Sonntag, 17. Juli 2011

Live von der Qualifikation am Hamburger Rothenbaum

Wie immer zu Beginn des ATP-Turniers am Hamburger Rothenbaum gibt es auch in diesem Jahr einen Erlebnisbericht von der Qualifikation. Ich war am Sonnabend da - und wieder einmal erstaunt, wie viele Menschen außer mir gekommen waren, um sich anzusehen wie Victor Crivoi (Nr. 195) gegen Jan-Lennard Struff (Nr. 245) oder Guillermo Olaso (Nr. 182) gegen Andre Begemann (Nr. 276) spielte. Während des Crivoi-Struff-Spiels am Nachmittag auf dem Center Court waren schätzungsweise 1200 Zuschauer im Stadion – nicht mitgezählt die Zuschauer, die sich zu der Zeit auf den Außenplätzen umtaten. Die Nachricht, dass zur Qualifikation der Eintritt frei war, dürfte den einen oder anderen Besucher mehr angelockt haben. Aber schon zu seligen Masters-Zeiten, als bessere Spieler als jetzt durch die Quali mussten, kostete der Eintritt bloß drei oder fünf Euro.

Was das Ambiente angeht, fasse ich mich diesmal kurz. Es war im wesentlichen alles wie vor einem Jahr. Der Stadionsprecher spricht immer noch vom „Center Court der Welt“, wenn auch messbar seltener als früher. Die Eisbude ist immer noch, wo sie hingehört. Neu ist, dass der Delingsdorfer Erdbeermagnat Enno Glantz auf der Anlage „Erdbeeren to go“ verkaufen lässt.

Nun aber zu einer Auswahl der Matches, die ich gesehen habe. Fangen wir mit den beiden oben erwähnten an.

Victor Crivoi (Rumänien) – Jan-Lennard Struff (Suttrop) 6:7, 7:5, 6:0

Auf Struff war ich besonders neugierig. Ihn habe ich zum ersten und bis dato einzigen Mal vor genau zwei Jahren ebenfalls bei der Qualifikation für den Rothenbaum gesehen. Damals kam er frisch von den Abi-Prüfungen und war nach wenigen Turnieren auf Weltrangslistenplatz eintausendzweihundertirgendwas. Er hatte Matchball gegen den Argentinier Diego Junqueria (damals Nr. 103, heute Nr. 101) und verlor trotzdem, was ich damals als reine Nervensache abtat. Mittlerweile ist Struff 21 Jahre und hat sich auf der Challenger-Tour etabliert. Es machte gestern großen Spaß, ihm zuzuschauen. Präzise Powerschläge (wie schon 2009), auch aus bedrängten Situationen heraus. Außerdem kann er mittlerweile auch vollieren. Und dann hatte er Matchball. Wie vor zwei Jahren. Wieder versemmelte er ihn. Danach ging nichts mehr. Er führte mit 7:6 und 5:4 und verlor am Ende mit 7:6, 5:7, 0:6. Crivoi musste dafür fast nichts tun. Struff machte nicht einmal sonderlich viele leichte Fehler. Er hörte einfach auf, seine oben gelobten präzisen Powerschläge zu spielen. Er schob den Ball einfach so lange immer wieder vorsichtig übers Netz, bis Crivoi in der Position war, ihm ihn um die Ohren zu hauen. Vorher spielte Struff gut genug, dass ich mir vorstellen kann, dass er eines Tages zumindest das Niveau von Leuten wie Florian Mayer oder Philipp Kohlschreiber erreicht. Mithin könnte Struff in den nächsten Jahren eines der Aushängeschilder des deutschen Tennis werden. Wenn er das Nervenbündel bleibt, als das ich ihn bisher kennen gelernt habe, werden sich die deutschen Tennisfans seinetwegen noch viele Haare ausreißen.

