Sonntag, 19. Juni 2011

Auslosung: Isner, Mahut und andere Merkwürdigkeiten

John Isner und Nicolas Mahut gaben schon vor einem Jahr den Tennisfans unter den Verschwörungstheoretikern eine schöne Vorlage: Ein Satz mit fast 140 Aufschlagspielen ohne Break, das sei doch so unwahrscheinlich, das müsse doch abgesprochen gewesen sein, um mal medienwirksam einen Rekord aufzustellen.

Genau ein Jahr nach dem legendären Wimbledon-Erstrundenmatch, das Isner in über drei Tage verteilten elf Stunden und fünf Minuten mit 6:4, 3:6, 6:7, 7:6, 70:68 gewann, treffen die beiden am Dienstag in der ersten Wimbledon-Runde wieder aufeinander. Die Wahrscheinlichkeit dafür betrug 1:142,5. Für diesen Coup, der die Tennisfreunde weltweit in Euphorie versetzt, müssen die Veranstalter der Lawn Tennis Championships doch nachgeholfen haben beim Griff in die Lostrommel, las man in zahlreichen Foren. Fröhlich zählte man auf, welcherlei Unwahrscheinlichkeiten noch alle so aufgetreten sind bei den Grand-Slam-Auslosungen der vergangenen Jahre. Die größte Unwahrscheinlichkeit: Roger Federer und Novak Djokovic sind seit mehr als drei Jahren bei fast jedem Grand-Slam-Turnier (bei 12 der letzten 14) in derselben Hälfte des Tableaus gelandet, stießen also immer bereits im Halbfinale aufeinander, sofern sie denn beide bis dahin alle ihre Matches gewannen, was sie meisten taten. Die Wahrscheinlichkeit für diese Konstellation ist bei jedem einzelnen Turnier Halbe-Halbe. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies fast immer geschieht, führten die Verschwörungstheoretiker weiter aus, sei aber noch viel geringer als die für ein erneutes Aufeinandertreffen von John Isner und Nicolas Mahut.

Ich habe gerade mal nachgerechnet – flüchtiger als für die 1:142,5 für Isner-Mahut – und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass die Wahrscheinlichkeit bei ungefähr 1:90 liegt, dass ich zwölf Mal Kopf und zwei Mal Zahl bekommen, wenn ich 14 Mal eine Münze werfe. Mag mich jemand korrigieren? Falls ich richtig liege, wäre die Sache also sogar wahrscheinlicher als die Neuauflage von Isner-Mahut.

Aber die Auslosungsmanipulationstheoretiker geben sich so schnell natürlich nicht geschlagen. Sie verweisen darauf, dass ausgerechnet bei den French Open Novak Djokovic zweimal nicht in dieselbe Hälfte gelost wurde wie Federer, sondern in die Hälfte von Rafael Nadal. Daraus schlossen sie nun: Die Grand-Slam-Organisatoren wollen stets mit aller Macht für ein Endspiel zwischen Rafael Nadal und Roger Federer sorgen und wissen, dass Novak Djokovic derjenige ist, der dieses Traumfinale am ehesten zu verhindern in der Lage ist. Die Theorie besagt weiter, dass auf Hartplatz und auf Rasen Djokovic eher gegen Nadal gewinnen kann als gegen Federer und auf Sand eher gegen Federer.

Nun denn.

Wenn das so wäre, warum dann eigentlich nur bei den Grand Slams? Wieso manipulieren dann die Turnierdirektoren der Masters-Turniere ihre Auslosungen nicht ebenfalls? Sind die zu treudoof dazu? Seit 2008 gab es 17 Masters-Turniere, an denen Federer und Djokovic beide teilgenommen haben und jeweils einer an 1 oder 2 gesetzt war und der andere an 3 oder 4, es also eine 50:50-Chance gab, dass die beiden einander schon im Halbfinale begegnen wie stets bei den Grand Slams. Sie taten es aber nur in sieben dieser 17 Fälle. Das sieht nicht gerade nach Manipulation aus.

