Montag, 25. April 2011

Julia Görges schlägt Rainer Schüttler

Zur Feier des Tages befassen wir uns in diesem Herrentennisblog heute mal mit einem Ereignis aus der Damenwelt: Julia Görges hat das WTA-Turnier von Stuttgart gewonnen und dabei im Endspiel die Weltranglistenerste Caroline Wozniacki geschlagen. Das geht nicht spurlos an mir vorüber. Über Julia Görges habe ich schon geschrieben, bevor dieser Blog zu existieren begann, was immerhin schon mehr als drei Jahre sind. Da arbeitete ich für eine Zeitung in Julias Heimatstädtchen Bad Oldesloe, und wegen meiner Tennis-Affinität habe ich bei Tennisthemen gern in der Sportredaktion ausgeholfen – und in Bad Oldesloe gab es eigentlich schon seit Julia Görges 15 Jahre alt war, im Wesentlichen ein Tennisthema: Julia Görges. Nach der zehnten Klasse verließ sie die Schule, um die Profilaufbahn einzuschlagen. Das fand ich damals bedenklich. Insbesondere in Schleswig-Holstein gilt schließlich seit Alters her Michael Stich als das große Vorbild, weil er erst brav sein Abi machte, bevor er auszog, Wimbledon zu gewinnen. Bei den Görgesens hieß es seinerzeit, im Damentennis müsse man eben schon in jüngeren Jahren anfangen, wenn man oben mitspielen wolle. Diese Einschätzung führte konsequenterweise zu einer gewissen Erwartungshaltung: Wenn man früh anfangen muss, muss man auch früh Erfolge haben. Julia startete aber nicht wie eine Rakete, sondern begann mit lauter Niederlagen auf kleinen ITF-Turnieren gegen Spielerinnen zwischen Platz 600 und 900. Danach ging es voran, aber langsam, langsam. Als sie 19 war, im November 2007, den Artikel aus dem Stormarner Tageblatt habe ich gerade herausgesucht, trug sie sich ins Goldene Buch der Stadt Bad Oldesloe ein. Ranglistenplatz 130 reichte aus für diese Ehre. Wenige Wochen später durfte sich ein American-Football-Halbprofi, dessen Namen ich längst vergessen habe, in demselben Buch verewigen. Bürgermeister von Bary und der Bürgerworthalter (dieses Amt gibt es weltweit nur in Bad Oldesloe, und der Amtsinhaber war damals Julia Goerges' ehemaliger Lehrer Dr. Böge) hatten gerade herausgefunden, dass solche Goldene-Buch-Termine eine einfache Methode sind, mit positiven Nachrichten in die Zeitung zu kommen. Ich damals noch immer skeptisch, ob es wohl was werden würde mit Julias großer Karriere. Ihren 130. Platz verdankte sie hauptsächlich einem Halbfinale bei einem kleinen WTA-Turnier in Stockholm, bei dem sie Losglück gehabt hatte. Ihre regionale Prominenz verdankte sie dem Losglück, kurz darauf als Qualifikantin bei den US Open in der ersten Runde gegen die damalige Nummer 1 Justin Henin spielen zu dürfen, was im Fernsehen kam. (Julia verlor standesgemäß 0:6, 3:6.)

Als sie sich ins Goldene Buch eintrug, sagte Julia Görges, dass sie lieber auf mittelschnellen Hartplätzen spiele als auf Sand, und dass sie sich sehr darauf freue, nach Weihnachten zum ersten Mal nach Australien zu fliegen, was ihr Lieblingsland sei. Anders als bei den US Open schaffte sie in Melbourne die Qualifikation fürs Hauptfeld allerdings nicht. Ende 2008 stand sie ein ganz klein bisschen besser da als Ende 2007. Auf leisen Sohlen ging es immer weiter nach oben. So leise, dass kaum jemand merkte, dass Julia Goerges nicht viel schlechter Tennis spielt als die allgegenwärtige Andrea Petkovic. Nach Stuttgart merkt man es nun.

In der Weltrangliste hat Julia Görges durch ihren Turniersieg, für den sie die die Weltranglistenerste, die Weltranglistensiebte und (durch verletzungsbedingte Aufgabe) die Weltranglistenfünfte schlug, einen Sprung – und zwar von Platz 32 auf Platz 27. An dieser Stelle kann ich mir einen Schlenker zum Herrentennis erlauben. Dieser Sprung ist natürlich lächerlich angesichts der sportlichen Leistung, die dafür erforderlich war. Wenn wir das Stuttgarter Turnier in seiner Bedeutung mal auf die ATP-Tour übertragen, handelt es sich um ein 500er-Turnier. Hätte der in seiner Ranglistensituation vergleichbare Florian Mayer in dieser Woche ein 500er-Turnier gewonnen, er hätte einen Sprung von Platz 34 auf Platz 19 gemacht. Sowas hat einerseits mit aktuellen Punktabständen zu tun, die bei den Damen zufällig gerade größer sind, es scheint mir aber auch systembedingt zu sein. Die heiß umstrittene ATP-Ranglistenreform von 2009 hatte zur Folge, dass Turniersiege im Vergleich zu Halb- oder Viertelfinals viel höher gewichtet sind als früher und als noch heute bei der WTA. Das war eine gewöhungsbedürftige Neuerung, aber ich muss zugeben: Ich habe mich daran gewöhnt, und inzwischen finde ich es richtig gut, dass ein großer Turniersieg auch in der Rangliste groß gewürdigt wird.

Würde übrigens Rainer Schüttler ein 500er-Turnier gewinnen, verbesserte er sich von Platz 92 auf Platz 44. Rainer Schüttler hat heute Geburtstag. Er wird 35. Hätte ihm nicht die 22-jährige Julia Görges dazwischengefunkt, hätte ich heute über ihn geschrieben. Rainer Schüttler ist ja dem breiten Publikum seit Jahren vor allem als der Kerl im Bewusstsein, der immer in der ersten Runde ausscheidet. Das ist ein ungerechtes Bild. Würde er immer nur verlieren, wäre er längst nicht mehr in den Top 100. Soweit ich weiß, ist er der erste Profi seit Andre Agassi, der das in so hohem Alter geschafft hat. Seinen 36. Geburtstag, so habe ich seine Äußerungen vom Jahresbeginn verstanden, will er aber wohl nicht mehr als Berufstennisspieler feiern. Er sagte, er wolle „noch mal ein Jahr dranhängen“. Nach dem drangehängten Jahr 2011 ist dann wohl Schluss.

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