Sonntag, 3. Juli 2011

Newport: Greg Jones auf Kennedys Spuren

Greg Jones ist ein junger Mann aus Sydney, der versucht, sich als Profi-Tennisspieler durchzuschlagen. Es ist ein hartes Brot. Im Mai reiste er nach Usbekistan, wo er 3000 Dollar gewann, weil er beim Challenger-Turnier in Fergana an der Seidenstraße bis ins Finale kam. Dieser Erfolg brachte dem 22-Jährigen so viele Weltranglistenpunkte, dass er von Platz 278 auf Platz 218 kletterte. Ein wichtiger Sprung, denn damit kommt er in einen Bereich, in dem er Aussicht auf Startplätze im Hauptfeld von Challenger-Turnieren hat, die in weniger entlegenen Weltregionen stattfinden.

Bis zu den großen Turnieren der ATP-World-Tour, dort wo es 3000 Dollar nicht erst gibt, wenn man ins Endspiel kommt, sondern allein fürs Mitmachen, auch wenn man in der ersten Runde verliert, wo man also von Vornherein weiß, dass man das Geld fürs Flugticket wieder reinbekommt, ist es noch immer ein weiter Weg für Greg Jones. Dazu müsste er zu den Top 100 zählen. Bei weniger begehrten Turnieren reicht manchmal auch Platz 120 oder 130. Dazu müsste er noch fünf oder sechs weitere Challenger-Endspiele erreichen.

Erst ein einziges Mal stand er im Hauptfeld eines ATP-World-Tour-Turniers. Das war 2008 in seiner Heimatstadt Sydney kurz vor seinem 19. Geburtstag. Als heimische Nachwuchshoffnung bekam er eine Wild Card und verlor in der ersten Runde glatt gegen Agustin Calleri aus Argentinien. Seither bekam er nie wieder eine Wild Card.

Morgen aber beginnen die Campbell's Hall of Fame Tennis Championships in Newport, Rhode Island - eines der erstaunlichsten Tennisturniere der Welt, wie in diesem zwei- Jahre alten Artikel nachzulesen ist. Greg Jones steht im Hauptfeld.

Dass dort der Ranglistenplatz 140, 150 oder manchmal gar 160 für eine Teilnahme ausreicht, das war schon immer so, also jedenfalls schon so lange, wie meine Erinnerung und die im Internet abrufbaren Statistiken reichen. Newport liegt abseits der üblichen Reiserouten des Tenniszirkus, und es ist das einzige Rasenturnier, das nach Wimbledon ausgetragen wird, also nicht wie Halle, Queen's Club, 's Hertogenbosch und Eastbourne als Vorbereitung für Wimbledon dient.

Aber dass Platz 218 fürs Hauptfeld reicht, das hat es, soweit ich zurückblicken kann, selbst in Newport noch nicht gegeben, und es hat auch damit zu tun, dass ein paar Spieler sehr kurzfristig abgesagt haben und viele Nachrücker von den Ranglistenplätzen 150 bis 200 sich längst anderweitig orientiert hatten. Greg Jones wollte in Newport eigentlich die Qualifikation spielen, die Quali-Auslosung mit ihm als Teilnehmer war sogar schon abgeschlossen, als er doch noch direkt ins Hauptfeld rutschte mit seinem Platz 218.

2006 in Peking reichte mal Platz 205 fürs Hauptfeld. Das Glück der "last direct acceptance" traf seinerzeit den Japaner Go Soeda. Das Turnier in China war damals noch neu, und es gab das Masters in Schanghai noch nicht, zu dem die Spieler heutzutage von Peking aus gleich weiterreisen können. Peking hatte damals allerdings ein paar Spitzenspieler verpflichtet, allen voran Rafael Nadal. Da fiel es gar nicht auf, dass die zweite Garde im Teilnehmerfeld ungewöhnliche schwachbrüstig war.

Das ist in Newport anders. Wie schon häufiger in den vergangenen Jahren, liegen die Campbell's Hall of Fame Tennis Championships diesmal in derselben Woche wie das Davis-Cup-Viertelfinale. Eine Reihe Davis-Cup-spielender Spitzenkräfte fallen also schon mal von vornherein aus. Die meisten dieser Spitzenkräfte wären ohnehin nie auf die Idee gekommen, nach Newport zu fahren.

