Sonntag, 26. Juni 2011

Deutsche Männer in Wimbledon: Das schnellste Fazit seit 24 Jahren

Angeblich war es das schlechteste Abschneiden der deutschen Herren in Wimbledon seit 24 Jahren. 13 waren am Start. Drei kamen in die zweiten Runde, keiner in die dritte. Das Ungerechte an solchen pauschalen Versagensmeldungen ist, dass nicht alle 13 Deutschen individuell schlecht waren. Für manche war es ein Erfolg, überhaupt im Hauptfeld zu stehen, für manche war der Erstrundensieg eine bemerkenswerte Leistung. Nehmen wir also mal alle 13 Deutsche in einer Einzelkritik durch. Dass wir jetzt schon ein nationales Fazit ziehen können, ist ja das Praktische daran, dass schon alle ausgeschieden sind, obwohl das Turnier gerade erst richtig in Gang kommt.

Florian Mayer (Nr. 18/27 Jahre)
1.Runde + (WC) Daniel Evans (GBR/301) 7:6, 7:6, 3:6, 6:4
2.Runde – Xavier Malisse (BEL/42) 6:1, 3:6, 2:6, 2:6

Für einen Top-20-Spieler, und das ist Florian Mayer ja neuerdings, auch wenn sich das immer noch seltsam anfühlt, ist die zweite Runde zu wenig. Trotzdem: Eine Viersatz-Niederlage gegen Xavier Malisse, der kein schlechter Rasenspieler ist und nach einem Sieg über Jürgen Melzer (Österreich) inzwischen im Achtelfinale steht und gut und gern auch noch das Viertelfinale schaffen kann, ist keine Katastrophe.

Philipp Kohlschreiber (Nr. 39/27 Jahre)
1.Runde – Denis Istomin (UZB/65) 6:4, 3:6, 3:6, 3:6

Wenn denn irgendein Ergebnis eines deutschen Spielers eine Katastrophe ist (und das Wort ist natürlich unpassend), dann ist es diese Niederlage. Philipp Kohlschreiber ist mit blendender Rasenform nach Wimbledon gekommen und hat eine Woche vorher das Turnier in Halle/Westfalen gewonnen. Denis Istomin hingegen hatte seit März von acht Spielen auf der ATP-Tour sieben verloren. Nun mag Kohli ein bisschen angeschlagen gewesen sein. Trotzdem hat sich wieder mal gezeigt, dass er nicht beständig genug ist, um sich etwas weiter oben zu etablieren als dort, wo er derzeit steht.

Philipp Petzschner (Nr. 67/27 Jahre)
1.Runde – Robin Söderling (SWE/5) 4:6, 4:6, 6:2, 6:7

Das war Pech. Der Halle-Finalist Petzschner hätte auf dem Rasen von Wimbledon einiges reißen können, hätte die Lostrommel ihm nicht gleich in der ersten Runde einen der besten Spieler der Welt beschert. Robin Söderling ist nicht unschlagbar, das hat Australiens Nachwuchshoffnung Bernard Tomic in Runde 3 bewiesen, und Philipp Petzschner war ja auch dicht dran, hat den dritten Satz überlegen gewonnen und sah streckenweise auch im vierten wie der kommende Sieger aus. Aber es kann ja noch was werden mit Petzsche in Wimbledon: Das Turnier fängt für ihn am Montag noch mal von vorne an. Im Doppel verteidigt er zusammen mit Jürgen Melzer seinen Titel aus dem letzten Jahr. Das Erstrundenmatch gegen Ryan Harrison und Travis Rettenmaier (USA) ist wegen Regens immer wieder verschoben worden. Montag um 12 Uhr (13 Uhr MESZ) soll es endlich losgehen.

Michael Berrer (Nr. 76/30 Jahre)
1.Runde – Feliciano Lopez (SPA/44) 4:6, 5:7, 3:6

Ach, was soll's. Berrer hat zwar keinen Satz gewonnen, ist aber auch in keinem untergegangen. Lopez ist ein exzellenter Rasenspieler. Er war hier schon zwei Mal im Viertelfinale, und morgen gegen Lukasz Kubot (Polen) schafft er es wahrscheinlich ein viertes Mal.

Tobias Kamke (Nr. 83/25 Jahre)
1.Runde + Blaz Kavcic (SLO/74) 6:3, 7:6, 5:7, 6:1
2.Runde – Andy Murray (GBR/4) 3:6, 3:6, 5:7

Ordentliche Leistung. Letztes Jahr war Kamke noch der „Newcomer des Jahres“ auf der ATP-Tour. Wenn irgendjemand daran hohe Erwartungen geknüpft haben sollte, ist derjenige längst eines Besseren belehrt. Der Lübecker bewegt sich auf demselben Niveau wie Blaz Kavcic. Der Erstrundensieg war also ein zwar schaffbarer, aber nicht selbstverständlicher Erfolg. In der zweiten Runde gegen Andy Murray auf dem Center Court hat Kamke sich respektabal verkauft. (Tim Boeseler vom Tennis-Magazin hat dankenswerterweise via Twitter berichtet, was Boris Becker als BBC-Kommentator dazu sagte: Kamkes Aufschlag tauge nichts, und außerdem werde aus ihm niemals ein Top-10-Spieler. Ich hatte fast vergessen, dass die Poker- und Boulevard-Ikone Becker ursprünglich mal was mit Tennis zu tun hatte. Bei der BBC wusste man das anscheinend noch.

