins gescheitert.

http://www.montrealgazette.com/sports/Duclos+miffed+about+wildcard/5217491/story.html

Tomic, pfff.

Überflüssig finde ich auch, dass Topspieler, die sich nicht rechtzeitig bei einem Turnier anmelden, oft genug mit einer Wildcard plus Antrittsgeld belohnt werden, wenn sie dann doch bei einem kleineren Turnier spielen.

In Los Angeles hat man dieses Jahr aus wirtschaftlichen Gründen kein Geld dafür übrig gehabt und siehe da, es war kein Nachteil.

http://espn.go.com/tennis/story/_/id/6829700/tennis-how-la-survived-splurging

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