Nervenbündel Jan-Lennard Struff


Guillermo Olaso (Spanien) – Andre Begemann (Lemgo) 7:6, 6:3

Serve-und-Volley-Tier Andre Begemann

Hier war ich auf beide Spieler neugierig. Auf Begemann, weil er das letzte Serve-und-Volley-Tier in Zentraleuropa ist, auf Olaso, weil in seinem Profil auf ATP-Internetseite steht, er spiele „ambidextrous“, also beidhändig. Sowas ist bisher nur von Luke Jensen verbürgt, der 1993 zusammen mit seinem Bruder Murphy im Finale von Roland Garros gegen Marc-Kevin Göllner und David Prinosil gewann. Jensen hielt den Schläger beim Aufschlag mal in der linken, mal in der rechten Hand. Irgendwo las ich mal einen Foren-Eintrag, in dem jemand schrieb, er habe Olaso gefragt, und Olaso habe gesagt, er sei reiner Rechtshänder. So scheint es tatsächlich zu sein. Zwischendurch hielt er den Schläger zwar immer wieder mal in der linken Hand, zum Beispiel, wenn er beim Seitenwechsel zu seinem Sitzplatz schlenderte, aber während der Ballwechsel spielte Olaso stets mit rechts. Dabei hatte er im ersten Satz massive Probleme mit Andre Begemanns Serve-und-Volley-Spiel. Mir schien, sowas hatte der Spanier in seinem Berufsleben noch nie erlebt: Dass da einer nach jedem gelungen ersten Aufschlag sofort ans Netz marschiert. Ich fand es wunderbar anzuschauen. Solche eleganten Netzangriffe habe ich zuletzt von Tim Henman gesehen. Begemann hat im ersten Satz fast jeden Volley, und es waren unzählige, sauber verwandelt. Dabei freilich kam ihm zupass, dass Olaso völlig ratlos war und die Bälle reihenweise direkt in Begemanns Schläger spielte. Von Lobs oder Longline-Passierbällen schien er nie was gehört zu haben. Das Problem mit Begemann ist, dass er außer Aufschlägen und Volleys nicht viel kann. Das ist insbesondere deshalb ein Problem, weil man zum Gewinnen ja ab und an mal ein Break schaffen muss, und dabei hilft einem der Aufschlag nicht. Trotzdem: Wäre Andre Begemann, der jetzt 28 ist, 15 oder 20 Jahre früher zur Welt gekommen und hätte er zu einer Zeit gespielt, als die Bodenbeläge noch schneller waren, wäre aus ihm wohl ein deutlich erfolgreicherer Tennisspieler geworden.

Guillermo Olaso mit links...
... und mit rechts



Simone Bolelli (Italien) – Tobias Hinzmann (Hamburg) 6:0, 6:3

Bei diesem Match herrschte eine Atmosphäre wie bei einem Schulturnier. Die Kumpels des Lokalmataren saßen in den ersten Reihen, feuerten ihren Tobi an und feierten jeden einzelnen Punkt, den er machte. Im zweiten Satz schaltete Bolelli ein paar Gänge zurück, so dass Tobis Freunde etwas mehr zu jubeln hatten als zu Beginn. Hinzmann, 28 Jahre alt und nicht auf der Weltrangliste vertreten, ist Spitzenspieler des „Club an der Alster“, der am Rothenbaum seine Heimat hat. Fand ich eine sehr charmante Idee, ihm hier eine Wild Card für die Qualifikation zu geben.

Pablo Galdon (Argentinien) – Thomas Schoorel (Niederlande) 6:7, 6:1, 7:6

An diesem Spiel fand ich Thomas Schoorel interessant. Der 22-jährige Holländer hatte in diesem und ihm vergangenen Jahr ein paar beachtliche Erfolge und stand neulich schon mal für ein paar Wochen unter den Top 100. Er ist 2,03 Meter groß, aber ein etwas anderer Spielertyp als andere Tennis-Riesen. Er lebt nicht wie Ivo Karlovic oder John Isner überwiegend von seinem Aufschlag. Er serviert keineswegs schlecht, aber nicht überragend. Er nutzt seine Körpergröße aus, indem er die Bälle trifft, wenn sie sehr hoch in der Luft stehen. Von dort kann er sie kraftvoll nach unten dreschen. Das dürfte seine guten Ergebnisse auf Sand, wo die Bälle hoch abspringen, erklären. Diesmal hat er trotzdem verloren. Galdon hat es im Laufe des Matches geschafft, Schoorel unter Druck zu setzen, womit der nicht klarkam. Denn für seine Von-oben-Herab-Spielweise muss er selber die Ballwechsel diktieren. Übrigens hat Schoorel, auch hier unterscheidet er sich von Karlovic und Isner, eine leicht gebeugte Kopfhaltung, wie man sie oft bei sehr großen Menschen antrifft, die nicht mit der Stirn an Türrahmen stoßen wollen oder einfach gern ihren Mitmenschen in die Augen sehen. Wenn man ein echtes Aufschlag-Ungeheuer werden will, muss man wohl furchtloser auftreten.


Leicht gebeugt: Thomas Schoorel


Hier die Ergebnisse von der Qualifikation (PDF)

Und hier die Auslosung fürs Hauptfeld (PDF)

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