Nun muss man allerdings bedenken, dass die Masters-Turniere unter der Regie der ATP ausgetragen werden und die ATP den Supervisor stellt, der die Auslosung verantwortet, während die Grand-Slam-Turniere unter der Regie des Tennis-Weltverbands ITF stehen, die dort die Supevisor stellt. Also, meinetwegen darf man nun darüber spekulieren, ob ITF-Supervisoren bei Auslosungen weniger genau hinschauen als ihre Kollegen von der ATP. Ich habe da keinen Einblick.

Ich halte es nach wie vor für relativ wahrscheinlich, dass bei den großen Turnieren beim Auslosen nicht geschummelt wird. Hundertprozentig sicher bin mir aber nicht. Denn natürlich haben die Veranstalter ein gewisses Interesse an bestimmten Konstellationen. Wer jemals die Auslosung für die Fußball-WM oder die UEFA-Champions-League live verfolgt hat, weiß, wie viele Dinge da vorab festgelegt sind, damit alles schön fernsehkompatibel ist. Die Auslosungsregeln sind für keinen Gelegenheitsfan zu durchschauen, aber sie sind alle irgendwo festgeschrieben, und theoretisch kann man sie nachlesen. Im Vergleich dazu ist die Auslosung im Tennis extrem simpel: Es gibt ein paar gesetzte Spieler, streng nach Weltrangliste – außer bei Wimbledon, wo es eine Extra-Rasenkompenente, die aber ebenso streng angewendet wird, gibt – und alle anderen Spieler werden zufällig irgendwo ins Tableau gelost.

Mancher Turnierdirektor hätte es bestimmt gern, dass seine Lokalmatadoren je nach Spielstärke entweder sich nicht alle schon in der ersten Runde gegenseitig aus dem Wettbewerb kegeln oder aber gerade extra in der ersten Runde gegeneinander antreten, damit wenigstens einer von ihnen gewinnt und die Zuschauer auch noch am Mittwoch was zum Anfeuern haben.

In seltenen Fällen ist es schon vorgekommen, dass ich eine Auslosung sah, und dachte: Da hat doch einer nachgeholfen. Allerdings sind diese Fälle so rar, dass auch sie sich locker mit dem Zufall erklären lassen. Für das beste Beispiel müssen wir fünf Jahre zurückgehen. Dubai 2006. Das hier ist die Auslosung. Die beiden hoffnungslosen heimischen Wild-Card-Spieler Mohammed Al Ghareeb (Kuwait) und Omar Bahrouzyan (VAE) spielten in Runde 1 gegeneinander, der Sieger Al Ghareeb gewann für seine Verhältnisse exorbitant viele Ranglistenpunkte und bekam in Runde zwei, wo er sowieso gegen jeden anderen Teilnehmer des Turniers krasser Außenseiter gewesen wäre, das Match seines Lebens gegen Roger Federer.

Aber für all das ist die Wahrscheinichkeit ausgesprochen hoch im Vergleich zu dem was, dem Portugiesen Frederico Gil und dem Franzosen Jeremy Chardy im Jahr 2008 passierte. Sie spielten bei drei Grand-Slam-Turnieren hintereinader in Runde 1 gegeneinander. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass zwei Spielern so etwas passiert, beträgt 1:20.306,25. Gil und Chardy gehören zu den grauesten Mäusen, die auf der ATP-Tour unterwegs sind. Dass hier jemand manipulatiert hat, ist also schon allein deshalb extrem unwahrscheinlich, weil selbst die besten Verschwörungstheoretiker noch kein Motiv gefunden haben. Übrigens hat Chardy alle drei Spiele gewonnen. Gil und Chardy hatten vorher noch nie gegeneinander gespielt und sind auch später bei keinem Turnier je wieder aufeinander getroffen.

Das hier ist die Auslosung fürs Herreneinzel in Wimbledon 2011 im Überblick (PDF)

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