Nach den Absagen der beiden US-Amerikaner Mardy Fish (dem Titelverteidiger) und Sam Querrey war plötztlich Grigor Dimitrov (Bulgarien) mit Platz 64 der bestplatzierte Starter in Newport. Das ist selbst für die bescheidenen Newporter Verhältnisse unterirdisch. Man polierte die Lage ein bisschen auf, indem man nach Ende der Meldefrist noch John Isner (Nr. 31) eine Wild Card gab.

Muss man sich Sorgen machen um die Zukunft dieses ganz speziellen ATP-Turniers? Das Teilnehmerfeld entspricht der Paperform nach dem eines knapp überdurchschnittlichen Challengers. Die 250 Weltranglistenpunkte für einen Turniersieg sind der Papierform nach nirgends so leicht zu kriegen wie hier. Dennoch rufe ich an dieser Stelle - auch wenn vielleicht kein Entscheidungsträger mich hören wird - zur Verteidigung von Newport auf. Es ist das letzte Turnier, das sich vom ATP-Einheitsbrei abhebt. All die Standardturniere auf Sand und Hartplatz sind sich immer ähnlicher geworden, und auch der Rasen von Wimbledon ist so langsam, dass Sandplatz-Spezialisten dort ihr Spiel durchziehen können, sofern sie gelernt haben, dass man auf Rasen anders laufen muss als auf dem Sand, auf dem sie sonst herumschliddern. Nur in Newport kann noch - wie vor zwei Jahren - einer wie Rajeev Ram gewinnen.

Vielleicht kan Ram sein Husarenstück ja wiederholen und als Lucky Loser den Titel einfahren. Hätte noch ein weiterer Spieler abgesagt, dann wäre nach Greg Jones auch Rajeev Ram (Nr. 226) ins Hauptfeld nachgerückt. Nun aber spielt er morgen sein Qualifikations-Finale.

Und Greg Jones? Den ereilt vielleicht das Schicksal seines Landsmannes Adam Kennedy. Der war im August 2003 der letzte Spieler, der mit einem noch schlechteren Ranking als Jones direkt ins Hauptfeld eines ATP-Turniers rutschte. Damals fanden zwei eigentlich ganz ordentlich situierte Turniere in den USA (Los Angeles und Washington) parallel in derselben Woche statt. Das allein sorgte schon für schwache Hauptfelder. Dann gab es ein paar kurzfristige Absagen, viele mögliche Nachrücker standen längst auf Challengern in der Pflicht, und so reichte in Los Angeles Platz 376 für Adam Kennedy, in Washington Platz 303 für den damals gelegentlich noch Einzel spielenden Doppel-Dauergewinner Bob Bryan. Für die Veranstalter und Zuschauer war das verschmerzbar, denn beide Turniere hatten trotz allem ein beachtliches Star-Aufgebot
Bryan kam in Runde 2. Kennedy verlor in Runde 1 glatt gegen Mark Philippoussis. Das war der Höhepunkt seiner Karriere. Danach kehrte er zurück auf die drittklassige Future-Tour. Immerhin waren seine beiden letzten Gegner, eher er 2008 seine Karriere beendete, namhaft: Der heute in Newport an 1 gesetzte John Isner (damals die Nummer 839) und Amerikas einzige Nachwuchshoffnung Ryan Harrison (damals die Nummer 1363). Kennedy verlor gegen beide.


Hier die Auslosung aus Newport (PDF)

Kommentare:

noko hat gesagt…

Vielen Dank für diesen Eintrag. Ich finde es immer interessant zu lesen, wenn du über nicht so ganz mainstreamige Themen schreibst :)

FX hat gesagt…

Toller Blogeintrag!

Bet-Bet-Win hat gesagt…

super eintrag :)
hab dein blog erst entdeckt, aber top eintrag :)

VIPer7 hat gesagt…

Tja, in der ersten Runde war dann auch schon Schluss für den Herrn Jones. Immerhin hat er einen Satz gewonnen gegen Olivier Rochus, der hier im letzten Jahr noch im Finale stand.

Tim hat gesagt…

Sehr schön, Ove. Newport ist echt ein Anachronismus auf der gepimpten Tour. Hoffentlich bleibt es das auch noch ein paar Jahre.

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Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de