Sonntag, 12. Juni 2011

Auf den Spuren von Hans Jürgen Pohmann und Karl Meiler

Das heutige Endspiel von Halle/Westfalen zwischen Philipp Kohlschreiber und Philipp Petzschner war, das wurden die ZDF-Reporter nicht müde zu betonen, das erste rein deutsche Finale auf der ATP-Tour seit Tommy Haas und Nicolas Kiefer im Jahr 2004 in Los Angeles. Es wurde also mal wieder Zeit.

Was aber noch viel höhere Zeit wurde, war dies: Das Endspiel heute Nachmittag war das allererste rein deutsche ATP-Finale in Deutschland, seitdem ich auf der Welt bin. In anderen Ländern passiert so was alle paar Monate. Selbst unsere österreichischen Freunde haben in meiner bisherigen Lebensspanne schon zwei rein-österreichische Endspiele daheim in Österreich gesehen: 1988 schlug Horst Skoff Thomas Muster in Wien, 2010 schlug ebenfalls in Wien Jürgen Melzer Andreas Haider-Maurer. Das letzte rein deutsche Endspiel in Deutschland trugen Hans Jürgen Pohmann und Karl Meiler am 16. Juni 1973 in Berlin aus. Pohmann gewann mit 6:3, 3:6, 6:3, 6:3. (Was die Frauen-Tour betrifft, habe ich Kindheitserinnerungen an ein Finale zwischen Steffi Graf und Claudia Kohde-Kilsch in Berlin und zwischen Steffi Graf und Isabel Cueto in Hamburg.)

Ich habe mir heute den Spaß erlaubt, eine Übersicht aller ATP-Endspiele seit 1988 zusammenzustellen, in dem zwei Spieler in ihren Heimatland gegeneinander antraten. Es waren 109 Spiele, fast zwei Drittel davon in den USA. Jenseits von 1988 ist deshalb Schluss, weil ich zurück bis zu jenem Jahr eine leicht auszuwertende Übersicht in der englischsprachigen Wikipedia gefunden habe. Wäre ich zurückgegangen bis zu Pohmann und Meiler, hätte ich meinen Artikel wohl erst irgendwann nächste Woche posten können und hätte den Rest von Pfingsten weitgehend verpasst. Seit 1988 hat es in jedem Jahr mindestens drei dieser mononationalen Endspiele gegeben. Bis 2003 indes gab es mehere Jahre, in denen sich dies ausschließlich in den USA abspielte. Seitdem die Herren Agassi, Sampras, Chang und Courier zu dieser Statistik nichts mehr beitragen, ist es etwas ruhiger geworden um die Amis. Beachtlich finde ich, dass die USA, obwohl sie ihre erste Geige längst an die Spanier abgegeben haben und auch Länder wie Frankreich und Deutschland meistens mehr Spieler in den Top 100 haben, trotzdem 2009 und 2010 jeweils zwei reine US-Endspiele in den USA hatten. Das hat freilich auch damit zu tun, dass in keinem anderen Land annähernd so viele ATP-Turniere stattfinden.

Die Endspiele, in denen sich zwei Landsleute im Ausland gegenüberstanden, habe ich nicht gezählt. Mein Eindruck war aber, dass das merklich seltener vorkommt. Der Heimvorteil schlägt also messbar zu. Umso erstaunlicher, dass es in den vergangenen Jahrzehnten zwar immer wieder rein deutsche Endspiele gegeben hat, dies aber nie in Deutschland. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass einige der besten deutschen Spieler eine Weile einen Bogen und die deutschen Sandplatzturniere gemacht haben. Tommy Haas und Nicolas Kiefer spielten das eingangs erwähne Endspiel von Los Angeles am 18. Juli 2004 am selben Tag, als auch in Stuttgart ein ATP-Endspiel ausgetragen wurde. Dort standen sich seinerzeit zwei Argentinier gegenüber (Guillermo Cañas und Gaston Gaudio). Im berühmtesten rein deutschen Endspiel bezwang bekanntlich 1991 Michael Stich auf dem heiligen Rasen von Wimbledon Boris Becker. Wenn ich jetzt irgendwelche Gewinne zur Hand hätte, die ich unters Volk streuen könnte, würde ich eine Preisfrage stellen: Wer bestritt das bis heute Nachmittag vorletzte und seither vorvorletzte rein deutsche Endspiel auf der ATP-Tour? Ich erinnerte mich nicht einmal daran, dass in dieser Stadt jemals ein Turnier stattfand.

Erstmal aber aber die Übersicht über alle mononationalen Finals seit 1988 samt Länderranking. Ganz unten unter der Liste gibt es die Antwort auf die Nicht-Preisfrage.