Matthias Bachinger (Nr. 98/24 Jahre)
1.Runde – Gael Monfils (FRA/8) 4:6, 6:7, 3:6

Wenn ich von irgendwelchen deutschen Spielern in Wimbledon gar nichts erwartet habe, dann von Bachinger und dem gleich folgenden Denis Gremelmayr. Beides keine Rasenfreaks. Bachingers Erstrundenergebnis ist also mehr als achtbar.

Denis Gremelmayr (Nr. 101/29 Jahre)
1.Runde – Somdev Devvarman (IND/68) 4:6, 2:4 Aufgabe

Inder gelten grundsätzlich als geborene Rasenspezialisten. Das mit der Verletzung ist ärgerlich. Gremelmayr hätte aber vermutlich ohnehin verloren.

Mischa Zverev (Nr. 103/23 Jahre)
1.Runde – Xavier Malisse (BEL/42) 2:6, 3:6, 2:6

Gegen Malisse darf man verlieren (siehe oben bei Florian Mayer). Aber dieses Ergebnis war schon ein bisschen sehr glatt. Irgendwas stimmt nicht mit Mischa Zverev, und zwar schon ziemlich lange. Vor zwei Jahren war er schon mal die Nummer 45, und er ist immer noch in einem Alter, in dem es eigentlich bergauf gehen sollte und nicht bergab. Er scheint mir körperlich nicht fit zu sein, woran auch immer das liegen mag.

Rainer Schüttler (Nr. 113/35 Jahre)
1.Runde + Thomaz Bellucci (BRA/28) 7:6, 6:4, 6:2
2.Runde – Feliciano Lopez (SPA/44) 6:7, 7:6, 2:6, 2:6

„Chapeau“ sagt man, glaube ich. Der Shaker ist mittlerweile in einem Alter, in dem jeder einzelne Sieg auf der Tour bemerkenswert ist. Und dann auch noch ganz glatt gegen einen Top-30-Spieler (wenn auch gegen einen, der von Rasen nicht viel versteht). Und hinterher hat Schüttler auch noch zwei Sätze gegen den erwähnt exzellenten Feliciano Lopez mitgehalten.

Julian Reister (Nr. 135/25 Jahre)
1.Runde – David Nalbandian (ARG/23) 5:7, 2:6, 3:6

Jetzt geht es zurück auf die Challenger-Tour für Julian Reister. Letztes Jahr hatte er einen grandiosen Sommer und kam als Qualifikant in die dritte Runde der French Open und in die zweite Runde von Wimbledon. Die Punkte halfen ihm nun, kurzzeitig die Top 100 zu knacken und damit die direkte Hauptfeld-Teilnahme in Wimbledon. Immerhin war der erste Satz gegen Nalbandian (Wimbledon-Finalist von 2002) eng.

Andreas Beck (Nr. 156/25 Jahre)
1.Quali + Sergei Bubka (UKR/233) 7:6, 6:3
2.Quali + (WC) Jamie Baker (GBR/371) 6:3, 7:6
3.Quali + Jurgen Zopp (EST/199) 2:6, 6:4, 4:6, 6:3, 6:3
1.Runde – Andy Roddick (USA/10) 4:6, 6:7, 3:6

Mit Andreas Beck ging es in den letzten zwei Jahren ähnlich abwärts wie mit Mischa Zverev, aber bei Beck habe ich das Gefühl, dass er sich wieder fängt. Die Qualifikation geschafft zu haben, auch wenn dabei keine übermächtigen Gegner seinen Weg versperrten, war schon mal nicht schlecht. Und das Match gegen Andy Roddick, das ich nicht gesehen habe, soll ein sehr gutes Niveau gehabt haben.

