Sonntag, 10. Juli 2011

Die Schlange hat zugebissen, das Kaninchen Daniel Brands hüpft wieder

Heute behandeln wir ein Phänomen, das auf der ATP-Tour seit Jahren immer wieder zu beobachten ist, aber selten in einer solchen Vollendung wie in dieser Woche am Beispiel Daniel Brands (23) aus Deggendorf: Das Kaninchen vor der Schlange. Ob Kaninchen wirklich dazu neigen, im Angesicht einer Schlange reglos zu verharren, anstatt wegzuhüpfen, mögen Biologen beurteilen. Fest steht: Daniel Brands wurde immer verkrampfter, je näher Wimbledon rückte. Aus seiner Sicht begann Wimbledon offenbar schon Ende Januar bedrohlich näher zu rücken. Seitdem gewann er fast nichts mehr.

Dabei hatte er eigentlich gar keinen Anlass, Angst vor Wimbledon zu haben. Vor einem Jahr feierte er dort den größten Erfolg seiner Profilaufbahn. Er kam ins Achtelfinale. Dabei half dem 1,96-Meter-Hünen sein starker Aufschlag, es half ihm, dass sein Zweitrundengegner, der damalige Weltranglistenfünfte Nikolai Dawidenko (Russland), sich wie so oft auf Rasen überhaupt nicht zurechtfand und dass sein Drittrundengegner Victor Hanescu (Rumänien) die Nerven verlor und bei 0:3 im fünften Satz nach mehreren Doppelfehlern hintereinander einfach wutentbrannt das Stadion verließ (ein unvergesslicher Auftritt).

Das also war vor einem Jahr. Daniel Brands verbesserte sich dank dieses Erfolges in der Weltrangliste von Platz 98 auf Platz 68. Danach spielte Brands weiter wie vor Wimbledon. Starker Aufschlag, solide Grundschläge. Er spielte weiter wie jemand, der ungefähr auf Platz 100 der Weltrangliste gehört. Ab und zu eine zweite Runde bei einem 250er-Turnier, im Oktober in Bangkok kam er mal ins Viertelfinale. Auch ins Jahr 2011 startete er ganz munter. Er kam beim traditionell stark besetzten Challenger von Heilbronn ins Endspiel und schlug zwei Tage später in Zagreb den riesenhaften Lokalmatadoren Ivo Karlovic (2,08 Meter).

Aber dann, scheint es, hat er irgendwann angefangen, zu rechnen anstatt Tennis zu spielen. Das ist jedenfalls mein Eindruck, ohne dass ich Gelegenheit gehabt hätte, Daniel Brands danach zu fragen. Falls er es bestreiten sollte, wäre ich der Ansicht, dass er es halt unbewusst getan hat.
Er dachte an die 180 Weltranglistenpunkte aus seinem Achtelfinale und daran, dass er diese Punkte irgendwie verteidigen muss, um nicht wieder zurückzufallen auf Platz 100 oder noch weiter. Wie das Kaninchen vor der Schlange saß er vor seinen Punkten und viel schon in den Monaten vor Wimbledon immer weiter zurück. Nach seinem Sieg über Ivo Karlovic gewann er in mehr als fünf Monaten nur noch ein einzies Match, das war im März in der ersten Qualifikationsrunde von Indian Wells gegen den amerikanischen Doppelspezialisten Scott Lipsky. Nach Wimbledon fuhr er als Nummer 139. Das hat es nicht oft gegeben, dass ein Vorjahres-Achtelfinalist in die Qualifikation musste. In der ersten Qualifikationsrunde von Wimbledon tat Daniel Brands das, was er seit März immer getan hatte: Er verlor. Gegen den Japaner Yuichi Sugita war es immerhin die erste richtig knappe Niederlage seit März: 3:6, 6:3, 8:10.

An diesem Montag war Daniel Brands in der neuen Weltrangliste – ohne die 180 Punkte von Wimbledon 2010 – zurückgefallen auf Platz 220. So schlecht stand er zuletzt vor drei Jahren. Die Schlange hatte zugebissen. Und plötzlich war alles okay. Brands fuhr nach Oberstaufen zum Challengerturnier – und gewann. Er gewann nicht nur ein Match, er gewann das ganze Turnier. Er schlug unter anderem den aufstrebenden Österreicher Martin Fischer, er schlug Cedrik-Marcel Stebe, von dem ich nach wie vor behaupte, dass er Ende des Jahres zu den Top 100 gehören wird, und er schlug im Finale den ganz langsam wiedererstarkenden ehemaligen Top-50-Spieler Andreas Beck. 80 der 180 Wimbledon-Punkte hat er sich damit nach nur einer Woche schon wieder zurückgeholt. Bis Daniel Brands wieder da steht, wo er vor seinem Wimbledon-Achtelfinale war, nämlich auf Platz 98, wird es noch eine Weile dauern, aber mir scheint, er wird wieder ankommen.

Hier die Ergebnisse aus Oberstaufen (PDF)

Und hier das ATP-Profil von Daniel Brands

Kommentare:

Bet-Bet-Win hat gesagt…

Wie immer Klasse Beitrag...
Um ehrlich zu sein ist mir das garnicht so aufgefallen.

Aber es macht Sinn...
Ich denke es ist sehr viel Kopfsache bei ihm... eigentlich müsste er auf Grass oder Hard durch sein Spiel ja viel bessere Ergebnisse haben, jedoch hat er die dann meistens doch auf Sand...

Vielleicht machts ja irgendwann mal Klick und er nutzt sein komplettes Potenzial aus.

Gruß Marco, Secondset.de

DennisD hat gesagt…

Nächstes Jahr wird das schon wieder...
Es kann jedem mal das "Ar***wasser gehen", wenn ein so wichtiges Event ansteht...

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Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de