Spanien 14
Frankreich 9
Australien 4
Österreich 2
Kroatien/Jugoslawien 2
Schweden 2
Argentinien 2
Russland 2
Niederlande 1
Deutschland 1
USA 70

1988
Adelaide (AUS) Woodforde – Masur
Nizza (FRA) Leconte – Potier
Schenectady (USA) Mayotte – Kriek
Stratton Mountain (USA) Agassi – Annacone
Livingston (USA) Agassi – Tarango
San Francisco (USA) Chang – Kriek
Wien (AUT) Skoff – Muster
Detroit (USA) J. McEnroe – Krickstein

1989
Memphis (USA) Gilbert – Kriek
Dallas (USA) J. McEnroe – Gilbert
Charleston (USA) Berger – Duncan
Washington (USA) Mayotte – Gilbert
Stratton Mountain (USA) Gilbert – Pugh
Indianapolis (USA) J. McEnroe – Berger
Los Angeles (USA) Krickstein – Chang
Orlando (USA) Agassi – Gilbert

1990
San Francisco (USA) Agassi – Witsken
Umag (YUG) Prpic – Ivanisevic
Washington (USA) Agassi – Grabb
US Open (USA) Sampras – Agassi

1991
Chicago (USA) J. McEnroe – P. McEnroe
Miami (USA) Courier – Wheaton
Orlando (USA) Agassi – Rostagno
Barcelona (SPA) E. Sanchez – Bruguera
Los Angeles (USA) Sampras – Gilbert

1992
San Francisco (USA) Chang – Courier
Atlanta (USA) Agassi – Sampras
Madrid (SPA) Bruguera – Costa
Cincinnati (USA) Sampras – Lendl
Indianapolis (USA) Sampras – Courier

1993
San Francisco (USA) Agassi – Gilbert
Memphis (USA) Courier – Martin
Miami (USA) Sampras – Washington
Coral Springs (USA) Martin – Wheaton
Toulouse (FRA) Boetsch – Pioline

1994
Memphis (USA) Martin – Gilbert
Miami (USA) Sampras – Agassi
Atlanta (USA) Chang – Martin
Pinehurst (USA) Palmer – Martin

1995
San Jose (USA) Agassi – Chang
Rotterdam (NED) Krajicek – Haarhuis
Indian Wells (USA) Sampras – Agassi
Miami (USA) Agassi – Sampras
Atlanta (USA) Chang – Agassi
Cincinnati (USA) Agassi – Chang
US Open (USA) Sampras – Agassi

1996
Marseille (FRA) Forget – Pioline
San Jose (USA) Sampras – Agassi
Memphis (USA) Sampras – Martin
Philadelphia (USA) Courier – Woodruff
Cincinati (USA) Agassi – Chang
US Open (USA) Sampras – Chang

1997
Adelaide (AUS) Woodbridge – Draper
Barcelona (SPA) Costa – Portas
Marbella (SPA) Costa – Beratasegui

1998
Adelaide (AUS) Hewitt – Stoltenberg
San Jose (USA) Agassi – Sampras
Orlando (USA) Courier – Chang

1999
Marseille (FRA) Santoro – Clément
Los Angeles (USA) Sampras – Agassi
US Open (USA) Agassi – Martin
Mallorca (SPA) Ferrero – Corretja
Stockholm (SWE) Enqvist – Gustafsson

2000
Sydney (AUS) Hewitt – Stoltenberg
Bastad (SWE) Norman – Vinciguerra
Los Angeles (USA) Chang – Gambill

2001
Indian Wells (USA) Agassi – Sampras
Miami (USA) Agassi – Gambill
Barcelona (SPA) Ferrero – Moya
Los Angeles (USA) Agassi – Sampras

2002
Memphis (USA) Roddick – Blake
Houston (USA) Roddick – Sampras
Newport (USA) Dent – Blake
Los Angeles (USA) Agassi – Gambill
US Open (USA) Sampras – Agassi

2003
Memphis (USA) Dent – Roddick
Delray Beach (USA) Gambill – Fish
Houston (USA) Agassi – Roddick
Cincinnati (USA) Roddick – Fish

2004
San Jose (USA) Roddick – Fish
Valencia (SPA) Verdasco – Montanes
Metz (FRA) Haehnel – Gasquet

2005
Buenos Aires (ARG) Gaudio – Puerta
Barcelona (SPA) Nadal – Ferrero
Indianapolis (USA) Ginepri – Dent
Washington (USA) Roddick – Blake

2006
Barcelona (SPA) Nadal -Robredo
Indianapolis (USA) Blake – Roddick
Moskau (RUS) Dawidenko – Safin
Lyon (FRA) Gasquet – Gicquel

2007
Washington (USA) Roddick – Isner
New Haven (USA) Blake – Fish
Lyon (FRA) Grosjean – Gicquel

2008
Buenos Aires (ARG) Nalbandian – Acasuso
Valencia (SPA) Ferrer – Almagro
Barcelona (SPA) Nadal – Ferrer
Moskau (RUS) Kunizyn – Safin

2009
Zagreb (CRO) Cilic – Ancic
Marseille (FRA) Tsonga – Llodra
Barcelona (SPA) Nadal – Ferrer
Newport (USA) Ram – Querrey
Indianapolis (USA) Ginepri – Querrey

2010
Marseille (FRA) Llodra – Benneteau
Memphis (USA) Querrey – Isner
Atlanta (USA) Fish – Isner
Wien (AUT) Melzer – Haider-Maurer
Valencia (SPA) Ferrer – Granollers

2011
Barcelona (SPA) Nadal – Ferrer
Halle (GER) Kohlschreiber - Petzschner

Das Finale von Sun City, Südafrika, 1994:

Markus Zoecke – Hendrik Dreekmann 6:4, 6:1


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