Cedrik-Marcel Stebe (Nr. 208/20 Jahre)
1.Quali + Matteo Viola (ITA/209) 6:4, 6:4
2.Quali + Alexander Kudriawstew (RUS/149) 5:7, 6:4, 6:2
3.Quali + Ryan Harrison (USA/122) 6:3, 7:5, 1:6, 4:6, 7:5
1.Runde – Grigor Dimitrov (BUL/62) 5:7, 6:7, 6:7

Dass Stebe einer der interessantesten jungen Spieler aus Deutschland ist, hatten wir ja schon vor ein paar Wochen. Ich hatte ja die leise Hoffnung, er würde auch Grigor Dimitrov schlagen. Dass das nicht geklappt hat, ist nicht weiter schlimm. Dimitrov, der sogar noch ein paar Monate jünger ist als Stebe, wird als kommender Top-10-Spieler oder sogar noch mehr gehandelt. Ein bisschen Sorgen kann es machen, dass Stebe drei enge Sätze nacheinander verloren hat. Da fragt man sich, ob das Nervenschwäche ist. Andererseits: Das Qualifikations-Finale! 7:5 im fünften Satz gegen Ryan Harrison (19), Amerikas einzige Zukunftshoffnung. Harrison übrigens kam als Lucky Loser ins Hauptfeld und schlug dort den beachtlichen Kroaten Ivan Dodig.

Tommy Haas (Nr. 895/33 Jahre)
1.Runde – (WC) Gilles Muller (LUX/92) 6:7, 6:7, 6:3, 3:6

Was soll man von Tommy Haas eigentlich erwarten? Man kann eigentlich nur interessiert beobachten, wie er sich schlägt auf seiner frisch gestarteten Comeback-Tour nach mehr als einem Jahr Verletzungspause. Bisher hat es noch nicht für einen Sieg gereicht. Aber weit entfernt davon scheint er nicht zu sein. Der Luxemburger Gilles Muller hingegen ist ein wahrer Hans im Glück bei diesem Turnier. Dank seines Sieges beim Rasen-Challenger von Nottingham spendierte man ihm eine Wild Card. In Runde 1 bekam er es mit einem Rekonvaleszenten (also Haas) zu tun, in Runde 2 gewann er nach wenigen Minuten, ohne viel tun zu müssen, weil sein Gegner Milos Raonic sich verletzte. In Runde 3 wartete dann Rafael Nadal. Da riss die Glückssträhne.

Das waren sie, die zehn deutschen Männer im Wimbledon-Hauptfeld. Erwähnen wir noch kurz Benjamin Becker, der wegen Ellenbogenproblemen kurzfristig absagen musste, und vor allem Daniel Brands, der hier vor einem Jahr das Achtelfinale erreichte und diesmal in der ersten Qualifikations-Runde unterging, was ihn in der nächsten Rangliste von Platz 135 in Richtung Platz 200 fallen lassen wird.

Kommentare:

jean-pierre hat gesagt…

Aber Kohli war noch verletzt mit seinem muskelfaserriss, und Istomin ist ein ganz guter Rasenspieler (2010 - Eastbourne Halbfinalist, bei Queens verliert er nur gegen Nadal in dem dritten Satz, bei Wimbledon hat er Siegen gegen Wawrinka und Schüttler, und sein Niederlage gegen Berdych war knapp; 2011 - sein drei Rasenniederlagen sind alle gegen spieler die jetzt Wimbledon Achtelfinalisten sind). Das Kohli verliert ist natürlich enttäuschend, aber es war kein Beweis "dass er nicht beständig genug ist, um sich etwas weiter oben zu etablieren als dort, wo er derzeit steht".

Christian hat gesagt…

Doch ich finde, es zeigt, dass er nicht beständig genug ist. Ein Philipp Kohlschreiber, der seit Jahren davon redet, dass er in die Top 20 gehöre, der in Halle drei bis vier sehr starke Matches lieferte und dabei u.a. einen Gael Monfils glatt in zwei Sätzen abgezogen hat, der durchaus das Potential hat, auch zu den Top 20 zu gehören, der hätte dieses Match gewinnen müssen - unabhängig davon, ob Istomin nicht zu den schlechtesten Rasenspielern der Welt gehört.

VIPer7 hat gesagt…

Nur als kleine Randnotiz: Kamkes Match gegen Murray war leider nicht auf dem Center Court, sondern "nur" auf dem No. 1 Court. Der Center Court war an diesem Tag für Nadal, Roddick und irgendwelche Damen reserviert... Ich hätt's dem Toppi gegönnt!
Ansonsten guter Artikel, da kann ich in allen Punkten zustimmen! Für viele deutsche Herren ist es einfach schon ein riesiger Erfolg gewesen, mal in Wimbledon dabei zu sein. Nur Frankreich hatte mehr Spieler im Hauptfeld (15 - immerhin drei im Achtelfinale und einer davon im Halbfinale). Spanien mit 13 Startern gleich stark besetzt, allerdings genau wie Frankreich mit fünf gesetzten Spielern, von denen es drei ins Achtelfinale schafften und zwei noch weiter. Als nächste Nationen kommen dann USA mit neun und Argentinien und Russland mit jeweils sechs Starern.
Den Deutschen fehlen leider die Spieler, die ganz oben mitmischen können. Auch Flo wird sich da nicht ewig halten können, fürchte ich. Mal schaun wo Stebe in einem Jahr steht...

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