Sonntag, 20. März 2011

Rothenbaum: Werben, ohne zu wetten

Heute habe ich mich mal mit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom September vorigen Jahres beschäfigt. Es geht darin um das staatliche deutsche Sportwettenmonopol und damit auch um die Zulässigkeit von Werbung von privaten Wettanbietern auf deutschem Boden.

Anlass ist eine forsch-fröhliche Mitteilung, die der Deutsche Tennis-Bund (DTB) am Freitag rausgehauen hat. Die Überschrift lautet: „Rothenbaum-Turnier wird bet-at-home.com Open heißen“

Diese Meldung lässt aufhorchen. Dem Hamburger Rothenbaumturnier gebricht es seit vielen, vielen Jahren an einem Titelsponsor. Die Turniere in München und Stuttgart heißen längst wie ihre örtlichen Autofabriken, der Düsseldorfer World Team Cup benennt sich neuerdings nach einem Pferde-affinen Energiegetränk.

Wie viel Geld das österreichische Wettbüro hinblättert, dazu schweigt sich der DTB aus. Als Orientierungspunkt hilft vielleicht ein Blick in die Vergangenheit, denn der eine oder andere mag sich erinnern: Da lief schon mal was zwischen Bet-at-home und dem Rothenbaum. Vor zwei Jahren wurde dasselbe Unternehmen schon einmal als Hauptsponsor präsentiert – nach langer Suche und nachdem der damals neu installierte Turnierdirektor Michael Stich trotz seiner angeblich hervorragenden Kontakte in die Hamburger Wirtschaft kein anständiges hanseatisches Unternehmen für diesen Job gewinnen konnte.

Damals war von Anfang an absehbar, dass Behörden und Gerichte den Bet-at-home-Deal einkassieren würde. Sportwettenwerbung war nun einmal verboten, und dieses Verbot war z.B. in der Fußball-Bundesliga auch schon effektiv durchgesetzt worden. Stich und seine Leute taten dann ganz überrascht, als das Verbot tatsächlich auch sie traf und sie plötzlich doch wieder ohne Sponsor dastanden.

Es ist nicht so, dass man beim DTB diese Vorgeschichte unter den Teppich kehren würde. In der Mitteilung vom Freitag wird Michael Stich mit folgenden Worten zitiert: „Nachdem der Europäische Gerichtshof im September vergangenen Jahres entschieden hat, dass das deutsche Glücksspielmonopol gegen europäisches Recht verstößt, ist die Situation heute eine andere.“

Das ist fein formuliert. Die Situation ist „eine andere“. Das ist wohlgemerkt nicht gleichbedeutend mit „Es wird garantiert keine Probleme geben, denn die Situation ist jetzt klar“. Das nämlich ist sie keineswegs. Es kann durchaus sein, dass der Titelsponsorenvertrag dem DTB erneut um die Ohren fliegt. Wer weiß, vielleicht spekuliert man bei Bet-at-home sogar darauf, denn das würde gewiss für mehr Aufmerksamkeit sorgen, als wenn einfach überall im Stadion Sportwetten-Plakate rumhängen. So hat es ja vor zwei Jahren auch schon funktioniert.

Nach ein bisschen juristischer Beratung und ein bisschen Netzrecherche stellt sich mir die Rechtslage folgendermaßen dar: Der Europäische Gerichtshof hat das deutsche Glücksspielmonopol gekippt und verlangt, dass neben dem staatlichen Anbieter Oddset auch andere Sportwettenanbieter auf dem deutschen Markt aktiv sein dürfen (was sie vom Ausland aus über das Internet ja sowieso sind, und zwar sehr erfolgreich). Die deutsche Regelung verstößt aus Sicht des EuGH gegen die Niederlassungs- und Dienstleistungsfreiheit. Um Werbung ging es dabei zunächst einmal gar nicht. Bisher gilt grob gesagt: Weil die Wetten selbst verboten sind, darf man für sie auch nicht werben.

Der Glückspiel-Staatsvertrag zwischen den Bundesländern, den der EuGH beanstandet hat, gilt im Prinzip weiterhin. Die Ministerpräsidenten verhandeln derzeit über einen neuen Vertrag, der aber erst im nächsten Jahr in Kraft treten soll. Was das EuGH-Urteil bis dahin für Sportwettenwerbung bedeutet, müssen deutsche Gerichte entscheiden. Viele Behörden sind der Auffassung, Sportwettenwerbung sei noch immer unzulässig. Erst vor ein paar Wochen hat die Stadt Kiel dem Europäischen Handballverband ein Bußgeldbescheid über 250.000 Euro zukommen lassen, weil bei zwei Champions-League-Spielen des THW Kiel für Onlinewetten geworben wurde. Als der mir bis dato unbekannte Wettanbieter „Tipico“ kurz nach dem EuGH-Urteil Bandenwerbung beim Europaleague-Spiel von Bayer Leverkusen gegen Aris Saloniki schaltete, bekam Bayer vom zuständigen Regierungspräsidium einen „Anhörungsbogen“ - allerdings unter Vorbehalt. Im Regierungspräsidium will man abwarten, wie sich die Rechtssprechung entwickelt.

Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass die deutschen Gerichte angesichts des EuGH-Urteils so urteilen, wie sich der DTB das wünscht. Es könnte aber trotzdem noch kompliziert werden für den DTB, für Michael Stich und für bet-at-home. Denn man darf auch noch eine ganz andere Frage stellen: Wie findet die ATP den neuen Sponsor eigentlich? Es gibt im Regelwerk der Weltorganisation strenge Richtlinien gegen Wettbetrug. Auf Seite 132 des ATP-Regelbuches heißt es: „No ATP World Tour or ATP Challenger Tour tournament shall, directly or indirectly, solicit or facilitate any person to wager on tennis matches while at the tournament site. Allowing betting companies, directly or through a third party, to accept any tennis wagers (electronically or otherwise) at the tournament site or any tournament related event is prohibited.“

Ich wollte gerade schreiben: „Ein glasklares Werbeverbot ist diese Regelung zwar nicht...“, aber jetzt denke ich: Es ist ein glasklares Werbeverbot. Wenn auf dem Rothenbaum-Gelände überall für Bet-at-home geworben wird (und das wird sich kaum vermeiden lassen, wenn das Turnier „Bet-at-home.com Open“ heißt), verstehe ich als Besucher dies als mindestens indirekte Aufforderung, mein Handy zu zücken, auf die einschlägige Internetseite zu gehen und dort Wetten auf das Spiel, das ich gerade verfolge, zu platzieren. Das ließe sich wohl nur vermeiden, wenn Bet-at-home das Rothenbaum-Turnier komplett aus seinem Angebot nimmt. Aber das werden sie wohl kaum wollen.

Und dann erinnere ich mich grad noch an das hier: Dem österreichischen Enfant Terrible Daniel Köllerer drückten ATP und ITF im letzten Jahr eine Strafe auf, weil er auf seiner Internetseite für – ausgerechnet - Bet-at-home geworben hatte.

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